ZEICHEN nach CHARLES MORRIS  

Signo en Charles Morris

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Behaviorismus / Pragmatismus / Zeichen nach Charles S. Peirce

 

Zeichen nach Charles W. Morris -  Signo en Charles W. Morris (1903-1979)

„Morris führt das Zeichen als einen Terminus der Semiotik ein; er unterstreicht damit, dass zur Explikation des Zeichenbegriffs alle Ebenen der Semiose, d. i. des Zeichengebrauchs, herangezogen werden müssen: «Sign’ itself is a strictly semiotical term, not being definable either within syntactics, semantics, or pragmatics alone» (Ch. W. Morris, Grundlagen der Zeichentheorie, 1972, S. 26). Dass etwas als ein Zeichen gelte, impliziert demnach, dass es ein Zeichen von etwas für jemanden sei, auf den es eine Wirkung bezüglich des Gegenstandes, den es vertrete, ausübe. Das Zeichen steht, m. a. W., als ein Vermittler zwischen einem ‘etwas’, das es bezeichnet, und denen, für die es auf dieses ‘etwas’ verweist. «Thus in semiosis something takes account of something else mediately, i.e., by means of a third something.» (Charles W. Morris, deutsch: a.a.O., S. 21) Die Vermittlung findet jedoch genau besehen nicht zwischen einem Zeichen, einem Bezeichneten und den Benutzern des Zeichens statt, sondern zwischen einem Zeichen, einem Bezeichneten und der Weise, in der allgemein vermittels des Zeichens vom Bezeichneten Notiz genommen wird (deutsch: a.a.O., S. 21, 23, 25, 55). Nicht die verschiedenen Zeichenbenutzer – Morris nennt sie «agents of the process» –, sondern ihr Verhalten, das durch die Kenntnisnahme des Bezeichneten geprägt ist, stellt für Morris das wesentliche dritte Moment des Zeichenprozesses dar. Nicht die Menschen, die sich verständigen, sind Gegenstand der semiotischen Analyse, sondern das mehreren Interpreten gemeinsame Verhältnis zu den Zeichen, die sie mit der Welt der Gegenstände verbinden. Wie bedeutsam diese Nuance ist, zeigt sich an einem von Morris gewählten Beispiel (deutsch: a.a.O., S. 20). Die Differenz zwischen dem Geschehen, auf das sich das Beispiel beruft, und der Verschlüsselung des Geschehens in der Symbolik von Interpretant, Designat und Signal bringt den abstrakten Charakter der Semiose zu Bewusstsein.

Das Verhältnis von Zeichenbenutzer und seinem durch die Kenntnisnahme eines Zeichens bestimmten Verhalten wird von Morris zunächst nicht hinreichend geklärt. So zeigt folgende Formulierung eine gewisse Unsicherheit bezüglich ihrer Abgrenzung voneinander: «... a taking-account-of-something is an interpretant only insofar as it is evoked by something functioning as a sign; an objekt ist an interpreter only as it mediately takes account of something» (deutsch: a.a.O., S. 21). [...]

Kennzeichnend für die Charakterisierung des Begriffs ‘interpretant’ ist, dass sie vom Reiz-Reaktions-Schema über das Konstrukt des gewohnheitsmäßigen Verhaltens bis zur Verknüpfung mit dem Regelbegriff reicht. In einem engen Sinn behavioristisch ist die Terminologie, dann, wenn von einem ‘Effekt’, den ein Zeichen bewirke, gesprochen wird (Ch. W. Morris, deutsch: a.a.O., S. 20). Auch der Terminus ‘Antwort’ ist noch in dieser Weise zu verstehen. Das Konstrukt Reiz-Reaktions-Schemas zur Annahme eines durchgängig regelgeleiteten Verhaltens dar. Der Terminus ‘habit’ spielt hier eine Schlüsselrolle. Verhaltensweisen, die mit einem Zeichen durch Gewohnheit oder nach einer Regel verknüpft sind, treten an die Stelle von Reaktionen auf ein Zeichen. Selbst wenn ein Organismus wiederholt in derselben Weise auf ein Zeichen reagiert, kann man dies noch nicht eine Gewohnheit nennen. Gewohnheiten kennzeichnen das Verhalten eines Lebewesens, das nicht mehr reagiert, sondern sich zu seiner Umwelt verhält. Verhält sich ein Lebewesen gewohnheitsmäßig, so ist die Möglichkeit, dass es sich dessen bewusst wird, nicht ausgeschlossen. Gewohnheiten sind solche für das Lebewesen.

Mit dem Verlassen der behavioristischen Terminologie, verändert sich notwendig auch der Begriff des ‘interpreter’. Von einem auf Stimuli reagierenden Organismus im strengen Sinn kann nun nicht mehr gesprochen werden. Morris hat zwar die behavioristische Position nicht überwunden – dies weit Habermas zurecht in seiner Kritik von Signs, Language and Behavior nach (J. Habermas, Logik der Sozialwissenschaften, 31973, S. 150-156) –, die Auseinandersetzung mit dem sprachlichen Verhalten nötigt ihm jedoch Konstrukte ab, die im Widerspruch zum behavioristischen Schema stehen. Insofern diese Konstrukte als solche der Sprachanalyse aufgewiesen werden können, weisen sie über sein Selbstverständnis hinaus.

Innerhalb des Reiz-Reaktions-Schemas ist der ‘interpreter’ auf die Rolle des Zeichenempfängers beschränkt, dieser wird darüber hinaus als der Ort bestimmt, an dem Zeichen zur Wirkung kommen. (Morris spricht in Bezug auf die am Zeichenprozess Beteiligten von «agents of the prosess». Darin ist sicherlich eine irreführende Ausdrucksweise zu sehen). Beim Zeichenempfänger führen Zeichen eine Veränderung herbei, die als äußeres Verhalten beobachtet oder als ‘inneres’ Verhalten konstruiert werden kann. Zwar nimmt der Zeichen Verwendende in seiner disziplinierten Haltung als Beobachter an. dass es sich vor und nach der Wirkung des Zeichens auf dessen Empfänger um denselben Organismus handele. Das durch das Zeichen ausgelöste Verhalten sei eine Veränderung an ihm, nicht jedoch seine Veränderung zu einem anderen Organismus. Das Reiz-Reaktions-Schema impliziert jedoch andererseits, dass der Organismus im Aufnehmen der Reize nicht bei sich selbst bleibt – der Organismus gerät außer sich. Der Reiz wird von ihm nicht als Reiz wahrgenommen, weil er sich als bereits durch in Veränderter vorfindet. Im Reagieren vergisst der Organismus, was er zuvor war, Die Veränderung, die mit ihm vor sich geht, ist für ihn nicht auf eine Veränderung an ihm beschränkt, so wie dies für den distanzierten Beobachtenden möglich und wünschenswert ist. Der Behaviorist setzt somit voraus, dass es für das unter dem Reiz-Reaktions-Schema beobachtete Lebewesen ohne Bedeutung sei, ob es blindlings reagiere oder nicht, denn die Veränderung, die in ihm vorgehen soll, soll nicht für das Lebewesen eine wesentliche Veränderung seiner selbst, eine Veränderung seiner Identität sein. Der Mangel an Reflexion in der behavioristischen Einstellung zeigt sich auch in der Isolierung der Momente der vollständigen Steuerung und des Schicksalhaften: das Zeichen soll eine Wirkung auf den Organismus haben, die von diesem nicht vorhergesehen zu werden vermag. Es soll den Organismus schicksalhaft – ihn ohne sein Zutun bestimmend – treffen. Zugleich soll die Wirkung steuerbar sein, d.h. für den Sender soll das Komplement des Schicksalhaften, die vollständige Beherrschung des Geschehens gelten.”

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von Philosophie und Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1981,  S. 95-96, 98-99]

„Der Begriff Vermittlung hat innerhalb der sprachphilosophischen Reflexion der hermeneutischen und der dialektischen Philosophie einen besonderen Stellenwert, der von der Weise, in der innerhalb zeichentheoretischer Vorstellung von Vermittlung der Rede ist, unterschieden werden muss. «Sprache als konstitutives Moment in der Vermittlung aller Gegenständlichkeit überhaupt» (E. Heintel) ist nicht als das Ganze der Zeichen zu verstehen, die nach Morris Vermittlungsfunktion haben, denn als solches wäre Sprache selbst möglicher Untersuchungsgegenstand, nicht jedoch «Moment in der Vermittlung aller Gegenständlichkeit». Vermittlung ist nach Morris die zeichengesteuerte Kenntnisnahme von Gegenständen bzw. deren Eigenschaften. Der Vermittlungsprozess gliedert sich dabei in die Beziehungen verschiedener Gegenstände: der Zeichen, des von ihnen Bezeichneten, der Zeichenbenutzer. Jeder der Beziehungen wird vergegenständlicht zu einem Regelgefüge besonderer Art, der Syntax, Semantik und Pragmatik. Die Vorstellung eines in all seinen Ebenen analysierbaren Zeichenprozesses und der Begriff der Sprache als Vermittlung im unter Bezug auf Heintel angedeuteten Sinn schließen sich gegenseitig aus. Die philosophische Problematik der Vermittlung bleibt in der Sprachanalyse im Auseinanderfallen von Objekt- und Metasprache ungelöst. Vgl. dazu E. Heintel: Einführung in die Sprachphilosophie, 1972, S. 12ff.”

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von Philosophie und Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1981,  S. 95 Anm. 2]