VERSTEHEN

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(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Gedanke / Hermeneutik / Idee / Verstand – Vernunft / Logik / Begriff / Sinn und Bedeutung

 

„Alles Verstehen [ist] immer zugleich Nicht-Verstehen“. [W. Humboldt, Ges. Schriften VII, S. 374]

Verstehen = be-greifen = einen bestimmten Eindruck von dem Gegenstand erhalten, ihn auf sich wirken lassen. Einen Satz auf sich wirken lassen; Konsequenzen des Satzes betrachten, sich vorstellen, etc.

»Verstehen« nennen wir ein psychisches Phänomen das speziell mit den Erscheinungen der Lernens und Gebrauchs unserer, der menschlichen, Wortsprache verbunden ist.“

[Wittgenstein, L.: Philosophische Grammatik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973, S. 84]

„Der Term »verstehende Psychologie« ist ein Omnibus, in dem sehr viele Reisende mit sehr abweichenden Reisezielen und mit sehr verschiedenen Gepäck sitzen (Székely 1930).“

[Székely, Lajos: “Sinn, Deutung und Selbsterkenntnis in der Psychoanalyse”. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zürich: Kindler Verlag, 1977, Band III, S. 1106 Anm. 2]

Verstehen können wir lernen, denn wir können die Sprache lernen, und das Verstehen schlägt sich ja in der Sprache nieder. Indem ich die Sprache lerne, verstehe ich die Sprache. »Das lernen der Sprache bewirkt ihr Verstehen« (Gr 3).

Und zwar lerne ich die Sprache, oder das Verstehen oder das Denken unter gewissen Umständen. Ich lerne aber nicht diese Umstände zu beschreiben, sondern eben: verstehen. Das Verstehen löst sich von den Umständen ab. »Die Weise, wie wir die Sprache erlernen, ist in ihrem Gebrauch nicht enthalten.« (Gr. 39). [...]

Wenn ein Mensch plötzlich versteht, geschieht gar nichts, außer, dass er versteht. [...]

Das Verstehen eines Satzes der Sprache ist dem Verstehen eines Themas in der Musik viel verwandter, als man etwa glaubt. Ich meine es aber so: dass das Verstehen des sprachlichen Satzes näher, als man denkt, dem liegt, was man gewöhnlich Verstehen eines musikalischen Themas nennt.“

[Brand, Gerd: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, S. 100-101]

„«Ein Wort verstehen» kann heißen: Wissen, wie es gebraucht wird; es anwenden können.”

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 80]

„Wenn «einen Satz verstehen» heißt: in irgend einer Weise nach ihm handeln, dann kann das Verständnis nicht die Bedingung dafür sein, daß wir nach ihm handeln. Wohl aber kann die besondere Handlung des Verstehens erfahrungsgemäß die Vorbedingung zur Befolgung des Befehls sein.”

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 79]

„Wenn «die Bedingung eines Worts verstehen» heißt, die grammatischen Möglichkeiten seiner Anwendung kennen, dann kann ich fragen: «Wie kann ich dann gleich wissen, was ich mit einem Wort meine, das ich ausspreche; ich kann dann doch nicht die ganze Anwendungsart des Wortes auf einmal im Kopf haben?».

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 82]

„Mann kann also nicht denken, es handle sich beim Verstehen, Meinen eines Worts um einen Akt des momentanen, sozusagen nicht-diskursiven Erfassens der Grammatik. Als könnte man sie gleichsam auf einmal hinunterschlucken.

Es ist wie wenn ich mir im Werkzeugkasten der Sprache Werkzeuge zum künftigen Gebrauch herrichte.

«Ich kann das Wort ›gelb‹ anwenden», dem ist analog: «ich kann mit dem König im Schachspiel ziehen».”

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 82]

„Um uns über die Grammatik des Worts «verstehen» klarer zu werden, fragen wir: Wann verstehen wir den Satz? – Wenn wir ihn ganz ausgesprochen haben? Oder währen wir ihn aussprechen? – Ist das Verstehen ein artikulierter Vorgang wie das Sprechen des Satzes; und entspricht seine Artikulation der des Satzes? Oder ist es unartikuliert und begleitet den Satz wie ein Orgelpunkt ein Thema?

Wielange braucht es: einen Satz verstehen?

Und wenn wir den Satz eine Stunde lang verstehen, beginnen wir da immer wieder vom frischen?”

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 83]

„Was der macht, der ein Zeichen in dem und dem Sinne deutet, versteht, ist ein Schritt eines Kalküls (quasi einer Rechnung). Er tut ungefähr was er tut, wenn er seiner Deutung Ausdruck gibt.

Unter «Gedanken» versteht man einen besonderen psychischen Vorgang, der etwa das Aussprechen des Satzes begleitet; aber auch: den Satz selbst im System der Sprache.

«Er hat diese Worte gesagt, sich aber dabei nichts gedacht.» - «Doch, ich habe mir etwas dabei gedacht.» - «Und was denn?» - «Nun, was ich gesagt habe.»

[Kenny, A.: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1989, S. 84]

„Dafür ist von entscheidender Bedeutung, dass das sein nicht in seinem Sich-Zeigen aufgeht, sondern mit derselben Ursprünglichkeit, in der es sich zeigt, sich auch zurückhält und entzieht. Das ist die eigentliche Einsicht, die zuerst Schelling gegen den logischen Idealismus Hegels geltend gemacht hatte. Heidegger nimmt diese Frage wieder auf, indem er zugleich seine begriffliche Kraft dafür einsetzt, die Schelling gemangelt hatte.

So war ich meinerseits bemüht, die Grenzen nicht zu vergessen, die in aller hermeneutischen Erfahrung von Sinn impliziert ist. Wenn ich den Satz schrieb: «Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache» (“Wahrheit und Methode”, in: Ges. Werke Bd. 1, S. 478), so lag darin, dass das, was ist, nie ganz verstanden werden kann. Es liegt darin, sofern alles, was eine Sprache führt, immer noch über das hinausweist, was zur Aussage gelangt. Es bleibt, als das, was verstanden werden soll, das, was zur Sprache kommt – aber freilich wird es immer als etwas genommen, wahr-genommen. Das ist die hermeneutische Dimension, in der Sein «sich zeigt».”

[Gadamer, Hans-Georg: “Text und Interpretation” (1983). In: Grondin, Jean (Hrg.): Gadamer-Lesebuch. Tübingen: Mohr, 1997, S. 145]