VERMITTLUNG

Mediación

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Zeichen / Symbol / Semiotik / Repräsentation / Vorstellung / Modell / Bild

 

Vermittlung

Ausgleich oder Versöhnung zwischen zwei Extremen bzw. Gegensätzen. Nach Hegel ist die Wirklichkeit Ergebnis eines Werdens, in dem die Gegensätze durch Vermittlung aufgehoben werden.“ 

[Hügli, Anton/Lübcke, Poul (Hg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Reinbek: Rowohlt, 1991]

Vermittlung

Viele moderne Theorien gehen von in hohem Maße vermittelten zwischenmenschlichen Beziehungs‑ und Kommunikationsformen aus. Sie lehnen jede einfache (oder vereinfachende) oder, wie sie behaupten, reduktionistische oder mechanistische Auffassung einer direkten Übertragung bzw. Wiedergabe ab. Wesentlich in Vermittlungsprozessen sind Transformationssysteme, das heißt, dass man etwas, das sich an einem Ende einer Kette komplexer Vermittlungen befindet, am anderen Ende nicht unverändert wieder erhalten kann, indem man es einfach 'abliest'.

In unserem Zusammenhang geht es hier vor allem um den Versuch, durch die LEKTORE literarischer WERKE zu sozialen oder historischen Erkenntnissen (oder durch soziale oder historische Untersuchungen zu einem besseren Verständnis literarischer Werke) zu gelangen, da man alle möglichen Vermittlungsfaktoren, wie zum Beispiel IDEOLOGIEN oder literarische KONVENTIONEN, in Betracht ziehen muss, wenn diese Bemühungen erfolgreich sein sollen.

In seinem Buch Das politische Unbewusste befasst sich Fredric Jameson auch mit dem Vermittlungsbegriff (englisch mediation) und macht dabei vor allem auf dessen Zweideutigkeit aufmerksam: Vermittlung ist zum einen etwas, was der Analytiker tut, ein Prozess der Transcodierung, die Einführung einer Reihe von Begriffen 'nach solcher Manier, dass dieselbe Terminologie benutzt werden kann, um zwei höchst unterschiedliche Objekttypen oder "Texte" bzw. zwei sehr verschiedene Strukturebenen der Wirklichkeit zu untersuchen und zu artikulieren' (1988, 34), zum anderen ist Vermittlung aber auch das Aufdecken von der Arbeit des Analytikers unabhängigen Bezügen:

Entscheidend ist: Indem wir dieselbe Sprache auf jedes dieser klar unterschiedenen Objekte oder Ebenen eines Objekts anwenden, müssen wir, zumindest methodisch, die verlorene Einheit des gesellschaftlichen Lebens wiederherstellen können, müssen wir demonstrieren können, dass weit entfernte Elemente der gesellschaftlichen Totalität letztinstanzlich Teile desselben globalen historischen Prozesses sind. (1988, 222)

Kurz: Der Analytiker vermittelt zwischen verschiedenen Ebenen oder Instanzen und deckt zugleich die Vermittlungsprozesse zwischen diesen Ebenen oder Instanzen auf. Diese beiden Elemente sind zu bedenken, wenn Jameson sagt:

Vermittlung ist der klassische dialektische Terminus für die Herstellung von Bezügen zwischen beispielsweise der formalen Analyse eines Kunstwerks und seiner sozialen Grundlage oder zwischen der internen Dynamik des politischen Staates und seiner ökonomischen Basis. (1988, 33)

Wenn Jameson von der 'Herstellung von Bezügen' spricht, dürfte er sowohl das 'Feststellen, dass es Bezüge gibt' als auch das 'Schaffen von Bezügen' meinen.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen / Basel: Francke, 1994, S. 345-346]

„Morris führt das Zeichen als einen Terminus der Semiotik ein; er unterstreicht damit, dass zur Explikation des Zeichenbegriffs alle Ebenen der Semiose, d.i. des Zeichengebrauchs, herangezogen werden müssen: «Sign’ itself is a strictly semiotical term, not being definable either within syntactics, semantics, or pragmatics alone» (Ch. W. Morris, Grundlagen der Zeichentheorie, 1972, S. 26). Dass etwas als ein Zeichen gelte, impliziert demnach, dass es ein Zeichen von etwas für jemanden sei, auf den es eine Wirkung bezüglich des Gegenstandes, den es vertrete, ausübe. Das Zeichen steht, m. a. W., als ein Vermittler zwischen einem ‘etwas’, das es bezeichnet, und denen, für die es auf dieses ‘etwas’ verweist. «Thus in semiosis something takes account of something else mediately, i.e., by means of a third something.» (Charles W. Morris, deutsch: a.a.O., S. 21) Die Vermittlung findet jedoch genau besehen nicht zwischen einem Zeichen, einem Bezeichneten und den Benutzern des Zeiches statt, sondern zwischen einem Zeichen, einem Bezeichneten und der Weise, in der allgemein vermittels des Zeichens vom Bezeichneten Notiz genommen wird (deutsch: a.a.O., S. 21, 23, 25, 55). Nicht die verschiedenen Zeichenbenutzer – Morris nennt sie «agents of the process» –, sondern ihr Verhalten, das durch die Kenntnisnahme des Bezeichneten geprägt ist, stellt für Morris das wesentliche dritte Moment des Zeichenprozesses dar. Nicht die Menschen, die sich verständigen, sind Gegenstand der semiotischen Analyse, sondern das mehreren Interpreten gemeinsame Verhältnis zu den Zeichen, die sie mit der Welt der Gegenstände verbinden. Wie bedeutsam diese Nuance ist, zeigt sich an einem von Morris gewählten Beispiel (deutsch: a.a.O., S. 20). Die Differenz zwischen dem Geschehen, auf das sich das Beispiel beruft, und der Verschlüsselung des Geschehens in der Symbolik von Interpretant, Designat und Signal bringt den abstrakten Charakter der Semiose zu Bewusstsein.

Der Begriff Vermittlung hat innerhalb der sprachphilosophischen Reflexion der hermeneutischen und der dialektischen Philosophie einen besonderen Stellenwert, der von der Weise, in der innerhalb zeichentheoretischer Vorstellung von Vermittlung der Rede ist, unterschieden werden muss. «Sprache als konstitutives Moment in der Vermittlung aller Gegenständlichkeit überhaupt» (E. Heintel) ist nicht als das Ganze der Zeichen zu verstehen, die nach Morris Vermittlungsfunktion haben, denn als solches wäre Sprache selbst möglicher Untersuchungsgegenstand, nicht jedoch «Moment in der Vermittlung aller Gegenständlichkeit». Vermittlung ist nach Morris die zeichengesteuerte Kenntnisnahme von Gegenständen bzw. deren Eigenschaften. Der Vermittlungsprozess gliedert sich dabei in die Beziehungen verschiedener Gegenstände: der Zeichen, des von ihnen Bezeichneten, der Zeichenbenutzer. Jeder der Beziehungen wird vergegenständlicht zu einem Regelgefüge besonderer Art, der Syntax, Semantik und Pragmatik. Die Vorstellung eines in all seinen Ebenen analysierbaren Zeichenprozesses und der Begriff der Sprache als Vermittlung im unter Bezug auf Heintel angedeuteten Sinn schließen sich gegenseitig aus. Die philosophische Problematik der Vermittlung bleibt in der Sprachanalyse im Auseinanderfallen von Objekt- und Metasprache ungelöst. Vgl. dazu E. Heintel: Einführung in die Sprachphilosophie, 1972, S. 12ff.”

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von Philosophie und Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1981,  S. 95 Anm. 2]