VERDRÄNGUNG

Represión o remoción

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Urschrift / Verdichtung und Verschiebung

 

Verdrängung

Ein Schlüsselbegriff in Freuds Theorie, der zum ersten Mal in den von ihm gemeinsam mit Josef Breuer verfassten Studien über Hysterie auftaucht. Er steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff der ZENSUR: Bei der Verdrängung wird Material zensiert, so dass es nicht mehr oder nur indirekt (in Witzen, Träumen, 'Versprechern' und so fort) im Bewusstsein vorhanden ist. Wichtig dabei ist, dass dieses Material deshalb aber nicht verloren und auch nicht ganz ohne Wirkung auf das Bewusstsein ist; es wirkt indirekt und unbemerkt.

In den Studien über Hysterie nennt Freud als Beispiel den 'unersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten Person', auf den jemand nicht reagiert, weil die Natur des Traumas eine Reaktion ausschließt oder 'weil die sozialen Verhältnisse eine Reaktion unmöglich' machen (Freud & Breuer 1991, 34). Ein typischer Fall wäre etwa, wenn jemand seine Erleichterung über den Tod eines vielgeliebten Elternteils verdrängt (der Vater oder die Mutter war senil, das Kind konnte sich nicht mehr um ihn oder sie kümmern und so weiter). Der Akt der Verdrängung erfolgt nicht bewusst, aber sehr wohl beabsichtigt; die Zensur verweigert dem Bewusstsein Zugang zum Gefühl der Erleichterung. Das so verdrängte Material kommt aber typischerweise zurück nicht direkt oder offen, sondern in zensierter Form. Nach Freud sind es gerade solche Dinge, die man in der Hypnose als Grundlage hysterischer Phänomene findet (1991, 34).

Die Relevanz dieser Theorien für die Literatur und die Literaturkritik sehen Freudianer und Neofreudianer darin, dass Kunst und Literatur sehr viel mit Träumen und anderen Tätigkeiten gemeinsam haben, bei denen die Zensur ausgeschaltet und verdrängtes Material freigegeben wird – entweder vom Schriftsteller während des Schreibaktes oder vom LESER bei der Lektüre. Ein Schriftsteller ist vielleicht nicht in der Lage, seine Erleichterung über den Tod eines Elternteils zu erkennen, sehr wohl aber, dem verdrängten Material in getarnter, konvertierter Form in seinem Werk Ausdruck zu verleihen (und damit gewissermaßen zu neutralisieren). Damit lassen sich Ansätze legitimieren (bzw. hofft man, sie damit zu legitimieren), die die INTERPRETATION literarischer Werke auf die psychoanalytische Untersuchung des AUTORS gründen.

Entsprechend lassen sich in den Augen einiger Theoretiker auch die Reaktionen eines Lesers auf seine Verdrängungen zurückführen. Das heißt, bei der Lektüre eines literarischen Werkes wären wir in der Lage, unseren Gefühlen in unzensierter Form freien Lauf zu lassen. Die ANALYSE unserer Reaktionen würde uns dann – ähnlich wie die Analyse unserer Träume – helfen, sonst unzugängliches, verdrängtes Material aufzudecken.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]