VERDICHTUNG UND VERSCHIEBUNG

Desplazamiento y condensación

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Metapher / Metonymie / Überdeterminiert / Vermittlung

 

Verdichtung und Verschiebung

Nach Freud ergibt sich aus einem Vergleich von Trauminhalt und Traumgedanken, dass 'eine großartige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der Traumgedanken' (1972, 282). Mit anderen Worten wird sehr viel an BEDEUTUNG, auf eine relativ kleine Größe verdichtet, indem einzelne Zeichen oder Bilder mehr bedeuten als nur eine Sache: die Traumgedanken sind Somit ÜBERDETERMINIERT. Freuds ANALYSEN leisten daher auch Enthüllungsarbeit; aus einer einzigen in einem Traum vorkommenden Szene oder Person kann man eine ganze Reihe verschiedener Bedeutungen herauslesen. So kann, wie auch Freud meint, die Analyse eines Traumes, wenn man sie niederschreibt, sechs‑ oder zwölfmal so lang sein wie die Niederschrift des Traumes an sich (1972, 282). Bei Träumen hat man es mit extremer Bedeutungskompression zu tun. Freud nennt verschiedene Mittel zur Traumverdichtung – die Herstellung von Sammelpersonen (wenn zum Beispiel eine bekannte Person in einem Traum für eine Reihe anderer Personen steht) oder Mischpersonen (etwa eine Person, die im Traum das Aussehen und die Eigenschaften mehrerer Personen vereint), oder auch verbale Mittel (etwa Wortschöpfungen, die eine Reihe verschiedener Wörter verbinden). Alle diese Techniken sind für die Literaturkritik sehr relevant, vor allem, wenn es um Lyrik geht, da man hier starke Parallelen zur konzentrierten Form dichterischer BILDER oder SYMBOLE findet, und in einigen Aspekten erinnern Freuds Traumanalysen auffallend an die Analysen lyrischer Gedichte durch die NEW CRITICS.

Für Freud geht Verdichtung typischerweise Hand in Hand mit Verschiebung. 'Traumverschiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben dürfen' (1972, 307). Freud sieht in der Verschiebung eine Möglichkeit, die ZENSUR auszuschalten; wenn sich zum Beispiel jemand auf Grund einer funktionierenden Zensur nicht eingestehen kann, dass er jemand anderen hasst, dann überträgt er diesen Hass möglicherweise auf etwas, das er mit dieser Person assoziiert, das heißt, der Hass wird von einem durch die Zensur geschützten Objekt auf ein anderes übertragen, um das sich die zensurierende Instanz nicht kümmert. Auch dieser Gedanke der Verschiebung wurde von der Literaturwissenschaft aufgegriffen; man hat versucht, damit (oft in Verbindung mit dem Begriff der Verdichtung) die Funktionsweise der Symbolik in literarischen WERKEN zu erklären.

Vergleiche auch die Erörterung von Metaphorik und Metonymik im Eintrag SYNTAGMATISCH UND PARADIGMATISCH: In der Nachfolge Lacans haben zahlreiche Autoren festgestellt, dass die Unterscheidung zwischen Verdichtung und Verschiebung einige Berührungspunkte mit Roman Jakobsons Unterscheidung zwischen Metapher und Metonymie aufweist (siehe die Diskussion in Scholes 1982, 75‑6).“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]