VALENZ UND DIATHESE

Valencia y diátesis

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Diathese und Valenz

 

„Als Valenz wird die Fähigkeit lexikalischer Einheiten bezeichnet, syntaktische Ergänzungen einzufordern. Von zentraler Bedeutung für den Satz ist die Valenz des Verbs, da das Verb als Prädikat die nominalen Konstituenten strukturiert: die Valenz des Verbs ist ein virtueller Satzbauplan. Daraus ergibt sich für die Analyse von Sätzen die Unterscheidung zwischen den vom Verb eingeforderten Konstituenten (Aktanten, Ergänzungen) und den nicht vom Verb eingeforderten Konstituenten (Zirkumstanten, Angaben). Tesnière, auf den der Begriff der Valenz zurückgeht, hatte die Aktanten zugleich als obligatorisch und die Zirkumstanten als fakultativ eingeschätzt.

Die neuere Forschung nimmt dagegen auch fakultative Aktanten an, Ergänzungen, die das Verb syntaktisch determiniert, die aber auch im Satz fehlen können, ohne dass die Prozessbedeutung sich ändert:

María come una manzana.

María come.

Ferner hat Tesnière versucht, die Aktanten mit den Nomina (Nominalphrasen) zu identifizieren und die Zirkumstanten mit den Adverbien (Präpositionalphrasen) – Basis der Identifizierung von Präpositionalphrasen mit Adverbien ist Tesnières Translationstheorie 1988, 411-472. Aber nicht nur ist das romanische indirekte Objekt morphologisch gesehen eine Präpositionalphrase (PP), auch sind Präpositionalobjekte eindeutig vom Verb gefordert und in ihrer syntaktischen Form festgelegt.

Als syntaktische Valenz determiniert die Verbvalenz die Zahl der Aktanten und deren syntaktische Kodierung. Diese Eigenschaft des Verbs bezeichnen traditionelle und generative Grammatik als Rektion. Weiter kommen Selektionsbeschränkungen bei der Auffüllung der Argumentpositionen hinzu, die ebenfalls lexikalisch festgelegt sind. Als semantische Valenz umfasst die Verbvalenz die semantischen Rollen des Prädikationsrahmens. Syntaktische und semantische Valenz sind nun in der Weise miteinander verknüpft, dass eine bestimmte Projektion der semantischen auf die syntaktischen Funktionen im Verblexem vorgesehen ist.

Eine mit grammatischen Mitteln vorgenommene Revision der im Verblexem angelegten Zuordnung von semantischen zu syntaktischen Funktionen wird als Diathese bezeichnet. Diese grammatische Revision der Zuordnung erfordert einen gewissen morphologischen Aufwand. Die thetisch strukturierte Sätze gelten daher gegenüber Sätzen, die die Basiszuordnung realisieren, als markiert. Eine Veränderung der Zuordnung ist in zwei Richtungen möglich: entweder nur auf andere Repräsentationsformen projiziert, oder die Zahl der Aktanten wird verändert: sie wird erhöht oder reduziert.

Ziel veränderten Zuordnung bei gleich bleibender Aktantenzahl ist in der Regel, mit der (lexikalisch angelegten) syntaktischen Funktion eines Arguments auch dessen pragmatische Funktion zu revidieren: die lexikalisch als Subjekt und dadurch indirekt als thematische Komponente des Aktivsatzes angelegte Agensrolle kann durch Diathese als Präpositionalobjekt kodiert und dadurch in rhematische Position verschoben werden. Die lexikalisch als Objekt und indirekt als rhematische Komponenten angelegte Patiensrolle wird spiegelbildlich als Subjekt kodiert und in thematische Position verschoben. Diese Form der Diathese erscheint geradezu als ‘Spiegeldiathese’:

‘Spiegeldiathese’

Die Nachbarskinder haben Paul auf der Straße gesehen.

Paul ist von den Nachbarskindern auf der Straße gesehen worden.

Es handelt sich, in traditioneller Terminologie, um ein Passiv mit Agensanschluss. Wird dagegen die Zahl der Aktanten erhöht, ein Aktant neu in den Prädikationsrahmen eingeführt, handelt es sich immer um einen Aktanten mit dem Merkmal iniciating oder zumindest responsible. Diese Form der Diathese wird daher als Kausativdiathese bezeichnet:

Kausativdiathese

Der Schlossherr hat den Gärtner Bäume pflanzen lassen.

Die Mutter hat das Kind allein zum Bäcker gehen lassen.

Rollensemantisch setzt die Kausativdiathese so etwas wie eine Spaltung der Agensrolle voraus in das zentrale Merkmal der causa (initiative, responsible) und die periphereren Merkmale active, controlling. Die aus dieser ‘Spaltung des Agens’ resultierenden Rollen werden als instigator und executor bezeichnet.

Das ‘Gegenteil’ der Kausativdiathese ist die Rezessivdiathese: hier wird ein Aktant ausgeblendet, die Zahl der Aktanten reduziert. Auch die ausgeblendeten Aktanten sind oft agentivisch, immer aber handelt es sich um die Subjektrolle des Aktivsatzes:

Rezessivdiathese

Paul ist auf der Straße gesehen worden.

Die Rezessivdiathese entspricht dem Passiv ohne Agensnennung. Das Passiv ist demnach ein Ausdrucksmittel zur Realisierung von zwei unterschiedlichen diathetischen Funktionen, der ‘Spiegeldiathese’ und der Rezessivdiathese. Diese informationstrukturell divergenten Funktionen bereiten für eine Definition des Passivs bestimmte Schwierigkeiten. Strukturell gemeinsam ist beiden Funktionen des Passivs einerseits die morphologische Kennzeichnung des Verbs, andererseits die Verschiebung des nichtagentivischen Zweitaktanten in die Subjekt- und mutmaßlich in die Themafunktion. Außerdem kovariieren in universaler Perspektive Rhematizität und Fakultativität: Rhematisierung und Ausblendung des Agens liegen nahe beieinander.

Die traditionelle und mit ihr auch die generative Grammatik analysieren das Passiv bevorzugt in seiner Funktion als ‘Spiegeldiathese’ und betrachten rezessive (agenslose) Passivsätze als eine Art ‘unvollkommener Spiegeldiathese’. Tatsächlich wird ja auch in rezessiven Passivsätzen ein nichtagentivischer Aktankt thematisiert. Diese Thematisierung des ‘Patiens’ ist allerdings nicht das Ziel der Rezessivdiathese, sie erscheint vielmehr als ihr satzpragmatischer Effekt.

Rezessivität bedeutet ja nicht Patiensthematisierung des, sondern Tilgung eines obligatorischen Arguments. Wird als Grundfunktion der morphologischen Kategorie ‘Passiv’ die Patiensthematisierung postuliert, so ist damit zwar ein Tertium agenskodierender und agensloser Passivsätze zutreffend benannt. Im Grunde wird auf diese Weise aber die kommunikative Funktion der agenskodierenden Passivsätze auf die agenslosen Passivsätze ausgedehnt. Zwei Beobachtungen lassen diese Ausdehnung als unzulässig erscheinen. Die erste Beobachtung ist statistischer Natur: im Querschnitt verschiedener Textsorten hat das Passiv mit Agensanschluss, die ‘Spiegeldiathese’, am Gesamt der Passivverwendungen einen Anteil von weit unter 20%: es ist deutlich seltener – für das Spanische liegen die Werte eher noch niedriger. Die zweite Beobachtung ist diachroner Natur: die ‘Spiegeldiathese’ dürfte sprachhistorisch entstanden sein als eine Expansion der Rezessivdiathese und nicht die Rezessivdiathese als Reduktion der ‘Spiegeldiathese’. Die englische ‘by-phrase’ ist eine spätere Erweiterung der ursprünglich resultativ-statischen, dann passivisch interpretierten Struktur ‘to be + Partizip’. In der Synchronie gibt es zahlreiche Sprachen, deren Passiv keinen Agensanschluss kennt, etwa das Arabische. Es macht daher auch für die synchrone Beschreibung wenig Sinn, die statistisch seltenere und diachron sekundäre Funktion der Passivmorphologie definitorisch ins Zentrum zu rücken.

Eine Lösung des Problems könnte darin bestehen, dass zwischen der grammatischen Funktion morphologischer Strukturen und der kommunikativen Funktion von Sätzen, die auf diesen Strukturen beruhen, strikt unterschieden wird. In dieser Perspektive tendieren Passivsätze mit Agensnennung zur ‘Spiegelfunktion’ und die viel häufigeren Passivsätze ohne Agensnennung zur Rezessivfunktion, ohne dass die Passivmorphologie auf eine der beiden Funktionen festgelegt wäre. Das Passiv leistet demnach entweder Agensausblendung oder -dethematisierung, aber keine Agensreduktion. In der Synchronie ist das Agens im Passivsatz prinzipiell kodierbar und dadurch in kommunikativer Perspektive erfragbar.“

[Schmidt-Riese, R.: Reflexive Oberflächen im Spanischen. ‘Se’ in standardfernen Texten des 16. Jahrhunderts. Tübingen: G. Narr, 1998, S. 12-15]