URSCHRIFT

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Dekonstruktion / Verdrängung / Metapher / Metonymie / Überdeterminiert / Vermittlung

 

Urschrift

Der Begriff wurde von dem französischen Philosophen Jacques Derrida geprägt, der ihn von Sigmund Freuds Aufsatz 'Notiz über den "Wunderblock"' (1925) ableitete. Der Wunderblock war ein Kinderspielzeug, eine Art Schreibapparat. Man konnte darauf mit einem harten Stift schreiben, das Geschriebene dann aber scheinbar wieder löschen, indem man das doppelte Deckblatt von der Wachsunterlage entfernte. Was Freud daran faszinierte, war, dass man das Geschriebene dadurch zwar unsichtbar machen konnte, es aber nicht wirklich vollkommen löschte. Es war noch da, in die Wachsmasse gedrückt, verborgen, aber nicht verschwunden. In diesem Sinne war die Wachsmasse mit dem UNBEWUSSTEN vergleichbar, aus dem (wie Freud verschiedentlich wiederholte) nichts wirklich gelöscht wird, während die auf der Unterlage befindliche Schicht aus Zelluloid und durchsichtigem Wachspapier dem Bewusstsein entsprach, das Informationen an das Unbewusste weiterleitet ohne sie selbst zu behalten.

Darüber hinaus war das Geschriebene, das durch den Schreibakt sichtbar wurde, schon vorher vorhanden, nämlich insofern, als man mit dem Stift nur einen Teil des Wachsblocks sichtbar machte, der bereits existierte, bevor man zu schreiben begann. Diese Weiterführung der Freudschen Analogie bedeutet eine Konzeptualisierung des Unbewussten als etwas durch die Schrift (siehe ÉCRITURE) in Form einer Urschrift im Gehirn Konstituiertes, das – sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch – vor jedem Schreib‑ und sogar Sprechakt existiert. Derrida schreibt dazu:

Die Schrift ergänzt die Wahrnehmung, noch bevor diese sich selbst erscheint. Das 'Gedächtnis' oder die Schrift sind die Eröffnung dieses Erscheinens selbst. Das 'Wahrgenommene' lässt sich nur als Vergangenes, unter der Wahrnehmung und nach ihr lesen. (1 972a, 341)

Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist Wahrnehmung niemals Ursprünglich oder direkt, sondern erhält ihre BEDEUTUNG durch eine bereits existierende Urschrift. In dieser Theorie lassen sich einige Berührungspunkte (allerdings nicht mehr als das) mit Noam Chomskys Theorie des Spracherwerbsmechanismus festmachen; durch diesen Mechanismus wird, weil er der tatsächlichen Spracherlernung vorangehen muss, die Sprache (wiederum in Form einer Ursprache oder in Form sprachlicher Universalien) im Gehirn und nicht auf sozialem oder KULTURELLEM Boden angesiedelt.

Aus derselben Quelle Freuds leitet Derrida seinen Sprachgebrauch des Wortes SPUR ab. Wenn man die Wörter, die man auf den Schreibblock geschrieben hat, löscht, bleiben auf der Oberfläche leichte Kratzer oder Spuren zurück. Freud vergleicht dies damit, wie 'die Wahrnehmungen, die an uns herankommen, ... in unserem psychischen Apparat eine Spur' hinterlassen (zitiert in Derrida 1972a, 330). Die Wahrnehmungen sind aber mehr als nur Spuren: Sie bestehen in der Beziehung dieser Spuren zu dem, was diese sichtbar werden lässt (im Falle des Schreibblocks ist das der Druck der dahinterliegenden Wachsunterlage: beim Menschen das Zusammentreffen von Spur und Unbewusstem – Derrida zitiert hier Freuds Vergleich der Wachstafel mit dem Unbewussten (1972a, 3411.)

Derrida wendet diesen Gedanken in weiterer Folge auch auf die Schrift (oder vielleicht genauer auf die écriture) an. 'Freud macht uns also die Schreibszene', doch muss, so Derrida, der Freudsche Begriff der Spur 'radikalisiert werden und aus der Metaphysik der Präsenz ... herausgelöst werden' (1972a, 348‑9). Für Derrida ist die Spur

die Selbstlöschung, die Auslöschung ihrer eigenen Präsenz; sie wird durch Drohung oder die Angst ihres unwiderruflichen Verschwindens, des Verschwindens [ihres] Verschwindens konstituiert, Eine unauslöschbare Spur ist keine Spur; sie ist eine volle Präsenz ... (1 972a, 349)

Damit sind wir wieder bei einem bevorzugten Thema Derridas angelangt: Um der Metaphysik der PRÄSENZ zu entkommen, müssen alle festen oder hierarchischen Determinanten verworfen werden. Die Spur muss wirklich eine Spur sein, etwas, das ohne Verbindung zu dem, was sie hervorgebracht hat, und ohne Garantie für ihr eigenes Überleben zurückbleibt. Nur dann steht sie für eine von der Metaphysik der Präsenz gereinigte Auffassung von Schrift, für eine Schrift, die niemals das, was ihrer Bedeutung zugrunde liegt, einholen kann. Um mit den Worten Richard Harlands zu sprechen, ’sind Wahrnehmung und Präsenz "der Dinge an sich" immer voneinander getrennt' (1987, 144), während für Freud die Spur mit der Präsenz des Wachsblocks fest verbunden ist, mit dem Unbewussten, das die Bedeutung der Spur bestätigt.

Derridas Weiterführung Freuds scheint sich an diesem Punkt nicht wesentlich von dem Schluss zu unterscheiden, dass Statuen älter sind als die Bildhauerei, wenn die Statue – im Steinblock verborgen in Erwartung ihrer 'Entdeckung' – bereits existiert, bevor der Bildhauer mit seiner Arbeit beginnt. Der psychologische Nachweis scheint wohl zu sein, dass die Wahrnehmung zum Teil durch biologisch vererbte Elemente, die allen Kulturen gemeinsam sind, konstituiert wird, dass aber diese Elemente durch kulturspezifisches Lernen überwogen und modifiziert werden können. Zugleich drängt sich hier wohl die Frage auf, warum Menschen ein bestimmtes biologisches Erbgut besitzen.“ 

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]