UNTERCODIERUNG  

Infracodificación

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kode / Kodierung / Überkodierung / Extra-Codierung / Abduktion

 

Untercodierung

Kehren wir nun zu Peirces zweitem Beispiel zurück. Was geht vor, wenn beim Hörer durch die unterscheidbaren Klänge einer musikalischen Komposition eine »besondere musikalische Emotion« erregt wird, das heißt das Gefühl einer Strukturierung, das es erlaubt, von einem bedeutungsvollen Ganzen zu sprechen? Und was geht vor, wenn man beim Hören von Stücken verschiedener Komponisten in ihren denselben Stil oder dieselbe Bedeutung entdeckt, obwohl dieser Stil bisher noch nicht kritisch registriert, analysiert und eingeordnet worden ist?

Das scheint ein typischer Fall einer unpräzisen Codierung zu sein, eine Art hypothetischer >Geste<, die einen oder mehrere große Textstelle unter einer gemeinsamen Überschrift zusammenfasst.

Nehmen wir, um diese Bewegung von einem unbekannten Text zu einem Code zu erklären, an, dass ich ein fremdes Land besuche, dessen Sprache ich nicht kenne. Nach und nach beginne ich etwas zu verstehen: nicht wirklich eine Grammatik, sondern irgendeine allgemeine Tendenz, bestimmte Verhaltensweisen, die sich aus Lauten, Gesten, Gesichtsausdrücken usw. zusammensetzen. Nach einer Welle beginne ich zu begreifen, dass einige dieser Verhaltensweisen (aus ineinander verschlungenen verbalen, gestischen usw. Zeichen) einem sehr allgemeinen Signifikat entsprechen. Ich könnte zum Beispiel ‑ wenn das fremde Land Amerika ist ‑ entdecken, dass Ausdrücke wie /I love you/, /I lik eyou/, /I am fond of you/, /I adore you/, /Hi man!/, /Hello my friend!/ und /How are you?/, wenn sie mit einem Lachen verbunden sind, irgendwie alle <Freundschaft> bedeuten. Man muss nur wenig Englisch können, um zu sehen, dass sie verschiedene Bedeutung haben; aber man könnte sagen, dass für meine möglichen sozialen Interaktionen in diesem Land die grobe Codierung, die ich vollbracht habe, sich bereits als recht erfolgreich erweisen müsste. Ich nenne diese Art grober Codierung eine Untercodierung.

Untercodierung lässt sich also definieren als die Operation, mittels deren beim Fehlen präziserer Regeln makroskopische Teile bestimmter Texte als relevante Einheiten eines in Bildung begriffenen Codes aufgefasst werden, auch wenn die Kombinationsregeln, die die grundlegenderen Komponenten der Ausdrücke beherrschen, ebenso wie die ihnen korrespondierenden Inhalts‑Einheiten unbekannt bleiben.

Wir werden in 3.6.7. zeigen, dass viele Arten von Texten, wie zum Beispiel die von einer fremden Kultur hervorgebrachten Bilder, durch Untercodierung verstanden werden.

Die Übercodierung gelangt also von bereits existierenden Codes zu analytischeren Subcodes, die Untercodierung dagegen von nichtexistenten Codes zu potentiellen Codes. Diese zweifache Bewegung, die sich in vielen Fällen sehr leicht feststellen lässt (Paralinguistik ist ein deutlicher Fall von Übercodierung, ästhetische Urteile ‑ schön vs. hässlich ‑ arbeiten mit der Untercodierung), ist häufig verschlungen in die ganz normale Zeichenerzeugung und ‑Interpretation, so dass es in manchen Fällen schwer ist, zu entscheiden, ob Über‑ oder Untercodierung vorliegt. In diesen zweifelhaften Fällen (bei denen der programmierte Weg in Richtung Codes mit der freien Aktivität der semiosischen Produktion und Innovation verschlungen ist), wäre es besser, von Extra‑Codierung zu sprechen (einer Kategorie, die dann für beide Fälle zuständig wäre). Die Bewegungen der Extra‑Codierung sind Gegenstand sowohl einer Theorie der Codes als auch einer Theorie der Zeichenerzeugung.“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 191-193]

Grammatiken und Texte

Der Begriff der Extra‑Codierung und der Unterschied zwischen Codieren und Übercodieren auf der einen und Untercodieren auf der anderen Seite gestatten es, den Unterschied zwischen grammatikorientierten und textorientierten Kulturen, auf den Lotman aufmerksam gemacht hat, im Rahmen einer Theorie der Codes korrekt zu definieren. Diese Unterscheidung meint zwar zwei verschiedene Arten, wie Kulturen ihre Codes strukturieren, doch können die gleichen Kategorien uns auch helfen, im nächsten Kapitel unterschiedliche Typen der Zeichenerzeugung zu unterscheiden (siehe 3.6.).

Der Unterschied zwischen einer grammatikorientierten und einer textorientierten Kultur wurde von Lotman (1969, 1971) beschrieben und ist für unsere gegenwärtigen Überlegungen von größter Bedeutung. Es gibt Kulturen, die von einem System von Regeln, und solche, die von einem Repertoire von Texten (die Verhaltensmodelle aufstellen) beherrscht werden. Im ersten Fall werden Texte durch die Kombination diskreter Einheiten generiert, und sie werden als korrekt oder nicht korrekt beurteilt nach ihrer Übereinstimmung mit den Kombinationsregeln; im zweiten generiert die Gesellschaft unmittelbar Texte, die Makro‑Einheiten bilden, aus denen man im Bedarfsfall zwar Regeln ableiten könnte, aber die zuerst und vor allem nachzuahmende Vorbilder darstellen.“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 195]