ÜBERTRAGUNG

Transferencia

(Recop.) Justo Fernández López

 

Übertragung in den Schriften Sigmund Freuds das Übertragen von Gefühlen auf den Psychoanalytiker, die ursprünglich mit einem Gegenstand aus der Kindheit, einem Kindheitstrauma oder einem anderen Gegenstand psychoanalytischer Untersuchung verbunden sind. In den Studien über Hysterie findet sich ein frühes Beispiel für diese Theorie Freuds. Eine Patientin Freuds wies ein bestimmtes hysterisches Symptom auf, das seinen Ursprung in dem Wunsch hatte, dass ein Mann, mit dem sie einst ein Gespräch geführt hatte, die Initiative ergreifen und sie küssen möge, einem Wunsch, den sie aus Angst damals sofort unterdrückte. Am Ende einer Sitzung tauchte nun dieser Wunsch wieder auf, allerdings in Bezug auf Freud; die Patientin war entsetzt, verbrachte eine schlaflose Nacht und war bei der nächsten Sitzung 'ganz unbrauchbar zur Arbeit'. Aber sobald der Wunsch aufgedeckt worden war, konnte die Psychoanalyse fortgesetzt und der ursprüngliche Wunsch, der die Patientin so erschreckt hatte, ans Licht befördert werden (Freud & Breuer 1991, 320).

Von Gegenübertragung spricht man, wenn der Analytiker seine eigenen Wünsche auf die von ihm analysierte Person überträgt.

In der neueren Literaturtheorie wird der Begriff der Übertragung oft in einem weiteren Sinne für einen Prozess verwendet, bei dem der Analytiker eines TEXTES sich so unlösbar in den Gegenstand seiner ANALYSE verstrickt, dass er nicht mehr unterscheiden kann, was 'im' Text ist und was er selbst während des Analyseprozesses in den Text eingeschleust hat.

Eine ähnliche Position nehmen in dieser Hinsicht Vertreter des reader‑response criticism ein, allerdings gehen sie von einem ganz anderen Ansatzpunkt aus. (Während in Freuds Schriften die analysierte Person für die Übertragung verantwortlich ist, ist in der erweiterten Anwendung des Konzepts in der Literaturtheorie der Analytiker dafür verantwortlich, weshalb man hier vielleicht lieber von Gegenübertragung sprechen sollte.) Eher würde es unter Umständen Freuds Terminologie entsprechen, im Falle einer dritten Person, die 'im' Text das sieht, was der Analytiker ihm injiziert hat, von Übertragung zu sprechen, obwohl auch hier die Parallele nicht ganz stimmt. Für die Literaturtheorie ist das Konzept aber vor allem auch deshalb von Interesse, weil es einem altbekannten Prozess einen Namen gibt: dem Prozess, wodurch der Analytiker oder INTERPRET eines literarischen WERKES dieses Werk für nachfolgende Leser verändern kann.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994, S. 332-333]