ÜBERCODIERUNG

Sobrecodificación

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kode / Kodierung / Untercodierung / Extra-Codierung / Abduktion

 

„Außerhalb des Bereiches der Verbalsprache sind beispielsweise alle ikonographischen Objekte Resultate einer Übercodierung. Besteht ein ikonischer Code, der es erlaubt, die Darstellung einer Frau zu erkennen, die ein Augenpaar auf einem Teller trägt, so legt die ikonographische Übercodierung fest, dass diese Frau die Heilige Lucia darstellt.

Die Übercodierung wirkt in zwei Richtungen. Einerseits fügt sie in den Fällen, wo ein Code bestimmten Minimalausdrücken ein Signifikat zuweist, größeren Komplexen dieser Ausdrücke ein zusätzliches Signifikat hinzu. Die rhetorischen und die ikonographischen Regeln gehören zu diesem Typ. Aber es gibt auch Fälle, in denen die Übercodierung bei bestimmten codierten Einheiten diese in kleinere Einheiten aufschlüsselt, so wie etwa die Paralinguistik bei bestimmten Wörtern feststellt, dass unterschiedliche Aussprache dieser Wörter (Betonung unterschiedlicher Silben oder das Bestehen auf einer besondern Art phonetischer Emission) verschiedenen Bedeutungsnuancen entspricht. Alle Höflichkeitsformeln sind übercodierte Alltagssprache: Der Ausdruck /s’il vous plaît/ (siehe Metz’ Diskussion über Botschaften und Texte in 2.4.) wird in seiner wahren Bedeutung auf der Basis einer akzeptierten und traditionellen Übercodierung verstanden. Natürlich führt die Übercodierung, wenn sie völlig akzeptiert wird, zu dem, was wir (in 2.3.) als Subcode bezeichnet haben: In diesem Sinne ist die Übercodierung eine innovatorische Aktivität, die nach und nach ihre provokative Kraft verliert und dadurch soziale Akzeptanz erzeugt.

Häufiger aber treiben die übercodifizierten Entitäten sozusagen zwischen den Codes, bleiben sie auf der Schwelle zwischen Konvention und Innovation. Nur langsam und vorsichtig nimmt eine Gesellschaft sie auf in die Reihen der Regeln, auf die sie ihre raison d’être gründet. Häufig sind einer Gesellschaft übercodierte Regeln, die bereits in Gebrauch sind, noch nicht bewusst. Ein typisches Beispiel dafür sind die von Propp beschriebenen Regeln des Erzählens: Viele Hunderte (und vielleicht Tausende) von Jahren haben primitive Gesellschaften es ihren Angehörigen erlaubt, Geschichten zu erzählen und zu verstehen, die auf Erzählfunktionen beruhten (und so die Alltagssprache transphrastisch übercodierten, wenn sie für erzählende Zwecke benutzt wurde); aber erst Propps Versuch, diese Funktionen abduktiv zu erschließen, hat hier die Existenz einer übercodierten Sprache ans Licht gebracht. Die von ihm entdeckten Gesetze sind jetzt als Elemente eines anerkannten erzählerischen Subcodes allgemein akzeptiert. Freilich verlaufen die gegenwärtigen Trends in der Textgrammatik in Richtung auf eine weitere Übercodierung größerer Diskursstelle.

In derselben Weise ist das >ideologische< System von Erwartungen, aufgrund dessen ein Angehöriger der John Birch Society mit dem Ausdruck /er folgt Marx/ sofort die Konnotation <gefährlicher Feind meines Landes> verbindet, ein Beispiel für eine innerhalb einer Gruppe gültige Übercodierung. Und auf Modelle stilistischer Übercodie­rung stützt sich auch ein Kritiker, wenn er eine Seite, eine Passage oder einen ganzen Text mit so verdammenden kritischen Urteilen Wie »déjà vu«, »Kitsch«, »Avantgarde aus zweiter Hand«, »Seifenoper« und so weiter belebt.“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 189-191]

Grammatiken und Texte

Der Begriff der Extra‑Codierung und der Unterschied zwischen Codieren und Übercodieren auf der einen und Untercodieren auf der anderen Seite gestatten es, den Unterschied zwischen grammatikorientierten und textorientierten Kulturen, auf den Lotman aufmerksam gemacht hat, im Rahmen einer Theorie der Codes korrekt zu definieren. Diese Unterscheidung meint zwar zwei verschiedene Arten, wie Kulturen ihre Codes strukturieren, doch können die gleichen Kategorien uns auch helfen, im nächsten Kapitel unterschiedliche Typen der Zeichenerzeugung zu unterscheiden (siehe 3.6.).

Der Unterschied zwischen einer grammatikorientierten und einer textorientierten Kultur wurde von Lotman (1969, 1971) beschrieben und ist für unsere gegenwärtigen Überlegungen von größter Bedeutung. Es gibt Kulturen, die von einem System von Regeln, und solche, die von einem Repertoire von Texten (die Verhaltensmodelle aufstellen) beherrscht werden. Im ersten Fall werden Texte durch die Kombination diskreter Einheiten generiert, und sie werden als korrekt oder nicht korrekt beurteilt nach ihrer Übereinstimmung mit den Kombinationsregeln; im zweiten generiert die Gesellschaft unmittelbar Texte, die Makro‑Einheiten bilden, aus denen man im Bedarfsfall zwar Regeln ableiten könnte, aber die zuerst und vor allem nachzuahmende Vorbilder darstellen.“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 195]

„Eine Bestimmung, die von uns stammt und für einen Gegenstand gilt, kann nur dann keine (Fremd-)Bestimmung dieses Gegenstandes sein, wenn sie kein souveränes, kein selbstherrliches Urteil von uns über ihn ist. Diese Art Freiraum, den Aussagen benötigen, hat Hegel zur Lehre eines selbstbewegten Begriffs und uns zur Metapher selbstorganisierter Sprach- und Textformen verleitet.

Die Widersprüchlichkeit, die für diesen Freiraum sorgt, wird in der Gödelisierung systematisch erzeugt und von Sprachgesten, die wir im Anakoluth bzw. Anagramm angegeben haben, nach- und vorgeahmt. Wir haben gesehen, dass der Status des Autors dabei unter Umständen radikal verändert wird. Der Autor ist nicht länger selbstverstärkt, er unterwirft die Sätze, die er sagt und schreibt, nicht länger seinem Stil, er breitet sich im Text, der von ihm stammt, nicht aus. Irgendwie ist er nicht mehr im Zentrum dessen, was er sagt. Etwas geht von ihm aus, ohne dass es bei ihm bleibt.

Deshalb hat Hegels Frage nach einer unverfälschten Erkenntnis objektiver Gegebenheiten in die Innenwelt des Geistes geführt. Die bestimmungslose Bestimmung, die er zu denken versucht und die ihren Gegenstand lassen soll, wie er ist, ist ohne eine Variation des Subjekts unmöglich. Das ist der methodologische Nerv seines Idealismus, der damit Objektivität und Subjektivität auf komplizierte, auf komplexe Weise vernetzt. Die Modifikation des Subjekts ermöglicht die Bestimmungslosigkeit seiner Bestimmungen und damit die Objektivität seiner Erkenntnis. So lautet Hegels Antwort auf die Frage, was die Innenwelt mit ihrer Außenwelt verbindet. [...]

Uns gibt die Objektivität, die ein Wissen aus der Modifikation seines Subjekts gewinnt, zu Reformulierungen Anlass, die sich über die Variation von der Evolution der Organismen bis zur Evolution der Erkenntnis ranken. [...]

Da die Selbstverstärkung dem oben entwickelten neuen Unvollständigkeitstheorem verfällt, muss eine Theorie, die bei der ständigen Variation dieses Selbst ansetzt, sich die Frage gefallen lassen, was dies für ein Selbst sein soll. Fest steht, dass in ihm wirkt, was ich im Begriff der »Übercodierung« zu fassen versuche. Weil er als Chiffre für jene Veränderungen einsteht, die in selbstorganisierten Systemen Bedingungsverhältnisse zugunsten dieser Systeme verschieben, betrifft er das Verhältnis von Text und Autor, Sprecher und Sprache, Wissen und Gewusstem.

Wir haben die Übercodierung mit einer Art Vergessen synonym gedacht. Nun lässt sich sagen, dass es gerade dieses Vergessen ist, das zum Problem der Objektivität unserer Erkenntnis zurückführt. In ihm liegt der Schlüssel für die Variabilität, die wir Entwicklung, die wir Lernen nennen; es sorgt dafür, dass auch unser strukturdeterminierter Geist offen bleiben kann. Im blinden Fleck, der jeder Selbstorganisation inhärent ist und der eine direkte Konsequenz ihrer Komplexität darstellt, liegt die Möglichkeit, dass wir nicht eine, sondern immer wieder neue Ansichten entwickeln, dass wir zu Evolutionen und Revolutionen in der Lage sind. Gäbe es die Übercodierung komplexer Systeme nicht, gäbe es für eine objektive Erkenntnis nur eine verschwindend geringe Chance. Einem Lotteriespiel gleich, ginge es hier um Alles oder Nichts, da der Selbstverstärkung kein Wandel anders als zufällig möglich ist. Ersetzt man diesen einen groß angelegten Wurf, der, sobald er getan ist, schon alles entschieden hat, durch die systematische Drift einer sich ständig selbst modifizierenden Erkenntnis, erhöht sich die Trefferwahrscheinlichkeit mit jeder Variation. Zwar gibt es für selbstorganisierte Systeme aufgrund ihrer teilweise geschlossenen Struktur keine Garantie für die Objektivität ihrer Erkenntnisse, aber zumindest dafür, dass diese nicht nur projektiv sind.

Es ist an der Zeit, das Vergessen zu rehabilitieren. Auch der Inhalt des von Gödel formulierten Unvollständigkeitstheorems lässt sich mit der Leistung des Vergessens vergleichen. Statt unsere Erkenntnisfähigkeit einzuschränken, ist das Vergessen eine Bedingung von Erkenntnis (und sei es darin, dass sie die Erkenntnis auch einschränkt). Der Vorgang des Vergessens ermöglicht sogar eine erkenntnistheoretische Auslegung der weltoffenen Selbstorganisation als eines sich ständig überschreibenden und somit immer nur teilweise selbstdurchsichtigen Systems. Gewissermaßen als blinder Fleck in der Evolution unseres Wissens besorgt das Vergessen die Wandlung dieses Wissens – und nur weil es Vergessen gibt, kann es etwas anderes als reine Projektionen geben. Daher steht das Vergessen auch dafür, dass wir mehr als nur uns selbst verstehen. [...]

Dieser Ansatz zu einer Erkenntnistheorie, analog dem Modell einer evolutiven Drift selbstorganisierter Systeme, folgt der Einsicht in die Übercodierung der Umwelterfahrung komplexes Systeme. Die von der Übercodierung bedingte Wandlungsfähigkeit kompensiert (teilweise) die Reizhemmung, mit der sich Menschen, Erkenntnissubjekte vor ihrer Umwelt verwahren. Vermutlich ist dieses geregelte Sich-selbst-Umschreiben, das wir Vergessen nennen, für geschlossene Systeme die einzige Möglichkeit zur objektiven Erkenntnis. [...]

Komplexe, d. h. selbstorganisierte Systeme finden nur über die Modifikation ihrer »wirklichen« Ursachen zu sich selbst. Sie lassen sich durch die Merkmale der Übercodierung und der Gödelschen Unvollständigkeit hinreichend charakterisieren. Die Versuche, vollkommene Transparenz herzustellen und die Gedächtnisleistung (durch Techniken und Institutionen der Speicherung) zu optimieren, folgen einer Logik der Selbstverstärkung, d. h. der Absicherung von Systemgrenzen. In den modernen Naturwissenschaften führen sie zum systematischen Ausschluss des Beobachters aus dem naturwissenschaftlichen Experiment (dem wir die angebliche Objektivität der Befunde verdanken), in den Geisteswissenschaften dagegen zum hermeneutischen Einschluss des Beobachters (der das Subjekt berücksichtigt, aber dazu führt, dass dieses sein Vergessen vergisst).“

[Hombach, Dieter: Die Drift der Erkenntnis. Zur Theorie selbstmodifizierter Systeme bei Gödel, Hegel und Freud. München: Raben Verlag von Wittern, o. J., S. 97-101]