TEXTLINGUISTIK

nach Klaus Brinker

Lingüística del texto

(Recop.) Justo Fernández López

 

"Die linguistische Textanalyse setzt sich zum Ziel, die Struktur, d.h. den  grammatischen und thematischen Aufbau, sowie die kommunikative Funktion  konkreter Texte transparent zu machen und nachprüfbar darzustellen. Sie  kann dadurch Einsichten in die Regelhaftigkeit von Textbildungen  (Textkonstitution) und Textverstehen (Textrezeption) vermitteln.

Hinter dem Etikett der Textlinguistik verbergen sich zahlreiche  textlinguistische Richtungen mit z. T. durchaus unterschiedlichen  Konzeptionen. Gemeinsam ist ihnen aber die Auffassung, dass die oberste  Bezugseinheit für die linguistische Analyse nicht der Satz, sondern der  Text ist.

1. Der Textbegriff

Die alltagssprachliche Verwendung des Wortes "Text" ist nicht ganz  einheitlich. Als Kernbedeutung kann aber zweifellos gelten: "Text ist eine  (schriftlich) fixierte sprachliche Einheit, die in der Regel mehr als einen  Satz umfasst. In der Alltagssprache wird eine Satzfolge nur dann als Text  bezeichnet, wenn sie in inhaltlich-thematischer Hinsicht als zusammenhängend, als kohärent interpretiert werden kann. Das Merkmal der Kohärenz (im inhaltlichen Sinn) muss somit als grundlegend für den  alltagssprachlichen Textbegriff gelten.

In der Textlinguistik gibt es verschiedene Textdefinitionen; eine allgemein  akzeptierte Definition liegt bisher nicht vor. Grob gesehen lassen sich  zwei Hauptrichtungen der Textlinguistik unterscheiden:

Der Textbegriff der sprachsystematisch ausgerichteten Textlinguistik:

Die erste Richtung der Textlinguistik entwickelt sich vor dem Hintergrund  der strukturalistischen Linguistik und der generativen  Transformationsgrammatik. Innerhalb dieser linguistischen Richtungen gilt  nun jahrzehntelang der "Satz" als die oberste linguistische Bezugseinheit.  Erst mit dem Entstehen der sog. Textlinguistik Mitte der 60er Jahre kommt  es zu einer fundamentalen Kritik an dieser Beschränkung auf die Domäne des  Satzes. Eine prinzipielle Änderung der geltenden sprachtheoretischen  Grundlagen ist mit dieser Forderung allerdings nicht verbunden. Die  Textlinguistik versteht sich (wie vorher die "Satzlinguistik") ausdrücklich  als eine Linguistik der "Langue" bzw. der "Kompetenz". Die Hierarchie der  bis dahin angenommenen Einheiten des sprachlichen Systems (Phonem,  Morphem/Wort, Satzglied, Satz) wird lediglich um die Einheit "Text"  erweitert. "Text" wird definiert als eine kohärente Folge von Sätzen. Der  für die Textlinguistik zentrale Begriff der Textkohärenz wird rein  grammatisch gefasst. 

Der Textbegriff der kommunikationsorientierten Textlinguistik:

Die zweite (Anfang der 70er Jahre) entstandene Richtung wirft der ersten  Richtung vor, sie habe ihren Gegenstandsbereich insofern zu sehr  idealisiert, als sie Texte als isolierte, statische Objekte behandelt und  nicht berücksichtigt, dass Texte immer eingebettet sind in eine  Kommunikationssituation. Die kommunikationsorientierte Textlinguistik  entwickelt sich vor dem Hintergrund der linguistischen Pragmatik, die sich  vor allem auf die innerhalb der angelsächsischen Sprachphilosophie  entwickelte Sprechakttheorie (J. L. Austin, J. R. Searle) stützt. Unter  pragmatischer (sprechakttheoretischer) Perspektive erscheint der Text nicht  mehr als grammatisch verknüpfte Satzfolge, sondern als (komplexe)  sprachliche Handlung. Die kommunikative Funktion legt den  Handlungscharakter eines Textes fest; erst sie verleiht dem Text also einen  bestimmten kommunikativen "Sinn". Der Kommunikationsakt ist also die dem  Text direkt übergeordnete Einheit.

Eine adäquate linguistische Textanalyse erfordert die Berücksichtigung  beider Forschungsrichtungen. Die folgende Textdefinition entspricht dieser  Bedingung: Der Terminus "Text" bezeichnet eine begrenzte Folge von  sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine  erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.

In einigen textlinguistischen Arbeiten wird zwischen Kohäsion und Kohärenz  unterschieden. "Kohäsion" meint dann die Verknüpfung der  Oberflächenelemente des Textes durch bestimmte grammatische Mittel, während  "Kohärenz" den konzeptionellen Zusammenhang des Textes, d.h. die  zugrunde liegende Konstellation von Begriffen und Relationen, bezeichnet.  Diese Unterscheidung ist unnötig; sie kann sogar irreführend sein, wenn sie  dazu verwendet wird, die ältere Textlinguistik als reine  "Kohäsionslinguistik" abzustempeln. Der enge Zusammenhang zwischen  expliziten (morphologisch-syntaktischen) und impliziten (semantisch- kognitiven) Formen textueller Kohärenz ist von Anfang an gesehen worden.

2. Analyse der Textstruktur

Auf der grammatischen Beschreibungsebene untersuchen wir die grammatische  Kohärenz, d. h. die für den Textzusammenhang relevanten syntaktisch- semantischen Beziehungen zwischen aufeinander folgenden Sätzen eines Textes. 

Dem Prinzip der Wiederaufnahme hat man eine besondere Bedeutung für die  Konstitution und Kohärenz des Textes zugesprochen. Es stand in den Anfängen  der Textlinguistik sogar im Zentrum der Forschung. In der Literatur finden  sich für dieses Prinzip unterschiedliche Termini, z. B. "Koreferenz"  (Isenberg 1970), "Pronominalisierung" (Braunmüller 1977), "syntagmatische  Substitution" (Harweg 1968), "Relation der Verweisung" (Kallmeyer u.a.  1974). 

Auf der thematischen Ebene geht es um die Analyse des kognitiven  Zusammenhangs, den der Text zwischen den in den Sätzen ausgedrückten  Sachverhalte (Satzinhalten, Propositionen) herstellt. 

Der Satz als textuelle Grundeinheit

Es ist der Linguistik bisher nicht gelungen, eine allgemein akzeptierte  Satzdefinition zu entwickeln. Die Interpunktion kann nicht Aufschluss  darüber geben, was prinzipiell und generell als Satz zu gelten hat, sondern  lediglich, wie der Verfasser seinen Text gegliedert haben will. Die  Interpunktion dient zu einer ersten Gliederung des sprachlichen Materials.  In diesem Sinn sprechen wir aber nicht von "Satz", sondern von  "Textsegment" oder einfach von "Segment".

Für die Entwicklung eines grammatischen Satzbegriffes ist es notwendig, im  Sinne der Bilateralität des sprachlichen Zeichens zwischen Ausdrucks-  (signifiant, Bezeichnendes, Form) und Inhaltsseite (signifié, Bezeichnetes,  Bedeutung)  von Sätzen zu unterscheiden.   Der Valenzgrammatische Satzbegriff ist primär an der Ausdrucksstruktur des  Satzes orientiert. Als (komplexe) sprachliche Zeichen haben Sätze aber auch  eine Inhaltsseite? sie bezieht sich vor allem auf die Satzbedeutung (ohne  Einbezug der kommunikativen Funktion des Satzes in bestimmten  Sprechsituationen), d.h. auf den vom Satz ausgedrückten Sachverhalt, den  wir als Proposition bezeichnen.

Zur Explikation des Propositionsbegriffs knüpfen wir an die  Sprechakttheorie J. R. Searles an, der zwischen der illokutiven Rolle und  dem propositionalen Gehalt einer Äußerung differenziert. Eine  Sprechhandlung wie "ein Versprechen geben" (z.B. Ich verspreche dir, dass  ich morgen komme ) lässt sich danach in zwei Teile zerlegen: Der erste Teil  enthält den Indikator des Sprechhandlungstyps, bezeichnet also den Modus  der Kommunikation, d.h. die Beziehung, die der Sprecher zum Angesprochenen  herstellt (ich verspreche dir ); für diesen Aspekt der Sprechhandlung  verwendet Searle (im Anschluss an J. L. Austin) die Termini "Illokutioärer  Akt" bzw. "illokutionäre Rolle" (einer Äußerung). Der zweite (grammatisch  abhängige) Teil (dass ich morgen komme ) ist gegliedert in die Referenz, d.  h. die Setzung eines Kommunikationsgegenstandes (ich ), und die  Prädikation, d. h. die Zuordnung von Eigenschaften zum gesetzten Gegenstand  (morgen kommen ). Searle nennt diese Komponente einer sprachlichen Handlung  den "propositionalen Akt" bzw. "propositionalen Gehalt" (einer Äußerung).  In syntaktischer Hinsicht wird die Referenz durch Eigennamen, Pronomen und  andere Nominalgruppen, die Prädikation durch Prädikate realisiert.  Aus der Unterscheidung zwischen Illokution und Proposition folgt, dass  verschiedene illokutive Akte den gleichen propositionalen Gehalt haben  können. Die Proposition dass Hans den Raum verlässt kann z. B. mit  folgenden illokutiven Rollen verbunden werden: Hans verlässt den Raum  (Feststellung oder Behauptung) - Hans, verlass den Raum!  (Aufforderung) -  Verlässt Hans den Raum?  (Frage) - Würde Hans doch den Raum verlassen!   (Wunsch) usw. Der Sprecher referiert in den Äußerungen auf dieselben  Gegenstände (Hans, ein bestimmter Raum), zwischen denen eine bestimmte  Relation ("verlassen") hergestellt wird (Prädikation).  Der Begriff der Proposition ist sowohl für die Analyse der grammatischen  als auch der thematischen Struktur des Textes grundlegend. 

Zusammenfassend: Wir präzisieren die komplexe Größe "Satz" dadurch, dass  wir zwischen Textsegment, Satz und Proposition unterscheiden. Textsegmente  sind Gliederungseinheiten der Textoberfläche, Sätze aber syntaktische und  Propositionen semantische Struktureinheiten.  Ein Textsegment besteht  vielfach aus mehreren Sätzen (und Propositionen); es kann aber auch nur  einen elliptischen Satz oder einen nichtsatzwertigen Ausdruck umfassen. Ein  Satz kann mehr als eine Proposition enthalten und eine Proposition durch  mehrere Sätze realisiert sein.

Grammatische Bedingungen der Textkohärenz: Formen der Wiederaufnahme

Die explizite Wiederaufnahme:

Die explizite Wiederaufnahme besteht in der Referenzidentität  (Bezeichnungsgleichheit) bestimmter sprachlicher Ausdrücke in  aufeinander folgenden Sätzen eines Textes. Die Wiederaufnahme durch  Substantive und Pronomen stellt zwar die wichtigste Möglichkeit der  Wiederaufnahme dar; es können aber auch andere Wortarten als  wiederaufnehmende Ausdrücke fungieren (z. B. Adverbien, Adjektive,  Verben). Als "Proformen" bezeichnet man in den Grammatiken Wörter, die  stellvertretend für Substantive, genauer für substantivische Wortgruppen  stehen und die einen minimalen Bedeutungsinhalt besitzen. Neben den  Personalpronomen der dritten Person gibt es noch weitere Kurzformen, die  als wiederaufnehmende Ausdrücke gebraucht werden können. Es handelt sich  vor allem um die Demonstrativpronomen, soweit sie nicht als Begleiter des  Substantivs, also in Artikelfunktion auftreten, und um Adverbien (wie da,  dort, damals, deshalb ), unter denen die sog. Pronominaladverbien (wie  dabei, darin, darauf, damit, hierdurch, worin usw.) eine besonders große  Gruppe bilden. Die textlinguistische Forschung fasst alle diese Ausdrücke  unter dem Terminus "Pro-Formen" zusammen. Der begriff "Pro-Form" wird  allerdings unterschiedlich verstanden; wir wollen nur die Ausdrücke Pro- Formen nennen,  wie die genannten Pronomen und Adverbien aufgrund ihres  minimalen Bedeutungsinhalts ausschließlich dazu dienen, andere sprachliche  Einheiten referenzidentisch wiederaufzunehmen.

Die Richtung der Wiederaufnahme in der Linearität des Textes verläuft 

-   von rechts nach links, d.h., die Pro-Form folgt in allen Fällen dem Bezugsausdruck => Rückwärtsverweisung: anaphorische (zurückverweisende) Pro-Formen.    

     Bsp.:  Kennst du Heinz? Der ist mein bester Freund.

-   von links nach rechts > Vorwärstverweisung: kataphorische (vorausweisende) Pro-Formen.

     Bsp.:  Man hat ihn einen Magier der Sprache genannt. Er ist als Wegbereiter des Nationalsozialismus angeklagt. Ernst Jünger ist heute ein nicht restlos geklärter "Fall" neuerer deutscher Literatur geblieben. 

Die anaphorische und die kataphorische Verknüpfungsrichtung werden häufig  miteinander kombiniert. Die kataphorische Textverknüpfung ist in besonderer  Weise geeignet, beim Leser Spannung und die Erwartung auf neue Information  zu erwecken. 

Die implizite Wiederaufnahme:

Bei der impliziten Wiederaufnahme besteht zwischen dem wiederaufnehmenden  Ausdruck und dem wiederaufgenommenen Ausdruck keine Referenzidentität.  Beide Ausdrücke beziehen sich auf verschiedene Referenzträger. Zwischen  diesen bestehen aber bestimmte Beziehungen, von denen die Teil-von- oder  Enthaltenseinsrelation die wichtigste ist.

Bsp.:  Am 8. November 1940 kam ich in Stockholm an. Vom Bahnhoft fuhr ich zu Schedins  Pension, wo Max Bernsdorf ein Zimmer für mich bestellt hatte ... 

Wir können diese implizite Wiederaufnahme in explizite umwandeln, indem wir  etwa die folgenden Zwischensätze (eingeklammert) in den Text einfügen:

Bsp.:  Am 8 November 1940 kam ich in Stockholm an. (Dort gab es einen Bahnhof). Vom Bahnhof  fuhr ich ...

Die aufgeführten Gegenstandsbeziehungen sind im heutigen Sprachsystem, in  der Sprachkompetenz des Sprachteilhabers verankert, so dass man sagen kann,  dass dem Ausdruck Stadt in der Sprachkompetenz u. a. das Merkmal "Bahnhof"  mitgegeben ist. Solche Bedeutungsbeziehungen fasst man unter dem Terminus  "semantische Kontiguität" zusammen. Kontiguitätsverhältnisse zwischen  Wörtern können u. a. ontologisch, logisch oder kulturell begründet sein.

- logisch (begrifflich) begründetes Kontiguitätsverhältnis:

eine Niederlage: der Sieg; ein Problem: die Lösung 

- ontologisch (naturgesetzlich) begründetes Kontiguitätsverhältnis:

ein Blitz: der Donner; ein Elefant: der Rüssel

- kulturell begründetes Kontiguitätsverhältnis:

eine Stadt: der Bahnhof; ein Haus: die Türen; eine Kirche: der Turm 

Sind solche Kontiguitätsbeziehungen zwischen Wörtern im sprachlichen System  nicht vorhanden, so ist eine Verknüpfung in der Form der impliziten  Wiederaufnahme nicht möglich.

Die Bedeutung des Prinzips der Wiederaufnahme

Zur Relevanz für die Textkohärenz:

Das Prinzip der Wiederaufnahme ist zwar ein wesentliches Mittel der  Textkonstitution; es liefert aber weder hinreichende noch notwendige  Bedingungen dafür, dass eine Folge von Sätzen eine kohärente Satzfolge  darstellt, d.h. als Text verstanden wird. Denn einerseits werden nicht alle  Satzfolgen, die durch das Prinzip der Wiederaufnahme verknüpft sind, als  kohärent interpretiert, andererseits sind nicht alle Satzfolgen, die als  kohärent interpretiert werden, durch das Prinzip der Wiederaufnahme  verbunden. Eine Satzfolge kann durchgehend im Sinne des Prinzips der  Wiederaufnahme verknüpft sein, kann aber trotzdem nicht als kohärent  gelten. Das liegt wohl darin, dass kein einheitliches Thema erkennbar ist.

Schließlich ist noch zu erwähnen, dass es noch andere grammatische  Verknüpfungsmöglichkeiten gibt als das Prinzip der Wiederaufnahme. Eine  besonders wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Textverknüpfung  durch Konjunktionen (z.B. und, denn, weil, oder u. a.). Auch Adverbien, die  nicht als Pro-Formen einzustufen sind, können Textkohärenz bewirken (z.B.  auch, vielmehr, also, dennoch ).

Das Prinzip der Wiederaufnahme stellt nicht das einzige Mittel der  Satzverknüpfung dar, das für die Textkohärenz relevant ist. Grammatische  Verknüpfungssignale können für das Textverstehen sogar weitgehend  entbehrlich sind, wenn der Rezipient über ein ausreichendes thematisches  und kontextuelles Hintergrundwissen verfügt. Das Kohärenzproblem ist somit  letztlich nicht durch die grammatischen Verknüpfungsverfahren zu erklären.  Die grammatische Verknüpfungsstruktur, insbesondere die  Wiederaufnahmestruktur fungiert vielmehr als Trägerstruktur für die  thematischen Zusammenhänge des Textes, d.h., sie verweist auf eine andere  ("tiefere") Schicht, die wir als "thematische Textstruktur" bezeichnen.  Ihre Bedeutung für die Textkohärenz ist Gegenstand der nächsten Abschnitte. 

Thematische Bedingungen der Textkohärenz

Was eine Folge von Sätzen zu einer kohärenten Satzfolge, eben zum Text  macht, ist nicht primär das Prinzip der Wiederaufnahme, sondern letztlich  die thematische Orientierung, d.h. die "kommunikative Konzentration auf  einen einheitlichen Gegenstand". 

Zum Thema-Rhema-Konzept der Prager Schule: [siehe Thema-Rhema-Konzept]

Problematisch ist bei diesem Ansatz bereits die Basis, nämlich die  Abgrenzung von Thema und Rhema, da es an zureichenden Verfahren mangelt,  sie intersubjektiv überprüfbar zu machen. Danes nennt als "objektives  Kriterium" für die Zuordnung der einzelnen Satzteile zu Thema und Rhema die  "Ergänzungsfrage"; mit ihr werde nach dem Rhema der Aussage gefragt. 

Bsp.:  Er bekam das Buch von einem Kollegen. - Von wen bekam er das Buch? 

Die Ergänzung von einem Kollegen bildet nach Danes das Rhema, während der  Rest der Aussage das Thema darstellt. Es sind aber auch andere Fragen  möglich, z.B. was bekam er von einem Kollegen?  Dann wäre das Buch das  Rhema.

Es wird deutlich, dass das Kriterium der Ergänzungsfragen keinesfalls als  eine befriedigende Lösung des Abgrenzungsproblems betrachtet werden kann.  So kommen auch E. Gülich und W. Raible, die das Thema-Rhema-Konzept auf den  Text "Herrn K.s Lieblingstier" anzuwenden versuchen, zu dem Ergebnis: "Das  Fehlen eindeutiger und nachvollziehbarer Definitionskriterien lässt es  häufig als schwierig erscheinen, die Thema-Rhema-Strukturierung  auszumachen." Entscheidender als diese Kritik ist in unserem Zusammenhang  aber der in sprachtheoretischer Hinsicht unklare Status des Thema-Rhema- Begriffs; es werden semantische und kommunikativ-pragmatische  Gesichtspunkte miteinander vermischt (Thema als Basis der Aussage vs. Thema  als bekannte Information). Auch ist die Strukturbeschreibung zu sehr der  Textoberfläche verhaftet; die Analyse der Thema-Rhema-Gliederung eines  Textes führt kaum über das hinaus, was nicht auch durch eine Beschreibung  nach dem Prinzip der Wiederaufnahme erfasst wird. Die Konzeption erscheint  als nicht geeignet, die Textstruktur als ein Gefüge von logisch- semantischen Relationen zwischen den Propositionen darzustellen. Diese  zentrale Aufgabe der thematischen Textanalyse macht einen anderen Thema- Begriff erforderlich.

Das Makro- und Superstrukturkonzept von T. A. von Dijk:

Ein anderer Thema-Begriff ist kennzeichnend für die verschiedene  texttheoretische Forschungsansätze, die sich in irgendeiner Form an der  Generativen Transformationsgrammatik mit ihrer Unterscheidung von  Oberflächen- und Tiefenstruktur orientiert. In dieser Richtung am  explizitesten entfaltet ist wohl das von T. A. van Dijk im Rahmen der  Erzählanalyse entwickelte Konzept der "Makrostruktur" von Texten.

Die semantische Tiefenstruktur oder Makrostruktur repräsentiert nach von  Dijk die "globale Bedeutung" des Textes. Sie wird durch Verfahren der  paraphrasierenden Reduktion gewonnen: Aus den Propositionen des konkreten  Textes, des Oberflächentextes, leitet von Dijk sog. Makropropositionen ab,  indem er eine Reihe von Operationen anwendet, die er Makroregeln nennt.  Es handelt sich dabei um: Auslassen, Verallgemeinern, Konstruieren.  Das Ergebnis ist eine Textzusammenfassung, ein Resümee, das als direkte  Verbalisierung der Makrostruktur aufgefasst wird. Das Textthema ist nun  nichts anderes als "eine Makroproposition auf einem bestimmten  Abstraktionsniveau; es muss im Text nicht explizit genannt werden.  Van Dijks Ansatz ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden. Die Kritik  betrifft einmal Form und Ableitung der Makrostruktur selbst, zum andern das  Problem, wie aus der semantischen Tiefenstruktur durch textuelle  Operationen (Transformationen) die Oberflächenstruktur der Texte generiert  werden kann. Umstritten ist auch van Dijks Postulat von der kognitiven  Relevanz seines Konzepts. Die den Arbeiten von van Dijk zugrunde liegende  Hypothese von der Existenz einer semantisch-thematischen Textbasis  erscheint durchaus plausibel; sie entspricht unserem alltagssprachlichen  Thema-Konzept.  Das folgende Konzept der Themenentfaltung geht auch von der Annahme aus,  dass Texte einen thematischen Kern, ein Thema haben, das nach bestimmten  (letztlich kommunikativ gesteuerten) Prinzipien zum Gesamtinhalt des Textes  entfaltet wird. Im Unterschied zu van Dijks Modell der Makro- und  Superstrukturen erhebt es aber nicht den Anspruch, ein Textmodell im  generativen Sinn zu sein; es ist auch nicht mit weitgehenden Hypothesen im  Hinblick auf die kognitiven Prozesse der Text- und Informationsverarbeitung  verbunden.

Textthema und Entfaltung des Themas:

Ausgehend von dem alltagssprachlichen Gebrauch des Wortes definieren wir  "Thema" als Kern des Textinhalts, wobei der Terminus "Textinhalt" den auf  einen oder mehrere Gegenstände bezogenen Gedankengang eines Textes  bezeichnet. Das Textthema stellt die größtmögliche Kurzfassung des  Textinhalts dar. Wenn auch prinzipiell keine detaillierten (formalen)  Operationen angegeben werden können, deren korrekte Anwendung eine adäquate  Themenbestimmung garantiert, so lassen sich doch einige Prinzipien  formulieren, an denen sich die Themenanalyse orientieren kann.  Es handelt sich dabei zunächst um das Wiederaufnahmeprinzip. Nun enthält  der Text in der Regel mehrere Themen, die allerdings jeweils eine  unterschiedliche thematische Relevanz besitzen, so dass eine Rangordnung  von Themen, eine Art Themenhierarchie entsteht. Um zwischen dem Hauptthema  und den Nebenthemen differenzieren zu können, stellen wir zwei weitere  Prinzipien auf: Das Ableitbarkeitsprinzip und das Kompatibilitätsprinzip.

Die Entfaltung des Themas zum Gesamtinhalt des Textes kann als Verknüpfung  bzw. Kombination relationaler, logisch-semantisch definierter Kategorien  beschrieben werden, welche die internen Beziehungen der in den einzelnen  Textteilen (Überschrift, Abschnitten, Sätzen usw.) ausgedrückten  Teilinhalte bzw. Teilthemen zum thematischen Kern des Textes (dem  Textthema) angeben. 

Grundformen thematischer Entfaltung

Es haben sich nun in der Sprachgemeinschaft eine Reihe von Grundformen  thematischer Entfaltung herausgebildet, von denen wohl die deskriptive  (beschreibende), die narrative (erzählende), die explikative (erklärende)  und die argumentative (begründende) Entfaltung eines Themas zum Textinhalt  die wichtigsten sind. 

Die deskriptive Themenentfaltung ist vor allem für die informativen  Textsorten besonders charakteristisch (Nachricht, Bericht, Lexikonartikel,  wiss. Abhandlung); wir finden sie auch in instruktiven Texten  (Gebrauchsanweisung) und in normativen Texten (Gesetz, Vertrag,  Vereinbarung). In appellativen Texten (z.B. politischen Kommentaren)  verbindet sich häufig mit der argumentativen Themenentfaltung.

Die narrative Themenentfaltung zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:  Das Thema wird durch ein singuläres Ereignis repräsentiert; als zentrale  thematische Kategorie sind die "Komplikation" und die "Resolution"  (Auflösung der Komplikation) sowie die "Evaluation" (Bewertung) anzusehen.  Hinzu kommen noch die "Orietierung" und ggf. die "Koda" ("Moral", Lehren  für die Zukunft).

Die explikative Themenentfaltung zeichnet sich durch eine gewisse Dominanz  von Konjunktionen, Adverbien und Präpositionen aus, die Kausalbeziehungen  im weitesten Sinn (Grund, Ursache, Bedingung, Folge usw.) signalisieren.  Die explikative Themenentfaltung ist vor allem für bestimmte Textsorten  charakteristisch, die auf eine Erweiterung des Wissens zielen. Sie verbindet  sich häufig mit der deskriptiven Themenentfaltung; sie kann aber auch in  das komplexe Verfahren des Argumentierens integriert werden.

Die argumentative Themenentfaltung: St. Toulmin stellt die allgemeine  Struktur einer Argumentation mit Hilfe von relationalen logisch-semantisch  definierten Kategorien dar. Wesentlich für die argumentative  Themenentfaltung ist der Zusammenhang von These (Konclusion), Argumenten  (Daten), Schlussregel und Stützung (der Regel). Eine weitere Kategorie ist  die als konsensuell präsupponierte Wertbasis, aus der nicht nur die  (mögliche) Stützung abgeleitet ist, sondern auf der die gesamt  Argumentation letztlich beruht. Die argumentative Themenentfaltung ist vor  allem für appellative Texte kennzeichnend. Wir finden argumentative  Themenentfaltung auch in normativen Texten (z.B. in Gerichtsentscheidungen)  und in bestimmten informativen Texten (z.B. in Rezensionen und in wiss.  Abhandlungen).

3. Analyse der Textfunktion

Der Terminus "Textfunktion" kann zunächst ganz vorläufig definiert werden  als der Sinn, den ein Text in einem Kommunikationsprozess erhält, bzw. als  der Zweck, den ein Text im Rahmen einer Kommunikationssituation erfüllt.  Ein Kommunikationsprozess wird gebildet durch zumindest zwei  Kommunikationspartner, die in einen kommunikativen Kontakt treten, indem  sie Äußerungen bzw. Texte produzieren und rezipieren. Jeder  Kommunikationsprozess läuft in einer durch Ort und Zeit abgrenzbaren  Kommunikationssituation ab.

Für einen Text können zwar durchaus mehrere Funktionen charakteristisch  sein, der Kommunikationsmodus des Textes insgesamt aber wird in der Regel  nur durch eine Funktion bestimmt. Diese dominierende Kommunikationsfunktion  bezeichnen wir als Textfunktion. Als theoretisch-begriffliche Grundlage für  eine adäquate Explikation des Begriffs der Textfunktion betrachten wir die  Sprechakttheorie (J. L. Austin, J. R. Searle, D. Wunderlich u. a.). So  lässt sich eine handlungstheoretisch fundierte Definition der Textfunktion  gewinnen. 

Das Sprechhandlungskonzept

Sprachliche Handlungen sind nicht nur intentional, sondern auch  konventionell. Das heißt: Sprachliche Handlungen werden innerhalb der  Sprachgemeinschaft nach Regeln vollzogen. Die Kommunikationspartner  besitzen also ein gemeinsames Wissen darüber, unter welchen Bedingungen und  nach welchen Regeln bestimmte sprachliche Handlungen in  Kommunikationssituationen ausgeführt werden können.  Wir müssen die an die Sprechhandlung gebundene, dadurch konventionell  geltende Handlungsabsicht des Emittenten von der "wahren Absicht"  unterscheiden, wenn sich die Kommunikationspartner in der Regel auch  wechselseitige Aufrichtigkeit unterstellen - zumindest solange kein Anlass  besteht, beim Partner Unaufrichtigkeit zu vermuten. Die Konventionalität  sprachlicher Handlungen ist also einerseits Voraussetzung dafür, dass der  Sprecher mit einer bestimmten Äußerung dem Hörer verständlich machen kann,  was er von ihm will, andererseits ermöglicht sie aber auch Täuschung, Lüge  und Manipulation.  Die konventionell geltende kommunikative Bedeutung einer sprachlichen  Handlung, wird durch die sog. konstitutive Regel angegeben. Nach Searle  "erzeugen" konstitutive Regeln neue Formen des Verhaltens (z.B. für das  Schachspiel usw.) - im Unterschied zu regulativen Regeln, "die bereits  bestehende oder unabhängig von ihnen existierende Verhaltensformen regeln"  (z.B. Anstandsregeln).  Nach J. R. Searle lassen sich solche konstitutiven Regeln formulieren für  die sprachliche Handlung des Aufforderns, des Ratgebens, des Versprechens,  des Behauptens, Feststellens, Bestätigens und des Fragens. Als explizite  Form einer Sprechhandlung gilt der sog. vollständige Satz mit  "performativem, d.h. sprechaktindizierendem Verb in der ersten Person; der  Ausdruck hiermit kann ergänzt werden, z.B. Ich verspreche die (hiermit),  dass ... Ich rate die (hiermit) ...  An der expliziten Form wird deutlich, dass jede sprachliche Handlung aus  zwei Komponenten besteht, aus dem illokutiven Teil, der den  Sprachhandlungstyp bezeichnet (z.B. "Versprechen", "Ratgeben"), und dem  propositionalen Teil, der den Inhalt der Handlung (z.B. des Versprechens,  des Ratschlags usw.) enthält. Zu ergänzen ist noch der sog.  "Äußerungsakt", der die Ausdrucksseite der Äußerung betrifft (das Äußern  von Lauten, Wörtern, Sätzen). Der Begriff des Äußerungsaktes umfasst  Aspekte von Sprache, die im wesentlichen den Gegenstandsbereich der  traditionellen Sprachwissenschaft, aber auch der strukturalistischen  Linguistik ausmachen (vgl. die "klassischen" linguistischen  Teildisziplinen wie Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexikologie); die  linguistische Beschreibung ist hier aber nicht handlungstheoretisch  fundiert.

Eine Sprechhandlung besteht nach Searle also aus drei verschiedenen Arten  von Teilhandlungen, dem illokutiven Akt, dem propositionalen Akt und dem  Äußerungsakt, die der Sprecher in einer normalen Kommunikation allerdings  zusammen und gleichzeitig ausführt.

Von diesen Komponenten einer Sprechhandlung wird noch besonders der  "perlokutionäre Akt" abgehoben; er bezeichnet die Wirkungen, die der  illokutive Akt auf die Handlungen, Gedanken, Anschauungen usw. des  Rezipienten haben kann. Nach Austin sind perlokutionäre Akte im Unterschied  zu illokutiven Akten nicht konventionalisiert. 

Illokutionsindikatoren:

Es gibt nun eine ganze Reihe konventionell geltender sprachlicher bzw.  grammatischer Mittel, die dazu dienen, den Typ einer sprachlichen Handlung  anzuzeigen:  - die sog. explizit performative Formel

-   den Satztyp (etwa Frage-, Aufforderungs- und Aussagesatz) und das Satzmuster (Satzbauplan, der die grammatischen Informationen wie Modus, Tempus, Numerus, Person usw. enthält).

-   sog. Abtönungspartikel (z.B. aber, doch, bloß, nur, ja, mal ) und    Modalwörter (z.B. bestimmt, hoffentlich, möglicherweise, zweifellos ).

-   den propositionalen Gehalt, der in der Regel aber nicht kontextunabhängig    eine bestimmte illokutive Rolle bezeichnen kann. So signalisiert die    Äußerung Wir werden morgen wiederkommen vom Satzmuster her eine Ankündigung. Ob sie darüber hinaus eine Drohung oder ein Versprechen darstellt, ergibt sich aus dem propositionalen Gehalt in Verbindung mit  dem Kontext.  Für die gesprochene Sprache wäre vor allem noch auf die prosodischen  Merkmale (Intonation, ggf. Sprechtempo usw.) hinzuweisen.

Nach den Untersuchungen von W. Sökeland ergibt sich hinsichtlich der  Dominanzverhältnisse das folgende Bild: Partikeln, prosodische Merkmale und  propositionaler Gehalt sind stärkere sprachliche Indikatoren als die  explizit performative Formel und der Satztyp bzw. das Satzmuster; die  ersteren zeigen im Falle einer Indikatorenkonkurrenz die tatsächliche illokutive Rolle einer Äußerung an. Nun ist jeder sprachliche Handlung in  einen Handlungs- bzw. Situationszusammenhang eingebettet; wie haben deshalb  auch Kontextindikatoren zu berücksichtigen. Man kann generell wohl sagen,  dass die Kontextindikatoren letztlich über die sprachlichen Indikatoren  dominant sind.

Die Illokutionsstrukturanalyse definiert den Text als hierarchisch  strukturierte Abfolge von elementaren sprachlichen Handlungen ("illokutive  Handlungen" genannt). Die illokutive Handlung gilt als Grundeinheit für die  Textkonstitution. "Hierarchisch strukturiert" bedeutet, dass zwischen den illokutiven Handlungen mannigfache Unter- und Überordnungsbezeichnungen  bestehen, wobei in der Regel eine bestimmte illokutive Handlung die übrigen  dominiert; diese bezeichnet dann das Gesamtziel des Textes. Die anderen  illokutiven Handlungen dienen dazu, diese dominierende illokutive Handlung  zu stützen, d.h. ihren Erfolg zu sichern. 

Der Begriff der Textfunktion

Der Terminus "Textfunktion" bezeichnet die im Text mit bestimmten,  konventionell geltenden, d.h. in der Kommunikationsgemeinschaft verbindlich  festgelegten Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht des Emittenten. Es  handelt sich also um die Absicht des Emittenten, die der Rezipient erkennen  soll, sozusagen um die Anweisung des Emittenten an den Rezipienten, als was  dieser den Text insgesamt auffassen soll, z.B. als informativen oder als  appellativen Text. Die Textfunktion ist von der Wirkung abzugrenzen, die  der Text auf den Rezipienten ausübt. Wie der perlokutionäre Akt bei  einfachen sprachlichen Handlungen, so ist auch die Textwirkung im  Unterschied zur Textfunktion nicht konventionalisiert, sei sie nun  beabsichtigt oder nicht beabsichtigt. 

Indikatoren der Textfunktion:

Die bloße Häufigkeit sprachlicher Einheiten und Strukturen ist kein  geeignetes Kriterium zur Bestimmung von Textfunktionen; eine solche  Betrachtungsweise operiert zu sehr an der Textoberfläche. Wie gehen davon  aus, dass die Textfunktion durch bestimmte innertextliche (vor allem  sprachliche) und aussersprachliche (kontextuelle) Mittel angezeigt wird,  die wir Indikatoren der Textfunktion nennen. Wir unterscheiden drei  Grundtypen solcher Indikatoren:

1.  Der Emittent bringt die Textfunktion explizit zum Ausdruck: Direkte Signalisierung der Textfunktion (z. B. durch explizit performative Formeln und äquivalente Satzmuster).

2.  Sprachliche Formen und Strukturen, mit denen der Emittent seine Einstellung zum Textinhalt ausdrückt.

3.  Kontextuelle Indikatoren wie der situative, insbesondere der institutionelle Rahmen des Textes, das vorausgesetzte Hintergrundwissen.

Dem Kontext kommt eine fundamentale Bedeutung zu.

Textuelle Grundfunktionen

Fast alle bisher vorgelegten Ansätze zur Unterscheidung von Textfunktionen  knüpfen in irgendeiner Form an das Organon-Modell von K. Bühler (1934, S.  288 ff.) an. Bühler betrachtet die Sprache als "Werkzeug", mittels dessen  der Emittent mit dem Rezipienten über Dinge in der Welt kommuniziert.  Sprachliche Zeichen fungieren damit gleichzeitig als "Symbol" für  Gegenstände und Sachverhalte der Wirklichkeit (= Darstellungsfunktion), als  "Symbol" der Innerlichkeit des Emittenten (= Ausdrucksfunktion) und als  "Signal", indem sie an den Rezipienten appelieren (= Appelfunktion).

Gegen alle auf Bühler basierenden Klassifikationen (Grosse, Gülich und W.  Raible, Searle usw.) ist einzuwenden, dass sie insofern nicht ganz homogen  sind, als die Einteilung - sprachtheoretisch gesehen - auf  unterschiedlichen Kriterien beruht. [vgl. oben unter Sprachfunktionen,  Brinker] 

Im Unterschied zu den besprochenen Klassifikationsansätzen soll unsere  Abgrenzung von Textfunktionen auf einem einheitlichen Kriterium beruhen,  und zar auf der Art des kommunikativen Kontakts, die der Emittent mit dem  Text dem Rezipienten gegenüber zum Ausdruck bringt. Es lässt sich dadurch  eine homogene Klassifikation erreichen. 

Als Basis für unsere Einteilung wählen wir die Illokutionstypologie  Searles, modifizieren sie aber im Hinblick auf die Kategorien  "Repräsentativ" und "Expressiv", die bei Searle primär aufgrund  verschiedener Referenzarten definiert und somit nicht deutlich genug auf  das interaktive Moment bezogen sind. Wir führen statt dessen eine  Informations- und eine Kontaktfunktion ein (die in ähnlicher Form auch in  der Klassifikation Grosses vorkommen). Damit ist natürlich nicht gesagt,  dass alle repräsentativen Sprechakte im Sinne Searles eine  Informationsfunktion und alle expresiven Sprechakte eine Kontaktfunktion  haben; sie können auch andere kommunikative Funktionen realisieren. - Vgl.  zur Informationsfunktion der Repräsentative Wunderlich 1976, S. 173ff. - Expresive Sprechakte können auch eine appellative oder eine informative  Funktion haben. Lediglich die Deklarative sind unter dem Aspekt der  interpersonalen Beziehung insofern als Sonderfall zu betrachten, als sie  primär auf eine Veränderung der Welt gerichtet sind (vgl. Harras 1983, S.  209).

Unter dem kommunikativ-funktionalen Aspekt der interpersonalen Beziehung  kommen wir dann zu den folgenden Aufstellung textueller Grundfunktionen:

- Informationsfunktion

- Appellfunktion

- Obligationsfunktion

- Kontaktfunktion

- Deklarationsfunktion

Zu ergänzen wäre noch die sog. poetische (ästhetische) Funktion, die in  literarischen Texten dominiert und primär Gegenstand  literaturwissenschaftlicher Untersuchung ist (vgl. dazu Grosse 1976,  40ff.).

Die Informationsfunktion:

Ich informiere dich über den Sachverhalt X 

Der Emittent kann die Sicherheit seines Wissens auf vielfältige Weise  einschränken, z.B. durch Angabe der Quelle oder durch die Verwendung von  Modalverben (sollen, wollen usw.), Modalwörtern (offenbar, vermutlich ...).  Die Informationsfunktion ist charakteristisch für die Textsorten  "Nachricht", "Bericht" und "Beschreibung". Sie kann sich auch mit der  "evaluativen" Einstellung (etwas gut / schlecht finden ) verbinden. Diese  thematische Einstellung ist kennzeichnend für die Textsorten "Gutachten",  "Rezension", "Leserbrief" usw. Die informative Textfunktion ist also sowohl  mit einer sachbetonten als auch mit einer meinungsbetonten sprachlichen  Darstellung kompatibel. Ob eine wertende Aussage neben ihrer informativen  Funktion auch noch (oder primär) eine appellative Funktion hat, ergibt sich  aus dem Kontext bzw. der Textsorte, der der entsprechende Text angehört. 

Die Appellfunktion:

Ich fordere dich auf, die Einstellung X zu übernehmen

Ich fordere dich auf, die Handlung X zu vollziehen

Textsorten mit appellativer Grundfunktion sind: Werbeanzeige, Propagandatext, Kommentare, Arbeitsanleitung, Gebrauchsanweisung, Rezept,  Gesetzestext, Gesuch, Antrag, Bittschrift, Predigt usw.

Die appellative Textfunktion kann zwar direkt durch explizit performative  Formeln mit den Verben auffordern, anordnen, befehlen, bitten, raten,  empfehlen, fragen, verlangen, beauftragen  usw. signalisiert werden. Solche  expliziten Strukturen sind in Texten aber selten. Die häufigsten  grammatischen Indikatoren der Appellfunktion sind vielmehr! 

a) der Imperativsatz: Entdecken Sie die frische freie Welt der Reyno! 

b) die Infinitivkonstruktion: Erst mal entspannen, erst mal Picon.

c) der Interrogativsatz: Haben Sie schon eine Rentenversicherung beantragt? 

d) Satzmuster mit sollen  oder müssen + Infinitiv, haben zu + Infinitivo,  sein zu + Infinitiv u. a.: Die Miete ist vor dem 5. l. M. zu bezahlen.

Die obligatorische Funktion:

Ich verpflichte mich, die Handlung X zu tun 

Textsorten mit Obligationsfunktion sind Vertrag, Vereinbarung, Garantieschein, Gelübde, Gelöbnis, Angebot usw. Selbstverpflichtende Texte  sind in der Regel stark institutionalisiert; sie sind deshalb meistens  durch eine direkte Signalisierung der Textfunktion gekennzeichnet:  versprechen, sich verpflichten, schwören, übernehmen, sich bereit erklären,  garantieren, sich verbürgen, wetten, anbieten usw. 

Die Kontaktfunktion:

Über die Glückwünsche zu ... haben uns sehr gefreut. 

Der Emittent gibt dem Rezipienten zu verstehen, dass es ihm um die  personale Beziehung zum Rezipienten geht. Die kontaktspazifische Funktion  wird durch explizit performative Formeln mit den Verben danken, um  Entschuldigung bitten, beglückwünschen, gratulieren, sich beschweren,  willkommen heißen, Beileid aussprechen, verfluchen usw. signalisiert.  Kontakttexte sind vielfach an feste gesellschaftliche Anlässe geknüpft, die  den Ausdruck der psychischen Einstellung des Emittenten verlangen.  Entscheidend ist nicht die Gefühlsäußerung als solche, sondern die  Erfüllung einer sozialen Erwartung durch den Emittenten. Darauf beruht die  kontaktspezifische Bedeutung solcher Einstellungsbekundungen.  Die Kontaktfunktion ist besonders charakteristisch für sog.  Partizipationstexte, in denen der Emittent seine Anteilnahme mit dem  Rezipienten zum Ausdruck bringt: Gratulations- und Kondolenzbriefe. Auch  die Ansichtskarte und andere Formen des Kontaktbriefs drücken primär die  kontaktspezifische Textfunktion aus. In der dialogischen Kommunikation  erfüllen diese Funktion vor allem die Gesprächssorten "Unterhaltung",  "Plauderei", "Small Talk".

Die Deklarationsfunktion:

Ich bewirke hiermit, dass X als Y gilt.

Der Emittent gibt dem Rezipienten zu verstehen, dass der Text eine neue  Realität schafft. Textsorten mit deklarativer Grundfunktion sind z.B.  Ernennungsurkunde, Testament, Schuldspruch, Bevollmächtigung, Bescheinigung  usw. Es handelt sich durchweg um Textsorten, die an bestimmte  gesellschaftliche Institutionen gebunden sind. Die Deklarationsfunktion  wird fast immer direkt (durch feste, ritualisierte und explizite Formeln)  ausgedrückt. Neben den expliziten sprachlichen Formen sind es vor allem  auch bestimmte Textüberschriften (wie Testament, Urkunde, Bescheinigung,  Vollmacht usw.), die auf die Deklarationsfunktion verweisen.

4. Analyse von Textsorten

Es wurde deutlich, dass es neben grammatischen und thematischen  Kohärenzbedingungen vor allem die kommunikative Funktion (Textfunktion) ist,  die eine Folge von sprachlichen Zeichen zu einem Text macht. In der  Textlinguistik sind diese allgemeine Textbedingungen unter dem Begriff der  Textualität zusammengefasst. Ein sprachliches Gebilde muss also gewisse  Textualitätsmerkmale aufweisen, um als Text zu gelten. Nun ist ein  konkreter Text aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe "Text"; er repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Textsorte.  Der konkrete Text erscheint immer als Exemplar einer bestimmten Textsorte. 

Von der Aufstellung einer geschlossenen und in sich stimmigen Texttypologie  ist die Textlinguistik noch weit entfernt. Lediglich für den Teilbereich  der sog. literarischen Kommunikation stellt die (im Deutschland) auf das  18. Jahrhundert zurückgehende literarische Gattungslehre eine  Textklassifikation bereit: sie geht von den drei Dichtungsarten (den sog.  Großgattungen) Lyrik, Epik und Dramatik aus und unterscheidet innerhalb  dieser Bereiche aufgrund formaler und inhaltlicher Merkmale eine Reihe von  Gattungen im engeren Sinn ("Genres"), z. B. Roman, Erzählung, Novelle,  Fabel usw. im Bereich der Epik: Lied, Ode, Hymne, Sonett, Ballade usw. im  Bereich der Lyrik: Tragödie, Komödie, Lehrstück, Posse usw. im Bereich der Dramatik. Allerdings ist die Lehre von den Gattungen nicht unumstritten;  die gegebenen Definitionen sind nicht allgemein akzeptiert, oft auch  unscharf. 

Textsorten in der Alltagssprache

Die Alltagswelt enthält viele Bezeichnungen für Textsorten. M. Dimter hat  im Rechtschreibduden von 1973 mehr als 1600 Textsortennamen gezählt, von  denen aber "nur" etwa 500 als "grundlegend" gelten könnten; die übrigen  Bezeichnungen seien als "abgeleitet" zu charakterisieren. Die Textsorten  der Alltagssprache sind hauptsächlich durch funktionale, thematische und  situative Merkmale definiert. Dabei kommt der Textfunktion insofern eine  dominierende Rolle zu, als sie den Kommunikationsmodus festlegt. Die  Thematik besitzt lediglich eine spezifizierende Bedeutung; die Situation  gibt den Rahmen an, in dem sich der kommunikative Kontakt realisiert. 

Der linguistische Textsortenbegriff

In der linguistischen Textsortentheorie kann man zwei Hauptforschungsrichtungen unterscheiden:

(a)  den sprachsystematisch ausgerichteten Forschungsansatz, der aufgrund struktureller, d.h. grammatischer Merkmale eine Beschreibung und Abgrenzung von Textsorten versucht (Harweg 1968, Weinrich 1972),

(b)  den kommunikationsorientierten Forschungsansatz, der von situativen und kommunikativ-funktionalen Aspekten aus die Textsortenproblematik zu lösen beabsichtigt (Glin 1971, Steger 1974, Gülich/Raible 1975, Grosse 1976, Sandig 1978, Ernert 1979).

Unter handlungstheoretischer Perspektive können wir von den folgenden  Textsorten-Definition ausgehen: Textsorten sind konventionell geltende  Muster für komplexe sprachliche Handlungen und lassen sich als jeweils  typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ- funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen  beschreiben. Sie haben sich in der Sprachgemeinschaft historisch entwickelt  und gehören zum Alltagswissen der Sprachteilhaber. 

Differenzierungskriterien

Vor dem Hintergrund des skizzierten Textsortenbegriffs betrachten wir die  Textfunktion als Basiskriterium zur Differenzierung von Textsorten. Seine  Anwendung führt zur Unterscheidung der folgenden fünf Textklassen!

- Informationstexte (Nachricht, Bericht, Sachbuch, Rezension ...)

- Appelltexte (Werbeanzeige, Kommentar, Gesetz, Antrag ...)

- Obligationstexte (Vertrag, Garantieschein, Gelöbnis ...)

- Kontakttexte (Danksagung, Kondolenzschreiben, Ansichtskarte ...)

- Deklarationstexte (Testament, Ernennungsurkunde ...)

Kontextuelle Kriterien:

Texte sind immer in abgrenzbare Kommunikationssituationen eingebettet: situative Faktoren beeinflussen wesentlich die Ausprägung der Textstruktur.

Zum Begriff der Kommunikationsform:

Die Kommunikationssituation wird entschieden durch das Medium bestimmt, das  zur Übermittlung von Texten eingesetzt wird. Wir können im wesentlichen  fünf Medien unterscheiden: Face-to-face-Kommunikation, Telefon, Rundfunk,  Fernsehen und Schrift. Die besonderen situativen Merkmale der einzelnen  Medien begründen also verschiedene Arten oder Formen der Kommunikation.  Die wichtigsten sind:

- das direktive Gespräch (face-to-face)

- das Telefongespräch

- Rundfunksendung  - Fernsehsendung

- Brief

- Zeitungsartikel / Buch

Für diese Kommunikationsformen ist charakteristisch, dass sie - im  Unterschied zu den Textsorten - allein durch situative bzw. mediale  Merkmale definiert, in kommunikativ-funktionaler Hinsicht also nicht  festgelegt sind. Die Kommunikationsformen sind multifunktional, während  die Textsorten nach unserer Definition immer an eine bestimmte  (dominierende) kommunikative Funktion (die Textfunktion) geknüpft sind.

Zum Begriff des Handlungsbereichs:

Die Kommunikationssituationen, die den Rahmen für Textsorten bilden, sind  bestimmten gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet, für die jeweils  spezifische Handlungs- und Bewertungsnormen gelten:

- privater Bereich  - offizieller Bereich

- öffentlicher Bereich 

Die Differenzierung der Handlungsbereiche in die Kategorien "privat",  "offiziell" und "öffentlich" ist sicherlich noch recht grob; sie ist aber  für die Textsortenbestimmung insofern von großer Bedeutung, als sich  bereichsspezifische sprachliche und kommunikative Muster herausgebildet  haben. 

Zur Hierarchisierung der Kriterien:

Die Textfunktion definiert die Textsortenklasse, während die einzelnen  Textsorten innerhalb einer Klasse durch die Kategorien "Kommunikationsform"  und "Handlungsbereich" sowie "Art des Textthemas" und "Form der  thematischen Entfaltung" abgegrenzt werden. Die aufgeführten Kriterien  dienen primär zur Abgrenzung von Textsorten; eine Beschreibung von  Textsorten hat vor allem noch Merkmale zu berücksichtigen, die die  sprachliche Gestaltung des Textes betreffen (Syntax, Lexik usw.). 

5. Zusammenfassung

Übersicht über Kategorien und Kriterien der Textanalyse

Ausgangspunkt ist die Unterscheidung von Struktur und Funktion. Unter  strukturellem Aspekt heben wir eine grammatische und eine thematische  Strukturebene voneinander ab.

Als zentrale Analysekategorie der grammatischen Ebene wird die grammatische  Kohärenz angesehen, die auf den syntaktischen und semantischen  Verknüpfungsbeziehungen zwischen den Sätzen des Textes beruht.  Auf der thematischen Ebene geht es um die Struktur des Textinhalts, die als  Gefüge von Beziehungen zwischen dem thematischen Kern (dem Textthema) und  den in den Propositionen bzw. propositionalen Komplexen des Textes  ausgedrückten Teilinhalten bzw. Teilthemen aufgefasst wird. Die wichtigsten  Kategorien dieser Ebene sind "Textthema" und "Form der Themenentfaltung".

Der zweite Grundaspekt der linguistischen Textanalyse, der kommunikativ- funktionale Aspekt bezieht sich auf den Handlungscharakter des Textes. Als  Analysekategorie fungiert hier die Textfunktion, die als die im Text  konventionell ausgedrückte dominierende Kommunikationsintention des  Emittenten definiert wird. 

Der Zusammenhang von Beschreibungsaspekten, Analysekategorien und  Analysekriterien lässt sich schematisch folgendermaßen darstellen:

 

 

 kommunikativ-funktionaler Aspekt

 

 

 Textfunktion >

 informativ

 appellativ 

 obligatorisch

 kontaktspezifisch

 deklarativ

 

 

Thema

Art, lokale / zeitliche Orientierung

 

 

 

 

struktureller Aspekt

 

 

 

thematische

Ebene

 

Themenentfaltung 

 

Grundform

deskriptiv

narrativ

explikativ

argumentativ

 

 

Realisationsform

deskriptiv-sachbetont /

meinungsbetont

rational-überzeugend /

persuasiv usw.

 

grammatische

Ebene

 

grammatische

Kohärenz  

Wiederaufnahme

Tempuskontinuität

konjunktionale Verknüpfung

semantische Vertextungstypen usw.          

         

Übersicht über die Analyseschritte

▪ Analyse der kontextuellen Merkmale

▪ Analyse der thematischen (und grammatischen) Textstruktur:

-Bestimmung des Textthemas

-Beschreibung der Themenentfaltung und des thematischen Entfaltungstyps (deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ)

-Beschreibung der Art (Modalität) der Themenbehandlung (sachbetont, meinungsbetont, wertend, ernsthaft, spaßig, ironisch usw.)

-Beschreibung der die Thematik ausdrückenden sprachlichen Mittel

Zwischen situativem Kontext, kommunikativer Funktion, thematischem Aufbau  und sprachlich-grammatischer Strukturierung von Texten bestehen komplexe  Beziehungen.  Zwischen den kommunikativen Funktionen und den Formen thematischer  Entfaltung einerseits und den grammatischen Einheiten und Strukturen  andererseits ist prinzipiell kein Eins-zu-Eins-Verhältnis anzunehmen.

Die Textlinguistik ist nicht weit genug entwickelt, um die Zusammenhänge  zwischen Kommunikationssituation, Textfunktion und Textstruktur bereits  systematisch beschreiben und in Regeln fassen zu können.

[Zusammenfassung von: Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. Berlin: E. Schmidt, 31992]