SPRACHWANDEL

Cambio lingüístico

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Lautwandel / Lautverschiebung / Diachronisch / Diachronie

 

„Sprachwandel. Untersuchungsgegenstand der Historischen Sprachwissenschaft: Prozess der Veränderung von Sprachelementen und Sprachsystemen in der Zeit.“ [Bußmann, H., S. 721]

„Kausale Fragestellungen sind bekanntermaßen im Zusammenhang mit der Untersuchung von Sprachwandelprozessen problematisch; nach Coseriu sind sie sogar völlig unangemessen, da Veränderlichkeit ein Wesensmerkmal der Sprache als energeia ist. Uns interessieren also nicht primär die «causes», sonder die «pathways» der Veränderungen, wie es Harris einmal formulierte, d.h., nicht das Warum, sondern das Wie des Wandels.

Sasse (1977, 133) stimmt Coseriu prinzipiell in Bezug auf die Ablehnung kausaler Fragestellungen im Zusammenhang mit sprachlichem Wandel zu, merkt darüber hinaus aber an: «Das ist prinzipiell richtig, doch ist speziell für die Universalforschung die Sprachgeschichte von fundamentaler Bedeutung: es gibt rund um die Welt gemeinsame Tendenzen im Sprachwandel; es ist anzunehmen, dass diese gemeinsamen Tendenzen gemeinsame Gründe haben, und diese Gründe sind eben die Universalien». Keller hingegen, der Sprache als ein Phänomen der dritten Art beschreibt, schließt in seiner invisible hand-Erklärung von Sprachwandelprozessen die Frage nach der Kausalität des Wandels nicht von vornherein aus.

Im Unterschied zur Frage nach der kausalen Determinierung besteht nämlich weitgehend Einigkeit darüber, dass morphologischer und syntaktischer Wandel die Folge bestimmter gerichteter Restrukturierungsprozesse ist. Die meisten Arbeiten zum Sprachwandel gehen davon aus, dass es für sprachlichen Wandel grundsätzlich keine monokausalen bzw. einsträngig-finalistischen Erklärungsansätze gibt, sondern dass immer von einem Zusammenspiel mehrerer externer wie interner Faktoren ausgegangen werden muss.  In der Regel wird dabei den internen, also den sprachimmanenten Faktoren größere Bedeutung beigemessen als externen Faktoren wie z.B. Sprachkontakt, Sprachpolitik etc.

Weiterhin besteht Konsens darüber, dass in der Regel kein abrupter Wechsel von zwei (oder mehr) im System angelegten syntaktischen Möglichkeiten stattfindet, sondern dass es vielmehr zunächst innerhalb der Norm zu schrittweisen Veränderungen bezüglich des Akzeptabilitätsgrades einer Struktur und infolgedessen zu Funktionsverschiebungen und Frequenzveränderungen kommt. „Der Übergang von XY zu YX erfolgt nicht durch ein abruptes Umspringen zwischen Linearisierungen, sondern durch ein den Gesetzmäßigkeiten der implikativen Universalien unterworfenes Entwickeln einer marginalen YX-Strategie am Umkehrpunkt der beiden Serialisierungstypen, die dann langsam an Häufigkeit zunimmt und endlich XY ersetzt und so den «Umkehrpunkt» weiter nach oben verschoben hat“ – so Fanselow (1987, 129).

Unsere Beobachtungen bestätigen die heute weit verbreitete Auffassung, dass sich jede Form von Sprachwandel als Selektion in einem synchron vorhandenen Variantenreservoir erklären lässt. Was sich ändert, ist also nicht das Inventar der im Sprachsystem vorhandenen Formen und Konstruktionsmöglichkeiten, sondern es sind die Regeln für ihre Verwendung im konkreten Sprechen und damit die Häufigkeit und die Bedingungen ihres Vorkommens. So ähnlich formuliert es auch Eckert: «In den allermeisten Fällen findet Wandel nur auf der Ebene der Norm statt. Verschiedene Normen wechseln sich diachron ab, ohne dass das System davon berührt wird. Aber auch das System kann sich ändern, da das benutzte und realisierte System die Möglichkeiten seiner eigenen Überwindung schon in sich trägt». [...] Im Bereich des morphologischen und lexikalischen Wandels spielt v.a. die Analogiewirkung sowie die Metapher- und Metonymiebildung eine Rolle.“

[Neumann-Holzschuh, Ingrid: Die Satzgliedandornung im Spanischen. Eine diachrone Analyse. Tübingen: Niemeyer, 1997, S. 436ff]

Sprachwandel nach E. Coseriu

„Die Frage des Sprachwandels hat zunächst nur Sinn für jemand, für den die Stabilität der Sprachen das Gegebene ist. Das ist der Fall für alle diejenigen, die im Saussureschen synchronischen Sprachzustand das Wesen des Sprachlichen zu fassen scheinen. Diese objektive Stabilität ist aber bei näherem Zusehen eine Illusion: Da die Sprachbeschreibung (im Gegensatz zu Sprachhistorie) zunächst von den Veränderungen absieht, entsteht der falsche Eindruck einer veränderungsfreien Sprache. Man hat also eine methodologische Einschränkung als einen objektiven Mangel interpretiert und damit die Wirklichkeit entstellt. In Wahrheit ist alles Sprachliche, auch ein Sprachzustand, im wesentlichen enérgeia und damit Wandel.

Man kann nun aber die Frage „Warum verändern sich die Sprachen?“ auch in einem engeren Sinne stellen. Dann bezieht sie sich nicht auf das allgemeine Wesen der Sprache, sondern auf die Aitiologie der einzelnen Sprachveränderungen.

Angesichts der heutigen Problemlage in der Sprachwissenschaft scheint es mir wichtig, besonders auf die Abschnitte hinzuweisen, in denen Coseriu gerade den sog. Systemcharakter der Sprachen im Sinne einer historischen Aitiologie auswertet (Kap. IV). Coseriu zeigt diejenigen Eigenschaften der Sprachsysteme auf, die Grundlage und Bedingung des Sprachwandels sind. Er bespricht die Variationswerte der Lautrealisierungen, die „Leerplätze“ im System, die unausgenutzten Oppositionen. Er weist ferner darauf hin, dass in einer Sprache verschiedene Varianten und „isofunktionale“ Formen zusammenleben. Dies ist besonders auf grammatikalischen Gebiet belegbar. Die Nichtstabilität eines Sprachsystems zeigt sich auch in seinen inneren Widersprüchen: »se da un conflicto permanente entre lo sintagmático y lo paradigmático, pues, en cierto sentido, en el hablar se dice más de lo funcionalmente necesario« (p. 74), so ist z. B. in los senderos der Plural zweimal bezeichnet.

Die ganze Argumentation des Verf. ist jedoch weniger darauf ausgerichtet, zu zeigen, dass in traditionell gewachsenen Sprachen das grammatische System eben kein rationales ist und ein konsequenter sprachwissenschaftlicher Rationalismus von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, sondern vielmehr auf die Verteidigung der These von der geisteswissenschaftlichen Aitiologie im Gegensatz zur so genannten naturwissenschaftlichen. [...]

Für Coseriu sind die Begriffe »Sprache« und »Veränderung« nicht trennbar, da ja das Wesen der Sprache enérgeia ist. Wir werden im Folgenden zu zeigen versuchen, dass diese Auffassung auf einem Denkfehler beruht. Zuvor aber wollen wir betonen, dass sie dennoch etwas Wahres enthält, zumal wenn man sie zunächst nur als eine Berichtigung eines Saussureschen Fehlers betrachtet.

Es ist nämlich sehr leicht einzusehen, dass der Saussuresche »Sprachzustand« nichts anderes ist als eine Epoche in der Entwicklung einer Sprache, während welcher die Veränderungen im Vergleich zu den Erhaltungen relativ gering sind. Saussure selbst war ja bereit, eine solche Epoche über hundert Jahre auszudehnen. Ein »Sprachzustand« innerhalb eines solchen Zeitraumes ist aber natürlich nichts, das aus dem historischen Zusammenhang herausfällt oder ihm gar methodologisch entgegengesetzt werden könnte. Diesen Gegensatz konnte Saussure sozusagen nur erschleichen, indem er den Sprachzustand unberechtigterweise unter dem Decknamen »synchronisch« gleichsetzte mit »Funktionszusammenhang«. In der Tat ist ja dieser a-historisch und das Wort »chronos« ganz unangebracht zu seiner Charakterisierung. Dass der Terminus »synchronisch geschaffen wurde, kann man nur aus dem antithetischen Denken Saussures erklären, der einem dialektischen Gegensatz zuliebe (»diachronisch« – »synchronisch«) ein methodologisches Zwitterwesen schuf, das zugleich ‚historischer’ Sprachzustand und ‚a-historischer’ Funktionszusammenhang sein wollte. Nur der letztere lässt sich von der historischen (besser vielleicht: »etymologischen«) Betrachtungsweise trennen. Zwischen Sprachzustand und Sprachentwicklung hingegen besteht kein wesentlicher Gegensatz.

Es ist schon so, dass die von uns untersuchten traditionell gebundenen Sprachen sich immer verändern. Soweit Coseriu dies betont, ist alles richtig. Nun aber kommen wir zu einem falschen Schluss in seinem Denken: Aus der Tatsache, dass eine Traditionssprache sich notwendigerweise verändert, folgt nicht, dass »Veränderlichkeit« ein Wesensmerkmal der »Sprache an sich« ist. Ich habe den Verdacht, dass der Verf. »wirklich« und »wesentlich« verwechselt. Dieser Verdacht wird dadurch verstärkt, dass er der wirklichen Sprache (lengua concreta) eine Scheinsprache (lengua abstracta) gegenüberstellt. Angeblich offenbart die erstere den Wesenszug des Sprachlichen, nämlich Veränderung, die andere hingegen schafft die Illusion der Unveränderlichkeit (S. 10).

Ist dadurch nun die Veränderlichkeit als Wesensmerkmal der Sprache erwiesen? Ich vermag das nicht zu glauben. Im Gegenteil, man kann mit guten Gründen den Spieß auch umdrehen, indem man sagt, die lengua bastracta ist eine sachgemäße Abstraktion, die alle »wesentlichen« Aspekte des Gegenstandes bewahrt und nur die akzidentellen ausblendet; nicht alles was »wirklich« ist ist auch »wesentlich«. So kommt man also zu dem Schluss, dass die Wesensmerkmale des Sprachlichen besser in der lengua abstracta zu erkennen sind als in der lengua concreta.

Tatsächlich lässt sich ja denn auch zeigen, dass sich die Begriffe »Sprache« und enérgeia sehr wohl trennen lassen. – Ich kann mir sehr gut eine Kunstsprache vorstellen, die in erster Linie nicht historisch, sondern technologisch studiert werden kann. Ja, eine solche Kunstsprache mag selbst gewisse Mechanismen eingebaut haben, die eine Anpassung an zukünftige Ausdrucksprobleme vorsehen, die also ein nach der Zukunft hin »offenes« System vorstellen. Die Naturwissenschaftler haben ja auf anderen Gebieten derartige »kluge« Maschinen schon konstruiert. Eine solche Kunstsprache wäre ganz ohne Zweifel ein érgon, nicht eine enérgeia. Sie wäre vor allem unzweifelhaft »wesentlich« Sprache, obgleich sie das Akzidenz der traditionsgebundenen Freiheit und daher Veränderlichkeit nicht einschließt.

Es scheint uns sicher zu sein, dass Coserius Lösung der Saussureschen Aporie in Wahrheit eine Scheinlösung ist. Auf dem Gebiet der Sprachtheorie ist nicht unbedenklich, zwischen Sprachwirklichkeit und Sprachmethode einen Gegensatz zu konstruieren. Jedenfalls ist ein solcher Gegensatz unfruchtbar für die Auflösung des Saussureschen Dilemmas. Er ist zu ersetzen durch den anderen »Funktionelle« und »Etymologische Methode«. Man sollte die Frage »Warum verändern sich die Sprachen?« durch die Frage »Was ist der Erklärungswert der etymologischen Methode?«. – Coseriu zeigt öfter seine Bewunderung für Kant. Er hätte von dem Königsberger Philosophien lernen können, dass es ein Denkfortschritt ist, die Frage »Was ist ein Ding an sich?« zu ersetzen durch die Frage »Warum erkennen wir ein Ding notwendigerweise in gewissen Formen?«

[Sandmann, M.: „Eugenio Coseriu: Sincronía, Diacronía e Historia. El Problema del cambio lingüístico. Montevideo: Universidad de la República, 1958.“ In: Zeitschrift für Romanische Philologie (Tübingen: Niemeyer), Bd. 76, 1960, S. 136-141]

Cambio lingüístico (alem. Sprachwandel, fr. changement linguistique, ingl. language change). El conjunto de los procesos de modificación que actúan continuamente en la lengua. La lingüística histórica, que lo ha convertido en su objeto de estudio, oscila entre la simple descripción de las diferencias entre un estado sincrónico y el otro y el intento, mucho más ambicioso, de explicar tales cambios recurriendo a un modelo (estructural, funcional) o a un orden de criterios (históricos, sociológicos, articulatorios).“ [Cardona, G. R., p. 40]

«Cambio lingüístico

Modificación que sufre una unidad lingüística en la evolución de una lengua.»

[Eguren, Luis / Fernández Soriano, Olga: La terminología gramatical. Madrid: Gredos, 2006, p. 56]