SPRACHTHEORIEN

Teorías sobre el lenguaje

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Grammatik und Grammatiktheorie / Grammatik-Modelle

 

„Wittgenstein hat gegenüber Versuchen, eine Theorie der Sprache zu entwickeln, entschieden Reserve geübt. Den systematischen Grund für die Deutung der Sprachanalyse als einer bloß therapeutisch wirksamen Tätigkeit vermute ich in der Verabsolutierung eines einzigen, nämlich des interaktiven Gebrauchs der Sprache, demgegenüber der kognitive kein Recht behält.

Nach Einführung seines Sprachspielmodells hat Wittgenstein, wenn ich recht sehe, seinen Theorieverzicht nicht mehr, wie noch im Tractatus, begründet. Er mag Gründe gesehen haben, um die Wege zu einer transzendentalen oder zu einer empirischen oder zu einer konstruktivistischen Sprachtheorie für ungangbar zu halten. Der Sprachtranszendentalismus, der eine die Gegenstände möglicher Erfahrung konstituierende «Sprache überhaupt» rekonstruieren will, vernachlässigt den nicht-kognitiven Sprachgebrauch. Der Sprachempirismus, der ein auf beobachtbare Vorgänge oder Episoden zurückgeführtes Sprachverhalten analysieren will, verfehlt (wie auch die kunstvolle Konstruktion von Sellars zeigt) die intentionale Struktur der Sprache. Und der Sprachkonstruktivismus schließlich verzichtet von vornherein auf eine Analyse natürlicher Sprachen. Offen bleibt noch eine Alternative: Warum sollten sich nicht universale Regelsysteme finden und rekonstruieren lassen, nach denen wir Interaktionszusammenhänge, also die symbolische Realität der Gesellschaft erzeugen? Wittgensteins Untersuchungen verdanken sich der Reflexion auf die Tätigkeit einer therapeutisch eingestellten Sprachanalyse. Hätte er eine Theorie der Sprachspiele entwickeln wollen, so hätte diese die Form einer Universalgrammatik annehmen müssen. Denn Wittgenstein befasst sich nicht mit der Grammatik der Sätze, die in Äußerungen verwendet werden, sondern mit der Grammatik dieser Äußerungen selber, d.h. mit den Regeln der Situierung von Sätzen. Andererseits ist die Rede von einer grammatischen Struktur der Sprachspiele nicht bloß eine pseudolinguistische Floskel. Wittgenstein bringt damit zum Ausdruck, dass seine Untersuchungen auf der Ebene logischer oder begrifflicher Analyse von Sinnzusammenhängen liegen und nicht auf der Ebene einer empirisch gerichteten Pragmatik, die Vorgänge der Sprachverwendung in einem sprachunspezifischen Rahmen als zeichenkontrollierte Verhaltensweisen oder als selbstgeregelte Informationsflüsse auffasst.

Nicht einmal ein handlungstheoretischer Begriffsrahmen würde einer theoretisch verwendeten Sprachspielanalyse gerecht. Man kann zwar sagen, dass die Sprachspielgrammatik aus Regeln für eine situationsgerechte Verwendung von symbolischen Ausdrücken besteht; aber diese Regeln sind konstitutiv: durch sie werden zugleich die Situationen der möglichen Verwendung symbolischer Ausdrücke hervorgebracht. Die kommunikative Lebensform selber ist von der Grammatik der Sprachspiele abhängig. Diese Pointe wird durch den partikularistischen Zug der Wittgensteinschen Spätphilosophie verwischt. Sobald wir nach einer Theorie aller möglichen Sprachspiele fragen, kommt die Pointe zum Vorschein; darin liegt nämlich die Frage nach jenem Regelsystem, mit dessen Hilfe wir Situationen möglicher Verständigung über Gegenstände (und Sachverhalte) erzeugen. Der phänomenologische Versuch einer Klärung der allgemeinen Strukturen der Lebenswelt kehrt dann in Gestalt des sprachtheoretischen Versuchs wieder: die allgemeinen Strukturen der kommunikativen Lebensform in der Universalpragmatik von Sprachspielen überhaupt aufzufinden und zu rekonstruieren. Während die Lebensweltanalyse dem Muster einer Konstitutionstheorie der Erkenntnis folgt, richtet sich die Untersuchung der kommunikativen Lebensform (als Bedingung aller möglichen Sprachspiele) nach dem Muster einer universalistisch eingestellten generativen Sprachanalyse.”

[Habermas, Jürgen: “Sprachspiel, Intention und Bedeutung. Zu Motiven bei Sellars und Wittgenstein”. In: Wiggershaus, Rolf (Hrg.): Sprachanalyse und Soziologie. Die sozialwissenschaftliche Relevanz von Wittgensteins Sprachphilosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, S. 337-338]