SPRACHERWERB

Adquisición de la lengua

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Behaviorismus / Chomsky / Kognitive Linguistik / Kognition / Digital vs. Analog / Aphasie  / Verstand und Vernunft / Gehirn

 

Spracherwerb [engl. language acquisition]

Oberbegriff für

(a)  ungesteuerten Erstspracheerwerb (Spracherwerb im engeren Sinne),

(b)  untersteuerten Zweit- oder Mehrsprachenerwerb,

(c)  gesteuerten Zweitspracherwerb und

(d)  therapeutisch gesteuerten Erstspracherwerb.

Entscheidend für die Forschungsposition (insbesondere zu (a)) ist das zugrunde liegende Konzept von Sprache, das weitgehend die Einzelhypothesen bestimmt, z.B. welche sprachlichen Fähigkeiten unter welchen Voraussetzungen auf welche Weise erworben werden, wann der Erwerbprozess beginnt und wie lange er dauert. Die Forschung ist maßgeblich durch das Erkenntnisinteresse sprachwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Theorien geprägt.

In der Forschung zu (a) lassen sich zwischen ca. 1950 und 1980 vier zentrale Hypothesen unterscheiden:

(aa)     Behavioristische Hypothese (Behaviorismus, Empirismus), vertreten insbesondere von Skinner [1957], die sprachliche Lernprozesse auf Erfahrung, Imitation und selektive Verstärkung zurückführt;

(ab)     Nativistische Hypothese (Nativismus), ausgelöst durch Chomskys Kritik an Skinner (Chomsky [1959]), die Spracherwerb als mehr oder minder autonomen Reifungsprozess versteht, der auf einem angeborenen Spracherwerbsmechanismus aufbaut; der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung der sprachlichen Kompetenz;

(ac)     Kognitionshypothese, die das Verhältnis der sich entwickelnden sprachlichen, kognitiven und/oder informationsverarbeitenden Fähigkeit betrachtet und

(ad) Soziale Konstitutionshypothese, die der Teilnahme des Kindes an sozialisatorischer Interaktion Priorität zuschreibt; dabei wird als Motor für die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten auch der Wunsch und die Erfahrung des Kindes angesehen, sich mit seinen Bezugspersonen verständigen zu können.

In den 80er Jahren hat sich die Forschung verstärkt dem Grammatikerwerb zugewendet, wobei die beiden folgenden Positionen zu unterscheiden sind:

Die erste Position, die, entscheidend beeinflusst durch neuere linguistische Theorien (z.B. Government and Binding, Lexical Functional Grammar), als Weiterentwicklung von (ab) daran festhält, dass es für Spracherwerb spezifische, angeborene Fähigkeiten und spezifische Erwerbsmechanismen gibt und die diskutiert, inwieweit kindliche Grammatiken zu jedem Zeitpunkt erlaubte Grammatiken im Sinne einer Universalgrammatik sind;

die zweite Position, die, stark beeinflusst durch funktionale Sprachmodelle (Funktionale Grammatik, Diskursanalyse), generell dem Input eine wichtige Rolle zuschreibt und Spracherwerb u.a. eingebettet sieht in allgemeinen kognitive (informationsverarbeitende) Prozesse; dabei werden sowohl Lernprozesse (vgl. (aa)), kognitive Fähigkeiten (vgl. (ac)) als auch sozialisatorische und interaktive Erfahrungen (vgl. (ad)) aufgenommen.

Wesentlicher Prüfstein für alle Ansätze sind sprachvergleichende Studien und die Erklärungsmöglichkeit individueller Lernstile bzw. Lernstrategien; dabei geht es um Stile wie den pronominalen bzw. holistischen (in dem Kinder mit memorierten Sätzen beginnen, in denen z.B. auch Pronomina enthalten sind) und den (bislang gründlicher erforschten) nominalen bzw. analytischen Stil, in dem Kinder mit einzelnen Wörtern, insbesondere Nomina beginnen oder deren Kombination.“ [Bußmann, H., S. 704-705]

„Kap.V: Acquisition et perte du langage beschäftigt sich mit Jakobsons Bemühungen „d’appliquer la théorie linguistique à l’étude des faits pathologiques du langage, en même temps qu’elle permet, en se fondant sur la théorie de la bipolarité, de classer les différents syndromes en catégories centrées sur des types polaires“. Ausgehend vom Binarismus der phonologischen Oppositionen und der Vorstellung von den beiden Achsen der sprachlichen Äußerung diskutiert Verf. die Ergebnisse neuerer Untersuchungen vor allem auf dem Gebiet des kindlichen Spracherwerbs, die den Ansatz von Jakobson in wesentlichen Punkten bestätigen. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Feststellung, dass, entgegen der Annahme Jakobsons, die ersten kindlichen Äußerungen keinesfalls als „exercices articulatoires sans rapport avec la structure phologique des langues“ aufzufassen sind, sonder vielmehr ein „développement graduel des capacités phonétiques et intonatives à partir du rèpertoire des sons du babillage“ auzeigen, eine Entwicklung, die in unterschiedlicher Weise durch außersprachlicher Weise durch außersprachliche Faktoren beeinflusst wird.

Kapitel VI: Pathologie du langage et bipolarité beobachtet die These von Jakobson, dass die vielfältigen aphasischen Symptome sich weitgehend mit solchen Kategorien erfassen lassen, die seiner Vorstellung von der Hierarchie der sprachlichen Ebenen und der Dichotomie von Syntagmatik und Paradigmatik zugeordnet werden können. Verf. verfolgt diese Idee von Symmetrie im Zusammenhang mit ihrer Bedeutung für die jeweils dominierende Funktion einer der beiden menschlichen Hirnhälften und im Hinblick auf die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen sprachwissenschaftlicher Typologie von Sprachstörungen und neurologischer Topographie von Erkrankungen des Gehirns und dadurch bedingten Sprachverlust.“

[Barbara von Gemmingen Besprechung von Paul Ghils: Les tensions du langage. La linguistique de Jakobson entre le binarisme et la contradiction. European University Studies. Bern u. a.: Peter Lang, 1994. In: Romanistisches Jahrbuch. Bd. 48/1997, Berlin u.a., 1998, S. 184]

„Die Erklärung der Bedeutung eines Worts hat einen Effekt ähnlich dem »Weiterwissen«, wenn man jemandem den Anfang eines Gedichts sagt, bis er sagt: jetzt weiß ich weiter.

Die Weise, wie wir die Sprache erlernten, ist in ihrem Gebrauch nicht enthalten. (Wie die Ursache nicht in ihrer Wirkung.)“

[Wittgenstein, L.: Philosophische Grammatik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973, S. 80]

„Die Komponenten der generativen Grammatik werden systematisch aufeinander bezogen. Jede Komponente der generativen Grammatik hat ihre autonome Struktur und Funktion, sie alle integrieren aber modular. Die einzelnen eigenständigen Komponenten sind die «Module» – ein Begriff, der aus der KI-Forschung (KI = Künstliche Intelligenz) übernommen wurde. Die Modularität wird über das Sprachsystem hinaus als organisierendes Prinzip der gesamten Anlagen des Menschen betrachtet.

Mit diesen Veränderungen sind die Vorbereitungen getroffen für die Ausarbeitung des «GB-Theorie» (Government and Binding Theory, vgl. Chomsky 1981), für die «Barrierentheorie» (Barriers, vgl. Chomsky 1986/1990) und für die jüngste Entwicklung bis hin zu «Minimalistische Syntax» (vgl. Chomsky 1992 und 1994).

Gramamtitheorie und Modularität des menschlichen Wissens

Probleme des Spracherwerbs, die Universalgrammatik UG und das Modularitätsprinzip kennzeichnen das eigentlichen Anliegen Chomskys, für das seine Grammatikmodelle in gewisser Weise nur Zuarbeiten waren.

In Weiterführung seiner Thesen aus dem Aspects-Modell untersuchte er das Problem (vgl. insbesondere Chomsky 1979), wieso Kinder mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen zu vergleichbaren, eigentlich sogar identischen Grammatiken gelangen, und zwar in dem schon erwähnten kurzen Zeitraum. Chomsky nimmt an, dass alle Kinder dieselben genetisch bedingten Begrenzungen (constraints) haben in Bezug auf Grammatikerwerb. Die genetische Vorgabe erklärt dann auch, weshalb der Erstspracherwerb an einen bestimmten Reifungsgrad geknüpft ist, wodurch (ältere) «Wolfskinder» nicht mehr sprechen lernen, Erwachsene eine zweite Sprache anders erlernen als Kinder und diese mit Akzent sprechen u.a.m. Er betont, es wäre absurd anzunehmen, allein das, was man bei der Geburt hat bzw. sieht, sei genetisch bedingt; weitaus mehr als dies sei zu berücksichtigen.

Die für den Spracherwerb relevanten genetischen Anlagen sind für Chomsky die Universalgrammatik (UG). Sie ist ein System von Prinzipien, die mit Hilfe von Parametern auf die konkreten Sprachen bezogen werden. Ein Parameter ist hierbei eine Variable, für die Werte aus einer gegebenen Menge eingesetzt werden auf dem Weg von der UG zur Einzelgrammatik.

Und schließlich: Die Grammatiktheorie – mit allen Verfeinerungen, die er selbst oder seine Mitarbeiter vorgenommen haben und weiterhin vornehmen und die insbesondere durch die Einbeziehung immer neuer Sprachen erforderlich wurden – möchte Chomsky einarbeiten in das gesamte Wissenssystem des Menschen. Strikte Anwendung des bereits erwähnten «Modularitätsprinzip» bedeutet: Das menschliche Wissen in all seiner Komplexität ist modular aufgebaut insofern, als autonome Teilsysteme als Module eines Gesamtsystems zusammenwirken bei seiner Repräsentation. Eines dieser Modula ist die Sprache, weitere Modula sind z.B. die akustischen und optischen Systeme. Keines dieser Module ist durch ein anderes definiert, deshalb müssen als autonom angesehen werden. Aber erst ir modulares Zusammenwirken gewährleistet menschliche Erkenntnis, die Fähigkeit des Menschen, Wissensstrukturen aufzubauen. Diese Hypothese veranlasst Chomsky zur Eingliederung der Sprachwissenschaft in die kognitive Psychologie.

Zusammenfassung

Kapitel 8 stellt den Versuch dar, dem Leser den Geist des Chomskyschen Anliegens zumindest in Ansätzen näher zu bringen. Es sei noch ergänzt, dass trotz vorhandener kritischer Stimmen von Anhängern und Gegnern in Zukunft in der Ausarbeitung der Grammatiktheorie nicht mehr hinter die Positionen Chomskys zurückgegangen werden kann.

An Chomskys eigenem Entwicklungsgang lässt sich deshalb nachvollziehen, wie sich das durch die behavioristische Psychologie geprägte linguistische Denken der Deskriptivisten zu einem durch die kognitive Psychologie geprägten Denken in den jüngsten Modellen der generativen Grammatik gewandelt hat.

[Bartschat, Brigitte: Methoden der Sprachwissenschaft. Von Hermann Paul bis Noam Chomsky. Berlin: Erich Schmidt, 1996. S. 184-186]

Parameter

In der generativen Transformationsgrammatik Variable (= Parameter) in Regeln oder Regelbeschränkungen der Universalgrammatik (UG), deren Werte erst in den Einzelsprachen bestimmt werden. Die Setzung eines bestimmten Parameters, d.h. die Bestimmung von Werten für die Parameter, impliziert somit eine bestimmte einzelsprachliche, mit der UG verträgliche Grammatik: Der Lernende wählt innerhalb eines von der der UG vorgegebenen Spielraums eine bestimmte einzelsprachliche Option aus. Ein solches System von universalgrammatischen »Prinzipien und Parametern« muss insbesondere mit Theorien des Spracherwerbs verträglich sein. Daher wird oft angenommen, dass die UG für bestimmte Parameter Vorgaben in Form von unmarkierten Werten macht, die im Laufe des Spracherwerbs aufgrund externer Evidenz (durch die Daten) verändert werden können.

Nach Maßgabe des jeweiligen Bereichs der Grammatik wird dabei die syntaktisch »lokalste« Domäne als unmarkiert vorausgesetzt, welche bei einem möglichen Konflikt mit einzelsprachlichen Daten dann zu einem weniger lokalen Bereich erweitert werden muss. Parameter gestatten es einerseits, kerngrammatische Prinzipien flexibler zu formulieren, indem sie bestimmte Einzelheiten »offen lassen, andererseits stehen sie aber auch mit bestimmten Prognosen über den Spracherwerbsmechanismus und mit Theorien über die Markiertheit einzelsprachlicher Phänomene in Wechselwirkung, vgl. Bindungstheorie (GB-Theorie)«. [Bußmann, H., S. 557-558]

In behavioristischen Sprachtheorien – als deren Hauptvertreter Skinner angesehen wird – ging man davon aus, dass das Kind als eine tabula rasa auf die Welt kommt, also über keinerlei Prädispositionen verfügt und mit der Aneignung sprachlicher und allgemein-kognitiver Fähigkeiten bei Null anfangen muss. Nach Skinner (1957) lässt sich der Spracherwerbsprozess als eine Abfolge von assoziativen Lernsequenzen charakterisieren. Sprachliche Strukturen werden als Wortketten beschrieben, die sich auf Stimulus-Response-Kontingenzen zurückführen lassen. Das Erlernen der Sprache wird im Paradigma der klassischen und der instrumentalen Konditionierung erklärt. [...] Für das Lernen permanenter assoziativer Sequenzen sind bestimmte Verhaltensmuster relevant: Imitation und Verstehen auf Seiten des Kindes und Reaktionen der Eltern oder Bezugspersonen, die das Kind durch Lob bzw. Tadel selektiv verstärken und Fördern. [...]

Chomsky hat bereits 1959 in seiner Skinner-Rezension einen solchen Ansatz als inadäquat zurückgewiesen, da er weder die strukturellen Gesetzmäßigkeiten von Sprache noch die Kreativität, die unsere Sprachfähigkeit auszeichnet, erklären kann. [...]

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Kinder kaum durch das Verhalten der Eltern in ihrer sprachlichen Entwicklung beeinflussen lassen. Wörter und Strukturen, die in der Erwachsenensprache besonders oft vorkommen, müssten zudem nach der behavioristischen Lerntheorie am frühesten gelernt werden. Dies ist aber nicht der Fall. Kinder werden in den ersten Jahren fast gar nicht korrigiert, wenn sie ungrammatische Formen äußern, da die Eltern eher auf den Inhalt und die Intention der Äußerungen achten.

Der Spracherwerb verläuft trotz unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen und individueller Variationen relativ einheitlich. [...]

Diese Überlegungen deuten darauf hin, dass das Kind mit Prädispositionen für die Sprach(erwerbs)fähigkeit ausgestattet ist. [...]

Empirische und nativistische Ansätzen stehen sich heute nicht mehr krass gegenüber wie noch in den 50er und 60er Jahren. Keine ernstzunehmende Theorie vertritt heute noch die These, dass das Kind als tabula rasa auf die Welt kommt und sich seine kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten allein aufgrund assoziativer Lernmechanismus aneignet. Selbst Vertreter des Neo-Behaviorismus – der seit der Kognitiven Wende keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die Forschungsdiskussion hat – sprechen dem Kind angeborene Prädispositionen für den Erwerb mentaler Fähigkeiten zu.“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 107-109]

Modularität

Der Konzeption des Modularismus zufolge ist der menschliche Geist ein zu unterteilender Komplex von verschiedenen Fähigkeiten. Im Holismus dagegen wird die These vertreten, dass der Geist ein unteilbares Ganzes darstellt, das von einer Reihe fundamentaler Prinzipien determiniert wird.

Der modulare Ansatz basiert auf Thesen, die bereits in der Neurologie des vorigen Jahrhunderts postuliert wurden. Grundannahme dieser Forschung war und ist, dass sich kognitive Funktionen voneinander abgrenzen und im Gehirn lokalisieren lassen. [...]

In der neueren linguistischen Forschung hat sich bezüglich der Frage nach der Organisation unserer kognitiven Fähigkeiten vorrangig die Modularitätskonzeption etabliert. Dieser Konzeption liegt die Annahme zugrunde, dass die menschliche Kognition ein komplexes System verschiedener Subsysteme darstellt, die sich durch bestimmte Charakteristika hinsichtlich ihrer Struktur und Funktion unterscheiden, also jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Die Subsysteme fungieren als Module, d.h. jedes Modul weist als kognitives Wissenssystem eine ihm inhärente Struktur auf, die sich nicht durch die Struktureigenschaften eines anderen Moduls erklären lässt. Die Modularitätsthese besagt also, dass der menschliche Geist nach dem Prinzip der Arbeitsteilung funktioniert, d.h. so organisiert ist, dass verschiedene Subsysteme verschiedene Funktionen ausüben. So kann ein Modul für das Erkennen von Gesichtern verantwortlich sein, ein anderes für das Erkennen geschriebener Wörter. Die Effektivität und die Komplexität unseres Verhaltens erklärt sich aus den wechselseitigen Beziehungen der Kenntnissysteme. Bei bestimmten Verhaltensformen interagieren verschiedene Systeme miteinander (z.B. bei einer Objektbeschreibung das perzeptuelle, das sprachliche und das konzeptuelle Wissenssystem).

Modularität ist dabei zunächst eine strukturelle Eigenschaft kognitiver Systeme.”

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 24-25]

„Nach der Autonomiehypothese der generativen Grammatik hat die formale Komponente der menschlichen Sprachfähigkeit, als der Grammatik, den Status eines Moduls, d.h. eines autonomen Systems, das Gesetzmäßigkeiten aufweist, die sich nicht durch die Interaktion allgemeiner kognitiver Prinzipien oder die Gesetzmäßigkeiten anderer Kenntnissysteme erklären lassen.

Das Problem der Modularität steht in engem Zusammenhag mit der Frage nach der Entwicklung der grammatischen Komponente: Stellt der Grammatikerwerb einen autonomen (nur von sprachspezifischen Prinzipien determinierten) Prozess dar, oder wird die Grammatik unter Beeinflussung allgemein-kognitiver und sozialer Faktoren und mit Hilfe von generellen Lernstrategien erworben?

Das logische Problem des Spracherwerbs besteht darin, dass Kinder trotzt unvollständiger und zum Teil fehlerhafter Evidenz in einem relativ kurzen Zeitraum die Grammatik der jeweils zu erwerbenden Sprache erschließen. [...]

In der neuesten Forschung ist ein alternativer Erklärungsansatz vorgeschlagen worden: das Parametermodell:

»We no longer consider UG [Universalgrammatik] to provide a format for rule systems and an evaluation metric. Rather, UG consists of various subsystems of principles ... many of which are associated with parameters that have to be fixed by experience. The parameters must have the property that they can be fixed by quite simple data, since this is what is available to the child; the value of the head-parameter, for example, can be determined from such sentences as >John saw Bill< (versus >John Bill saw<).« (Chomsky 1986:30)

In der Parametertheorie nimmt man nun an, dass die für den Erwerb eines bestimmten Grammatik notwendigen universellen Prinzipien Parameter enthalten, deren Werte erst auf der Basis des sprachlichen Inputs besetzt werden. UG umfasst somit eine Menge von Prinzipien, die in jeweils begrenzten Werten für bestimmte Parameter variieren können. Die Festlegung oder Fixierung der verschiedenen Parameterwerte ergibt dann eine mögliche Grammatik. Der Spracherwerb ist damit der Prozess, der die unspezifischen Werte der UG-Parameter festlegt (s. Chomsky 1988).“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 110-113]

„Festzuhalten bleibt, dass sich das hier nur ganz grob skizzierte Parametermodell zur Erklärung des Problems der mangelnden negativen Evidenz gut eignet. Der Vorgang der Parameterfestlegung ist aber noch zu vage und global umschrieben, um allen Erwerbsphänomenen im grammatischen Bereich gerecht werden zu können. Es bedarf zudem genauerer Angaben zur internen Struktur des Lernmechanismus, der über die Parameterbelegungen entscheidet. Welche Strategien benutzt er, und wie sind diese Strategien im Rahmen eines psychologisch plausiblen Verarbeitungsmodells zu beschreiben?“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 114]

Modularität

Eine Grammatik einer Einzelsprache, in unserem Fall des Deutschen, beschreibt die Regeln, Einheiten, Parameter und Prinzipien, die unsere Sprachkenntnis ausmachen (Kompetenz). Anders als traditionelle Grammatiken besteht eine Generative Grammatik aus verschiedenen Komponenten, die autonom sind, aber beim strukturellen Aufbau von Sätzen zusammenwirken. Wenn eine Theorie der Sprache ein solches Design hat, so handelt es sich um eine modulare Grammatik. Besonders ausgearbeitet  ist dieses Konzept der Modularität in der Syntax. Kasustheorie und θ-Theorie z.B. sind autonome Module mit ihren eigenen Aufgaben; wie jedoch die Sichtbarkeitsbedingung belegt, bereitet die Kasustheorie das Zusammenspiel beider Komponenten vor.

Konstruktionsunabhängigkeit der syntaktischen und lexikalischen Prinzipien ist nur möglich, wenn man eine Grammatik hat, deren Teiltheorien modular zusammenwirken. [...] Und ohne eine modulare Grammatik könnten wir nur sehr bedingt die Selektivität sprachlicher Ausfälle voraussagen. Denken Sie nur einmal an die selektive Störung funktionaler Kategorien im Agrammatismus oder an die Zerstörung der CV-Schicht bei phonologischen Paraphasien.

Psycho- und neurolinguistische Erkenntnisse belegen schließlich, dass unsere mentalen Vermögen autonome Module sind. Eine Störung der Sprache ist eben nicht gleichzeitig eine Störung der Kommunikationsfähigkeit bzw. des Wissens über die Welt. Solche Erkenntnisse begründen damit auch die Notwendigkeit, die Struktur menschlicher Sprachen unabhängig von deren Funktion zu erforschen.“

[Keller, Jörg / Leuninger, Helen: Grammatische Strukturen – Kognitive Prozesse. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Gunther Narr, 1993, S. 241-242]

Die neurologische Basis:

In den ersten Lebensjahren (etwa bis zum Alter con 12 Jahren) bildet sich meist die linke Hälfte des menschlichen Gehirns, die linke Hemisphäre, als sprachdominante Hemisphäre heraus (Lateralisierung). Schädigungen dieser Hemisphäre vor abgeschlossener Lateralisierung sind zu einem Großteil reversibel, indem andere Regionen des Gehirns diese Funktionen übernehmen können. Schädigungen nach abgeschlossener Lateralisierung sind nicht in demselben Maß reversibel; nur solche Sprachstörungen bezeichnet man als Aphasien (a-phasie; griech.: ohne Sprache).

Das Gehirn wird über ein komplexes Netz von Arterien mit Sauerstoff versorgt. Wird die arterielle Durchblutung unterbrochen, so erkrankt das umliegende Gewebe oder stirbt ab (es wird ischämisch oder nekrotisch). Je nach betroffener Region kann eine Aphasie entstehen.“

[Keller, Jörg / Leuninger, Helen: Grammatische Strukturen – Kognitive Prozesse. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Gunther Narr, 1993, S. 222-223]

„Es ist bereits erwähnt worden, dass die Sprache als Gehirnfunktion bei den meisten Menschen in der linken Hemisphäre lokalisiert ist. Ist die linke Hemisphäre für sprachliche Leistungen genetisch vorprogrammiert, oder entwickeln sich die Lateralisationsverhältnisse erst im frühkindlichen Reifungsprozeß, besteht also eine Äquipotentialität beider Hemisphäre für die Lokalisierung der Sprachfähigkeit? Dass die rechte Hemisphäre einige linguistische Funktionen ausüben kann, wurde bereits erörtert. Nur so erklärt sich auch, dass bei Schädigungen der rechten Hemisphäre im Kindesalter aphasische Störungen der rechten Hemisphäre im Kindesalter aphasische Störungen auftreten können. Man beobachtet aber bei diesen kindlichen Aphasien eine fast vollständige Genesung. Bei Erwachsenen mit rechtsseitiger Läsion tauchen solche Aphasien nur äußerst selten auf. Dass das Gehirn in den ersten Lebensjahren eine große Plastizität besitzt, wird durch eine Reihe von klinichen Beobachtungen belegt. [...]

Allerdings bildet die formale Komponente der Sprachfähigkeit hier offensichtlich eine Ausnahme. Bei Fällen von Hemisphärektomie (d.i. die Entfernung einer Hirnhälfte bei Tumorbefund) zeigen nämlich Kinder, denen die linke (also die normalerweise sprachdominante Hemisphäre) entfernt wurde (und zwar noch vor Beginn des eigentlichen Spracherwerbs), schlechtere Leistungen bei komplexen syntaktischen Aufgaben und im Umgang mit geschriebener Sprache als Kinder, denen die rechte Hemisphäre entfernt worden war (s. Dennis 1980). Semantische Leistungen dagegen sind weitgehend normal. Die linke Hemisphäre ist also die genetisch präferierte Region für die Sprach(erwerbs)fähigkeit im grammatischen Bereich. Verhaltensbeobachtungen von Säuglingen bieten zudem Evidenzen für die Dominanz der linken Hemisphäre bei der sprachlichen Informationsverarbeitung. Bereits Neugeborene zeigen stärkere EEG-Veränderungen in der linken Hemisphäre, wenn sie sprachliche Laute hören, während nicht-sprachliche Geräusche in der rechten Hemisphäre EEG-Veränderungen hervorrufen (s. Molfese et al. 1977). Die Kopfhaltung von Säuglingen zeigt ebenfalls eine Präferenz für die linke Hemisphäre bei sprachlicher Wahrnehmung, da der Kopf meistens nach rechts gewandt ist (Turkewitz 1977).“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 123-124]

Spracherwerb und seine Erklärungsansätze

Spracherwerb, ist der Vorgang des Erlernens einer Sprache. Es ist zu unterscheiden zwischen Erstspracherwerb (Erwerb der Muttersprache) und Zweitspracherwerb. Bei letzterem wird wiederum zwischen natürlichem und gelenktem Zweitspracherwerb differenziert. Unter gelenktem Zweitspracherwerb versteht man den schulischen bzw. institutionalisierten Sprachunterricht (Fremdsprachenunterricht), während man von natürlichem Zweitspracherwerb spricht, wenn man sich eine Sprache ohne Unterricht aneignet. Jedes gesunde Kind beginnt, ohne Unterweisung seine Muttersprache zu erwerben. Dabei ist die Erwerbsreihenfolge invariabel: Das Kind lernt seine Stimmorgane kennen und produziert Laute (Lallphase). Mit circa zwölf Monaten produziert es erste

Einwortsätze, in der ein einzelnes Wort jedoch eine weitaus größere Bedeutung hat (z. B. wauwau =

ich will meinen Teddy). Mit eineinhalb Jahren verfügt das Kind über circa 50 Einwortäußerungen. Es folgt die Zweiwortphase (z. B. Hose nass), und der so genannte vocabulary-spurt setzt ein: In den folgenden zwei Jahren nimmt das Vokabular rapide zu (mit drei Jahren circa 850 Wörter). Mit zwei Jahren beginnt die Drei- und Mehrwortphase, in der das Kind auch komplexere Strukturen zügig erwirbt. Der Syntaxerwerb gilt mit zehn bis zwölf Jahren als abgeschlossen.

Erklärungsansätze

Innerhalb der Spracherwerbsforschung unterscheidet man gemeinhin vier

1.  Behavioristisch: Der Behaviorismus beschreibt den Lernvorgang als Imitation. Die sprachlichen Strukturen bilden sich in dem Maße heraus, in dem der Lerner das Gehörte übt und dafür gelobt oder getadelt wird.

2.  Kognitivistisch: Man erklärt den Spracherwerb in Abhängigkeit von der kognitiven Entwicklung. Das Kind verhält sich aktiv und konstruktiv. Es konstruiert seine eigene – auch sprachliche – Entwicklung durch aktive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, und zwar im Einklang mit seiner gesamten biologischen und sonstigen Entwicklung.

3.  Interaktionistisch: Sprache kann nur in sozialer Interaktion gelernt werden. Kinder bringen die jeweilige Situation in Zusammenhang mit den sprachlichen Äußerungen, die dazu abgegeben werden, und erwerben so ihre Sprache.

4.  Nativistisch: Man nimmt an, dass grundlegende sprachliche Strukturen bzw. Kenntnisse über die Strukturierungsprinzipien natürlicher Sprachen in der Form einer Universalgrammatik mit bestimmten Optionen angeboren sind, denn es ist kaum vorstellbar, wie Kinder aus defizitärem Input in wenigen Jahren eine derart umfassende sprachliche Kompetenz entwickeln können.“

[Sascha Michalzik, André Deichsel, Christian Janßen: „Spracherwerb und seine Erklärungsansätze“.

In: http://www.blumenthal.uni-bremen.de/gymnasium/psychologie/gigant.htm]

Adquisición lingüística dícese del proceso por el cual el individuo normal se convierte, a partir de su nacimiento, en hablante activo y creativo de una lengua  siempre  que  se den unas condiciones favorables para ello. Los especialistas no están de acuerdo ni en el sentido ni en las etapas de dicho proceso, pues mientras para el idealismo o los partidarios de la hipótesis de Sapir-Whorf la lengua materna impone al hablante las categorías mentales e incluso la visión del mundo, para el mentalismo de N. Chomsky y sus partidarios la lengua no hace más que dar contenidos concretos a un esquema lógico-gramatical independiente, innato y universal, propio de la especie humana. A su vez, para el conductismo de B. F. Skinner, este proceso se reduce a una interacción básica y constante entre estímulos y respuestas a partir de la mera experiencia, y aun para otros, como el psicólogo suizo Jean Piaget (1896-1980), se caracteriza por una maduración progresiva y acorde con otras funciones correlativas del desarrollo mental.

Existen, no obstante, diversos datos observacionales en cuya interpretación hay un cierto acuerdo. Tal ocurre con el reconocimiento de la llamada edad crítica de la adquisición lingüística situada por lo común entre los dos y los doce años, y que coincide con la lateralización o especialización funcional de los hemisferios cerebrales. Pasada esta edad crítica, la lengua se adquiere con mayores dificultades o con procedimientos mentales más o menos distintos.

También parece claro que no hay estratificación fonológica, morfológica, sintáctica y léxica en la adquisición, sino un proceso global, en el que, sin embargo, cabe señalar ciertas propiedades. Así p. ej. suelen admitirse las observaciones de Roman Jakobson de que en las etapas de gorjeos y de parloteo, entre los seis y doce meses, los sonidos labiales aparecen antes que los velares y dentales, y los oclusivos antes que los ficativos.

Por lo que respecta a los demás planos de la lengua, suelen distinguirse diversos periodos, como el holofrástico1, entre los nueve y los 18 meses, caracterizado por la emisión de palabras-frase, y el telegráfico, entre los 18 meses y los cuatro años, en el que típicamente se omiten las partículas gramaticales sin contenido léxico fundamental.“

[Cerdá Massó, Ramón (coordinador): Diccionario de lingüística. Madrid: Anaya, 1986, p. 7-8]

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1   Holofrástico: En el proceso de adquisición de la lengua,  dícese del periodo, generalmente comprendido entre los nueve y los 18 meses, en el cual el niño emite palabras sueltas con el valor de frases enteras; p. ej. Agua (o algún equivalente fónico) por ‘Quiero beber agua’, Mamá por ‘Quiero ir con mamá’.

Adquisición del lenguaje

Algunos especialistas distinguen entre ‘adquisición’ y desarrollo; el primero se refiere al control de una regla del lenguaje y el segundo a su aplicción en una amplia gama de contextos. Dentro del innatismo defendido por el generativismo se postula la existencia en los niños de un mecanismo de adquisición del lenguaje llamado L. A. D. (languague acquisition devive), que consiste en una predisposición innata a ‘adquirir’ las estructuras lingüísticas de todo tipo. Este proceso es para Chomsky similar a la capacidad que los alumnos poseen para formular hipótesis o para construir teorías utilizando solamente un reducido inventario de datos. La adquisición del lenguaje, que sólo puede tener lugar hasta determinada edad, consiste fundamentalmente en la construcción de una gramática, hecha por los niños barajando hipótesis sobre las posibles reglas gramaticales y desechando las que no les sirven, por medio de la llama ABDUCCIÓN [ver: ABDUKTION]. Estas hipótesis las formulan los niños al contrastar los datos externos (input) con las bases lingüísticas innatas, y las prueban, revisándolas o abandonándolas cuando sea necesario. [...]

A pesar de que desde el principio hubo una diferenciación entre las teorías relacionadas con la ‘adquisición’ y las de aprendizaje, con el tiempo se han percibido contactos entre ellas. Dicho con otras palabras, frente a los DRILLS de tipo mecanicista del estructuralismo, el generativismo insiste en los conocimientos del código lingüístico, de las reglas, es decir, de lo racional, minimizando el papel de la repetición y la imitación. En esta participación activa del alumno no se pueden ignorar una serie de elementos personales, entre los que sobresalen (a) su iniciativa, su esfuerzo y su responsabilidad, así como (b) la función que tiene en todo proceso de aprendizaje la satisfacción que se alcanza tras obtener los frutos obtenidos.”

[Alcaraz Varó, Enrique / Martínez Linares, María Antonia: Diccionario de lingüística moderna. Barcelona: Editorial Ariel, 1997, p. 27]