SPRACHE und SELBSTBEWUSSTSEIN

Lenguaje y conciencia

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Sprache und Realität / Sprache / Sprache und Denken / Verstand und Vernunft

 

„Text ist mehr als der Titel für das Gegenstandsfeld der Literaturforschung. Interpretation ist mehr als die Technik der wissenschaftlichen  Auslegung von Texten. Beide Begriffe haben im 20. Jahrhundert ihren Stellenwert im ganzen unserer Erkenntnis- und Weltgleichung gründlich verändert.

Gewiss hängt diese Verschiebung mit der Rolle zusammen, die das Phänomen der Sprache in unserem Denken inzwischen einnimmt. Aber das ist nur eine tautologische Aussage. Dass die Sprache eine zentrale Stellung im philosophischen Gedanken erworben hat, hängt vielmehr seinerseits mit der Wendung zusammen, die die Philosophie im Laufe der letzten Jahrzehnte genommen hat. Dass das Ideal der wissenschaftlichen Erkenntnis, dem die moderne Wissenschaft folgt, vom Modell des mathematischen Entwurfs der natur ausgegangen war, wie ihn Galilei in seiner Mechanik zuerst entwickelte, bedeutet ja, dass die sprachliche Weltauslegung, d.h. die in der Lebenswelt sprachlich sedimentierte Welterfahrung, nicht länger den Ausgangspunkt der Fragestellung und des Wissenwollens bildete. Jetzt ist es das aus rationalen Gesetzen Erklärbare und Konstruierbare, was das Wesen der Wissenschaft ausmacht. Damit verlor die natürliche Sprache, auch wenn sie ihre eigene Weise, zu sehen und zu reden, festhält, ihren selbstverständlichen Primat. Es war eine konsequente Fortführung der Implikationen dieser modernen mathematischen Naturwissenschaft, dass das Ideale der Sprache in der modernen Logik und Wissenschaftstheorie durch das Ideal der eindeutigen Bezeichnung ersetzt wurde. So gehört es in den Zusammenhang der Grenzerfahrungen, die mir der Universalität der wissenschaftlichen Weltzugangs verbunden sind, wenn sich inzwischen die natürliche Sprache als ein ’Universale’ erneut in das Zentrum der Philosophie verlagert hat.

Freilich bedeutet das nicht eine bloße Rückkehr zu den lebensweltlichen Erfahrung und ihrer sprachlichen Sedimentation, die wir als den Leitfaden der griechischen Metaphysik kennen und deren logische Analyse zur aristotelischen Logik und zur grammatica speculativa führte. Vielmehr wird jetzt nicht ihre logische Leistung, sondern die Sprache als Sprache und ihre Schematisierung des Weltzugangs als solche bewusst, und damit verschieben sich die ursprünglichen Perspektiven. Innerhalb der deutschen Tradition stellt das eine Wiederaufnahme romantischer Ideen  dar – Schlegels, Humboldts usw. Weder bei den Neukantianern noch bei den Phänomenologen der ersten Stunde war das Problem der Sprache überhaupt beachtet worden. Erst in einer zweiten Generation wurde die Zwischenwelt der Sprache zum Thema, so bei Ernst Cassirer und vollends bei Martin Heidegger, dem vor allem Hans Lipps folgte. Im angelsächsischen Raum zeigte sich ähnliches in der Fortentwicklung, die Wittgenstein von dem Ausgangspunkt bei Russell aus genommen hat. Freilich handelt es sich für uns jetzt nicht so sehr um eine Philosophie der Sprache, die auf dem Boden der vergleichenden Sprachwissenschaften aufbaute, oder um das Ideal einer Konstruktion von Sprache, das sich einer allgemeinen Zeichentheorie einordnet, als um den rätselhaften Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen.

So haben wir auf der einen Seite die Zeichentheorie und Linguistik, die zu neuen Erkenntnissen über die Funktionsweise und den Aufbau von sprachlichen Systemen und von Zeichensystemen geführt haben, und auf der anderen Seite die Theorie der Erkenntnis, die realisiert, dass es Sprache ist, was allen Weltzugang überhaupt vermittelt. Beides wirkt dahin zusammen, die Ausgangspunkte einer philosophischen Rechtfertigung des wissenschaftlichen Weltzugangs in einem neuen Lichte zu sehen. Deren Voraussetzung bestand ja darin, dass sich das Subjekt in methodischer Selbstgewissheit mit den Mitteln der rationalen mathematischen Konstruktion der Erfahrungswirklichkeit bemächtigt und ihr in Urteilssätzen Ausdruck gibt. Damit erfüllte es seine eigentliche Erkenntnisaufgabe, und diese Erfüllung gipfelt in der mathematischen Symbolisierung, in der sich die Naturwissenschaft allgemeingültig formuliert. Die Zwischenwelt der Sprache ist der Idee nach ausgeklammert. Sofern sie als solche jetzt bewusst wird, zeigt sie sich als die primäre Vermitteltheit allen Weltzugangs. Damit wird die die Unüberschreitbarkeit des sprachlichen Weltschemas klar. Der Mythos des Selbstbewusstseins, das in seiner apodiktischen Selbstgewissheit zum Ursprung und Rechtfertigungsgrund aller Geltung erhoben worden war, und das Ideal der Letztbegründung überhaupt, um das sich Apriorismus und Empirismus streiten, verliert seine Glaubwürdigkeit angesichts der Priorität und Unhintergehbarkeit des Systems der Sprache, in dem sich alles Bewusstsein und alles Wissen artikuliert. Wir haben durch Nietzsche den Zweifel an der Begründung der Wahrheit in der Selbstgewissheit des Selbstbewusstseins gelernt. Wir haben durch Freud die erstaunlichen wissenschaftlichen Entdeckungen kennen gelernt, die mit diesem Zweifel Ernst machen, und an Heideggers grundsätzlicher Kritik am Begriff des Bewusstseins die begrifflichen Voreingenommenheiten eingesehen, die aus der griechischen Logos-Philosophie stammen und in moderner Wendung den Begriff des Subjektes ins Zentrum rückten. All das verleiht der «Sprachlichkeit» unserer Welterfahrung den Primat. Die Zwischenwelt der Sprache erweist sich gegenüber den Illusionen des Selbstbewußtseins ebenso wie gegenüber der Naivität eines positivistischen Tatsachenbegriffs als die eigentliche Dimension dessen, was gegeben ist.”

[Gadamer, Hans-Georg: “Text und Interpretation” (1983). In: Grondin, Jean (Hrg.): Gadamer-Lesebuch. Tübingen: Mohr, 1997, S. 148-250]

„Der analytische Begriff des Sprachvermögens verdeckt, dass die Fähigkeit des Menschen, etwas für sich behalten zu können, wie das Bewusstsein dieser Fähigkeit zum «Sprachvermögen» gehört. Sowohl am Begriff der sprachlichen Äußerung als einer Reaktion als auch am Postulat der Ausdrückbarkeit alles dessen, was man meint, lässt sich die Begrenztheit des analytischen Begriffs des Sprachvermögens aufzeigen.

Von Interesse für diesen Zusammenhang ist ein Beispiel, das Morris von Mead übernommen hat, um an ihm die Verbindung von Sprache und Bewusstsein zu diskutieren. Es ist die Szene einer Filmvorführung, in deren Verlauf einer der Anwesenden Rauch wahrnimmt. Für die Darstellung von Morris sind an diesem Vorfall folgende Momente von Bedeutung: Der Betreffende wolle ausrufen ‘Feuer’, er hemme jedoch diese, sich in ihm anbahnende Schreckreaktion und bedenke, welche Folgen sein Schreckens- und Warnruf auslösen würde. Er frage sich, was im Falle einer bestimmten Äußerung seinerseits passieren würde. – Das Beispiel zeigt die Grenze der behavioristischen Terminologie, es macht ebenso die Begrenztheit des Postulats der Ausdrückbarkeit deutlich. Der Betreffende reagiert nicht, sondern er überleg. Daran kann auch nichts der Umschreibungsversuch, wie ihn Morris unternimmt, ändern, der Betreffende reagiere quasi auf die vorweggenommene Reaktion der anderen auf seinen sich in ihm anbahnenden Ruf. Nach Morris ist das die spontane Handlung verzögernde Moment sprachlichen Zeichen («linguistic signs») zueigen. Damit ist jedoch gesagt, dass der Mensch, weil er spricht, nicht reagiert. Der Kinobesucher handelt überlegt. Das, was er tut, ist für die anderen Anwesenden von Bedeutung obwohl er nichts äußert, ja gerade, dass er in diesem Augenblick nichts sagt, macht die Bedeutung seines Verhaltens aus. Der Einwand, der sich aus dem Postulat der Ausdrückbarkeit ergibt, er hätte die von ihm beabsichtigte Warnung prinzipiell aussprechen können, unterschlägt, dass die Bedeutung seines Tuns gerade in der Zurückhaltung der Warnung liegt. Der spontane Schreckensruf hätte eine andere Bedeutung gehabt, als der überlegte Verzicht auf ihn. Gerade das, was er intendierte, durfte er in diesem Augenblick nicht ausdrücken, ohne dadurch seine Intention zu gefährden.

Für die sprachanalytische Ansicht stellt sich der Sachverhalt jedoch anders dar. Da der betreffende Kinobesucher nichts sagt, liegt auch kein sprachliches Verhalten vor. Seine Zurückhaltung oder Besonnenheit zeige sich vielmehr in einem nicht-sprachlichen Verhalten; sie ist folglich für die Sprachanalyse ohne Bedeutung. Morris hingegen scheint den Zusammenhang von Sprache und Verhalten grundsätzlicher zu sehen. Ihm ist darin zuzustimmen, dass Sprache und Überlegung wesentlich miteinander verbunden sind. [...] Auch nicht-verbales Verhalten kann als sprachliches Verhalten begriffen werden, da Individualität und Selbstbewusstsein ohne Sprache nicht denkbar sind. Morris stützt sich in diesem Punkt auf Meads Darstellung der Entwicklung von Individualität und Selbstbewusstsein in der Sozialisation.”

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 110-112]