SPRACHE und DENKEN

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Gehirn und Sprache / Sprache / Begriff / Idee / Gedanke / Denken / Logos / Sprache und Erkenntnisprozess / Sprache und Logik / Sprache und Selbstbewusstsein  / Sprache und Realität / Sapir-Whorf-Hypothese / Verstand und Vernunft  / Humboldt Wilhelm von / Apperzeption / Kompetenz / Satzmodi / Sprachakte /  Meinen und Sagen / Meinung und Äußerung / Wortsemantik / Satzsemantik / Bedeutung 

 

«In der Traumdeutung schreibt Freud:

»Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätlos ... Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert, deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen ...« (1900, S. 622)

Freud hat also ein solches Prinzip der »Qualifizierung« in Worterinnerungen, in Wortvorstellungen, kurz, in der Sprache erkannt – nur: Freud ordnete dieses Prinzip dem System Vorbewusst-Bewusst zu. Für Freud setzt sich die Sprache wesentlich aus Wortvorstellungen zusammen, die ihre jeweiligen Bedeutungen durch Verknüpfung mit »Sachvorstellungen« erhalten – Sachvorstellungen, die bereits über Wahrnehmungen gebildet wurden. Ein solches »assoziationspsychologisches« Sprachkonzept ist heute obsolet. Sprache setzt sich nicht aus Worten zusammen, die im Nachhinein an bereits anderweitig gebildete Vorstellungen geheftet werden, sondern stellt selbst ein primäres Strukturierungsgeschehen, eine systematische Artikulation unserer Welterfahrung dar. Entscheidende Anregungen zu diesem Sprachverständnis kamen von dem eigentlichen Begründer des Strukturalismus, Ferdinand de Saussure. Zum Zusammenhang von Denken und Sprache schreibt er:

»Das Denken für sich allein genommen ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist. Es gibt keine von vornherein feststehenden Vorstellungen. Und nichts ist bestimmt, ehe die Sprache in Erscheinung tritt« (Saussure, 1917, S. 155)

»Denken« wird erst dann möglich, wenn es zum artikulierten Denken wird, wenn die Sprache, »le domaine des articulations«, differenzierend auf den Plan tritt.»

[Lang, Hermann: „Freud – ein Strukturalist?“. In: Psyche 34. Jahrgang, 10/1980, S. 878-879]

«Wie wäre es, wenn ich zwei Körper hätte, d.h., wenn mein Körper aus zwei getrennten Leibern bestünde? – Die Philosophen die glauben, dass man im Denken die Erfahrung ausdehnen kann, sollten daran denken, dass man durchs Telefon die Rede, aber nicht die Masern übertragen kann.»

[Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Bemerkungen. § 66]

«Lege einen Maßstab an diesen Körper an; er sagt nicht, dass der Körper so lang ist. Vielmehr ist er an sich – ich möchte sagen – tot, und leistet nichts von dem, was der Gedanke leistet. – Es ist, als hätten wir uns eingebildet, das Wesentliche am lebenden Menschen sei die äußere Gestalt, und hätten nun einen Holzblock von dieser Gestalt hergestellt und sähen mit Beschämung den toten Klotz, der auch keine Ähnlichkeit mit einem Lebewesen hat.»

[Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. § 430]

«’Der Gedanke, dieses seltsame Wesen’ – aber er kommt uns nicht seltsam vor, wenn wir denken. Der Gedanke kommt uns nicht geheimnisvoll vor, während wir denken, sondern nur, wenn wir gleichsam retrospektiv sagen: ‘Wie war das möglich?’ Wie war es möglich, dass der Gedanke von diesem Gegenstand selbst handelt? Es scheint uns, als hätten wir mit ihm die Realität eingefangen.

Die Übereinstimmung, Harmonie, von Gedanke und Wirklichkeit liegt darin, dass, wenn ich fälschlich sage, etwas sei rot, es doch immerhin nicht rot ist. Und wenn ich jemandem das Wort “rot” im Satze “Das ist nicht rot” erklären will, ich dazu auf etwas Rotes zeige.»

[Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. § 428 und 429]

«Im Satze stellen wir – sozusagen – zur Probe die Dinge zusammen, wie sie sich in Wirklichkeit aber nicht zu verhalten brauchen, wir können aber nicht etwas Unlogisches zusammenstellen, denn dazu müssten wir in der Sprache aus der Logik heraus können. – Wenn aber der ganz allgemeine Satz nur «logisches Konstante» enthält, so kann er für uns nicht mehr sein als – einfach – ein logisches Gebilde, und kann nicht mehr tun, als uns seine eigenen logischen Eigenschaften zu zeigen. – Wenn es ganz allgemeine Sätze gibt, – was stellen wir in ihnen probeweise zusammen?»

[Wittgenstein, Ludwig: „Tagebücher 1914-1916“. In: Schriften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1960, B. 1, S. 101]

Sprache und Denken nach Ludwig Wittgenstein

«Unser Bezug zur Wirklichkeit vollzieht sich im Denken. Die Verdoppelung von Ich und Welt spiegelt sich im Denken. Die Sprache ist das Vehikel des Denkens. Somit ist die Sprache das eigentliche Medium, in dem sich die Welt und das Ich verdoppeln und aufeinander beziehen.

«Wenn ich in der Sprache denke, so schweben mit nicht neben dem sprachlichen Ausdruck noch ‘Bedeutungen’ vor; sondern die Sprache selbst ist das Vehikel des Denkens.» (PU 329) Es scheint uns manchmal, dass Denken ein Vorgang ist, der das Sprechen begleitet, der vielleicht auch anderes begleiten oder selbständig ablaufen könnte. Aber bei näherem Hinsehen zeigt es sich, dass das Denken nicht ein begleitender Vorgang ist, sondern in der Sprache drinsteckt. (S. PU 330)

Denken und Sprache gehören zusammen. Das Kind lernt die Sprache so, dass es plötzlich in ihr zu denken anfängt. «Plötzlich anfängt; ich meine: Es gibt kein Vorstadium, in welchem das Kind die Sprache zwar schon gebraucht, sozusagen zur Verständigung gebraucht, aber noch nicht in ihr denkt.» (PB 5). Lernt das Kind den Sinn des Multiplizierens vor, oder nach dem Multiplizieren? (S. Gr 66108) Man kann nicht reden, ohne zu denken, und man kann nicht denken, ohne zu reden. (S. PU 327); PU 339, Z 101) Wenn ich denke, rede ich innerlich. [...] Doch Denken lässt sich nicht eigentlich mit anderen Erfahrungen vergleichen. Eine Erfahrung ist etwas, das uns zustößt, eine Erfahrung erfahren wir passiv, aber denken «tun» wir. «Ja, wenn man vor einer Erfahrung des Denkens spricht, so ist die Erfahrung des Redens so gut wie jede andere. Aber der Begriff ‘denken’ ist kein Erfahrungsbegriff. Denn man vergleicht Gedanken nicht, wie man Erfahrungen vergleicht.» (Z 96)

Gedanken nenne ich erst das, was einen artikulierten Ausdruck hat. Der Ausdruck gebraucht Zeichen. Im ausdrückenden Zeichen vollzieht sich eine Verknüpfung mit der Welt. (S. W S. 234) [...] Wenn Sprache und Denken zusammengehören, dann kann die Sprache nicht im Denken enthalten sein, sie kann nicht «im Geiste» vorgefunden werden. Sprache ist überhaupt nicht vorhanden, sondern sie ist wesentlich latent. Unsere Redeweisen führen uns dazu, die Sprache als etwas Vorhandenes anzusehen. »’Du wolltest also eigentlich sagen ...’ Mit dieser Redeweise leiten wir Jemand von einer Ausdrucksform zu einer andern. Man ist versucht, das Bild zu gebrauchen: das, was er eigentlich ‘sagen wollte’, was er ‘meinte’, sei, noch ehe wir es aussprachen, in seinem Geiste vorhanden gewesen.« (PU 334)

Vergleichen wir einmal diese Redeweise mit derjenigen, mit der wir sagen, dass wir uns bemühen, etwa beim Schreiben eines Briefes, den richtigen Ausdruck für unsere Gedanken zu finden. Diese Redeweise vergleicht den Vorgang dem einer Übersetzung oder einer Beschreibung. Die Gedanken sind schon da, oder ein Bild oder eine Geste, und ich suche nur noch nach dem richtigen Ausdruck. Aber »wenn man nur fragte, ‘hast du den Gedanken, ehe du den Ausdruck hattest?’ – was müsste man da antworten? Und was auf die Frage: ‘Worin bestand der Gedanke, wie er vor dem Ausdruck vorhanden war?’« (PU 335) Wenn ich sagen könnte: »ich denke ohne Worte«, dann müsste ich doch den Gedanken ausdrücken können – in Worten.

Wie finde ich das richtige Wort? Wie wähle ich unter den Worten aus? Ich muss nicht immer beurteilen oder erklären, sondern ich finde einfach: Jetzt stimmt es noch nicht – und jetzt stimmt es. Manchmal kann ich sagen warum, manchmal einfach »das ist es«. »So schaut eben hier das Suchen aus und so das Finden.« (PU S. 431) Das ist alles.

Der Vorstellung eines schon vor dem Sprechen vorhandenen Denkens entspricht die ziemlich geläufige Vorstellung, man könne einen Satz nicht so denken, wie er geschrieben steht. Aufgrund des vorhandenen Denkens, müsse man ihn umstellen, damit er diesem Gedanken entspricht. Oder man müsse ihn zuerst denken, und wenn man ihn dann gedacht hat, könne man die seltsame Ausdrucksweise für ihn wählen. [...] Das Denken kann aber nicht getrennt vom Ausdruck der Gedanken vor sich gehen; es ist kein wesentlich anderer Vorgang. (S. Gr. 66) Man denkt nicht vor, neben oder hinter dem Denken oder Sprechen. »’Dachtest Du denn, als Du den Satz sagtest, daran, dass ...’ – ‘Ich dachte nur, was ich sagte’.« (Gr 66)

Manchmal scheint es uns, als übersetzten wir aus einer primitiven Denkweise in die unsere, als läge unserem Denken, bevor wir es denken, ein Denkschema zugrunde. So etwa wie ein Deutscher, der gut Englisch spricht, plötzlich einen Germanismus gebraucht. Er hat nicht erst den deutschen Ausdruck gebildet, sondern der war gewissermaßen da, als unterliegendes Schema. (S. PU 597) Doch ein Denken vor dem Denken gibt es nicht. [...]

Der Satz, der Gedanke lebt im System der Sprache. Das heißt aber nicht, dass wir das System erleben, wenn wir den Satz gebrauchen. »Aber das System der Sprache ist nicht von der Kategorie eines Erlebnisses. Das typische Erlebnis beim Gebrauch eines Systems nicht das System.« (Gr 121) Beim Können liegt das Können nicht wie ein System vor uns. Beim Gebrauch des Satzes ist das System der Sprache nicht als solches anwesend. [...] Erst im Nachfragen entdecken wir das System, in dem der Gedanke lebt, und bewegen uns in ihm. Die Sprache ist also weder Vorgang noch Zustand noch Vorhandensein, sie ist eben das System eines institutionalisierten Könnens.

Wie die Sprache institutionalisiertes Können ist, hat der Mensch die Fähigkeit, jeden Sinn auszudrücken, im System, das schon da ist, Neues zu sagen. Dass die Sprache aber nicht als System beim Sprechen anwesend ist, zeigt sich darin, dass wir Sinn ausdrücken können, ohne zu wissen, was die Worte, die wir benutzen, im einzelnen bedeuten, ohne zu wissen, wie wir die einzelnen Laute hervorbringen. »Der Mensch besitzt die Fähigkeit, Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. – Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die einzelnen Laute hervorgebracht werden.« (T 4.002)»

[Brand, Gerd: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, S. 73-77]

«Weder bei Searle, noch bei Wittgenstein wird das Verhältnis des Denkens und der besonderen Sprache, in der es sich artikuliert, bedacht. Searle hat die Frage nach diesem Verhältnis dadurch verhindert, dass er ein Prinzip an seine Stelle setzt, das Postulat der Ausdrückbarkeit. Searles Theorie beginnt damit, dass man eben alles sagen könne, was sich denken lässt. Entstehen neue Gedanken, so werden eben neue Ausdrücke gebildet. Dass ein Gedanke in einer besonderen Sprache Ausdruck findet, tangiert seinen ‘Gehalt’ nicht; es ist zufällig, in welcher Sprache Gedanken bzw. Intentionen geäußert werden. Innerhalb der philosophischen Grammatik stellt sich das Problem anders. Die Sprachspiele sind gebräuchliche Sprech-, Denk- und Verhaltensweisen. Entsprechend der Vielfalt der Sprachspiele sind Denken und Sprechen in mannigfaltiger Weise miteinander verbunden. Ihre Verbindung steht, folgt man der Aufforderung Wittgensteins, Sprechen und Denken nicht losgelöst von Sprachspielen zu betrachten, nicht in Frage – sie ist uns selbstverständlich- Als eine solchermaßen selbstverständliche wird sie in «grammatischen Sätzen» artikuliert, sofern ein Missverständnis unserer Sprachlogik eine Klärung erforderlich macht. Dies hat Konsequenzen für die Begriffe der traditionellen Logik, Begriff, Urteil, Schluss. Der Begriff einer Sache liegt in den unzähligen Verwendungsweisen ihres Ausdrucks (vgl. PhU, §§ 68, 71, 384, 569f. [PhU = Wittgensteins Philosophische Untersuchungen]); Urteile sind Teile der Übereinstimmung in der Lebensform (vgl. dazu PhU, §§ 241f.); die Berechtigung zu einem Schluss gilt nicht unabhängig von Sprachspielen. Der Zwang des logischen Schlusses besteht allein innerhalb des betreffenden Logiksystems bzw. eines bestimmten Sprachspiels der Logik. Die Zurückführung der metaphysischen Sprache auf die alltäglichen Gebrauchtsformen der Sprache macht den Gedanken einer ‘phisophischen Logik’ überflüssig. (Vgl. dazu PhU, §65) In den Sprech- und Denkweisen der Sprachspiele folgt man der Grammatik des Begreifens, Urteilens und Schließens; selbst das Denken hat seine eigene Grammatik. (vgl. dazu PhU, §§ 327-342)

Die philosophische Grammatik erwähnt und erfindet Beispiele der gebräuchlichen Verwendungsweisen; sie kann ihrer Aufgabe, der Lösung von Missverständnissen, nur durch die geeignete Zusammenstellung von Beispielen nahe kommen. Durch die Unabgeschlossenheit der Beispiele gibt Wittgenstein zu erkennen, dass sich der Begriff einer Sache nicht aussprechen lasse; er kann allein aus den Beispielen erschlossen werden. So spielt sehr wohl ein Begriff des Begriffs und ein Begriff des Schlusses in Wittgensteins philosophischer Grammatik ein Rolle.»

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 248-249]

«Der analytische Begriff des Sprachvermögens verdeckt, dass die Fähigkeit des Menschen, etwas für sich behalten zu können, wie das Bewusstsein dieser Fähigkeit zum «Sprachvermögen» gehört. Sowohl am Begriff der sprachlichen Äußerung als einer Reaktion als auch am Postulat der Ausdrückbarkeit alles dessen, was man meint, lässt sich die Begrenztheit des analytischen Begriffs des Sprachvermögens aufzeigen.

Von Interesse für diesen Zusammenhang ist ein Beispiel, das Morris von Mead übernommen hat, um an ihm die Verbindung von Sprache und Bewusstsein zu diskutieren. Es ist die Szene einer Filmvorführung, in deren Verlauf einer der Anwesenden Rauch wahrnimmt. Für die Darstellung von Morris sind an diesem Vorfall folgende Momente von Bedeutung: Der Betreffende wolle ausrufen ‘Feuer’, er hemme jedoch diese, sich in ihm anbahnende Schreckreaktion und bedenke, welche Folgen sein Schreckens- und Warnruf auslösen würde. Er frage sich, was im Falle einer bestimmten Äußerung seinerseits passieren würde. – Das Beispiel zeigt die Grenze der behavioristischen Terminologie, es macht ebenso die Begrenztheit des Postulats der Ausdrückbarkeit deutlich. Der Betreffende reagiert nicht, sondern er überleg. Daran kann auch nichts der Umschreibungsversuch, wie ihn Morris unternimmt, ändern, der Betreffende reagiere quasi auf die vorweggenommene Reaktion der anderen auf seinen sich in ihm anbahnenden Ruf. Nach Morris ist das die spontane Handlung verzögernde Moment sprachlichen Zeichen («linguistic signs») zueigen. Damit ist jedoch gesagt, dass der Mensch, weil er spricht, nicht reagiert. Der Kinobesucher handelt überlegt. Das, was er tut, ist für die anderen Anwesenden von Bedeutung obwohl er nichts äußert, ja gerade, dass er in diesem Augenblick nichts sagt, macht die Bedeutung seines Verhaltens aus. Der Einwand, der sich aus dem Postulat der Ausdrückbarkeit ergibt, er hätte die von ihm beabsichtigte Warnung prinzipiell aussprechen können, unterschlägt, dass die Bedeutung seines Tuns gerade in der Zurückhaltung der Warnung liegt. Der spontane Schreckensruf hätte eine andere Bedeutung gehabt, als der überlegte Verzicht auf ihn. Gerade das, was er intendierte, durfte er in diesem Augenblick nicht ausdrücken, ohne dadurch seine Intention zu gefährden.

Für die sprachanalytische Ansicht stellt sich der Sachverhalt jedoch anders dar. Da der betreffende Kinobesucher nichts sagt, liegt auch kein sprachliches Verhalten vor. Seine Zurückhaltung oder Besonnenheit zeige sich vielmehr in einem nicht-sprachlichen Verhalten; sie ist folglich für die Sprachanalyse ohne Bedeutung. Morris hingegen scheint den Zusammenhang von Sprache und Verhalten grundsätzlicher zu sehen. Ihm ist darin zuzustimmen, dass Sprache und Überlegung wesentlich miteinander verbunden sind. [...] Auch nicht-verbales Verhalten kann als sprachliches Verhalten begriffen werden, da Individualität und Selbstbewusstsein ohne Sprache nicht denkbar sind. Morris stützt sich in diesem Punkt auf Meads Darstellung der Entwicklung von Individualität und Selbstbewusstsein in der Sozialisation.»

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 110-112]

«Denke dir ein Sprachspiel, in welchem B dem A auf dessen Frage die Anzahl der Platten, oder Würfel in einem Stoß meldet, oder die Farben und Formen der Bausteine, die dort und dort liegen. – So eine Meldung könnte also lauten: «Fünf Platten». Was ist nun der Unterschied zwischen der Meldung, oder Behauptung, «Fünf Platten» und dem Befehl «Fünf Platten!»? – Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt. Aber es wird wohl auch der Ton, in dem sie ausgesprochen werden, ein anderer sein, und die Miene, und noch manches andere. Aber wir können uns auch denken, dass der Ton der gleiche ist, – denn ein Befehl und eine Meldung können in mancherlei Ton ausgesprochen werden und mit mancherlei Miene – und dass der Unterschied allein in der Verwendung liegt. (Freilich könnten wir auch die Worte «Bedeutung» und «Befehl» zur Bezeichnung einer grammatischen Satzform und eines Tonfalls gebrauchen; wie wir ja «Ist das Wetter heute nicht herrlich?» eine Frage nennen, obwohl sie als Behauptung verwendet wird.) Wir könnten uns eine Sprache denken, in der alle Behauptungen die Form und den Ton rhetorischer Fragen hätten; oder jeder Befehl die Form der Frage: «Möchtest du das tun?» Man wird dann vielleicht sagen: «Was er sagt, hat die Form der Frage, ist aber wirklich ein Befehl» – d.h., hat die Funktion des Befehls in der Praxis der Sprache. (Ähnlich sagt man «Du wirst das tun», nicht als Prophezeiung, sondern als Befehl. Was macht es zu dem einen, was zu dem andern?)

Freges Ansicht, dass in einer Behauptung eine Annahme steckt, die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit, die es in unserer Sprache gibt, jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben «Es wird behauptet, dass das und das der Fall ist.» – Aber «Dass das und das der Fall ist» ist eben in unsrer Sprache kein Satz – es ist noch kein Zug im Sprachspiel. Und schreibe ich statt «Es wird behauptet, dass ...» «Es wird behauptet: das und das ist der Fall», dann sind hier die Worte «Es wird behauptet» eben überflüssig.

Wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in der Form einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben; etwa «Regnet es? Ja!» Würde das zeigen, dass in jeder Behauptung eine Frage steckt?

Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden, um jemand mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat; oder etc. etc. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. Ähnlich dachte sich wohl Frege die «Annahme». [...]

Wie viel Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? – Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir «Zeichen», «Worte», «Sätze», nennen- Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen der Mathematik geben.)

Das Wort «Sprachspiel» soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.»

[Wittgenstein, Ludwig: “Philosophische Untersuchungen”, §§ 21, 22 und 23. In: Schriften von Ludwig Wittgenstein, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1963, S. 298-300]

«Es darf nicht übersehen werden, dass §22 [von Wittgenstein (sie oben)] eine Kritik der Fregeschen Analyse der ‘Behauptung’ enthält und dass von dieser Kritik ausdrücklich auch das Bild des Satzradikals betroffen ist. Die Anmerkung zu §22 ist insofern in ihrer Bedeutung mehrschichtig, als sie nicht nur eine Illustration der Analyse Freges darstellt und damit, ebenso wie diese, einer Kritik unterzogen wird, die Anmerkung soll darüber hinaus veranschaulichen, in welcher Weise ein Satz seine Bedeutung ändern kann. In diesem letzteren Sinn stellt sie eine Anmerkung zu den §§ 21 und 23 dar.

Wie die Kritik an Frege in §22 und das Zurückweisen der Frage: Was ist eine Frage? in §24 zeigen, möchte Wittgenstein die Funktion von Sätzen nicht als generell von einem Satzkern abtrennbaren Modus verstanden wissen. Unterscheidet man an einer ‘Behauptung’ generell zwei Teile, eine Annahme und ein Behaupten, so denkt man sich eine Sprache, in der dies tatsächlich der Fall ist. Ebenso könnte man sich, nach Wittgenstein, denken, dass Behauptungen generell aus einer Frage und einer Antwort auf diese bestünden. (PhU, §21) Sich eine Sprache vorzustellen, bedeutet jedoch, sich ein einfaches Bild von Funktionieren einer Sprache zu machen. Die solchermaßen vorgestellte Sprache ist nichts anderes als ein (mögliches) Sprachspiel. Die Analyse Freges begrenzt folglich die Verwendungsmöglichkeiten der ‘Behauptung’ in unserer Sprache, indem sie ein Modell des Behauptens entwirft.

Die Analyse der Behauptung, wie sie Frege vorschlägt, oder der Frage, wie sie etwa Searle entwickelt, geht zweifelsohne auf gewisse Formulierungsmöglichkeiten in unserer Sprache zurück. Die Art, wie in unserer Sprache Behauptungssätze bzw. Fragen formuliert werden können, verführt zu der Verallgemeinerung, Behauptungen bzw. Fragen hätten in jedem Fall die Form eines Behauptens und eines Behaupteten, bzw. eines Fragens und eines Erfragten.»

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 202f.]

«Meinung und Äußerung

Das Prinzip der Ausdrückbarkeit besagt, der jeweilig Sprechende könne das, was immer er meine, sagen. Es besagt damit jedoch nicht nur, dass der Sprechende einen Ausdruck dessen, was er sagen will, zur Verfügung hat bzw. sich beschaffen kann, es fordert vielmehr, dass er das, was er meine, einem anderen sagen könne. Ob er dies wirklich zustande brachte oder nicht, wird nicht dadurch entschieden, dass er vermeinte, einen genauen oder treffenden Ausdruck gebraucht zu haben. Ob der, and en er seine Rede gerichtet hatte, ihn so verstanden hat, wie er verstanden sein wollte, ist durch den korrekten Gebrauch der in einer Sprache gebräuchlichen Ausdrücke nicht garantiert. Das Prinzip der Ausdrückbarkeit lässt, versteht man es im Sinn des genauen, vollständigen Ausdrucks, keinen Rückschluss von Geäußertem auf Gemeintes zu, denn damit dieser möglich wäre, müsste das auf einen anderen bezogenen Äußern des Gemeinten auf die korrekte Wahl genauer, gebräuchlicher Ausdrücke einer Sprache beschränkt sein. [...]

Damit das Postulat der Ausdrückbarkeit seinen Zweck erfüllen kann, ist es auf solche Situationen zu beschränken, in denen Absichten, ihre Ausführung und deren Anerkennung in hinreichendem Masse selbstverständlich sind. Es wäre zu eng gefasst, wollte man es lediglich als Prinzip der Benennbarkeit oder der Äußerbarkeit verstehen. Meinungen, die anderen im Rahmen geteilter Erwartungen und Voraussetzungen plausibel sind, werden richtig verstanden. Die Sprechakttheorie ist infolgedessen auf die soeben gekennzeichneten, besonderen Situationen beschränkt. Sie ist Theorie eines beschränkten Gebrauchs der Sprache.

Die bereits mehrfach diskutierte Problematik des Postulats der Ausdrückbarkeit kann noch unter einem anderen Gesichtspunkt dargestellt werden. Genauso wenig wie man von vorneherein und in allen Fällen bereit ist, alles zu sagen, was man denkt, wird man auch bereit sein, alles zu äußern, was man mit der Äußerung beabsichtigt. So muss, folgt man dem Konstrukt eines der Äußerung vorgegebenen Gemeinten, bzw. einer vorausgehenden Handlungsintention, zu diesem bereits Gegebenen noch etwas hinzutreten, nämlich der Wille oder Wunsch, es auch zu äußern. Diese Intention, die ‘hinter’ der Äußerung steht, wird in ihr nicht ausgedrückt; würde sie selbst zum Ausdruck gebracht, so stünde hinter ihrer Explizierung wieder der – nicht ausgedrückte – Wunsch, auch dies, dass man den Wunsch hatte, das Gemeinte zu äußern, zum Ausdruck zu bringen. Die Vorstellung, dass alles, was intendiert sei, auch ausdrückbar sei, ist problematisch, da die Intention alles auszudrücken (alles zu sagen), was man meint, im vollständigen Ausdruck des Gemeinten nicht ausgedrückt wird.»

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 70-72]

«Das Einzige, was das Denken, das sich in Sein und Zeit zum ersten Mal auszusprechen versucht, erlangen möchte, ist etwas Einfaches. Als dies bleibt das Sein geheimnisvoll, die schlichte Nähe eines unaufdringlichen Waltens. Diese Nähe west als die Sprache selbst. Allein die Sprache ist nicht bloß Sprache, insofern wir diese, wenn es hochkommt, als die Einheit von Lautgestalt (Schriftbild), Melodie und Rhythmus und Bedeutung (Sinn) vorstellen. Wir denken Lautgestalt und Schriftbild als den Wortleib, Melodie und Rhythmus als die Seele und das Bedeutungsmäßige als den Geist der Sprache. Wir denken die Sprache gewöhnlich aus den Entsprechung zum Wesen des Menschen, insofern dieses als animal rationale, das heißt als die Einheit von Leib-Seele-Geist vorgestellt wird. Doch wie in der Humanitas des homo animalis die Ek-sistenz und durch diese der Bezug zur Wahrheit des Seins zum Menschen verhüllt bleibt, so verdeckt die metaphysisch-animalische Auslegung der Sprache deren seinsgeschichtliches Wesen. Diesem gemäß ist die Sprache das vom Sein ereignete und aus ihm durchfügte Haus des Seins. Daher gilt es, das Wesen der Sprache aus der Entsprechung zum Sein und zwar als diese Entsprechung, das ist als Behausung des Menschenwesens zu denken.»

[Heidegger, Martin: Platonslehre von der Wahrheit. Mit einem Brief über den Humanismus. Bern: Francke Verlag, 1954, S. 78-79]

«No abordo el tema ya tratado por algunos filósofos de si «hablamos porque pensamos o pensamos porque hablamos». Mi postura en este caso es plenamente humboldtiana en el sentido de que lenguaje y pensamiento son dos actividades esencialmente unidas e inseparables. Sólo de un modo abstracto y convencional podemos separar estas dos actividades, ya que el pensamiento es también expresable por medios no lingüísticos como son los otros códigos semasiológicos como el gesto, la pintura, la escultura, etc., lo único que afirmo aquí es la prioridad lógica del pensamiento, deseo, vivencia, etc., respecto al hecho fenomenológico de su comunicación, que presupone, claro está, una estructuración mediante un código generalizado. Ahora bien, como ya señaló el neoidealismo (B. Croce), a toda expresión externa corresponde una expresión o síntesis espiritual interna en la que pensamiento y expresión coinciden.»

[Báez San José, Valerio: Introducción crítica a la gramática generativa. Barcelona: Planeta, 1975, p. 135 n. 96]

«Zubiri es consciente de la correlación existente entre pensamiento y lenguaje. Sabe que su metafísica no se vierte adecuadamente en las proposiciones predicativas. La filosofía clásica se apoyó sobre el logos predicativo. Pero Zubiri no cree que todo logos sea predicativo. «La forma primaria de aprehensión afirmativa de lo real es la forma nominal (...) el simple nombre desempeña a veces la función de designar afirmativamente la realidad de algo, sin la intervención del verbo ser» (Sobre la esencia, p. 353).

Ahora bien, el logos nominal puede revestir formas diversas, y la lógica clásica se ha limitado a una de ellas, aquella según la cual la realidad está compuesta de simples cosas substantes: se identifica el simple correlato real del nombre con cosa substante. Pero hay un logos nominal de estructura distinta. Pues, si bien las cosas tomadas por sí mismas se expresan en todas las lenguas por nombres, tomadas en sus conexiones mutuas se expresan nominalmente de maneras distintas. Se pueden expresar mediante una flexión nominal. En tal caso, las conexiones, más que concesiones, son modos o estados de ser, son flexiones de la cosa real en absoluto. Por eso un nombre declinado no tiene, en principio, un lugar determinado en la frase. Se expresa la cosa como una realidad subjetual dotada de intrínsecas modificaciones. También se pueden expresar las conexiones mediante preposiciones. Entonces, las conexiones se conceptúan no como modificaciones intrínsecas, sino como tales conexiones. Las cosas son, primariamente, independientes entre sí, pero vinculadas por una red de relaciones más o menos extrínsecas.

«Pero hay veces en que el lenguaje expresa las cosas conexas mediante nombres morfológicamente construidos unos sobre otros, de suerte que la conexión se expresa mediante la unidad prosódica, fonética y semántica de dos o varios nombres. Es el estado ‘constructo’. (...) En este tercer recurso morfológico transparece conceptuado un nuevo y original aspecto de la realidad» (SE, 354). Ahora el acento no está puesto sobre cada cosa en y por sí misma: «... en el estado constructo se conceptúa lo real como un sistema unitario de cosas, las cuales están, por tanto, construidas las unas según las otras, formando un todo entre sí. Aquí lo primario no son las cosas, sino su unidad de sistema (...). El estado constructo, como recurso morfológico oriundo de una mentalidad propia, nos ha descubierto la conceptualización de una estructura de la realidad, según la cual la realidad misma es entonces primo et per se unidad de sistema (...). He aquí, pues, el órgano conceptual adecuado que buscábamos para nuestro problema: el logos nominal constructo» (S, 355).

Las citas anteriores pertenecen a un contexto en el que se trata de la esencia, pero lo que Zubiri llama aquí «logos nominal constructo» es el órgano conceptual adecuado para expresar su idea de la realidad y de lo real. Encontramos siempre el mismo esquema. La unidad sistemática es lo primero y absoluto cualquiera que sea el dominio real que se estudie. Ya se trate de las cosas consideradas individualmente o de «la» realidad, la unidad sistemática tiene la prioridad. En todas partes encuentra Zubiri estructuras momentuales en que cada momento es nota del sistema, es decir, nota de las demás notas del sistema estructural, pues el sistema, la unidad sistemática no es hipóstasis, no es algo ya constituido por debajo de las notas mismas. El término absoluto del estado constructo es el sistema mismo, no otra cosas diferente.»

[Ferraz Fayos, Antonio: Zubiri: El realismo radical. Madrid: Cincel, 1987, p. 120-123]

«Olvidamos demasiado que el lenguaje es ya pensamiento, doctrina. Al usarlo como instrumento para combinaciones ideológicas más complicadas, no tomamos en serio la ideología primaria que él expresa, que él es. Cuando, por un azar, nos despreocupamos de lo que queremos decir nosotros mediante los giros preestablecidos del idioma y atendemos a lo que ellos nos dicen por su propia cuenta, nos sorprende su agudeza, su perspicaz descubrimiento de la realidad.»

[José Ortega y Gasset: “Ideas y creencias” (1940). En: Obras completas. Madrid: Revista de Occidente, 1964, t. V, p. 393]