SEMIOTISCHES FÜNFECK

(Recop.) Justo Fernández López

 

Semiotisches Fünfeck nach Wolfgang Raible (1983)

 

Semiotisches Fünfeck nach Raible (1983: 5)

[Raible, Wolfgang: “Zur Einleitung”. In: Stimm, Helmut & Raible, Wolfgang. (eds.): Zur Semantik des Französischen. Wiesbaden: Steiner (Beihefte zur Zeitschrift für französische Sprache und Literatur, Band 9, 1983, S. 1-24)]

«Wolfgang Raible kombiniert in diesem Modell das Bedeutungstrapez nach Hilty (1971, 242; 1983, 32), das zwischen der Ebene des Möglichen und der Ebene des Wirklichen (Aktualisierung im konkreten Sprechakt) unterscheidet, mit der hinter Gaugers (1983) Überlegungen zum Verhältnis von Bedeutung und Bezeichnung stehenden Zeichenkonzeption, nach der, wie gesehen, der Inhalt des Wortes ähnlich wie in der kognitiven Semantik als ‚Dingvorstellung’ bzw. ‚Vorstellung vom Bezeichneten/zu Bezeichnenden’ aufzufassen ist.

Dieses Modell veranschaulicht den semiotischen Prozess, an dessen jeweiligen Endpunkten stets die Ebene des Wirklichen, d.h. des physisch Erfahrbaren betroffen ist, zum einen in der Form der konkreten Lautung („nomen“), zum anderen in der des konkreten Referenten („nominandum“; „nominatum“/“denotatum“). Bei der Äußerung eines Wortes durch einen Sprecher wird zunächst ein bestimmtes „signans“ realisiert, welches dann das „signatum“ hervorruft. Das „signum“ als Einheit von „signans“ und „signatum“ ermöglicht den Ausdruck eines virtuellen bzw. mentalen Designats und das Referieren auf ein konkretes Denotat, einen Referenten.

Das semiotische Verfahren geht andersherum aus von dem konkreten Referenten, vollzieht sich über die mit diesem verbundene Dingvorstellung, das Designat, und erreicht schließlich das eigentliche sprachliche Zeichen, das „signum“, gebildet aus „signans“ und „signatum“. Zwischen der konkreten Lautung, dem „nomen“, und dem konkreten Referenten, dem „denotatum“, besteht eine Bezeichnungsrelation (vgl. Blank 1997, 99).

Das Pentagon Raibles ist mithin ein ebenso dynamisches Modell wie das von Ogden und Richards entworfene triadische Modell. Es fügt dem Modell Ogden und Richards noch die mögliche Unterscheidung zwischen mentaler, abstrakter und konkreter Ebene sowie von einzelsprachlichen („signum“ als Kombination von „signans“ und „signatum“ sowie „nomen“) und außersprachlichen Elementen („designatum“ und „denotatum“) hinzu (vgl. Blank 1997, 100; 101). Die drei von Blank unterschiedenen Ebenen des für die Wortbedeutung relevanten Wissens lassen sich nun folgendermaßen in das Modell Raibles einordnen (vgl. Blank 1997, 100): das Semem ist dem „signatum“ zuzuordnen, Konnotationen und Weltwissen dem „designatum“, die drei Ebenen, die dem einzelsprachlich-lexikalischen Wissen entsprechen, dem „signum“ in seiner Ganzheit. Etwas schwieriger gestaltet sich die Abbildung der sechs von Blank angenommenen Bedeutungsebenen auf das Fünfeck Raibles. Das Designat als vorsprachliche holistische Konzeption des vom Wort intendierten Dings enthält nicht nur Konnotationen und Weltwissen, sondern auch einzelsprachlich relevante Merkmale, die auf der Ebene der in das Bewusstsein eingebetteten Vorstellung noch nicht ausdifferenziert sind. Daher handelt es sich beim Designat nicht um eine lediglich Weltwissen und Konnotationen beinhaltende außersprachliche Bedeutungskategorie, sondern auch um eine nicht-sprachliche bildhafte Repräsentation des Konzepts, die der einzelsprachlichen Analyse in bedeutungsrelevante Merkmale vorangehen kann. Semem und Dingvorstellung schließen sich daher nicht aus, sondern können auch koexistieren, denn Konzepte können sowohl sprachlich als auch bildlich gespeichert sein (vgl. Blank 1997, 58; 90; 100). Andererseits ist das Semem, das „signatum“, nach Blank (1997, 100) „die Schnittstelle von einzelsprachlichem Wissen und dem gesamten Wissen über den intendierten Gegenstand oder Sachverhalt und enthält genau das, was an diesem Wissen in einem bestimmten Sprachsystem von distinktiver Relevanz ist.“ Es bildet daher die „Schnittmenge“ aus den einzelsprachlichen Gegebenheiten und dem Designat, verstanden als gedankliches Konzept eines Gegenstandes oder Sachverhaltes.

Die Unterscheidung zwischen „Signatum“ oder Signifikat als rein einzelsprachlicher Bedeutung, die das sememische Wissen betrifft, und Designat als konzeptuellperzeptueller Größe, als ‚Dingvorstellung’, zu der auch die enzyklopädischen Aspekte des Wissens gehören, ist demnach ganz entscheidend für die Interpretation von sprachlicher Bedeutung in dem semiotischen Modell Raibles (vgl. Koch 1995, 35; Blank 1997). Die Grenzen zwischen einzelsprachlichem Signifikat und konzeptuellem, perzeptuellem, enzyklopädischem Designat dürfen daher keineswegs, wie es in der Kognitiven Semantik geschieht, verwischt werden (vgl. Koch 1995, 37). 

Das Modell Raibles bietet nach der von Blank und Koch vertretenen Auffassung von Wortbedeutung eine geeignete semiotische Grundlage, sowohl die Defizite der Strukturellen Semantik, die das konzeptuelle, außersprachliche Wissen ausschließt, als auch die der Kognitiven Semantik, die den einzelsprachlichen Charakter des sprachlichen Zeichens missachtet, auszugleichen und insgesamt die Vorzüge beider theoretischer Ansätze zu nutzen (vgl. Blank 1997, 100/101; Koch 1996, 118-123). Dieses Signifikat (einzelsprachliche Ebene) und Designat (außersprachliche Fakten) integrierende Modell dient Blank (1997) und Koch (1995) als Grundlage für die Beschreibung von diachronischem Bedeutungswandel, der durch verschiedene Verfahren, wie z.B. Metapher und Metonymie, bewirkt wird, und daraus resultierender synchronischer Bedeutungsvielfalt, Polysemie.

Im Falle der primären Farbwörter dürfte auf der einzelsprachlichen Ebene des Signatum vermutlich keine begriffliche Analyse der jeweiligen Wortinhalte erfolgen, denn außer dem Sem [rote Farbe] lässt sich, wie gesehen (Teil III, Kapitel E.), für dt. rot oder auch frz. rouge kein weiteres distinktives innersprachliches Merkmal ausfindig machen. Daher ist, was die primären Farbwörter angeht, Gauger zuzustimmen, der den Wortinhalt nicht als Begriff, der sich in festumrissene Merkmalbündel analysieren lässt, sondern eher als visuelle, holistische „Dingvorstellung“ betrachtet. Die nicht-sprachliche bildhafte Repräsentation eines Farbkonzepts wird demnach wohl kaum oder erst in zweiter Linie, eventuell im Falle der sekundären Farbwörter (vgl. die klassischen Wortfeldanalysen, Teil III, Kapitel C.1.c)(3)), von einer sprachlichen Diakrise begleitet. Gleichwohl dürfte eine solche nicht- oder möglicherweise auch vorsprachlich verbliebene Dingvorstellung immer auch einzelsprachlich relevante Merkmale enthalten und von daher die Ebene des einzelsprachlichen Signifikats bzw. Semems betreffen. Ansonsten wären einzelsprachliche Unterschiede in der Gliederung der Farbwelt nicht zu erklären. Koch (1996, 121) weist darauf hin, dass der in der kognitiven Semantik entwickelte Begriff des Prototyp, der ja dem Focus einer Farbkategorie entspricht, eindeutig nur das konzeptuelle außersprachliche Designat betreffe und von daher im Grunde keine Aussage über das Signifikat, die einzelsprachliche Bedeutung mache. Da nun aber, wie der Sprachvergleich zeige, jede historische Sprache im Bereich der Farbwelt auswählend und gliedernd wirke, sei das Signifikat letztendlich doch betroffen. Allerdings ließen sich Seme ja nicht ermitteln.

Der alternative Vorschlag Wierzbickas zu „supports prototypiques“ für den Inhalt der einzelnen Farbwörter betreffe letztendlich auch nur das übereinzelsprachliche Designat. Koch schließt daraus: „Ce n’est qu’au moment où l’on parviendrait à décéler p.ex. des „supports“ différents selon les langues qu’il serait vraiment question du signifié“. Dies gelte insbesondere für Lexeme wie z.B. frz. marron oder lat. caeruleus. Die theoretischen und deskriptiven Probleme, die sich auf diesem Gebiet stellen, seien aber noch weit davon entfernt, gelöst zu werden: „Mais quoi qu’il en soit, on ne les résoudra pas en négligeant la différence entre les niveaux du signifié et du désigné“ (Koch 1996, 121). Sowohl einzelsprachliches Signifikat als auch übereinzelsprachliches Designat sind demnach bei der Analyse von Farbwörtern zu berücksichtigen. Dem entspricht, dass die lexikalische Vermittlung von Farben (Ebene des Signifikats) und die Bildung der Farbbegriffe (visuelle Assoziationszentren; Ebene des Designats) in verschiedenen neuralen Systemen des Gehirns angesiedelt sind und der Vermittlung einer dritten Instanz bedürfen, wie Damasio/Damasio (1994 [1992], 61) verdeutlichen(1). Eine Reduzierung oder Eliminierung einer der beiden virtuellen Größen, Signfikat oder Designat, wie sie in der strukturellen und in der kognitiven Semantik betrieben wird, kann die Farbwortforschung daher zwangsläufig nicht voranbringen.

Es zeigt sich auch in diesem Fall wiederum, dass das Spannungsverhältnis zwischen Einzelsprachlichkeit und Übereinzelsprachlichkeit, relativistischen und universalistischen Tendenzen nicht einseitig entschieden werden darf, sondern angemessen durch eine Berücksichtigung sowohl von Sprachwissen (Signifikat) als auch von Weltwissen (Designat) ausgelotet werden muss.

Auf der Ebene des Designats sind Weltwissen und Konnotationen angesiedelt, d.h. also das Wissen über eine bestimmte Farbe, z.B. ihre psychologische, symbolische, emotionale, assoziative usw. Wirkung, und ebenso auch das Wissen bezüglich der Referenten, die typische Träger der Farbe sind. Farbwörter sind zumeist adjektivisch und fungieren als Eigenschaftswörter mit Bezug auf konkrete Objekte in der außersprachlichen Wirklichkeit. Die mit einem Farbwort verknüpfte Dingvorstellung dürfte daher insbesondere durch die Dingvorstellungen der jeweils entsprechenden Farbträger präzisiert und verdichtet werden. So gehört beispielsweise zur Kenntnis des Wortinhalts von dt. rot bzw. frz. rouge sicher auch die Kenntnis des Wortinhalts von dt. Blut bzw. frz.  sang (PRob: sang ‚Liquide visqueux, de couleur rouge, qui circule dans les vaisseaux, [...]’). Es mag sich daher wohl nur oberflächlich betrachtet um „außersprachliches“ Wissen zum Inhalt von rot handeln (vgl. Gauger 1970, 66/67).»

[http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-1891/04_haupttext_diss_clglanemann.pdf, S. 247-250]

(1) «Damasio/Damasio (1994 [1992], 58/59) gehen davon aus, dass “das Gehirn die Sprache mittels dreier wechselwirkender Gruppen von Strukturen verarbeitet”. Die erste Struktur, sowohl in der linken als auch in der rechten Hemisphäre des Gehirns verortet, schafft nichtsprachliche Darstellungen, die sie nach Kategorien ordnet. Eine zweite Gruppe neuronaler Systeme, die sich zumeist in der linken Hirnhälfte befindet, ist einzelsprachlich spezifiziert. Sie repräsentiert Phoneme, Kombinationen von Phonemen, Wortformen und syntaktische Regeln für die Verbindung der Wörter. Eine dritte Gruppe neuronaler Strukturen, ebenfalls in der linken Hemisphäre angesiedelt, vermittelt zwischen beiden: „Diese Instanzen können einen Begriff aufnehmen und das Hervorbringen von Wortformen stimulieren, oder sie können Wörter empfangen und die anderen Hirnteile veranlassen, die entsprechenden Begriffe aufzurufen“. Ein Paradebeispiel für diese dreigeteilte Organisation seien die Wörter und Begriffe für Farben. Näheren Aufschluss über die Lokalisierung der verschiedenen neuronalen Funktionen gewähren Ausfälle der zuständigen Hirnregionen (vgl. Damasio/Damasio 1994 [1992], 60).»

Siehe: Damasio, Antonio R. / Damasio, Hanna: “Sprache und Gehirn”, in: Wolf Singer (Hrsg.): Gehirn und Bewusstsein. Heidelberg/Berlin/Oxford: Spektrum, 1994 [1992], S. 58-66.