SEMIOTISCHE STRUKTURMODELLE

Modelos semióticos estructurales

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Organon-Modell / Semiotik / Zeichen / Semiotisches Dreieck      

 

„Seit den Tagen Charles Sanders Peirces, des Begründers der modernen Semiotik, sind verschiedene Versuche der Zeichenstrukturierung unternommen worden. Ihre konkreten Manifestationen sind Zeichenmodelle, die je nach Selektion und Koordination der semiotischen Relationen unterschiedlich ausfallen. Der Vorteil solcher Modelle ist darin zu sehen, dass sie das Ganze der semiotischen Aspekte zentralen Funktionen unterordnen. Ihre Anwendung auf das Sprachzeichen „Text“ bringt nicht nur die Erkenntnis, dass dieses sich unter dem Zugriff der gewählten semiotischen Perspektive wandelt, also eine relationale Größe ist, sondern auch die Einsicht, dass der Gesamtgegenstand „Text“ oder vielmehr das Phänomen Textualität“ erst in der Gesamtschau eines semiotischen Strukturmodells sichtbar wird. Beides ist in den bisher existenten Text- und Literaturdefinitionen häufig zu wenig berücksichtigt worden, so dass oft ansatzbedingte Einseitigkeiten bestehen. Semiotische Strukturmodelle bieten also erst die Gewähr dafür, dass wir den Objektbereich „Text“ in seiner vollen Ausdehnung durchmessen können.

Als semiotischen Ausgangspunkt wählen wir die Modelle von Karl Bühler und Charles Morris, wobei wir das letztere um Gesichtspunkte von Georg Klaus anreichern.

Kar Bühlers Organonmodell (1934) [siehe unter Organon-Modell]

Das Modell von Ch. W. Morris (1938)

In seinen Foundations of the Theory of Signs (1938/dt. 1972) analysiert Morris nicht primär das, was als Zeichen gelten kann, sondern den Prozess, in dem etwas als Zeichen fungiert, die Semiose. In diesem Punkt ist er durchaus Bühler vergleichbar. Was ihn von diesem aber trennt, sind die Dimensionen, in die er die Semiose ausgliedert. Er unterscheidet davon drei:

die Syntaktik, welche die Relationen zwischen Zeichen und Zeichen untersucht:

die Semantik, welche die Relationen zwischen den Zeichen und den Gegenständen, auf die sie anwendbar sind, untersucht;

die Pragmatik, welche die Relationen zwischen Zeichen und ihren Interpreten untersucht.

Unter „Semantik“ ist Bühlers Darstellungsfunktion, unter „Pragmatik“ die Ausdrucks- und Appellfunktion subsumierbar. Neu hinzugekommen ist die dem Organonmodell fehlende zeichenimmanente Strukturrelation, die hier den Namen „Syntaktik“ trägt. Ähnlich wie der Psychologe Bühler weist auch Morris nachdrücklich darauf hin, daß die drei erschlossenen Dimensionen lediglich Aspekte eines einheitlichen Prozesses seien. Ein Zeichen könne folglich weder innerhalb der Syntaktik noch der Semantik noch der Pragmatik allein definiert werden (1972: 26).

Wie dieses Beziehungsgeflecht aussieht, verdeutlicht er an anderer Stelle (1972: 94) durch nebenstehende Skizze:

Der Zeichenträger erfüllt in der Semiose die Rolle des Vermittlers, der Interpret die des Senders bzw. Empfängers; der Interpretant ist die mittelbare Notiznahme, die der Zeichenträger von etwas ermöglicht. Schwierigkeiten bereitet die Definition von „Designat“ und „Denotat“, die beide in den semantischen Bereich fallen. Morris schreibt dazu: „Wenn das, worauf referiert wird, als das existiert, worauf referiert wird, ist das Referenzobjekt ein Denotat“ (1972: 22). Gemeint ist der Bereich der der „Gegenstände und Sachverhalte“ in Bühler Modell. Ob Denotate sinnfällige Objekte oder lediglich „kulturelle Einheiten“ (Eco 1972: 74) repräsentieren, bleibe hier dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass nicht jeder Zeichenträger (z. B. Sprache) auf einen real existierenden Gegenstand verweist, aber dennoch etwas „meint“. Dieses „Gemeinte“ (sonst auch als Zeicheninhalt, Sinn, Begriff usw. bekannt) nennt Morris Designat und versteht darunter „die Gegenstandsart, auf die das Zeichen anwendbar ist“ (Morris 1972: 22). Jedes Zeichen hat folglich ein Designat, aber nicht unbedingt ein Denotat. Dass Morris beide im Bereich der semantischen Dimensionen lokalisiert, erklärt sich vielleicht aus seiner behavioristischen Einstellung (vgl. Morris 1946).

Das Modell von G. Klaus (1969)

Eine andere Position nimmt hier der Semiotiker Georg Klaus (1969) ein. Sein Modell behält die Morrische Syntaktik und Pragmatik im wesentlichen bei, führt, aber - aus Gründen der materialistischen Erkenntnistheorie - für Designat und Denotat zwei getrennte Zeichenrelationen ein:

-   die Semantik, die die Bedeutung von Zeichen untersucht (Diese hat ihren existentiellen Ort im Bewusstsein, das die Abbilder von Gegenständen, Sachverhalten und Handlungen aufspeichert.) und

-   die Sigmatik, die die Bezeichnungsfunktion von Zeichen untersucht. (Bezeichnet werden Objekte, Sachverhalte und Handlungen der lebensweltlichen Realität.)

Damit schafft Klaus ein Viererparadigma, das den semiotischen Gegenstandsbereich sowohl nach objektivistischen (Syntaktik, Sigmatik) als auch nach mentalistischen (Semantik, z. T. Pragmatik) Gesichtspunkten zergliedert, während bei Morris - auf Kosten der Klarheit - eine strikte Trennung unterbleibt.

Möglichkeiten der Literatur- und Textsemiose: eine Synopsis

Die hier vorgeführten Gedanken sind keineswegs ohne Bedeutung für „Literatur“ und „Text“. Wir erinnern uns, dass der „rhetorische Literaturbegriff“ im Bühlerschen Modell keine kategoriale Entsprechung fand. Diese ist nur bei Morris/Klaus in der syntaktischen Dimension vorhanden. Andererseits werden bei diesen Semiotikern Ausdruck und Appel nicht separat geführt, sonder müssen unter die pragmatische Dimension subsumiert werden: der expressive und der rezeptive Literaturbegriff sind von daher pragmatischer Natur. Schließlich korrespondiert Morris’ semantischer Dimension der mimetische Literaturbegriff, genauer: der Fassung, die Klaus ihr gibt. Denn Mimesis besitzt im Verständnis der kritischen Tradition wohl ein Designat, aber kein Denotat; sie hat keinen Referenten in der Objektwelt. Die hier aufgezeigten Verhältnisse erlauben auch folgende Schematisierung:

Festzuhalten ist als Ergebnis folgendes: Die semiotischen Modelle der behandelten Autoren ermöglichen, trotz aller Unterschiede im einzelnen, eine relativ einheitliche Dimensionierung des Gegenstandes „Literatur“. Das Festlegen der literarischen Dimensionen bedeutet aber noch nicht das Festlegen von Literarität. Diese soll ja eine besondere (ästhetische) Qualität an Texten sein. Also müssen wir hinter das Phänomen „literarische Texte“ zurückgehen auf das, was allen Texten gemeinsam ist: das Texthafte; erst wenn wir wissen, worin dies besteht, können wir in einem zweiten Schritt die Qualität des Literarischen beschreiben. Wir wählen für diese Absicht wegen seiner Fungibilität das Morrische Modell aus und sprechen ab jetzt von Syntaktik, Semantik und Pragmatik des Textes. Auf der Basis dieser dreifachen Dimensionierung ergeben sich folgerichtig drei Textdefinitionen. Das heißt: Der Objektbereich „Text“ wird jeweils durch die Perspektive seiner Betrachtung determiniert. Aus dieser Feststellung resultiert wiederum das Problem, wie eine Textwissenschaft aussehen muß, die diesem Faktum Rechnung trägt.“

[Plett, Heinrich F.: Textwissenschaft und Textanalyse. Heidelberg: UTB 328, 1975, S. 46-51]