RHETORIK

Retórica

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Rhetorische Figuren / Tropus / Logik / Topik / Dialektik / Enthymem / Text / Texttypologie / Textsorten / Stilistik  / Textlinguistik / Poetik / Verslehre / Inventio / Literatur

 

„Der antiken Rhetorik zufolge ist die Produktion einer Parteirede zunächst einmal durch zweierlei Arten von Kunstvorschriften geregelt:

a)                    die sog. «Lehre vom Stoff» und

b)                   die «Lehre von der Verarbeitung» des Stoffes.

Unter dem Stoff einer Rede kann, grob gesagt, so etwas wie das zu behandelnde Thema verstanden werden.

Nach der Lehre von der Verarbeitung des Stoffes oder des Themas einer Rede lassen sich fünf Verarbeitungsphasen unterscheiden:

(1)     das Finden der zum Stoff passenden Gedanken, die intentio;

(2)    die (parteigünstige) Auswahl und Anordnung verfügbarer Gedanken, verfügbarer sprachlicher Formulierungen und verfügbarer Kunstformen, die dispositio;

(3)    etwas, was vielleicht als ‚Ausformulieren’ bezeichnet werden könnte, die elocutio. Die elocutio «ist der sprachliche Ausdruck [...] der in der inventio gefundenen Gedanken»;

(4)    die memoria, d.h. «das Auswendiglernen der Rede»;

(5)    die pronuntiatio, «das Halten der Rede». (Lausberg, H.: Elemente der literarischen Rhetorik. München, 1963)”

[Eckard, Rolf: Sagen und Meinen. Paul Grices Theorie der Konversations-Implikaturen. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994, S. 154]

Rhetorik

Redekunst, Kunst der schönen Rede, Lehre von der Redekunst. In Antike und Renaissance (vgl. Humanismus) spielte die Rhetorik eine zentrale Rolle. Dabei steht sie zur Philosophie in einem gespannten Verhältnis. Denn der rhetorischen Tradition zufolge betrifft Rhetorik als Kunst der Vermittlung nicht bloß die äußere Form oder Formulierung von Erkenntnis, sondern enthält ihrerseits eine Theorie der Erkenntnis:

a)                  Die Form und Formulierungsweise von Einsichten gehört zu diesen Einsichten notwendig hinzu. Eine Erfahrung wird erst zu wirklicher Erfahrung, wenn sie sprachlich gefasst zu werden vermag.

b)                  Alles Verstehen bezieht sich auf Menschen. Es muss vermittelt werden, muss sich an jemanden richten. Es soll insbesondere vermittelt werden, um Handlung zu ermöglichen. In der Vereinigung von Verstehen und Handeln, von Erkenntnis und Gefühl liegt für die rhetorische Tradition das Ziel.“

[Hügli, A. / Lübcke, P. (Hg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Reinbek: Rowohlt, 1991, S. 494]

Rhetorik [gr. techne rhetorike = Redekunst]

Fähigkeit, durch öffentl. Rede einen Standpunkt überzeugend zu vertreten und so Denken und Handeln anderer zu beeinflussen und Theorie bzw. Wissenschaft dieser Kunst. Von anderen Formen der sprachl. Kommunikation hebt sich die Rhetorik durch die Betonung der impressiven bzw. konnotativen Funktion der Sprache ab (Rhetorik = persuasive, überzeugende Kommunikation). Die Antike, in der die Rhetorik entstand, unterscheidet drei Situationen, in der der Redner allein durch seine Überzeugungskraft auf andere einwirken kann:

1.         die Rede vor Gericht (genus iudicale, heute: Forensik, berühmter Vertreter Lysias),

2.        die Rede vor einer politischen Körperschaft (genus deliberativum, berühmter Vertreter Demosthenes),

3.        die Festrede auf eine Person (genus demonstrativum, Epideixis, ber. Vertreter Isokrates).

Die Sachkompetenz des Redners wird jeweils vorausgesetzt (disponibilitas = Verfügbarkeit des Redners). Die Rhetorik stellt ihm ein Repertoire von Anweisungen und Regeln zur Verfügung, an Hand derer er seinen Stoff aufbereiten kann. Sie ist daher nicht nur ein Inventar sprachl. Techniken und Kunstformen, sondern auch eine heuristische Methode, eine »Technik des Problemdenkens«.

In der Vorbereitung der Rede werden 5 Phasen unterschieden:

1.         In der inventio (lat. invenire = finden) werden die zum Thema passenden Gedanken gesucht, wobei als Leitfaden die loci bzw. topoi (lat.. gr. = Örter – nach den Örtern in einem räuml. vorgestellten Gedächtnis) dienen, die seit dem MA. in dem sog. Inventionshexameter zusammengefasst werden, der die relevanten Fragestellungen aufzählt: »quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando?« (wer, was, wo, womit, warum, wie, wann?), vgl. auch Topik.

2.        In der dispositio (Gliederung, Disposition) wird aus den Gedanken, die die inventio zutage fördert, eine Auswahl getroffen. Der Redner kann zwischen drei Wegen wählen: der rationalen Argumentation (docere = belehren), der Erregung von Affekten milderer Art (rhetor. Ethos, delectare = erfreuen), um sich der Gewogenheit des Publikums zu versichern, oder heftigerer Art (rhetor. Pathos, movere = rühren), um es zu erschüttern und seine Emotionen anzusprechen (vgl. auch Genera dicendi). Die Wahl der Gedanken und der Methoden nach Redezweck (utilitas causae) und Situationsangemessenheit (aptum) erfolgt durch die Urteilskraft (iudicium) des Redners. Die interne Disposition der Rede folgt einem Dreierschema: Anfang (cput), Mittelteil (medium), Ende (finis). Der 1. Teil enthält die Anrede an das Publikum (exordium), der 2. die Darlegung des Sachverhaltes (propositio) sowie die Erörterung (argumentatio) mit Beweisgründen (probationes) und Widerlegungen (refutatio), der 3. Teil dann die Schlußfolgerung und erneute Wendung ans Publikum (conclusio, peroratio). Der inneren Gliederung der Gedanken folgt

3.        die elocutio, die Einkleidung der Gedanken (res) in Wörter (verba). Dabei zu beachtende Kategorien (Stilqualitäten, virtus dicendi) sind Sprachrichtigkeit (puritas), Klarheit (perspicuitas) der Sprache, ihre gedankl. Angemessenheit (aptum) und Kürze des Ausdrucks (brevitas).

Rhetorische Figuren und Tropen, d.h. standardisierte Abweichungen von der natürlichen Sprache, sollen, als Mittel der Affekterzeugung, die Aufmerksamkeit auf die Aussage lenken, sie sollen weiter einem ästhet. Bedürfnis (Schmuck und Eleganz der Rede, Ornatus) dienen und für Abwechslung im Ausdruck sorgen; sie überlagern als sekundäre Strukturen die primären der Grammatik und müssen die Mitte halten zwischen zu geringer Abweichung, die Eintönigkeit erzeugt, und zu starker, die dunkel wird. Schließlich werden

4.        in der memoria (Aneignung der Rede im Gedächtnis) mnemotechn. Hilfen und

5.        in der pronuntiatio (Vortrag) der wirkungsvolle Vortrag der Rede behandelt.

Von ihrem Anwendungsbereich her ergeben sich mannigfache Überschneidungen der Rhetorik mit der Topik, Dialektik und bes. mit der Poetik, die sich zwar methodisch und der Intention nach gegenüber der Rhetorik abgrenzen lässt, formal und kategorial jedoch über weite Strecken mit ihr übereinstimmt. Solange eine normative Poetik verbindl. war, übte die Rhetorik einen bedeutenden Einfluss auf Literatur und Poetik aus, wobei sie selbst einem Prozess der Literarisierung unterlag (Rhetorik = ars bene dicendi gegenüber der Grammatik = ars recte dicendi).

Als Stilistik ist die Rhetorik maßgeblich an der Entwicklung der Kunstprosa beteiligt.

Seit der 5. Jh. v. Chr. (verlorene Schrift von Korax und Teisias) wird die Rhetorik didaktisch und wissenschaftlich behandelt (u.a. Gorgias von Leontinoi, Isokrates, Aristoteles, Theophrast, Hermagoras von Temnos, Cicero) und gehört zur antiken Allgemeinbildung.

Eine Blütezeit erlebt die Rhetorik in der Spätantike (neben anderen Quintilian, Apollodoros v. Pergamon, Pseudolonginus).

Die mittelalterliche Rhetorik knüpft wissenschaftlich, didaktisch (Rhetorik als eine der artes liberales) und praktisch (Entwicklung der Homiletik) an diese Antike Tradition an.

Sie wird in Renaissance und Humanismus durch den Rückgriff auf antike Quellen neu belebt und wirkt durch die neutlat. Dichtung bis in die Aufklärung weiter.

Daneben steht seit Plato eine Tradition der Rhetorikfeindlichkeit, klass. durch I. Kant formuliert (Rhetorik = »die Kunst, sich der Schwäche der Menschen zu seiner Absicht zu bedienen«).

Der Zusammenbruch der rhetorischen Tradition erfolgt gegen Ende des 18. Jhs. Einerseits können die erkenntnismäßige Voraussetzungen der Rhetorik als Handlungswissenschaft dem neuen, naturwissenschaftlich orientierten Wahrheitsbegriff der Aufklärung nicht standhalten, andererseits wendet sich das Bedürfnis nach individuellem, subjektivem Ausdruck gegen die normative, typisierende Regelhaftigkeit der Rhetorik, so dass Rhetorik und Dichtung in scharfen Gegensatz treten.

Ihre Nachfolge als Wissenschaft tritt die Stilistik an, die jedoch nie die Verbindlichkeit der Rhetorik erreicht hat, was die Kunst des sprachlichen Ausdrucks als Lehrinhalt beeinträchtigte und nahezu eliminierte. Die Rhetorik überlebt bis zu einem gewissen Grad in ihren traditionellen Gebieten (der Rede); daneben entwickeln sich jedoch neue Formen der Rhetorik (Publizistik, Werbung, public relations u. dgl.) mit spezialisierten Sprachformen.“ [Metzler Literaturlexikon, S. 389-390]

Rhetorik [gr. rhetoriké (téchne) ‘Redekunst’]

In der Antike war die R. politisch und ethisch fundiertes Lehrsystem wirksamer öffentlicher Rede. Das System war aufgebaut auf einem Schema der rednerischen Arbeitsphasen, von der Stoffsuche (inventio) über die Gliederung und sprachliche Stilisierung (dispositio, elocutio) bis zum Vortrag (actio). Diesem zugeordnet waren Theorien der Redegattungen (z.B. Gerichtsrede), der Redeteile (z.B. Beweisführung / argumentatio) sowie der Stilarten (schlichter, mittlerer, erhabener Stil) und der Stilqualitäten (Sprachrichtigkeit) / latinitas, Verständlichkeit / perspicuitas, Angemessenheit /aptum, Schmuck / ornatus).

Während die antike Rhetorik fast alle wichtigen Unterscheidungen der heutigen Stilistik und Pragmatik systematisch berücksichtigte und als frühester Entwurf einer sprachlichen Handlungstheorie gelten kann, beschränkte sich die mittelalterliche und neuzeitliche Schulrhetorik auf die „ornatus-Lehre von den Rhetorischen Figuren und Tropen (sogen. „klassische Rhetorik“ = „Redeschmuck“).

Erst heute knüpft die „moderne Rhetorik“ mit unterschiedlicher Zielsetzung wieder an die antike Tradition an: als sozialpsychologisch fundierte Technik der Kommunikation, als Anwendungsbereich der Verständlichkeitsforschung, als Argumentationstheorie, als gesellschaftspolitisches Instrument in der demokratischen Öffentlichkeit (H. G. Gadamer, J. Habermas).

Innerhalb der Sprachwissenschaft kann die Rhetorik als Teilbereich einer pragmatisch fundierten Textlinguistik bestimmt werden, gekennzeichnet (a) durch die pragmatischen Aspekte einer bewusst auf die Wirkung gerichteten, die Perlokution planenden Sprechhandlung und (b) durch die wechselnden textinternen Merkmale einer situativ angemessenen, argumentativen und stilistischen Struktur.

Rhetorisch“ sind damit speziell alle Arten Persuasiven Sprachgebrauchs im privaten („Alltagsrhetorik“) und öffentlichen Bereich (Politik, Werbung, Gericht) sowie die dabei eingesetzten sprachlichen Mittel (vgl. Texttypologie).“ 

Im interdisziplinären Schnittpunkt von Linguistik, Soziologie und Sprachpsychologie steht die Rhetorik mit der zentralen Frage nach Möglichkeit und Grenzen manipulativen bzw. diskursiven Sprechens.“   

[Bußmann, H., Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 648-649]

Dialogischer Rückblick auf das Gesammelte Werk von Hans-Georg Gadamer:

Jean Grondin: Unter dem Stichwort Relativismus denkt man insbesondere an Ihre Rehabilitierung von Vorurteilen als Bedingungen des Verstehens.

Hans-Georg Gadamer: Das Wort ’Relativismus’ hat es nicht gegeben, so lange es nicht Zweifel an der absoluten Wahrheit gab, die in der Metaphysik verkörpert sein sollte. [...] Für endliche Wesen gibt es aber kein Wissen des Absoluten. Was wir im Sinne von Science ’Wissenschaft’ nennen, sind in Wahrheit Erfahrungswissenschaften – mit Ausnahme der Mathematik und der Logik –, und Erfahrungswissenschaften können kein absolutes Wissen sein. Es scheint mir die richtige Antwort auf den Einwand des Relativismus, wenn die griechische Philosophie nur die Mathematik ’Wissenschaft’ nannte und alle unsere Erfahrungswelt in dem grenzenlosen Bereich der Sprachlichkeit und der Rhetorik ansiedelt. Da ist durchaus nicht alles beweisbar. Was als wahr gelten muss, zielt auf das Glaubhafte ab.

In Wahrheit steht es schon bei Platon im Phaidos und im Philebos, und das gleiche wird dann von Aristoteles ausführlich für die Ethik geltend gemacht, dass für sie der Wahrheitsbegriff der Mathematik keine Geltung hat. In der Mathematik und ihren Notwendigkeiten kommt alles auf die Findung der Beweise an. [...] In der Rhetorik gibt es keine Syllogismen, sondern das enthymema [das Beherzigenswerte]. Darin geht es um das Glaubhafte und das gilt für alle Begriffe vom Wahren, die wir in dem klassischen Begriff der Rhetorik kennen. Das gilt sogar für die Physik, soweit es sich um die sublunare Welt handelt, dass auch da Zufälliges gibt. In Wahrheit zwingt damit Aristoteles zu einem ganz anderen Begriff von episteme als Wissenschaft, den er nur in der Mathematik gelten lässt. Nur da gibt es wirkliche Beweise und nur da kann es keine Ausnahmen geben.

Das Gebiet der Geisteswissenschaften sollte man also eigentlich besser unter dem alten Begriff der Rhetorik zu Ehren bringen, wo es sich um glaubwürdige Aussagen handelt und nicht um zwingende Beweise. Das gilt für die historische Forschung so gut wie für die Rechtswissenschaft oder die Theologie, und so gilt es auch für die Erfahrung der Kunst. Da mag es noch so viel Wissen und Wissenschaft geben, aber nichts davon betrifft die Kunst als Aussage.

JG: Sie heben in Ihrem Ansatz die Vorstruktur des Verstehen heraus und bestehen gleichzeitig auf einer Ausweisung an den Sachen selbst, wie die phänomenologische Parole bei Husserl wie bei Heidegger es nennt. Wie lässt sich das beides vereinbaren: Vorgänglichkeit der Vorurteilsstruktur und die Ausweisung der Sache selbst? Schließt nicht eins das andere aus?

HGG: Ja, wenn wir unsere Vorurteile je ganz ausschalten könnten. Unsere Vorurteile sind aber gerade dadurch definiert, dass wir uns unserer Vorurteile nicht bewusst sind.

JG: Aber was meint dann die Sache selbst?

HGG: Man muss sich klar sein, was ’die Sache’ eigentlich meint. Die Sache ist immer die Streitsache. Das sollten wir irrenden Menschen nie vergessen, und darauf beruht alle Bemühung, unsere Vorurteile zu überwinden. Die Sache selbst hat auch Husserl den intentionalen Gegenstand genannt, und ich erinnere mich, wie Heidegger im Proseminar in Freiburg fragte, was der intentionale Gegenstand eigentlich sei. Der kühne Vorgriff, den er darauf selber als Antwort gab war, der intentionale Gegenstand sei das Sein – offenbar im Gegensatz zum Seienden. Wenn Heidegger von der Sache selbst und dem Phänomen spricht, das sich zeigt, so meint er dabei die Destruktion des Verdeckenden und darin ist die ganze temporale und historische Substruktion impliziert.  Das Aufdecken der Vorurteile, die dazu führen soll, dass das Sein sich zeigt, ist eine Folgerung der Zeitlichkeitsanalyse in Heideggers Sein und Zeit. Die Vorteile, aufgrund derer man urteilt, sind einem gar nicht bewusst. Insofern ist die Sache immer eine Streitsache. Wogegen man streitet, wenn man die Sache meint, ist das Wunschdenken, und es gilt, das Anderssein zu verteidigen. Diesem Ziel dient im besonderen, wenn ich und Du ein Gespräch bestreiten. Denn darauf kommt es an, dass der andere auch von ihm unbewussten Vorurteilen aus am Gespräch teilnimmt. Das gehört zu einem fruchtbaren Gespräch. Wenn wir nicht mit solchem Wohlwollen zuhören, das den anderen in dem, was er meint, anerkennt, sind wir Sophisten. Das jedenfalls ist es, was der Sprachgebrauch meint, wenn er in unserem Sinne von Sophistik redet. Der Sophist will gar nicht verstehen, sondern recht behalten. Was man hier sophistisch nennt, ist der Scheincharakter solcher Widerlegungen.

JG: In dem dritten Teil von Wahrheit und Methode geht es um die universelle Dimension der Sprachlichkeit, die damit eine ontologische Dimension der Hermeneutik freilegt. Hier scheinen Sein, Verstehen und Sprache ganz ineinander verwoben zu sein, und so haben viele das im Sinne von Panlinguistizismus interpretier. Vor allem die berühmte Formel hat dazu verführt, die das wohl meist zitierte Wort aus Ihrem Werk ist: «Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache». Was meinen Sie mit dieser Formel?

HGG: Vor allem heißt das eine: Sein, das erfahren und verstanden werden kann, bedeutet: Sein spricht. Nur über die Sprache kann Sein verstanden werden. Die zitierte Formulierung hat gewiss etwas Schillerndes, aber das ist eine Eigenschaft spekulativer Aussagen, dass sie von verschiedenen Seiten zum Sprechen kommen. Diese Erfahrung macht man in der Praxis oft, je nachdem, wie einer fragt, was er meint, oder wer er ist, der einen fragt, antwortet man ein wenig anders. Das scheint mir keineswegs der Kritik bedürftig, sondern entspricht genau dem, was in der Rhetorik des Aristoteles enthymema [das Beherzigenswerte] ist. Darin drückt sich eine Zuwendung zum anderen aus, die die wahre Rhetorik auszeichnet. Eine rhetorische Zuwendung ist als solche kein zwingender Schluss, aber sie ist deswegen nicht ohne Sinn und nicht ohne Überzeugungskraft und Wahrheitsanspruch. Alle Rede ist doch so, dass das Gemeinte sich von verschiedenen Seiten zeigt und sich daher auf vielfältige Weise wiedergeben lässt. Das ist der Sinn von Schlüssigkeit, der etwas Überzeugungskräftiges ausdrückt, ohne ein zwingender Beweis zu sein.

Ich gebe ein Beispiel: Heidegger sagt einmal «die Sprache spricht». Ich muss eingestehen, dass ich mich der forcierten Paradoxie dieser Formulierung Heideggers lange Zeit widersetzt habe. Es hat mir nicht so ganz gefallen, und ich habe erlebt, wie treueste Heidegger-Schüler darüber erbost waren, dass Heidegger das gesagt hat. Es sei doch klar, dass es der jeweils sprechende Mensch sei, der spricht. Nun, inzwischen habe ich begriffen, was Heidegger meinte, wenn er sagte, die Sprache spricht. Natürlich ist da einer, der spricht, aber dieser ist nicht, ohne durch Sprache eingeengt zu sein, weil es nicht immer das rechte Wort ist, das einem kommt. Das ist Hermeneutik, zu wissen, wie viel immer Ungesagtes bleibt, wenn man etwas sagt. Nach dieser Richtung geht sehr vieles, was durch den Wissenschaftsbegriff der Neuzeit fast ganz unserer Aufmerksamkeit entgeht. So habe ich es geradezu als das Wesen des hermeneutischen Verhaltens bezeichnet, dass man nie das letzte Wort behalten soll.

JG: Wenn ich recht verstehe, heben Sie damit auf die Grenzen der Sprache ab, während man in Wahrheit und Methode den entgegengesetzten Eindruck bekommt, dass das Universum der Sprache grenzenlos sei.

HGG: Aber nein, das habe ich nie gemeint und auch nicht gesagt, dass alles Sprache ist. Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache. Darin steckt eine Begrenzung. Was also nicht verstanden werden kann, kann eine unendliche Aufgabe sein, das Wort zu finden, das der Sache wenigstens näher kommt. [...] In Wahrheit geht es nämlich nicht um den Turmbau von Bebel, das heißt um die Vielfältigkeit der Sprachen und der Sprachverwirrung, die nach dem Alten Testament dem Turmbau ein Ende machte und die Menschen auf ihr eigenes Schicksal zurückwies. In Wahrheit ist es gar nicht die Vielfältigkeit der Sprache, die für die hermeneutische Aufgabe eine unübersteigbare Barriere darstellen soll. Jede Sprache ist lehrbar. So ist ein jeder zum Überschreiten aller Grenzen immer wieder fähig, wenn er die Verständigung mit anderen sucht. Ja, es liegt in der Grenzerfahrung, die im Wort als solchem liegt, geradezu ein unendliche Aufgabe. [...] Wenn ich eine fremde Sprache höre, die ich nur ganz wenig kenne, dann glaube ich mich sogleich wie unterwegs zu einer Gesprächsbasis. Ich mache jetzt in unserem gegenwärtigen Sprachwirrwar, in dem wir uns befinden, immer wieder die gleiche vielsagende Erfahrung. Sie besteht darin, dass Menschen, die sich in einer fremden Sprache ausdrücken, wenn es auch no so schlecht geht, ein großes Wohlwollen seitens der Einheimischen finden. Es klingt paradox, aber es ist wahr: man verständigt sich im Stottern einer fremden Sprache leichter als in Verständigungsversuchen in einer gemeinsamen Muttersprache.

Ich habe regelmäßig eine Erfahrung gemacht. Da geschieht es oft genug, dass einem der andere anbietet: ach, wir wollen uns doch einfach machen, Sie reden Deutsch, und ich rede mit Ihnen Englisch, Französisch, Spanisch oder was auch immer. Aber das geht nicht. Wenn man miteinander reden will, wird nach einiger Zeit die eine oder die andere Sprache gesprochen. An dieser Erfahrung, die wir alle kennen, kommt in meinen Augen heraus, was für eine konkrete Realität das Gespräch und die Sprachlichkeit darstellt. Das sind nicht nur einfach Abstraktionen des Allgemeinbegriffes für Sprache. Es ist ausgesprochen irreführend, wenn es auch in der antiken Geschichte des Wortes graphein und gramma seine natürliche Wurzel hat: Worte sind nichts Geschriebenes. Worte sind nicht im Gehirn eingegraben. Was dort sozusagen angelegt ist, ist vielmehr die Fähigkeit, neue Kombinationen zu stiften, also Sprechen möglich zu machen. Das ist Sprachlichkeit, und der Ausdruck meint deshalb das «das innere Gespräch», das die Stoa den logos endiathetos genannt hat. Augustin hat es sehr eindrucksvoll entwickelt, dass dieses innere Gespräch ein Geheimnis der christlichen Religion verdeutlichen kann. Ich habe viel von Augustinus Büchern De trinitate gelernt. Diese Bücher enthalten einen wahren Überfluss von Metaphern, die das große Geheimnis der christlichen Glaubenslehre, die Dreieinigkeit verständlich machen sollen. Augustinus orientiert sich an dem Begriff des Logos und des Prozesses in Gott. Er ist da letzten Endes immer neuplatonisch inspiriert und erreicht so die Überwindung der Gnosis. Wenn das so ist, dann ist hier tatsächlich eine Grenze des Erkennens da, und es bedarf des Glaubens. [...]

JG: Es gibt also nichtsprachliches Verstehen?

HGG: Zweifellos gibt es das.

JG: Und das würden Sie trotzdem Sprachlichkeit nennen?

HGG: Aber ja. Die Wortsprache ist doch jeweils nur eine besondere Konkretion von Sprachlichkeit, und das gleiche gilt wiederum genauso etwa für die Gesten. Ein Hund, dem man mit der Hand in die Richtung zeigt, läuft nie dorthin, sondern springt zu der Hand hinauf. Sprache gib es ja auch für Stumme, sogar für Taubstumme. Auch für Wilhelm von Humboldt ist es so, der für mich besonders überzeugend ist, weil sein eigentliches Charisma darin bestand, dass er nicht nur ein großartiger Linguist war. Zugleich nahm er auch immer die Dinge, die in den verschiedenen Sprachen zugänglich wurden, wichtig. Man denke an die Einleitung in die Kawisprache. Das gilt für das ganze Problemgebiet, das den Phaidros so schwierig und mir unvergesslich macht. Da wird gezeigt, wie die philosophische Dialektik im Bund mit der wahren Rhetorik steht. Es gibt da viele Probleme, die sich mir erst langsam stellen. [...]

JG: Die Zentralstellung des Ausdrucks ‘Sprachlichkeit’ klingt aber doch etwas geheimnisvoll, wenn das überhaupt keine konkrete Sprache sein soll. Können Sie das erläutern?

HGG: Wie hatten schon eine Erläuterung, als ich an die Sprache der Gestik erinnerte. Das ist offenbar das Gemeinsame, dass selbst Haustiere, die nicht sprechen können, durch den Menschen kaum etwas gezeigt bekommen können. Warum denn? Was ist da das Allgemeine? Offenbar fehlt die Fähigkeit, Symbolisches zu verstehen, nämlich, dass man an etwas, das man nicht meint, etwas anderes erkennt, das man meint, was auch immer es sei, und das so dazu passt, wie die tessara hospitalis, mit der man sich noch nach Generationen als alter Freund des Hauses ausweist.

JG: Sprachlichkeit wäre also die ganz allgemeine Fähigkeit, mit etwas zu meinen und mitzuteilen?

HGG: Ja, etwas als einen Wink verstehen und nicht, etwa nach diesem ausgestreckten Finger, wie der Hund zu schnappen, um es in Besitz zu nehmen, sondern verstehen, dass das etwas meint.

JG: Aber wie gestaltet sich hier das Verhältnis zwischen Logik und Rhetorik? Heutzutage steht Logik für strenges, wissenschaftliches, begründetes Wissen, während Rhetorik als Sophistik gilt.

HGG: Rhetorik ist heute ein Schimpfwort, gewiss! Ich halte das für eine große Schwäche unserer Zivilisation. Bei Vico ist noch der volle Sinn von Rhetorik da. Sie kennen diese lateinische Schrift De ratione studiorum. Sie hat mich immer sehr angezogen, viel mehr als die Anwendung, die er dann selber in La nuova scienza ausgeführt hat. Da stolpert man über viele philologische Seltsamkeiten. Doch bleibt auch dort das Grundsätzliche sehr einleuchtend. Sie erinnern sich gewiss, dass der lateinische Ausdruck für die Wissenschaft bei Vico critica lautet. Das heißt aber in Wahrheit nicht ‘Kommunikation mit etwas’, sondern Unterscheidung von etwas. Also der ganze neuzeitliche Begriff der Objektivität fängt in dieser Zeit an, sich zu bilden. Objektivität meinte ursprünglich das dem Subjekt sich Zeigende, den Gegenstand. Die cartesianische Wendung steht Vico bereits vor Augen. Sprachlichkeit, so könnte man es auch sagen, ist Symbolfähigkeit. Mit Stefan Georg würde ich vielleicht sagen Traumfähigkeit sagen.”

[Gadamer, Hans-Georg / Grondin, Jean: “Dialogischer Rückblick auf das Gesammelte Werk und dessen Wirkungsgeschichte” (1996). In: Grondin, Jean (Hrg.): Gadamer-Lesebuch. Tübingen: Mohr, 1997, S. 282-291]

“Ich möchte natürlich gern die Leitlinie, die zwischen Wort und Begriff hin und her geht, in einigen gründlichen Untersuchungen noch fundieren [vgl. in diesem Band Vom Wort zum Begriff. Die Aufgabe der Hermeneutik als Philosophie (1995)]. Eine derselben wird das Thema behandeln, was Ethik ist, was bedeutet es, dass man theoretisch über etwas Praktisches redet. Können wir den alten weiten Sinn von Rhetorik neu beleben? Nach meiner Meinung hat der späte Heidegger beide Themen nicht mehr verfolgt. Ihn hat Nietzsche in die äußersten Konsequenzen gejagt. Da her er nicht mehr ohne poetisierende Anleihen überhaupt auskommen können und er hat keine wirkliche Sprache gefunden. Dass er weit geblickt hat, ist unbestritten. Ich verteidige Heidegger vor allem immer durch den Hinweis auf diese Arbeit von 1938 über «Das Zeitalter des Weltbildes». Ist das von gestern oder nicht eher von morgen? Oder übermorgen?”

[Gadamer, Hans-Georg / Grondin, Jean: “Dialogischer Rückblick auf das Gesammelte Werk und dessen Wirkungsgeschichte” (1996). In: Grondin, Jean (Hrg.): Gadamer-Lesebuch. Tübingen: Mohr, 1997, S. 295]

Begriff und Theorie der Rhetorik

Gert Ueding  [http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/rhe_3_1.htm]

Rhetorik (grch. rhêtoriké, lat. rhetorica), zusammenfassender Begriff für die Theorie und Praxis der menschlichen Beredsamkeit in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten, ob sie in mündlicher, schriftlicher oder durch die technischen Medien (Funk, Film, Fernsehen) vermittelter Form auftritt. Als wissenschaftliche Disziplin beschäftigt sich die Rhetorik mit der Analyse sprachlicher oder der Sprache analoger Kommunikation (körperliche Beredsamkeit), die wirkungsorientiert, also auf die Überzeugung des Adressaten hin ausgerichtet ist (persuasive Kommunikation).

Sie ist eine Erfahrungswissenschaft, die auf kontrollierter und empirisch nachweisbarer Beobachtung rhetorischer Sprechakte beruht und die Geltung der aus ihr gewonnenen Erkenntnisse durch historische Rekonstruktion und die Bildung von Hypothesen über die Systematik und die Regeln rhetorischen Sprechens zu sichern versucht (Allgemeine Rhetorik).

Rhetorik als praktische Sozialtechnologie (Angewandte Rhetorik) widmet sich der Ausbildung, Übung und Vervollkommnung wirkungsorientierten Sprechens und Verhaltens (Körpersprache, Gesprächshaltung) und benutzt dazu das historisch entstandene System der Regeln, Anleitungen und Gewohnheiten, die anwendungsbezogen von der Allgemeinen Rhetorik entwickelt und formuliert worden sind.

Sie bedient sich dabei auch der Einsichten und Ergebnisse der Sprecherziehung und Sprechwissenschaft, die traditionell einen Teil der Rhetorik und der rhetorischen Erziehung darstellen und die mündliche Realisierung der Rede durch Sprechen sowie ihre mimische und gestische Darstellung zum Gegenstand haben.“

Das System der Rhetorik

Gert Ueding [http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/rhe_3_2.htm]

Das System der Rhetorik ist in allen wesentlichen Zügen bereits in der Antike (Aristoteles, Cicero, Quintilian) entwickelt worden und in dieser Form bis heute Grundlage der Allgemeinen und der Angewandten Rhetorik.

Die theoretischen Voraussetzungen fußen auf der anthropologischen Annahme der Redefähigkeit als einer allgemein menschlichen Naturanlage (natura), die durch Kunst und Wissen (ars, doctrina) sowie durch Erfahrung und Übung (exercitatio) vervollkommnet werden kann. Der rhetorische Unterricht besteht in der Aneignung des rhetorischen Wissens (doctrina), der Nachahmung exemplarischer Vorbilder (imitatio) mit dem Ziel, sie zu übertreffen (aemulatio), und der praktischen Einübung (declamatio).

Die Produktionsstadien der Rede bilden das wichtigste systematische Einteilungsprinzip der Rhetorik.

Am Anfang steht 1. die Erkenntnis des Themas, seine Zuordnung zu einer der drei klassischen Redegattungen, Gerichtsrede, Politische Rede, Festrede, und das Auffinden aller zur wirkungsvollen Behandlung des Gegenstands nötigen Argumente und Materialien (inventio). Zu deren Erforschung hat die Rhetorik ein eigenes System von Suchkategorien (Topik) ausgebildet, die personen- oder problembezogen alle möglichen Fundorte für Argumente, Beweise oder sonstige Belege erschließen.

Das 2.  Arbeitsstadium regelt nach bestimmten Mustern die Gliederung des Stoffes (dispositio) unter den leitenden Aspekten der Sachangemessenheit, der Überzeugungsherstellung beim Hörer/Leser und der vier Redeteile. Diese bestehen aus Einleitung (exordium), Darlegung des Sachverhalts (narratio), Argumentation und Beweisführung (argumentatio), schließlich dem Redeschluss (conclusio, peroratio).

Das 3. Arbeitsstadium umfasst die sprachlich-stilistische Produktion der Rede gemäß der Theorie des rednerischen Ausdrucks (elocutio), die das differenzierteste Teilgebiet der Rhetorik ausmacht. Es umfasst die Figuren und Tropen sowie den Wortgebrauch und die Satzfügung, soweit diese nicht grammatischen, sondern stilistisch-rhetorischen Zwecken dienen. Sprachrichtigkeit, Deutlichkeit, Angemessenheit an Inhalt und Zweck der Rede, Redeschmuck und Vermeidung alles Überflüssigen sind die obersten Stilqualitäten.

Um allen Wirkungsintentionen zu entsprechen, hat die Rhetorik zum Teil sehr komplizierte Stillehren entwickelt, doch allein die wohl auf Theophrast zurückgehende Dreistillehre hat sich durchgesetzt und beherrschte die Geschichte der europäischen Beredsamkeit und Literatur bis ins 19. Jh. Sie unterscheidet die schlichte, schmucklose, sowohl dem belehrenden Zweck wie der alltäglichen Kommunikation angepasste Redeweise von einer auf Unterhaltung und Gewinnung der Zuhörer ausgerichteten Stilart, die sich des Redeschmucks auf eine temperierte Weise bedient und eine sympathische Beziehung zwischen Redner und Publikum herstellen soll; von diesen beiden abgesetzt wird schließlich die großartige, pathetisch-erhabene Ausdrucksweise, die alle rhetorischen Register zieht und die Zuhörer mitreißen will. Sie ist besonders handlungsbezogen und zielt auf Entscheidung und praktische Veränderung aufgrund der zuvor durch Darlegung und Argumentation erreichten Einstellungsveränderung oder -sicherung.

Im 4. Stadium konzentriert sich der Redner auf das Einprägen der Rede ins Gedächtnis (memoria) mittels mnemotechnischer Regeln und bildlicher Vorstellungshilfen.

Das 5. und letzte Produktionsstadium besteht in der Verwirklichung der Rede durch Vortrag (pronuntiatio), Mimik, Gestik und sogar Handlungen (actio). Diesen Anforderungen entsprechend entwickelte die Rhetorik eine ausgefeilte Sprechtechnik, die körperliche Beredsamkeit und in neuerer Zeit die Rhetorik der Präsentation, deren besondere Aufgabe die wirkungsbezogene Vorführung von Gegenständen und die Gestaltung des gesamten Ambientes der Rede ist. In Dekoration, Design und moderner Verkaufsrhetorik hat die Rhetorik der Präsentation heute ihre wichtigsten Anwendungsbereiche. In diesem letzten rhetorischen Arbeitsstadium liegt auch der Ursprungsort der Schauspieler- und Theatertheorien sowie der „gesellschaftlichen Beredsamkeit“, wie A. v.  Knigge seine Kunst des „Umgangs mit Menschen“ nannte.“

Rhetorik

Die R. ist definierbar als "die Kunst des guten Redens (und Schreibens) im Sinne einer von Moralität zeugenden, ästhetisch anspruchsvollen, situationsbezogenen und auf Wirkung bedachten Äußerung, die allgemeines Interesse beanspruchen kann" (Jens). Die damit der R. zugeschriebenen Eigenschaften weisen sie als eine komplexe Disziplin aus, an der verschiedene Wissenschaftszweige partizipieren: die Psychologie, sofern R. ein affektisches Wirkungsinstrument verfügbar macht; die Kommunikationstheorie, sofern R. die Bedingungen der Möglichkeit einer persuasiven Kompetenz formuliert; die Handlungstheorie, sofern R. eine Theorie der Konsensbildung (Habermas) bzw. eine "Grammatik" des vernünftigen Handelns (Kopperschmidt) darstellt, die (normative) Ethik, sofern R. die Leidenschaften erregt, die Erkenntnistheorie, sofern R. die Quelle des argumentativen "Scheins" (Wahrscheinlichkeitsbeweis, Topoi) ist, die philosophische Hermeneutik, sofern R. eine Methode textbezogener Erkenntnisgewinnung bildet (Gadamer); die Linguistik, sofern R. ein System sekundärer Sprachmöglichkeiten (Sprachfiguren) bereithält; die Ästhetik, sofern R. an der Bildung z.B. des literarischen Kodes beteiligt ist. Diese und weitere Wissenschaftszweige verwalten das Gebiet der R., ohne es jedoch im einzelnen ganz zu erfassen. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass R. primär eine kooperative Disziplin darstellt. Der zweite Grundzug der R. ist ihre Praxisbezogenheit; sie bildet die Grundlage jedes wirkungsbezogenen Sprechens und jedes sprachlichen Handelns. Daraus ergibt sich als dritter Grundzug ihre Allgemeinheit; diese manifestiert sich sowohl in der pragmatischen Dimension historisch überlieferter Texte wie auch in der jederzeit nachweisbaren "Rhetorizität" alltäglichen Redens und Schreibens. In den Worten Gadamers: "Die Ubiquität der R. ist eine unbeschränkte. Erst durch sie wird Wissenschaft zu einem gesellschaftlichen Faktor des Lebens."

Die R. formuliert ihre Grundsätze in Gestalt eines Modells zur Erzeugung wirkungsbezogener Texte (Breuer). Seine Komponenten sind die fünf Phasen des Textherstellungsprozesses, die in der Auffindung (inventio), Gliederung (dispositio), Stilisierung (elocutio), Memorierung (memoria) und der medialen Realisierung (actio /pronuntiatio) von Stoffmomenten (Argumenten) bestehen. Das der jeweiligen Phase des Textprozesses zugeordnete rhetorische Teilgebiet stellt ein Zeichen‑ und Regelinventar, d.h. einen Kode, dar.

Die Invention umfasst den argumentativen Kode, d.h. eine Systematik der Figuren des argumentativen Überredens und Überzeugens (Perelman/Olbrechts‑Tyteca). Die Topik beschäftigt sich mit dem habituellen, potentiellen, intentionalen und symbolhaften Charakter solcher Argumentationsfiguren (Bornscheuer). Die Disposition analysiert die Sequenzformen der Argumente im Textvorkommen, z.B. deren künstliche Anordnung (ordo artificialis; etwa durch Umkehrung der logischen bzw. chronologischen Folge) im Gegensatz zur gebrauchsüblichen (ordo naturalis). Von besonderer Wichtigkeit ist die Elokution (rhetorische Stiltheorie), da ihr Kode, die Sprachfiguren, sowohl im rhetorischen wie auch im ästhetischen Kontext Verwendung findet (Plett). Die Sprachfiguren sind nach den semiotischen Dimensionen (Ch. W. Morris) in drei Klassen unterteilt: Die (zeichen‑)syntaktischen (Relation: Zeichen – Zeichen), die pragmatischen (Relation: Zeichen – Benutzer) und die (zeichen‑)semantischen (Relation: Zeichen – Wirklichkeitsmodell) Figuren. Jede Klasse ist durch eine spezifische Form der Abweichung gekennzeichnet: die syntaktische durch die Abweichung von der Alltagssprache, die pragmatische durch die Abweichung von der üblichen Kommunikation, die semantische durch Abweichung vom üblichen Referenzcharakter (Realitätsbezug) des Sprachzeichens. Dadurch bilden sich drei grundlegende Formen von "Sekundarität" des rhetorischen Sprachzeichens, die jeweils in einer sprachinternen, kommunikativen und referentiellen Sekundärgrammatik beschrieben sind.

Die einzelnen Sekundärgrammatiken enthalten weitere Subklassifikationen, z.B. die sprachinterne – als Quelle der syntaktischen Figuren – die Unterteilung in eine Achse der linguistischen Ebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik) und in eine solche der linguistischen Operationen (l. regelverletzend: Lizenzen; 2. regelverstärkend: Äquivalenzen). Auf diese Weise entstehen etwa phonologische (z.B. Alliteration), morphologische (z.B. Anapher), syntaktische (z.B. Parallelismus) und semantische (z.B. Synonyma) Äquivalenz‑ oder Wiederholungsfiguren. Die rhetorische Mnemotechnik behandelt die Möglichkeiten der Datenspeicherung, die Aktionslehre die medialen Umsetzungsformen (Aktionsfiguren) des persuasiven Textes.

Damit das rhetorische Modell in die konkrete Aktualisierung (Performanz) überführt wird, bedarf es einer persuasiven Situation. Diese ist strukturiert nach der Lasswellschen Formel “Who says what in which channel to whom with what effect?“. Ihre Determinanten sind der historische, soziale, psychologische und der kulturelle Kontext (Lachmann). Im Mittelpunkt der rhetorischen Situation steht nicht der Sender, sondern der Empfänger. Die rhetorische Situation ist dann vor allem verwirklicht, wenn bei ihm eine Einsteltungsänderung bewirkt ist. Dazu bedarf es der Aktivierung der einzelnen (argumentativen, sprachfigürlichen, medialen) Kodes. Diese werden nicht immer in ihrer Gesamtheit, in der genannten Reihenfolge oder auch nur als einzelne realisiert, sondern regelmäßig in einer der rhetorischen Situation angemessenen (aptum) Kombinatorik. Die (soziale) Kategorie des "Angemessenen" sichert den Erfolg des persuasiven Sprechaktes. Dieser hat sich seit der Antike in drei rhetorischen Texttypen konventionalisiert: dem judizialen (Anklage/Verteidigung), dem deliberativen (An‑/Abraten) und dem epideiktischen (Lob/Tadel) Typus. Weitere solcher Texttypen sind angesichts der Möglichkeiten, welche die Sprechakttheorie eröffnet, vorstellbar. Die konkrete Erinittlung, Beschreibung und Vergleichung vorhandener rhetorischer Situationen, Texte und Texttypen und der sie prägenden Kodes und Kontexte obliegen einer historisch vergleichenden R. Linguistik, Semiotik, Hermeneutik.“

[Braun, Edmund / Radermacher, Hans: Wissenschaftstheoretisches Lexikon. Graz / Wien / Köln: Styria, 1978]

Die Rehabilltierung der Rhetorik

Die Rhetorik oder Rhetorica wurde im Altertum bestimmt als die Kunst, gut und überzeugend zu sprechen und zu schreiben: ars bene dicendi und ars persuadendi. Diese Kunst umfasste sowohl die praktische Fertigkeit, eine gute und überzeugende Rede zu halten als auch die theoretische Wissenschaft, die die Regeln und Bedingungen einer schönen und kraftvollen, gut gegliederten und verantwortlichen Darstellung formulierte.

Die Kunst der Rhetorik hat seit dem griechischen Altertum bis spät ins neunzehnte Jahrhundert hinein in hohem Ansehen gestanden. In der paideia – Erziehung und Bildung – spielte sie eine herausragende Rolle. Bei Griechen und Römern ein Gegenstand ernsthafter Studien und fortwährender Diskussion, wurde sie von den frühchristlichen Autoren übernommen, die sich ihrer zur Verkündigung der christlichen Botschaft bedienten. Im Mittelalter schließlich gehörte die Rhetorik zum so genannten trivium, d. h. sie war ein Teil dessen, was alle jungen Menschen, die eine schulische Ausbildung genossen, lernen mussten. Von den italienischen Humanisten vielfach verherrlicht, haben die Jesuiten sie um 1600 zur Grundlage ihres Unterrichtssystems (der humaniora) gemacht. Seit dieser Zeit erschienen zahlreiche Handbücher und Traktate zum Thema Rhetorik, die zum Teil eine rein praktische, oft aber auch eine theoretische Aufgabe erfüllten. Sie nahmen den Platz dessen ein, was wir heute als Literaturwissenschaft oder literarische Kritik bezeichnen, und behandelten selbst das, was heute Argumentationslehre oder Theorie der persuasiven Kommunikation heißt.

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts geriet die Rhetorik in Misskredit. In den verschiedenen Erziehungseinrichtungen wurde sie nicht länger gelehrt. Das Wort Rhetorik erhielt einen pejorativen Sinn, der an zweifelhafte Kunstgriffe, an Täuschung und Betrug, an ein Aneinanderreihen von leeren Worten, abgegriffenen Redensarten und Gemeinplätzen denken ließ. Rhetorisch wurde mit schwülstig gleichgesetzt.

Gegenwärtig lässt sich vielerorts eine Wiederbelebung und Rehabilitation der Rhetorik feststellen. Die Zahl der Veröffentlichungen, die das Wort Rhetorik im Titel führen, nimmt stetig zu. Rhetorik nimmt hier wieder einen eindeutig positiven Sinn an. Eine große Zahl von Untersuchungen widmet sich ganz oder teilweise, historisch oder systematisch, mittel‑ oder unmittelbar rhetorischen Problemen. Die Bibliographie, die wir diesem Band beigeben, zeichnet ein authentisches Bild dieser Entwicklung. Bei klassischen Philologen und Historikern, bei Literaturtheoretikern und denen, die sich mit persuasiver Kommunikation beschäftigen, steht die Rhetorik wieder im Mittelpunkt des Interesses. Auch eine Reihe zeitgenössischer Philosophen messen der rhetorischen Problematik große Bedeutung bei.

Die Rehabilitierung der Rhetorik vollzieht sich auf verschiedenen Gebieten. Das inzwischen klassische Werk von Ch. Perelman Traité de l’argumentation mit dem Untertitel La nouvelle rhétorique behandelt die unterschiedlichen Formen des Argumentierens. Rhetorik wird hier als eine Theorie der Argumentation verstanden. Diese Argumentationslehre ist eng verbunden mit Logik und Wissenschaftskritik.

1936 veröffentlichte I. A. Richards seine Philosophy of Rhetoric. In diesem wichtigen Beitrag zur Erneuerung der Rhetorik geht er zunächst der Frage nach, warum wir einander entweder gar nicht oder aber falsch verstehen und begreifen. Richards untersucht sodann, wie dem abgeholfen werden könne und fragt: Worin unterscheidet sich gute von schlechter Kommunikation, und was können wir tun, um sie so gut wie möglich zu gestalten?

Zur verbalen Kommunikation liegt inzwischen eine umfangreiche Literatur vor, die auch auf die Kommunikationswissenschaft und Rhetorik der Kommunikation eingeht. Probleme, die in dieser Wissenschaft in Angriff genommen werden, sind u. a.: Wie erreicht das, was wir sagen oder schreiben, den anderen? Wie kann und muss Information übermittelt werden? Wie wird Information empfangen und verarbeitet? Welche Grenzen und Möglichkeiten, welche Bedingungen und konkreten Umstände bestimmen die zwischenmenschliche Kommunikation?

Ein besonderer Bereich der Kommunikationswissenschaft ist die Theorie der persuasiven Kommunikation mittels der großen Massenmedien (Presse, Radio, Fernsehen, Film). Insbesondere die Techniken der Werbung, politische und ideologische Propaganda sowie die gezielte Meinungsbildung genießen eine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Theorie der persuasiven Kommunikation wird auch Rhetorik genannt. Sie kann beschreibenden, normativen und kritischen Charakter haben. Sie kann den Prozess des Überzeugens und Überzeugtwerdens detailliert beschreiben. Sie vermag Regeln und Normen aufzustellen, die die Kommunikation befolgen muss, um wirklich überzeugend zu sein. Schließlich weiß sie die verborgenen Überzeugungskräfte ans Licht zu bringen und die «hidden persuasers» zu entlarven. Die Kommunikationstheorie ist natürlich nicht unabhängig von der Argumentationslehre. Wissenschaften wie Psychologie und Soziologie, Hermeneutik und Semiotik gewinnen hier große Bedeutung. Es fällt auf, dass Kommunikationswissenschaftler in hohem Maße an der klassischen Rhetorik interessiert sind.

Die Kommunikationswissenschaft erforscht und formuliert darüber hinaus die Gesetzmäßigkeiten des "öffentlichen Sprechens", das viele unterschiedliche Formen annehmen kann: so bei Gelegenheitsansprachen, Vorträgen, Lesungen, Reden in Politik oder vor Gericht, in Unterricht und Vorlesung (Didaktik), in der christlichen Verkündigung (Katechese) und selbst bei der Redaktion und Veröffentlichung von Artikeln und Büchern, von Referaten und Berichten oder von Texten überhaupt. Im letzten Fall handelt es sich gewiss nicht um eine Art des ,Sprechens', sondern vielmehr um eine Form der verbalen Kommunikation und Publikation. Die Regeln für alle diese Formen verbaler Kommunikation aufzustellen, macht ebenfalls einen Teil der Rhetorik aus.

Auch die Literaturwissenschaft wendet sich von neuem der Rhetorik zu. Hier beschränkt sie sich oft auf die Stilanalyse (Stilistik), manchmal sogar auf die linguistische Erforschung der so genannten Redefiguren Metapher, Metonymie usw.). Die Rhétorique générale der Gruppe μ aus Lüttich z. B. thematisiert ausschließlich diese Figuren. [...]

Die rhetorische Literaturwissenschaft räumt dem Text eine besondere Stelle ein. Er wird als eine kommunikative Einheit aufgefasst, die auf bestimmte Weise strukturiert ist, die sich stets aus informativen und persuasiven Elementen zusammensetzt und offensichtlich eine Wirkung auf den Leser ausübt. Nun bedient sich die rhetorische Textanalyse gewiss einer Reihe von Hilfswissenschaften, die auch früher schon von der Rhetorik benutzt wurden: Sprachwissenschaft, Logik, Psychologie und Soziologie. [...]

Die rhetorische Literaturwissenschaft benutzt die Rhetorik in erster Linie als Werkzeug zur Analyse literarischer Texte. Sie kann aber auch zur Analyse philosophischer Texte herangezogen werden. Zu diesem Zweck müssen nur die Kriterien aufgesucht werden, nach denen sich die ,Textsorten' voneinander unterscheiden lassen. Das ist selbstverständlich keine einfache Aufgabe. Will man den Unterschied zwischen einem philosophischen und einem literarischen Text präzise bestimmen, steht man vor zahllosen Problemen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass philosophische Texte in der Tat Texte sind. Und Texte tragen von sich aus zu ihrer rhetorischen Analyse bei. [...]

Zur Form der Philosophie gehört ihre Textualität. Es ist ein ganz und gar vernachlässigtes, zugleich aber sehr formelles und allgemeines Charakteristikum von Philosophie, dass sie aus einer Gruppe von Texten besteht. [..] Wie sehr sich Philosophen auch voneinander unterscheiden, wie groß die Gegensätze zwischen Hegel und Bolzano, Nietzsche und Husserl, Heidegger und Carnap, Sartre und Wittgenstein sein mögen, zumindest darin kommen sie überein, dass ihre Philosophie aus Texten besteht. Nur wer ihre Werke liest oder ihrem Unterricht zuhört, kann Zugang zu ihrer Philosophie gewinnen. [...]

Fasst man Philosophie als eine Gruppe von Texten auf, kann man eine Reihe von Fragen stellen, die vielleicht nicht das Wesen der Philosophie selbst betreffen, aber dennoch von großer Bedeutung für sie sind: Was ist ein Text oder gar ein Werk? Wie ist ein Text aufgebaut? Inwieweit ist jeder Text aus Fragmenten und Bruchstücken anderer Texte zusammengesetzt? Welche Textstelle sind bestimmend für das Ganze, welche sind von geringerer Bedeutung? Welche sind die zentralen Themen des Textes? Wie sind die Themen miteinander verbunden, inwieweit stehen sie zueinander in Gegensatz? Wie verschieben und verändern sich diese Themen, und welche Mechanismen stehen hinter solchen Verschiebungen und Veränderungen? Welche Funktion, welcher Stellenwert kommt in diesem Zusammenhang den Stilfiguren zu? Was kann in einem philosophischen Text gesagt werden, was nicht? Inwieweit sind Struktur und Stil von Philosophie bestimmend für das, was in ihr zur Sprache kommt? Und weiter, welche Faktoren machen den Text zu einem Text ‑ und genau zu diesem Text? Inwieweit sind innere oder äußere Machtstrukturen beim Zustandekommen eines Textes am Werk? Mit anderen Worten: Welchen Einfluss besitzen Machtinstanzen in Politik und Erziehungswesen, in Kultur und Kirche auf das, was gesagt oder nicht gesagt wird? Welche Rolle spielen Elemente wie Angst und Begierde? Wer schreibt eigentlich, wenn geschrieben wird? Was ist ein Autor? Was kann schließlich ein Text bewirken und unter welchen Umständen? [...]

Auch heute wird von einem Konflikt zwischen Rhetorik und Philosophie gesprochen. Klar zum Ausdruck gebracht wird dieser Konflikt bei Nietzsche, Marx und Freud, in einem gewissen Sinne sogar bei Heidegger, und bei verschiedenen Autoren, die sich von diesen Denkern inspirieren lassen: Wir denken hier an J. Derrida, R. Barthes, M. Foucault, J. Lacan und L. Althusser. Durch den direkten oder indirekten Bezug auf die Rhetorik stellen sie die etablierte Philosophie und die traditionelle Metaphysik radikal in Frage. Eine historische und systematische Übersicht über die verschiedenen Facetten dieser alten Auseinandersetzung soll daher einen Einblick in den aktuellen Konflikt ermöglichen.“

[Ijsseling, Samuel: Rhetorik und Philosophie. Eine historisch-systematische Einführung. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann & Holzboog, 1988, S. 9-15]

Retórica:

En la Antigüedad, una de las artes liberales que se ocupaba de la construcción artística del discurso. En cuanto arte, constaba de cinco partes: inventio, dispositio, elocutio, memoria (o recuerdo del discurso, para pronunciarlo) y actio (o declamación del discurso). La materia de la retórica (materia artis) comprende tres tipos de elocuencia: el discurso forense (genus iudiciale), el deliberativo (genus deliberativum) y el panegírico (genus demonstrativum). „La elocuencia deliberativa fue en un principio el discurso político pronunciado en los plebiscitos o en el Senado“ (Curtius).“

[Lázaro Carreter, F., Diccionario de términos filológicos, p. 352]

Retórica

La retórica nace como técnica de persuasión jurídica: aparece unida a la caída de los tiranos en la magna Grecia y a la reivindicación ante los tribunales de las tierras de propiedad privada incautadas por aquéllos. Corax (discípulo de Empédocles) y Tisias parece que fueron los primeros en sistematizar la enseñanza de la retórica. Por R. Barthes la retórica coraciana es una »sintagmática«, una retórica del discurso, del sintagma, no de la figura (Corax dividió la oración en »exordio«, »narración« o »acción«, »argumentación« o »prueba«, »digresión« y »epílogo«); y la de Gorgias sería una »paradigmática« (el estudio de los »tropos« y »figuras«). Son la taxis o dispositio y la lexis o elocutio de la retórica clásica.

Retórica y filosofía se oponen, para Ch. Perelman, en cuanto representan dos ideales de vida (activa y contemplativa) contrapuestos. Este y otros problemas interactúan en el centro de la especulación griega remitiéndonos a una referencia ética que está en su base: la técnica pura de persuasión al servicio de cualquier contenido frente a la »búsqueda de la verdad«: la autoconciencia de la ambigüedad expresiva y de los límites y relativizaciones de »lo verdadero« frente a la fe del filósofo en la palabra única (unívoca) que conduce a la verdad única (la Verdad).

Desde el principio la retórica remite al concepto de »persuasión« y a una situación social específica (propiedad y democracia), de manera que parece posible el planteamiento de una neoretórica (desde una perspectiva no solamente especulativa) que afrontase los problemas empíricos derivados de la psicología, la sociología y la lingüística. Perelman rechaza este punto de vista y nos dice que no cree que »el método de laboratorio pueda determinar el valor de las argumentaciones utilizadas en las ciencias humanas, en derecho y filosofía, porque la metodología misma del psicólogo constituye ya un objeto de controversia y se aparta de nuestro estudio«. Nosotros creemos, sin embargo, que ni la retórica es reducible a tales discursos ni éstos se niegan por principio al análisis empírico.

Como técnica al servicio de cualquier contenido, la retórica (nacida de la democracia) desaparece cuando en manos de la Iglesia »es reducida esencialmente, en la Edad Media, al arte de presentar verdades y valores establecidos« (Ch. Perelman). El concepto de razón relega, posteriormente, a la persuasión a un plano de acientificismo y margina de la filosofía a los estudios retóricos. Son un conjunto de hechos los que contribuyen al progresivo descrédito de la retórica en el ámbito filosófico. Con el romanticismo y su idea de la »libertad artística«, la retórica como normativa literaria languidece rápidamente.

Perelman habla de una »nueva retórica« que completaría a la lógica (entendida restrictivamente como »teoría de la demostración«) con una »teoría de la argumentación«. [...]

Actualmente los estudios retóricos se conciben de forma muy variada. Habría una retórica estructuralista (equipo de Lieja: Dubois, etc.), una retórica que trata de fundamentarse en Chomsky (Thorne, Darbyshire, etc.), una retórica filosófica (Perelman revista de »Filosofía y Retórica« de la universidad de Pennsylvania, etc.), y otras versiones más o menos especializadas (estilo-estadística, teoría de la persuasión y de las actitudes, análisis de estilos cognoscitivos, retórica psicoanalítica, iconología, semántica, etc.). (Fermín Bouza)

[Quintanilla, Miguel A. (dir.): Diccionario de filosofía contemporánea. Salamanca: Ediciones Sígueme, 1976, p. 435 s.]

„Así sucede cuando Quintiliano prescinde de la palabra ars y utiliza la expresión scientia bene dicendi, para referirse a la retórica (Andersen [1995] pág. 16). También los romanos hablaban de rhetorica docens y rhetorica utens, para distinguir la teoría, que se aprende en el aula, del conocimiento que se adquiere mediante el ejercicio (Andersen [1995] pág. 12). El profesor danés de retórica Jørgen Fafner habla de «retórica» y de «ciencia retórica» para distinguir entre la facultad de hablar bien y el saber objetivo acerca de ello.

Mi punto de partida, por lo tanto, es que la Retórica considerada como disciplina se ocupa de investigar teórica o, si se quiere, científicamente el arte de hablar. Damos sin embargo con frecuencia el nombre de retórica al arte de hablar bien, como si hubiese además un arte de hablar mal. Un «arte de hacer algo bien» es una redundancia, pues -como Aristóteles dice al comienzo de su Ética a Nicómaco (1094a, 1-2)- «Todo arte y toda investigación y, de la misma manera, toda acción y toda elección, parecen orientarse hacia algo bueno». El crimen perfecto es, por lo tanto, una acción censurable, bien realizada sin embargo dentro de su género. Esto es así porque lo bueno, en discrepancia con la opinión platónica, puede decirse de muchas maneras (Aristóteles, Ética a Nicómaco, 1096a 23 ss.).

Pero una investigación teórica acerca de un arte puede a su vez dar lugar a dos actitudes científicas que suelen denominarse ciencia descriptiva y ciencia normativa. No es lo mismo describir que prescribir. La Retórica comparte esa ambigüedad científica con la Lógica. Al incluir el arte el buen resultado en su propio concepto, podemos preguntar si estudiamos un arte para describir cómo se practica algo o para prescribir esa práctica. Nos hallamos ante la diferencia entre el ser y el deber ser del arte. Hacer de la retórica una técnica, estipulando un sistema de reglas que aplicamos conscientemente en determinadas situaciones de habla, es una tentación que ha dado y da todavía lugar a muchos cursos y a muchos manuales de retórica. Por otra parte sabemos, sin embargo, que aquello que mejor hacemos lo hacemos inconscientemente y por hábito. Cuando la técnica domina sobre el arte, cuando aceptamos de antemano una regla de acción, somos víctimas de un fundamentalismo que contradice sus propias intenciones. Pues la finalidad de la retórica debiera ser la de contribuir, mediante una reflexión consciente, a alcanzar una habilidad de actuación que no necesite seguir regla alguna. Se trata de asimilar, no de acumular conocimiento.

Esto significa que la retórica no tiene por qué crear técnicas que dicten modos de actuar en situaciones previstas, todavía no actualizadas. Lo que sí hace es proporcionarnos reflexiones y experiencias que son aprovechables para las situaciones concretas, a menudo imprevistas, que se presenten. Esas reflexiones y experiencias pueden quizá asemejarse a las reglas técnicas, pero no son más que meros consejos o advertencias. Se trata de recomendaciones o indicaciones de aquello que debe tenerse en cuenta o aquello en lo que se debe pensar para actuar en situaciones futuras(2). Es empero la propia situación la que determina lo conveniente. Esto actualiza la consideración del concepto griego de kairós. Como dice el catedrático de retórica danés Christian Kock: «La materia concreta y la situación concreta determinan la totalidad del discurso en cuestión, la cual a su vez determina sus partes. Solamente comprendiendo lo que es el kairós puede el retórico producir una expresión en la que las partes sean el todo, una acción coordinada y relevante para una situación». «No es buena retórica seguir un procedimiento fijo, con un inventario fijo de figuras y recursos retóricos».“

[José Luis Ramírez: Arte de hablar y arte de decir.  una excursión botánica en la pradera de la retórica. Relea, Caracas: Universidad Central de Venezuela, Facultad de Ciencias Económicas y sociales, 1999. Cf. http://www.ub.es/geocrit/retor.htm]

No hablamos en serio

La ciencia actual sería imposible sin el lenguaje [...] porque el lenguaje es la ciencia primitiva. Precisamente porque esto es así, la ciencia moderna vive en perpetua polémica con el lenguaje. ¿tendría esto algún sentido si el lenguaje no fuese de suyo un conocimiento, un saber que por parecernos insuficiente intentamos superar? No solemos ver con claridad cosa tan evidente porque desde hace mucho, mucho tiempo, la humanidad, por lo menos la occidental, no «habla en serio». No comprendo cómo los lingüistas no se han detenido debidamente ante este sorprendente fenómeno. Hoy, cuando hablamos, no decimos lo que la lengua en que hablamos dice, sino que, usando convencionalmente y como en broma lo que nuestras palabras dicen por sí, decimos, con este decir de nuestra lengua, lo que nosotros queremos decir. [...] Me explicaré: si yo digo que «el sol sale por Oriente», lo que mis palabras, por tanto la lengua en que me expreso, propiamente dicen es que un ente de sexo varonil y capaz de actos espontáneos – lo llamado «sol» – ejecuta la acción de «salir», esto es, brincar, y que lo hace por un sitio de entre los sitios que es por donde se producen los nacimientos – Oriente. Ahora bien: yo no quiero decir en serio nada de eso; yo no creo que el sol sea un varón ni un sujeto capaz de actuaciones espontáneas, ni que ese su «salir» sea una cosa que él hace por sí, ni que en esa parte del espacio acontezcan con especialidad nacimientos. Al usar esa expresión de mi lengua materna me comporto irónicamente, descalifico lo que voy diciendo y lo tomo en broma. La lengua es hoy un puro chiste. Pero es claro que hubo un tiempo en que el hombre indoeuropeo creía, en efecto, que el sol era un varón, que los fenómenos naturales eran acciones espontáneas de entidades voluntariosas y que el astro benéfico nacía y renacía todas las mañanas en una región del espacio. Porque lo creía, buscó signos para decirlo y creó la lengua. Hablar fue, pues, en época tal, cosa muy distinta de lo que hoy es: era hablar en serio. Los vocablos, la morfología, la sintaxis, gozaban de pleno sentido. Las expresiones decían sobre el mundo lo que parecía la verdad, enunciaban conocimientos, saberes. Eran todo lo contrario que una serie de chistes. Se comprende que en el viejo lenguaje de que procede el sánscrito y en el griego mismo conserven los vocablos «palabra» y «decir» – brahman, logos – un valor sagrado. 

La estructura de la frase indoeuropea transcribe una interpretación de la realidad, para la cual lo que acontece en el mundo es siempre la acción de un agente sexuado. De aquí que se componga de un sujeto masculino o femenino y de un verbo activo. Pero hay otras lenguas donde la frase tiene una estructura muy distinta y que supone interpretaciones de lo real muy diferentes de aquélla.

Y es que el mundo que rodea al hombre no se presenta originariamente con articulaciones inequívocas. O dicho de modo más claro: el mundo, tal y como él se nos ofrece, no está compuesto de «cosas» radicalmente separadas y francamente distintas. Hallamos en él infinitas diferencias, pero estas diferencias no son absolutas. En rigor, todo es diferente de todo, pero también todo se parece un poco a todo. La realidad es un «continuo de diversidad» inagotable. Para no perdernos en él tenemos que hacer en él cortes, acotaciones, apartados; en suma, establecer con carácter absoluto diferenciaciones que en realidad sólo son relativas. Por eso decía Goethe que las cosas son diferencias que nosotros ponemos. Lo primero que el hombre ha hecho en su enfronte intelectual con el mundo es clasificar los fenómenos, dividir lo que ante sí halla, en clases. A cada una de esas clases se atribuye un signo de su voz, y esto es el lenguaje. Pero el mundo nos propone innumerables clasificaciones y no nos impone ninguna. De aquí que cada pueblo cortase el volátil del mundo de modo diferente, hiciese una obra cisoria distinta, y por eso hay idiomas tan diversos con distinta gramática y distinto vocabulario o semantismo. Esa clasificación primigenia es la primera suposición que se hizo sobre cuál es la verdad del mundo; es, por tanto, el primer conocimiento. He aquí, por qué, en un principio, hablar fue conocer.

El indoeuropeo creyó que la más importante diferencia entre las «cosas» era el sexo, y dio a todo objeto, un poco indecentemente, una clasificación sexual. La otra gran división que impuso al mundo consistió en suponer que cuanto existe es o una acción – de aquí el verbo – o es un agente – de aquí el nombre.

Frente a nuestra paupérrima clasificación de los nombres – en masculinos, femeninos y neutros – los pueblos africanos que hablan las lenguas bantúes presentan otra riquísima: en alguna de éstas hay veinticuatro signos clasificadores – es decir, frente a nuestros tres géneros, nada menos que dos docenas. Las cosas que se mueven, por ejemplo, son diferenciadas de las inertes, lo vegetal de lo animal, etc. Donde una lengua apenas establece distinciones otra vuelca exuberante diferenciación. En Eise hay treinta y tres palabras para expresar otras tantas formas diferentes de andar humano, del «ir». En árabe existen cinco mil setecientos catorce nombres para el camello. Evidentemente, no es fácil que se pongan de acuerdo sobre el jorobado animal un nómada de Arabia desierta y un fabricante de Glasgow. Las lenguas nos separan e incomunican, no porque sean, en cuatro lenguas, distintas, sino porque proceden de cuadros mentales diferentes, de sistemas intelectuales dispares – en última instancia –, de filosofías divergentes. No sólo hablamos en una lengua determinada, sino que pensamos deslizándonos intelectualmente por carriles preestablecidos a los cuales nos adscribe nuestro destino verbal. [...]

– Subrepticiamente y con una astuta táctica – dije – nos ha llevado usted ante el abismo de una contradicción, sin duda para hacérnosla sentir con mayor viveza. Ha sostenido usted, en efecto, dos tesis opuestas. Una: que cada lengua impone un determinado cuadro de categorías, de rutas mentales; otra: que los cuadros que constituyeron cada lengua no tienen ya vigencia, que los usamos convencionalmente y en broma, que nuestro decir no es ya propiamente decir lo que pensamos, sino sólo «maneras de hablar». Como ambas tesis son convincentes, su conflagración nos invita a plantearnos un problema que hasta ahora no había estudiado el lingüista, a saber: qué hay de vivo y qué hay de muerto en nuestra lengua; qué categorías gramaticales siguen informando nuestro pensamiento y cuáles han perdido vigencia. Porque de cuanto nos ha dicho usted lo más evidente es esta proposición escandalosa que erizaría los cabellos de Meillet y de Vendryes; nuestras lenguas son un anacronismo.

– Efectivamente – exclamó el lingüista –. Ésa es la cuestión que deseaba sugerir, y ése es mi pensamiento. Nuestras lenguas son instrumentos anacrónicos. Al hablar somos humildes rehenes del pasado.“

[Ortega y Gasset, José: “Miseria y esplendor de la traducción.” (1937). En: Obras completas. Madrid: Revista de Occidente, t. V,  pp. 445-448]