PRAGER SCHULE

Escuela o Círculo de Praga

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Genfer Schule / Kopenhagener Linguistenkreis / Glossematik

 

Prager Schule

[Auch: Funktionale Linguistik/Sprachwissenschaft, Funktionalismus].

Aus dem 1926 von V. Mathesius, B. Trnka, J. Vachek u. a. gegründeten „Cercle Linguistique de Prague“ hervorgegangene sprachwiss. Richtung des europäischen Strukturalismus, deren Grundthesen erstmals auf dem Slawistenkongress in Den Haag (1928) vorgetragen wurden und die sich seit dem Amsterdamer Phonetik-Kongress von 1932 als „P. S.“ bezeichnete.

Im Unterschied zu anderen strukturalistischen Richtungen, wie sie vor allem durch den formbezogenen Ansatz der Kopenhagener Schule vertreten wurden, betrachtet die P. S. Sprache primär als funktionierendes Kommunikationsmittel, dessen strukturelles Zeichensystem durch Beobachtung an konkreten Sprachmaterial in Verwendungssituationen zu beschreiben ist. Damit verzichtet die P. S. auf die von F. de Saussure vertretene strikte Trennung zwischen Langue vs. Parole, zugleich auch auf den Primat einer synchronischen Sprachbetrachtung, indem sie auch Sprachwandel mit strukturalistischen Prinzipien zu erklären versucht. Grundsätzliche Äußerungen hierzu finden sich bei Jakobson (1931) und Martinet (1955).

Die Gemeinsamkeiten ihrer theoretischen Prämissen mit anderen strukturalistischen Schulen liegen

(a)  in der entschiedenen Absage an den positivistischen Atomismus der Junggrammatiker und

(b)  in der Auffassung von Sprache als System und von Sprachwissenschaft als autonomer Wissenschaft (unabhängig von Psychologie, Philosophie u. a.).

Kennzeichnend für das wiss. Vorgegeben der P. S. zugleich auch von nachhaltigstem Einfluss auf die Entwicklung der Sprachwiss. ist ihre Orientierung am Begriff des „Funktionalismus“. Ausgangspunkt der Analyse ist die durch die sprachliche Äußerung ausgedrückte Intention des Sprechers; die Analyse geht also von der „Funktion“ der Äußerung aus, um ihre „Form“ zu beschreiben. In unterschiedlicher Schattierung taucht der Funktionsbegriff in allen wichtigen Untersuchungsbereichen der. P. S. auf, so z. B. im Ansatz der Funktionalen Satzperspektive (der die Thema vs. Rhema-Struktur eines Textes als Strukturprinzip ansieht) und in den semantisch-literaturwiss. orientierten Untersuchungen von R. Jakobson, die sich auf K. Kühlers Organonmodell stützen. Dies gilt besonders für das von N. Trubetzkoy (1890-1938) entworfene und von R. Jakobson (1896-1982) weiterentwickelte Konzept der Phonologie. Die theoretische Fundierung und praktische Darstellung dieses Ansatzes (Binarismus, Distinktives Merkmal, Opposition und Phonem) sind 1939 in Trubetzkoys posthum veröffentlichten „Grundzügen der Phonologie“ zusammengefasst und von Jakobson durch Postulierung eines universellen Inventars phonetisch-phonologischer Merkmale für alle Sprachen ergänzt. Von nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der generativen Transformationsgrammatik war die von Trubetzkoy eingeführte Ebene der Mor(pho)phonologie, auf der die wechselnde phonologische Gestalt morphologischer Einheiten beschrieben wird. Seit den fünfziger Jahren beschäftigen sich Prager Linguisten wie J. Vachek (geb. 1909) und J. Firbas (geb. 1921) vor allem mit syntaktischen, semantischen und stilistischen Problemen des Englischen sowie slawischer Sprachen.“ [Bußmann, S. 604-605]

Die Prager Schule

"Diese Schule hat seit ihrer Gründung um 1926 gegenüber dem de Saussureschen Gedankengut ein hohes Maß an Selbständigkeit bewahrt. Hatten sich de Saussure und noch viel mehr Hjelmslev besonders für das fein verästelte sprachimmanente System von Beziehungen interessiert, so galt die Aufmerksamkeit der Prager Schule mehr dem 'Fleisch und Blut' einer Sprache. Im Gegensatz zu de Saussure wurde hier der parole großes Interesse entgegengebracht, und konkretes Sprachmaterial als Ausgangsmaterial wissenschaftlicher Analysen benutzt.

Synchronie und Diachronie wurden nicht mehr streng voneinander getrennt, die Sprache wurde wieder in Beziehung zur außersprachlichen Wirklichkeit gesetzt, nicht nur die Form, sondern auch die Substanz (z. B. die lautliche) fanden Beachtung. All diese Unterschiede erklären, warum z. B. Hjelmslev dieser Schule das Prädikat 'strukturell' absprechen und die Prager Gruppe selbst diesen Ausdruck ebenfalls lieber durch 'funktional‑strukturell' ersetzt sehen wollte.

Sprache war für die Anhänger dieser Schule besonders ein Werkzeug zur Informationsübermittlung, das nur unter Hinzuziehung funktionaler Fragestellungen (was leistet ein Laut? was leistet Sprache überhaupt?) beschrieben werden konnte.

Das sprachliche Zeichen war hier nicht wie bei de Saussure eine psychische Einheit ohne Bezug zur außersprachlichen Welt, sondern eine sprachliche Entsprechung zur außersprachlichen Wirklichkeit. Letztere musste zum Verständnis, zur Interpretation sprachlicher Zeichen herangezogen werden.

Bei allen Unterschieden gegenüber de Saussure und anderen strukturalistischen Schulen hat aber auch diese Schule die Auffassung der Sprache als System und die der Sprachwissenschaft als selbständige Wissenschaft betont und gleichzeitig dem Atomismus der Junggrammatiker eine Absage erteilt. Viel mehr auch als jede andere Schule setzte die Prager Schule Gedanken früherer Traditionen fort, worin im wesentlichen der Hauptunterschied zu den anderen Schulen bestand.

Da sich diese Schule sowohl in Vertretern in Prag (u. a. J. Vachek) als auch in den USA (R. Jakobson) bis auf die heutigen Tage ‑ mit Unterbrechung durch die grausamen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges ‑ fortgesetzt und gleichzeitig für die anglistische Linguistik eine Reihe wichtiger Auffassungen entwickelt hat, die z. T. auch in die Didaktik des Sprachunterrichtes übernommen worden sind, sollen einige der wichtigsten Grundzüge dieser Schule im folgenden behandelt werden."

[Nickel, Gerhard: Einführung in die Linguistik: Entwicklung, Probleme, Methoden. Berlin: Schmidt, 21985, S. 68]