PRÄTERITUM

Imperfecto o Pretérito perfecto simple

(Recop.) Justo Fernández López

 

Präteritum: deutsche Vergangenheit, in älteren Grammatiken irreführend Imperfekt genannt. Es ist eine Tempusform des Verbs (Zeitform des Tätigkeitswortes) und verweist auf vergangenes Geschehen. Es wird häufig in Erzählungen gebraucht und heißt deshalb auch Erzähltempus.

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen; und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen ...

In Süddeutschen wird in der Umgangssprache statt der Präteritums fast ausschließlich das Perfekt gebraucht, auch in Erzählungen.“ 

[Bünting / Eichler: Grammatiklexikon, Frankfurt/M: Scriptor, 1989,  S. 131]

Präteritum [lat. praeteritum ‘das Vorübergegangene’. - Auch: Imperfekt, Vergangenheit].

(1)  Zeitstufe der Tempus-Kategorie des Verbs zur Bezeichnung der Vergangenheit in Sprachen, die nicht (wie z.B. das Altgriech.) zwischen Aorist, Imperfekt und Perfekt unterscheiden. Das Präteritum kennzeichnet den durch die Aussage bezeichneten Sachverhalt als vor dem Sprechakt abgeschlossenen Vorgang, daher ist das P. vor allem das Tempus epischer Darstellung. In oberdt. Dialekten hat es seine Funktion zunehmend an das Perfekt abgetreten.

(2)  Veraltete Verwendung als Oberbegriff für die Zeitformen Perfekt, Imperfekt, Plusquamperfekt.“ [Bußmann, S. 604]

„Die deutschen Entsprechungsmöglichkeiten des spanischen Imperfekts gehen weit über die einfache Korrespondenz Präteritum - ‘imperfecto’ (‘perfecto simple’) hinaus, welche in der Regel angenommen wird, wenn man beim Vergleich dieser Form vom deutschen Präteritum ausgeht.1“ [Cartagena/Gauger, Bd. 1, S. 379]

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1       „[die französische Sprache] - wie auch die übrigen romanischen Sprachen ... [verfügt] über zwei Tempora, wo andere Sprachen wie das Deutsche oder das Englische nur ein Tempus zu haben scheinen. Er sang oder he sang - das ist in einer Übersetzung bald mit il chantait und bald mit il chanta zu übersetzen“ (Weinrich 1977: 91) und Coseriu, 1976: 93): „[die germanischen Sprachen unterscheiden nicht] das Aktuelle vom Inaktuellen: ich war entspricht sowohl dem sp. yo fui als auch dem sp. yo era ...“.

„Das Präteritum (von lat. praeterire ‘vorbeigehen’, wörtl. ‘das Vorbeigegangene’) wird oft auch Imperfekt genannt (von lat. imperfectum ‘das Unvollendete’). Letztere Bezeichnung charakterisierte ursprünglich ein lateinisches Tempus und ist von dort aufs Deutsche übertragen worden, wo sie insofern irreführend ist, als dieses Tempus nicht die Funktion hat, Unvollendetes auszudrücken. Das Präteritum ist eine synthetische Form: ich war, ich ging, ich machte. Das Perfekt (von lat. perfectum ‘das Vollendete’) ist dagegen eine analytische Form, die mit Hilfe eines Hilfsverbs und des Partizips Perfekt gebildet wird: Du bist gegangen, hast getan.  

Die semantischen Beziehungen zwischen den beiden Tempora und ihren Verwendungsweisen sind aus einer Reihe von Gründen schwer fassbar, was auch dazu geführt hat, dass sich keine einhellige Forschungsmeinung gebildet hat. Die Schwierigkeiten sind:

·      Präteritum und Perfekt sind gegeneinander austauschbar. Diese Ersetzungsmöglichkeit ist jedoch nur in einer Richtung vollständig gegeben: Jedes Präteritum kann (wenn man eine Veränderung der Stilebene in Kauf nimmt) in ein Perfekt verwandelt werden; aber nicht jedes Perfekt kann umgekehrt durch ein Präteritum ersetzt werden. So kann etwa in dem Satz Schiller schrieb „Die Räuber“ im Jahre 1781 ... das Präteritum durch das Perfekt Schiller hat „Die Räuber“ im Jahre 1781 geschrieben ersetzt werden; nicht möglich ist diese Ersetzung aber beispielsweise in dem Satz Guck mal, es hat gescheneit (*Guck mal, es schneite).

·      Im Deutschen findet ein langdauernder Umstrukturierungsprozess statt, bei dem das Perfekt mehr und mehr das Präteritum ersetzt. Deshalb wirkt das Präteritum oft archaischer als das Perfekt.

     Vergleichbare Beobachtungen kann man übrigens auch in anderen Sprachen unseres Kulturkreises machen, z. B. im Französischen, wo das „passé composé“ mehr und mehr das „passé simple“ verdrängt. Dies entspricht einer allgemeinen Erscheinung, der Ersetzung synthetischer durch analytische Formen, die man auch bei der Deklination, der Komparation und auf anderen Sektoren der Konjugation in der indoeuropäischen Sprachengruppe feststellen kann.

·      In einigen Sprechlagen des Deutschen, besonders in der familiären Umgangssprache, hat das Perfekt das Präteritum im ganzen deutschen Sprachraum schon weitgehend ersetzt. So sagt man umgangssprachlich kaum noch Ich rief Klaus an,  sondern man verwendet statt dessen die Form Ich habe Klaus angerufen. Dagegen ist das Präteritum das übliche Tempus in geschriebener erzählender Prosa.

·      Im deutschen Sprachgebiet sind die Verhältnisse nicht einheitlich geregelt: Im süddeutschen Raum, südlich der so genannten „Präteritumslinie“ (oder „Präteritalgrenze“), die südlich von Frankfurt in west-östlicher Richtung verläuft, kenn man das Präteritum mit Ausnahme der Form war in den Dialekten gar nicht. Dieser Präteritumschwund setzt im Oberdeutschen um 1500 ein und vollzog sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne. Ein Beispiel für diesen süddeutschen Sprachgebrauch bilden die Erzählungen des Alemannen J. P. Hebel, die ausschließlich im Perfekt gehalten sind.

·      Die Wahl des Tempus (Perfekt oder Präteritum) hängt auch von dem betreffenden Verb ab: Hilfsverben, Modalverben und einige Verben der Bewegung lassen sich leichter mit dem Präteritum verbinden als die anderen. Hier spielt auch die Lautstruktur eine Rolle: Einige Formen, wie z. B. du berichtetest, rastetest, werden, wenn möglich, vermieden und durch das Perfekt (du hast berichtet, hast gerastet) ersetzt. Außerdem werden statt der Präterita einiger Verben, über deren Form (stark oder schwach) sich die Sprechenden nicht sicher sind, oft die Perfektformen gewählt: Statt sich zwischen scholl und schallte oder backte und buk zu entscheiden, sagt man hat geschallt, gebacken.

Das Präteritum gehört in eine höhere Stilebene als das Perfekt. Da die Sprecherinnen sich dieses Umstandes bewusst sind, lassen sich gelegentlich hyperkorrekte Formen beobachten, d. h. die Sprecherin benutzt das Präteritum in der irrigen Annahme, sich damit „vornehmer“, stilistisch besser auszudrücken, obgleich die Form semantisch nicht passt. Man nennt dies auch das „Ästhetenpräteritum“.

In den Fällen bzw. Kontexten, in denen grundsätzlich beide Tempora benutzt werden könnten, lässt sich ein deutlicher Bedeutungsunterschied feststellen. Hier trägt das Perfekt dann eine Bedeutungskomponente ‘Abgeschlossenheit’: Das Ergebnis, das sich in der Vergangenheit abgespielt hat, wird als abgeschlossen (und eventuell in seinem Resultat noch fortwirkend) erfasst, eine Komponente, die das Präteritum nicht aufweist. So fragt jemand seinen Gast, wenn er wissen will, ob er hungrig ist: Haben Sie schon gegessen?  und nicht Aßen Sie schon?, weil es ihm auf das aktuelle Resultat des Vorganges, nicht auf den vergangenen Vorgang selbst ankommt. An den unterschiedlichen Kontexten, in denen die Glieder des Minimalpaares es schneite  - es hat geschneit  stehen können, lässt sich der Bedeutungsunterschied verdeutlichen. Es schneite wird in Texten vorkommen, in denen es auf die (vergangene) Ereigniszeit ankommt: Es schneite, als er ins Freie trat; erst regnete es, dann schneite es, während der Schneivorgang in Es hat geschneit als abgeschlossen dargestellt wird. Dabei braucht das Resultat des im Perfekt dargestellten Vorgangs zum Sprechzeitpunkt nicht mehr vorzuliegen (Heute morgen hat es noch geschneit, jetzt ist alles geschmolzen).

In einigen Fällen kann man das gleiche Ereignis, je nachdem, wie man es einordnet, mit dem Präteritum oder mit dem Perfekt ausdrücken. In einem chronologischen Bericht über die Taten von Christoph Columbus wird man sagen Er entdeckte 1492 Amerika, segelte zurück nach Spanien, unternahm noch drei weitere Fahrten und starb 1506 ...; in einen anderen Zusammenhang, wenn es sich darum handelt, das Ereignis zu betonen, wird man dagegen das Perfekt wählen: Christoph Columbus hat Amerika entdeckt.  Wenn ein Text dem erzählendem Rhythmus des  und dann ... und dann folgt, wobei das Interesse des Hörers oder der Leserin auf die Abfolge eben dieser Fakten gerichtet ist, wird das Präteritum vorherrschen. Wird ein vergangenes Ereignis dagegen als abgeschlossen und als Resultat berichtet, so wird das Perfekt bevorzugt: 1248 verlor Friedrich II eine wichtige Schlacht bei Victoria. Dagegen : Kannst du mir 20 Mark leihen, ich habe mein Geld verloren. Es regnete, als er sich auf den Weg machte; dagegen angesichts der nassen Straße:  Es hat geregnet (nicht: *Es regnete).

Zu beachten ist allerdings auch, dass zwischen Tempus und Aspekt eine Interrelation besteht. Vgl. z. B. Als ich gekommen bin, hat er gerade gegessen (duratives Verb; Gleichzeitigkeit) gegenüber *Als ich gekommen bin, hat er gerade alles aufgegessen, aber: Als ich gekommen bin, hatte er gerade alles aufgegessen (perfektives Verb; Vorzeitigkeit).

Aus der Bedeutungskomponente ‘Abgeschlossenheit’ des Perfekts erklärt sich auch der Name „Perfekt“ (von lat. perfectum ‘vollendet’).

Während also in den Fällen der Austauschbarkeit beider Tempora durchaus Bedeutungsunterschiede zwischen Perfekt und Präteritum auszumachen sind und man beiden eigene Bedeutungen zuordnen kann, befindet sich das Perfekt in den Fällen, in denen das Präteritum gar nicht zur Verfügung steht, auch nicht in Opposition zum Präteritum, und es wird nicht durch dieses begrenzt und definiert. Es ist dann (neben dem Plusquamperfekt) das Tempus für den Ausdruck von vergangenen Geschehen und verliert folglich seinen perfektiven bzw. resultativen Charakter: Die Feindifferenzierung in der Vergangenheit wird dann aufgehoben.

Zur Erklärung der einzelnen Perfekt- und Präteritumsvarianten

In den Grammatiken werden mehrere Variante des Perfekts erwähnt:

·      ein Perfekt zur Bezeichnung von Vergangenen.

·      ein Perfekt mit Bezug auf Allgemeingültiges: Ein Unglück ist schnell geschehen; ein Fehler ist schnell passiert.

·      ein Perfekt zur Bezeichnung zukünftiger Handlungen, das semantisch dem Futur II entspricht.

Dagegen wird für das Präteritum im allgemeinen nur eine Verwendungsweise angegeben. Erwähnenswert sind nur zwei Sonderfälle:

·      Ein Kellner kann eine Gruppe von Gästen fragen Wer bekam noch das Kalbsschnitzel?, oder man kann jemanden fragen Wie war noch gleich ihr Name?  Ein Perfekt (*Wer hat noch das Kalbsschnitzel bekommen? *Wie ist Ihr Name noch gleich gewesen?) ist hier nicht möglich. Nach der Zeitlogik (Überschneidung mit dem Sprechzeitpunkt) würde man das Präsens erwarten. Offenbar handelt es sich darum, dass die Sprecherin gedanklich einen in der Vergangenheit liegenden Zeitpunkt einnimmt (den der Bestellung/der Vorstellung). Die Sprecherin betont, dass die Information bereits in der Vergangenheit gegeben wurde, also längst zur Verfügung steht, und markiert damit zugleich, dass die Frage nur aufgrund der Unzulänglichkeit des eigenen Gedächtnisses gestellt wird; es handelt sich hier offenbar um einen Höflichkeitsmechanismus, der auch in anderen Sprachen vorliegt (vgl. z. B. serbokr. Kako beše vaše ime?). In dieser Weise lassen sich auch Fälle erklären, bei denen Bitten im Präteritum vorgebracht werden: Ich wollte nur mal fragen, ob Sie mir nicht fünf Mark leihen könnten. (Bei dieser Form wollte ist umstritten, ob es sich nicht um einen Konjunktiv II handelt). Die Sprecherin will so indirekt wie möglich vorgehen und stellt die Frage, als drücke sie nicht ihren aktuellen Willen, sondern eine schon vergangene Bittintention aus. Die Offenheit (d. h. Unabgeschlossenheit) des Präteritums wird in diesen Fällen stilistisch eingesetzt.

     Die Interpretation von Engels (1988: 416), das Präteritum bedeute, dass ein Sachverhalt ohne Belang sei, lässt sich überhaupt nicht nachvollziehen, schon gar nicht für Fälle wie Wie war noch Ihr Name?

·      In der erzählenden Prosa ist das Präteritum das Tempus des inneren Monologs. Gerhard versank in tiefes Nachdenken. War er wirklich außer Gefahr? Oder hatte er etwas übersehen? Die Erzählerin verzichtet hier nicht auf ihren Standpunkt und gibt die Gedanken ihres Helden wie den gesamten Inhalt der Erzählung in der Vergangenheitsform wieder.

Adverbiale Zeitangaben werden beim Präteritum auf den Ereigniszeitpunkt bezogen (Vor zehn Minuten kam der Brief an; *jetzt kam der Brief an); beim Perfekt können dagegen Zeitangaben sowohl den Sprechzeitpunkt als auch den Ereigniszeitpunkt markieren: Heute Mittag (gestern) habe ich gegessen und Jetzt habe ich schon gegessen. Die adverbiale Zeitangabe bezeichnet beim Perfekt normalerweise den Punkt, zu dem das Resultat der Handlung gültig ist; in den Fällen, in denen das Perfekt das Präteritum ersetzt, kann es auch den Ereigniszeitpunkt markieren.

Plusquamperfekt

Das Plusquamperfekt (von lat. plus quam perfectum ‘mehr als vollendet’) ist eine analytische Form und wird mit der Präteritumsform des Hilfsverbs (sein oder haben) und dem Partizip Perfekt gebildet: Sie war gekommen; er hatte geweint. Der Ereigniszeitpunkt liegt vor dem Betrachtzeitpunkt und diese wieder vor dem Sprechzeitpunkt:  -E-B-S®

(Als Eva nach Hause kam), hatte Gerhard schon geputzt: Die Wohnung blitzte nur so. Im Nebensatz ist der Betrachtzeitpunkt bezeichnet: ‘als Eva nach Hause kam’, der im Hauptsatz bezeichnete Akt (das Putzen) liegt davor. Zeitangaben, die bei einem Plusquamperfekt stehen, können sich sowohl auf den Betrachtzeitpunkt als auch auf den Ereigniszeitpunkt beziehen. In dieser Hinsicht ist der Satz Der Streit hatte am letzten Dienstag schon angefangen zweideutig. Er kann bedeuten, dass von einer Zeit am letzten Dienstag die Rede ist, dass aber der Beginn des Streits bereits vorher lag; dann bezieht sich die Angabe auf den Referenzpunkt. Er kann auch bedeuten, dass der Anfang des Streits am Dienstag lag und dass  von einer später liegenden Zeit gesprochen wird; dann markiert die temporale Adverbialbestimmung den Ereigniszeitpunkt.

Es gibt über das Plusquamperfekt hinaus bereits Ansätze zu einem „Doppeltempus“ der Vergangenheit, bei dem eine Plusquamperfektform mit einem Partizip Perfekt von sein oder haben kombiniert wird. Es wird vor allem umgangssprachlich gebraucht, um ein Ereignis zu bezeichnen, das abgeschlossen ist und vor einem anderen liegt, das im Perfekt oder im Plusquamperfekt beschrieben wird. Als er mir sagte, dass er sich die Lampe zum Geburtstag wünschte, hatte ich sie schon längst gekauft gehabt. Diese Form gilt (noch?) nicht als korrekt. Parallel dazu gibt es auch ein Doppel-Perfekt, das vorwiegend im süddeutschen Sprachraum gebräuchlich ist (Das habe ich nicht gewusst gehabt).“

[Hentschel / Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin-New York: W. de Gruyter, 1994, S. 99-105]