PRÄSENS

Presente

(Recop.) Justo Fernández López

 

Präsens

In einigen Grammatiken des Deutschen wird ausdrücklich bestritten, dass das Präsens als das „Gegenwartstempus“ aufgefasst werden könne. So sagt der Duden: „Das Präsens kann allgemein charakterisiert werden als das Tempus der ‘Besprechung’“; Hennig Brinkmann beginnt seine Erörterung des Präsens mit der Bemerkung: „Dass das Präsens kein ‘Gegenwartstempus’ ist, also nicht die Aufgabe hat, einen Prozess der Gegenwart des Sprechens zuzuweisen, ist bekannt“. Die Grundzüge bestimmen das Präsens als allgemeinen Zeitausdruck: „Das Präsens bezeichnet eine allgemeine Zeitlichkeit, den allgemeinen Zeitverlauf“. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Weinrich. Damit wird einer intuitiv zunächst einleuchtenden Zuordnung des Präsens zum Zeitpunkt des Sprechers widersprochen, also der Auffassung, dass das Präsens dem Ausdruck der Gegenwart diene. Zur Begründung wird auf folgende sprachliche Fakten hingewiesen:

a)    Das Präsens kann zur Bezeichnung vergangener Ereignisse benutz werden:

       - das szenische Präsens, z. B. Komme ich doch gestern nach Hause, was sehe ich?

       - das Präsens historicum im engen Sinne, z. B. Weihnachten 800 wird Karl der Große ...

       - das Präsens zur Einleitung von Zitaten: Goethe sagt: Arbeite nur, die Freude kommt von selbst. - In der Bibel heißt es: ...

b)   Das Präsens kann „zeitlose“ Ereignisse ausdrücken. Bonn liegt am Rhein.

c)    Das Präsens wird benutzt, um allgemeine Fähigkeiten und Gewohnheiten darzustellen, wobei die bezeichnete Handlung zum Sprechzeitpunkt gerade nicht vollzogen wird.

d)   Das Präsens kann zur Bezeichnung eines zukünftigen Geschehens benutzt werden: Morgen fahre ich nach Berlin. Dieser Gebrauch des Präsens ist nicht in allen Sprachen gleich gut möglich, kommt jedoch durchaus auch in anderen Sprachen vor.

Aus diesen Gründen werden in den Grammatiken oft einzelne Funktionen des Präsens unterschieden. Helbig/Buscha führen vier Bedeutungsvarianten auf:

1.    aktuelles Präsens;

2.    Präsens zur Bezeichnung eines zukünftigen Geschehens;

3.    historisches Präsens (zur Bezeichnung eines vergangenen Geschehens);

4.    generelles oder atemporales Präsens.

Bei der semantischen Interpretation des Präsens stehen Meinungen, die ihm eine einheitliche Bedeutung zuschreiben, solchen gegenüber, die hierüber keine expliziten Aussagen machen, es aber faktisch als ambig [mehrdeutig, doppelsinnig] darstellen, indem sie einzelne Varianten aufstellen.“ 

[Hentschel, E. und Weydt, H.: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin: W. de Gruyter, ²1994, S. 89-91]