POSTMODERNE

Posmodernismo

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Poststrukturalismus

 

„Kant, der Philosoph der Aufklärung, ein Vorläufer der Postmoderne? Provokanter könnte Jean-François Lyotard seine Kritik einer Aufklärung und verengten Vernunftphilosophie, die ihr eigenes Erbe vergessen hat, nicht formulieren. Nach der «Postmoderne für Kinder» gibt der Begründer der Postmoderne-Diskussion in der Philosophie hier eine zweite, wichtige Klärung und entscheidende Begründung seines Postmoderne-Begriffs. Die Postmoderne bedeutet nicht Irrationalismus oder Verantwortungslosigkeit, sondern sie geht im Gegenteil auf den Ursprung der modernen Aufklärung und Vernunftphilosophie zurück, nimmt ihn ernst und entwickelt ihn zu einem unserer Zeit gemäßen und unsere Erfahrungen berücksichtigenden Vernunft- und Verantwortungsdenken weiter.”

[Verlagsprospekt über J.-F.- Lyotard: Der Enthusiasmus. Kants Kritik der Geschichte. Wien. Passagen-Verlag, 1988]

„Die Differenz ist also folgende: Die moderne Ästhetik ist eine Ästhetik des Erhabenen, bleibt aber als solche nostalgisch. Sie vermag das Nicht-Darstellbare nur als abwesenden Inhalt anzuführen, während die Form dank ihrer Erkennbarkeit dem Leser oder Betrachtet weiterhin Trost gewährt und Anlass von Lust ist. Diese Gefühle aber bilden nicht das wirkliche Gefühl des Erhabenen, in dem Lust und Unlust aufs innerste miteinander verschränkt sind: Die Lust, dass die Vernunft jegliche Darstellung übersteigt, der Schmerz, dass Einbildungskraft und Sinnlichkeit dem Begriff nicht zu entsprechen vermögen.

Das Postmoderne wäre dasjenige, das im Modernen in der Darstellung selbst auf ein Nicht-Darstellbares anspielt; das sich dem Trost der guten Formen verweigert, dem Konsensus eines Geschmacks, der ermöglicht, die Sehnsucht nach dem Unmöglichen gemeinsam zu empfinden und zu teilen; das sich auf die Suche nach neuen Darstellungen begibt, jedoch nicht, um sich an deren Genuss zu verzehren, sondern um das Gefühl dafür zu schärfen, dass es ein Undarstellbares gibt. Ein postmoderner Künstler oder Schriftsteller ist in derselben Situation wie ein Philosoph: Der Text, den er schreibt, das Werk, das er schafft, sind grundsätzlich nicht durch bereits feststehende Regeln geleitet und können nicht nach Maßgabe eines bestimmenden Urteils beurteilt werden, indem auf einen Text oder auf ein Werk nur bekannte Kategorien angewandt würden. Diese Regeln und Kategorien sind vielmehr das, was der Text oder das Werk suchen. Künstler und Schriftsteller arbeiten also ohne Regeln; sie arbeiten, um die Regel dessen zu erstellen, was gemacht worden sein wird. Daher rührt, dass Werk und Text den Charakter eines Ereignisses haben. Daher rührt auch, das sie für ihren Autor immer zu spät kommen oder, was auf dasselbe hinausläuft, dass die Arbeit an ihnen immer zu früh beginnt. Postmodern wäre also das Paradox der Vorzukunft (post-modo) zu denken.

Mit scheint, dass der Essay (Montaigne) postmodern ist und das Fragment (das Athenäum) modern.

Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, dass es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann. Und man hat sich von dieser Aufgabe nicht die mindeste Versöhnung zwischen «Sprachspielen» zu erwarten: Kant, er nannte sie Vermögen, wusste, dass sie durch einen Abgrund voneinander geschieden sind und dass nur eine transzendentale Illusion (die Hegelsche) hoffen konnte, sie in einer wirklichen Einheit zu tolerieren. Aber er wusste auch, dass für diese Illusion der Preis des Terrors zu entrichten ist. Das 19. und 20 Jahrhundert haben uns das ganze Ausmaß dieses Terrors erfahren lassen. Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen, nach der Versöhnung von Begriff und Sinnlichkeit, nach transparenter und kommunizierbarer Erfahrung teuer bezahlt. Hinter dem allgemeinen Verlangen nach Entspannung und Beruhigung vernehmen wir nur allzu deutlich das Raunen des Wunsches, den Terror ein weiteres Mal zu beginnen, das Phantasma der Umfassung der Wirklichkeit in die Tat umzusetzen. Die Antwort darauf lautet: Krieg dem Ganzen, zeugen wir für das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Widerstreite, retten wir die Ehre des Namens.”

[Lyotard, Jean-François: “Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?”. In: Welsch, Wolfgang: Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1988, S. 202-203]

„«Im gesamten (abendländischen) Glauben hat man gewettet, dass Zeichen stets nur auf die Tiefe eines Sinns verweisen und sich gegen den Sinn austauschen lassen – wobei jemand als Bürger in diesem Tausch auftritt – natürlich Gott. Doch wie, wenn sich Gott selbst auf Zeichen reduzieren ließe? Wie, wenn man in der Lage wäre, Ihn zu simulieren? Dann gleitet das ganze System in Schwerelosigkeit hinab und wird selbst nur noch eingigantisches Simulakrum – nicht irreal, sondern ein Simulakrum, d.h. dass es sich niemals gegen das Reale austauschen lässt, sondern nur in sich selbst zirkuliert, und zwar in einem ununterbrochenen Kreislauf ohne Referenz (réference) und Umfang (circonférence)» (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen. Berlin: Merve Verlag, 1978, S. 14).

Eine solche Welt als Simulakrum, nur noch Signifikanten ohne Signifikate und Referenten, nur noch Imaginäres ohne Reales und Symbolisches – ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob es sich dabei um eine Erkenntnis handelt, die mehr oder weniger allgemeine Gültigkeit beanspruchen kann, die uns heute besser als bisher zu verstehen hilft, wie zum Beispiel Magie in traditionalen Gesellschaften funktioniert, oder ob es sich dabei um einen Spiegel unserer heutigen Welt handelt, ein Symptom, und also dieser hier unternommene Versuch nur eine große Projektion unseres Verlusts an Realem und Symbolischem auf die Agni war, und ich weiß auch nicht, ob ich einer solcher Vision, sei sie nun eine fälschlicherweise verallgemeinerte soziologische Zeitdiagnose oder ein philosophisch-anthropologischer Wissensdurchbruch, eine Welt des Totalitarismus oder des befreiten Spiels sehen soll.”

[Signer, David: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht. Wien: Passagen Verlag, 1994, S. 166-167]

„Es ist vielleicht mehr als rein zeitliche Koinzidenz, dass exakt zu der Zeit, als Sergej Eisenstein seinen Begriff der «intellektuellen Montage» entwickelte (und praktizierte), das Aneinanderstellen heterogener Fragmente, in der Absicht, keine narrative Kontinuität, sondern eine neue Bedeutung zu generieren.

T.S. Eliot praktizierte etwas sehr Ähnliches in seinem «The Waste Land». Er stellte Fragmente aus verschiedenen Bereichen des Alltagslebens und Fragmente von alten Mythen und Kunstwerken nebeneinander. Die Leistung von «Waste Land» war, Fragmente der alltäglichen, banalen Mittelklasseerfahrung als «objektive Korrelate» des/der metaphysischen Gefühls/Atmosphäre des universellen Zerfalls, der Desintegration der Welt, dem Zwielicht der Zivilisation zu positionieren. Diese gewöhnlichen Fragmente (pseudo-intellektuelles Geplauder, Gespräche aus einem Pub, Impressionen von einem Fluss et cetera) werden plötzlich in den Ausdruck eines metaphysischen Unbehagens, einen Zustand, der Heideggers «man» gleicht, «transsubstanzialisiert». Eliot steht hier im Gegensatz zu Wagner, der seine Geschichte vom Zwielicht der Götter durch überlebensgroße – mythische – Figuren erzählte: Eliot entdeckte, dass dieselbe grundlegende Geschichte viel effektvoller durch Fragmente aus dem gewöhnlichsten, bürgerlichen Leben erzählt werden kann ...

Vielleicht liegt darin der Übergang vom späten Romantizismus zum Modernismus: Späte Romantiker dachten immer noch, dass man die große Geschichte vom universellen Zerfall mittels überlebensgroßer Heldenerzählungen umsetzen muss, während Modernismus das metaphysische Potential in den gewöhnlichsten und vulgärsten Gegenständen unserer täglichen Erfahrung ausdrückt – und vielleicht invertiert Postmodernismus Modernismus: Man kehrt zu den großen mythischen Motiven zurück, aber diese sind ihrer kosmischen Resonanz beraubt und werden wie gewöhnliche Fragmente behandelt, die manipuliert werden können. Kurz, während wir in der Moderne Fragmente des täglichen Lebens haben, die eine globale metaphysische Vision ausdrücken, finden wir in der Postmoderne überlebensgroße Figuren, die wie Fragmente des gewöhnlichen Lebens behandelt werden.

Ich habe einige Zeit mit der Idee gespielt, einen Anmerkung-Band zu einem nicht existierenden klassischen Text zu schreiben. – Dieses Spiel mit dem abwesenden Zentrum ist noch immer Modernismus, wie Cindy Shermans fabelhafte Standphotos von nicht existierenden Schwarz-Weiß-Filmen. Postmodernismus wäre das entgegengesetzte Prozedere gewesen, die ganze Erzählung hinter dem Bild (oder Photo) zu imaginierten und dann ein Stück darüber zu schreiben oder einen Film darüber zu drehen.

Etwas ähnliches fand kürzlich in New York statt. Lynn Rosens Stück «Nighthawks», das im Februar 2000 Off-Broadway eröffnete, bietet genau das, was sein Titel verspricht: eine Serie von Szenen, die vier Bilder von Edward Hopper zum Leben erweckt, indem die mögliche Konversation in den jeweils dargestellten Szenen und was diese Menschen zusammenbrachte imaginiert wird – Anomie, Isolation, verfehlte Begegnungen, hoffnungslose Träume ...

In seiner atemberaubenden, geradezu vulgären Einfachheit, ist das Postmodernismus in seiner reinsten Form.

Das ist nicht dasselbe wie jener vor ein paar Jahren gedrehte spanische Film, der versuchte, die Umstände der Produktion von Velázquez «Las Meninas», wiedererstehen zu lassen: Hier sind es nicht die Umstände von Hoppers Malprozess, sondern die fiktionale Realität der dargestellten Realität der Bilder, die ausgebaut und «zum Leben erweckt wird».

Der Punkt ist nicht, die Entstehung eines Meisterwerks zu zeigen, sondern einfach seinen Gehalt als Darstellung einer sozialen Realität zu akzeptieren und dann ein umfassenderes Stück dieser Realität darzubieten. Dies bringt uns zu dem, was vielleicht das archetypische postmoderne Prozedere ist: die Leerstellen der klassischen Texte aufzufüllen. Wenn Moderne den Mythos als interpretativen Referenzrahmen ihrer zeitgenössische Erzählung benutzt, schreibt Postmoderne direkt den Mythos selbst um, indem sie seine Leerstellen füllt.”

[Zizek, Slavoj: “Hamlet vor Ödipus. Die Postmoderne als Mythos der Moderne”. In: texte, Heft 2 / 2001, 21. Jahrg., Wien: Passagen Verlag, S. 106-108]

„Heidegger verortete den griechischen Durchbruch, die Gründungsgeste der westlichen Kultur in der Überwindung des vor-philosophischen mythischen «asiatischen» Universums: Der größte Gegensatz des Westens ist «der Mythos im allgemeinen und der asiatische im speziellen».

Aber diese Überwindung ist nicht einfach ein Hinter-sich-lassen des Mythischen, sondern ein konstanter Kampf mit (in) ihm: Philosophie braucht den Rekurs auf den Mythos nicht nur wegen äußerlicher Gründe, um ihre konzeptionelle Lehre den ungebildeten Massen zu erklären, sondern an sich, um ihr eigenes konzeptuelles Gebäude dort zu «flicken», wo es darin fehlt, seinen innersten Kern zu erreichen: von Platons Höhlengleichnis zu Freuds Mythos des Urvaters und Lacans Mythos der Lamelle. Mythos ist somit das Reale des Logos: der fremde Eindringling, unmöglich ihn los zu werden, unmöglich völlig innerhalb von ihm zu bleiben.

Darin besteht die Lehre von Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung: Aufklärung «vergiftet» immer schon die naive mythische Unmittelbarkeit, Aufklärung selbst ist Mythos, das heißt ihre eigene gründende Geste wiederholt die mythische Operation. Und was ist Postmoderne, wenn nicht die ultimative Vernichtung der Aufklärung in ihrem größten Triumph: Wenn die Dialektik der Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht, generiert die dynamische, wurzellose, postindustrielle Gesellschaft unmittelbar ihren eigenen Mythos.”

[Zizek, Slavoj: “Hamlet vor Ödipus. Die Postmoderne als Mythos der Moderne”. In: texte, Heft 2 / 2001, 21. Jahrg., Wien: Passagen Verlag, S. 114-115]