NEUROLINGUISTIK

Neurolingüística

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Behaviorismus / Mentalismus / Kognitive Linguistik / Chomsky / Aphasie  / Gehirn / Gehirn-Sprache-Kognition / Computerlinguistik  / Spracherwerb / Digital versus Analog / Konnektivismus

 

Postulate der Kognitiven Linguistik:

§         Die sprachlichen Fähigkeiten werden von allgemeinen kognitiven und neuronalen Prinzipien determiniert.

§         Die Sprache ist als Subsystem der Kognition ein mentales Kenntnissystem mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

§         Es gibt derzeit keine Theorie, die auch nur ansatzweise alle relevanten Aspekte menschlichen Wissens und seiner Verwendung erklären kann.

§         Die Untersuchung und Beschreibung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen kann auf zwei verschiedenen Ebenen erfolgen: auf der mentalen oder der neuronalen Untersuchungsebene.

§         Der mentalistische Ansatz erstellt Modelle, die Struktur- und Prozessaspekte mentaler Phänomene auf einer abstrakten und von der materiellen Grundlage losgelösten Ebene beschreiben.

§         In der neurobiologischer Forschung steht dagegen die physische Basis der Kognition im Vordergrund, die mittels neurobiologischer Explikationen beschrieben wird.

Jeder Versuch einer angemessenen Integration stößt unweigerlich auf das Problem einer Korrelationsmöglichkeit beider Ebenen und damit auf das alte Geist/Körper-Problem. In welcher Relation stehen materielle Grundlage und geistige Tätigkeit? Gibt es gemeinsame Gesetze, unter die neuronale und mentale Zustände und Ereignisse fallen?

[Vgl.: Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen/Basel: Francke Verlag, 21996, S. 58-59]

Die Kognitive Wende

In der behavioristischen Psychologie beschäftigte man sich nicht mit der Funktionsweise des menschlichen Geistes; nur das beobachtbare, mit naturwissenschaftlichen Methoden messbare Verhalten des Menschen wurde analysiert.

Anfang der 60er Jahre vollzog sich in der Psychologie die Ablösung vom behavioristischen Forschungsansatz, der mentale Zustände und Vorgänge aufgrund seines rigiden positivistischen Postulats der Beobachtbarkeit als Black-Box-Phänomene (die sich dem wissenschaftlichen Zugang entziehen) aus dem Forschungsprozess ausgeschlossen hatte. Die Einbeziehung mentaler Entitäten erfolgte in einem sich über Jahre erstreckenden Paradigmawechsel, der heute als die »Kognitive Wende« bezeichnet wird. In der Psychologie gab Neisser (1967) dem neuen Forschungsparadigma seinen Namen: Kognitive Psychologie. Die Kognitive Psychologie beschäftigt sich mit allen Prozessen der Aufnahme, Speicherung und Anwendung von Informationen. Kognition wird als die menge aller Strukturen und Prozesse menschlichen Wissens definiert. [...]

Kognitive Einheiten und Prozesse sind als Teile komplexer Zusammenhänge aufzufassen und lassen sich nicht auf isolierte, unstrukturierte Komponenten reduzieren. Dem Menschen stehen gewisse kognitive Dispositionen von Geburt an zur Verfügung. Mit diesen Annahmen wendet sich der kognitivistische Ansatz gegen die Auffassung des Behaviorismus, dass der Mensch als Tabula rasa auf die Welt kommt und sein Wissen aufgrund assoziativer Lernsequenzen erwirbt. Eine wirkungsvolle Kritik am behavioristischen Erklärungsansatz kam dabei mit Chomskys Skinner-Rezension auch aus der Lnguistik. Chomsky (1959) wies nach, dass sich die sprachlichen Fähigkeiten des Menschen nicht durch simple Reiz-Reaktion-Kontingenzen erklären lassen, sondern nur durch die Annahme eines komplexen Regelsystems, das als internalisiertes Kenntnissystem aufzufassen ist. Die Linguistik vor Chomsky war weitgehend eine beschreibende Wissenschaft, die sich mit der Klassifizierung eines Korpus sprachlicher Daten beschäftigte, ohne diese Daten in Beziehung zum menschlichen Geist zu setzen. Seit Chomsky (1965) ist nicht mehr das konkrete Verhalten (in Chomskys Terminologie: die Performanz) im Mittelpunkt sprachwissenschaftlicher Untersuchungen, sondern das diesem Verhalten zugrunde liegende Kenntnissystem (die Kompetenz). Chomsky hat die Wende in der Linguistik rückblickend folgendermaßen beschrieben:

«... the shift was from behavior or products of behavior to states ot the mind/brain that enter into behavior.» (Chomsky 1986:1)

Damit wird die Linguistik zu einer erklärende Wissenschaft, welche die im menschlichen Geist verankerte Repräsentationen als Konstituenten der Sprachfähigkeit des Menschen analysiert und beschreibt. Chomsky (1975, 1988) hat deshalb die von ihm definierte generative Linguistik wissenschaftstheoretisch stets als ein Teilgebiet der kognitiven Psychologie aufgefasst. Die mentalistische Sprachtheorie, die mit Chomskys generativer Grammatik in den Vordergrund sprachwissenschaftlicher Arbeiten rückte, ist damit von ihrer Konzeption her ein Vorläufer der kognitivistischer Ansätze in der Linguistik.“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 13-15]

Die neurologische Basis:

In den ersten Lebensjahren (etwa bis zum Alter con 12 Jahren) bildet sich meist die linke Hälfte des menschlichen Gehirns, die linke Hemisphäre, als sprachdominante Hemisphäre heraus (Lateralisierung). Schädigungen dieser Hemisphäre vor abgeschlossener Lateralisierung sind zu einem Großteil reversivel, indem andere Regionen des Gehirns diese Funktionen übernehmen können. Schädigungen nach abgeschlossener Lateralisierung sind nicht in demselben Maß reversibel; nur solche Sprachstörungen bezeichnet man als Aphasien (a-phasie; griech.: ohne Sprache).

Das Gehirn wird über ein komplexes Netz von Arterien mit Sauerstoff versorgt. Wird die arterielle Durchblutung unterbrochen, so erkrankt das umliegende Gewebe oder stirbt ab (es wird ischämisch oder nekrotisch). Je nach betroffener Region kann eine Aphasie entstehen.“

[Keller, Jörg / Lenninger, Helen: Grammatische Strukturen – Kognitive Prozesse. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Gunther Narr, 1993, S. 222-223]

„Es ist bereits erwähnt worden, dass die Sprache als Gehirnfunktion bei den meisten Menschen in der linken Hemisphäre lokalisiert ist. Ist die linke Hemisphäre für sprachliche Leistungen genetisch vorprogrammiert, oder entwickeln sich die Lateralisationsverhältnisse erst im frühkindlichen Reifungsprozess, besteht also eine Äquipotentialität beider Hemisphäre für die Lokalisierung der Sprachfähigkeit? Dass die rechte Hemisphäre einige linguistische Funktionen ausüben kann, wurde bereits erörtert. Nur so erklärt sich auch, dass bei Schädigungen der rechten Hemisphäre im Kindesalter aphasische Störungen der rechten Hemisphäre im Kindesalter aphasische Störungen auftreten können. Man beobachtet aber bei diesen kindlichen Aphasien eine fast vollständige Genesung. Bei Erwachsenen mit rechtsseitiger Läsion tauchen solche Aphasien nur äußerst selten auf. Dass das Gehirn in den ersten Lebensjahren eine große Plastizität besitzt, wird durch eine Reihe von klinischen Beobachtungen belegt. [...]

Allerdings bildet die formale Komponente der Sprachfähigkeit hier offensichtlich eine Ausnahme. Bei Fällen von Hemisphärektomie (d.i. die Entfernung einer Hirnhälfte bei Tumorbefund) zeigen nämlich Kinder, denen die linke (also die normalerweise sprachdominante Hemisphäre) entfernt wurde (und zwar noch vor Beginn des eigentlichen Spracherwerbs), schlechtere Leistungen bei komplexen syntaktischen Aufgaben und im Umgang mit geschriebener Sprache als Kinder, denen die rechte Hemisphäre entfernt worden war (s. Dennis 1980). Semantische Leistungen dagegen sind weitgehend normal. Die linke Hemisphäre ist also die genetisch präferierte Region für die Sprach(erwerbs)fähigkeit im grammatischen Bereich. Verhaltensbeobachtungen von Säuglingen bieten zudem Evidenzen für die Dominanz der linken Hemisphäre bei der sprachlichen Informationsverarbeitung. Bereits Neugeborene zeigen stärkere EEG-Veränderungen in der linken Hemisphäre, wenn sie sprachliche Laute hören, während nicht-sprachliche Geräusche in der rechten Hemisphäre EEG-Veränderungen hervorrufen (s. Molfese et al. 1977). Die Kopfhaltung von Säuglingen zeigt ebenfalls eine Präferenz für die linke Hemisphäre bei sprachlicher Wahrnehmung, da der Kopf meistens nach rechts gewandt ist (Turkewitz 1977).“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 123-124]

„In den letzten Jahren sind als Alternative zu den symbolischen Ansätzen innerhalb der Kognitionswissenschaft Modelle entwickelt worden, die unter den Begriff des Konnektionismus fallen. Diese konnektionistischen (oder auch subsymbolischen) Modelle postulieren statt strukturierter Einheiten und strukturabhängiger, serieller Prozesse vernetzte Elemente und parallel ablaufende Informationsverarbeitungsvorgänge. Die Modellierung kognitiver Prozesse ist die generelle Zielsetzung des Konnektionismus, dessen Grundideen durch Forschungsergebnisse der Neurophysiologie des menschlichen Gehirns initiiert wurden.

Konnektionistische Modelle inkorporieren eine große Anzahl einfacher Einheiten oder Knoten, die miteinander vernetzt sind. Die Verbindung zwischen den einzelnen Einheiten sind wie bei den Neuronen im Gehirn gewichtig, d.h. sie weisen bestimmte Werte für ihre Aktivierbarkeit auf. Die einzelnen Knoten sind durch erregenden (exzitatorische) oder hemmende (inhibitorische) Relationen miteinander verknüpft. Damit sind die Zusammenhänge von verschiedenen Zuständen in den Netzwerken assoziativer Natur. Wissen ist in solchen Modellen in den Verbindungen zwischen den Einheiten der Netzwerke enthalten. Lernen beruht hier auf einer Modifizierung der Gewichtung der Verbindungen. Diese Annahme entspricht der in der Neurophysiologie vertretenen Position, dass Lernvorgänge im Gehirn durch eine Veränderung der Synapsenverbindungen zwischen Nervenzellen entstehen. Explizite Repräsentationsannahmen werden im Konnektionismus nicht vorgebracht. Die Repräsentationen sind distribuiert und nicht strukturiert. Jeder Knoten befindet sich in einem bestimmten Aktivitätszustand. Der Output einer Einheit im Netzwerk wird durch eine Schwellenfunktion determiniert. [...] Die Verarbeitungsprinzipien der konnektionistischen Modelle decken sich zwar nicht mit denen neurophysiologischer Modelle, weisen aber zum Teil große Ähnlichkeiten zu den neuronalen Vorgängen im Gehirn auf. [...]

Eine strikte Trennung von mentaler und neuronaler Ebene (bzw. von Hardware und Software), wie sie in den Computationsmodellen vorzufinden ist, ist nicht mehr gegeben, da das Programm in den physikalischen Mustern verankert ist. Sicherlich liegt ein großer Teil der Attraktivität konnektionistischer Modelle in der neuronal inspirierten Modellbindung, doch scheint es beim derzeitigen Forschungsstand verfrüht, symbolisch-funktionalistische Kognitionsmodelle aufzugeben. Es bleibt anhand empirisch-experimenteller Befunde zu konkretisieren, inwiefern konnektionistische Modelle die Repräsentations- und Prozesseigenschaften unserer Kognition adäquater darstellen können als symbolische Modelle.“

[Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 21996, S. 22-23]

«La voz activa y la pasiva son gestionadas por diferentes sectores del área cerebral de Broca, donde se localiza el lenguaje. Y sabemos, también, que cada idioma ocupa una zona diferente del cerebro. Conforman un uso del cerebro diferente y a la larga un cerebro distinto.  Un hablante inglés, por ejemplo, utiliza zonas de la corteza frontal, mientras que un hablante italiano emplea áreas del lóbulo temporal, durante la lectura de un texto en su idioma nativo. Se supone que la actividad frontal del cerebro en el caso del hablante del inglés se debe al mayor peso de las transformaciones fonológicas que exige la lengua inglesa, donde no se escribe como se pronuncia.

Primero me propongo demostrar que los neurólogos y los lingüistas tienen que trabajar juntos si quieren llegar a algún sitio a la hora de entender cómo piensa y habla un ser humano y el segundo objetivo es trazar el mapa de la sintaxis en el cerebro.

Creo que comprender perfectamente la relación pensamiento-lengua es la próxima gran frontera de la ciencia.»

[Josef Grodzinsky, catedrático de Investigación Neurolingüística]