NACHTRÄGLICHKEIT

Posterioridad o reinscripción a posteriori

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Vermittlung / Überdeterminierung / Bedeutung /  Nachträglichkeit der Bedeutung nach Lacan / Psychoanalyse und Sprache / Psychoanalyse und Literatur / Phantasie in der psychoanalytischen Theorie

 

Nachträglichkeit: [sp.:] posterioridad /  retranscripción / reinscripción a posteriori / resignificar

Nachträglichkeit: [in der engl. Freud-Übersetzung] deferred action

Nachträglichkeit bezeichnet eine Aktivität des Umarbeitens, die – nach Freud – durch unvermutet eintretende Ereignisse und Situationen beschleunigt wird.

„Eine der interessantesten Entdeckungen Freuds ist die «Nachträglichkeit» [defferred action; siehe Laplanche und Pontalis, 1967, dt. Übers. S. 313], die er im Falle des Wolfsmanns und an anderen Stellen postuliert: dass der Geist nicht nur die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit interpretiert – das ist nichts Neues –, sondern auch die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart. Wenn dem so ist, dann besteht allerdings wenig Hoffnung, allein aus den Äußerungen des Patienten eine zuverlässige Chronologie zu konstruieren. Die allgemeinere Implikation ist die, dass die klinischen Daten aus der Psychoanalyse von Erwachsenen nur eine sehr dürftige Grundlage für entwicklungsbezogene Hypothesen abgeben.”

[Cavell, Marcia: Freud und die analytische Philosophie des Geistes. Überlegungen zu einer psychoanalytischen Semantik. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 129]

„Der Historiker ist eine Art nachträglicher Wahrsager, der die kausale Rolle von Ereignissen im Leben seiner historischen Personen sieht, die außerhalb ihres Gesichtskreises lagen.“

[Cavell, Marcia: Freud und die analytische Philosophie des Geistes. Überlegungen zu einer psychoanalytischen Semantik. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 140]

„Zugunsten der hermeneutischen Position sagt Hanly: «Sind die Handlungen einer Person durch Gründe motiviert, die weder Ursachen noch verursacht sind, und wählt eine Person ihre Motive frei, dann werden ihre Handlungen zugleich gegen den Einfluss ihrer Vergangenheit immun und nicht vorhersagbar» (1990, S. 376). Gründe sind Ursachen, und sie haben selbst Ursachen, die manchmal wiederum Gründe sind. [...] (Die Gründe können auch Ursachen haben, die keine Gründe sind: z.B. glaubt Sam, dass es nebenan einen Brand gibt, weil er dort einen Brand gibt.)

Was würde es heißen, «die eigenen Motive frei zu wählen»? Mein Motiv für den Ausruf «Feuer!» ist die Wahrnehmung des Feuers, begleitet von meinem Wunsch, meinen Freund zu sofortigen Handeln zu alarmieren. [...]

Hanly fährt fort:

«Die gegenwärtige Entscheidung bestimmt die Bedeutung der Vergangenheit und die Motive des Handelns. Das psychische Leben ist nicht länger hinreichend bestimmt, um einen geeigneten Gegenstand für Beschreibungen zu bilden, deren Wahrheit in ihrer Entsprechung zu einem objektiven Sachverhalt liegt.

Verknüpft mit dieser Sicht ist der hermeneutische, phänomenologische, existentialistische und idealistische Gedanke, dass ›Selbstbewusstsein‹ die Fähigkeit zur Selbsttranszendierung einschließt. Die Selbsttranszendierung ermöglicht die Aufhebung der Kausalität» (S. 376).

Soviel ist wahr: Wie ich Ereignisse in der Vergangenheit jetzt verstehe, bestimmt, welche Bedeutung sie jetzt für mich haben, und dieses Verständnis ist neuen Einflüssen ausgesetzt, einschließlich meiner eigenen Reflexionsakte. Selbstbewusstsein von der Art, die einem erlaubt, sich der Gründe für die eigenen Reaktionen und Handlungen bewusst zu sein und über sie nachzudenken, kann die Bedeutung eines Ereignisses verwandeln.

Wenn dies geschieht, kann es einen in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Das ist keine Aufhebung von Kausalität, sondern das Öffnen eines Raums, damit neue kausale Verbindungen ins Spiel kommen können.

Wie ich schon sagte, schränkt die Natur der Bedeutung die Interpretation so ein, dass es uns möglich wird, über sie so zu sprechen, dass sie sowohl den narrativen Zusammenhalt steigert als auch auf die Wahrheit zielt, und zwar in dem gewöhnlichen Sinne, uns etwas über die Welt, über die reale Welt beizubringen. Ich habe die Eigentümlichkeiten der Interpretationsaufgabe des Psychoanalytikers bisher außer acht gelassen. Zuweilen gleicht sie der des Philosophen, so wie Wittgenstein den Philosophen selbst für eine Art Psychoanalytiker hielt. Manchmal gleicht sie der des Kunstkritikers und manchmal jener der Eltern oder des Priesters.”

[Cavell, Marcia: Freud und die analytische Philosophie des Geistes. Überlegungen zu einer psychoanalytischen Semantik. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 144-145]

Nachträglichkeit

Freud spricht von Nachträglichkeit im Zusammenhang damit, dass die Reaktion auf ein verwirrendes Erlebnis (zum Beispiel, wenn das Kind seine Eltern beim Geschlechtsverkehr beobachtet) nicht sofort, sondern langfristig erfolgt und in hohem Maße VERMITTELT ist. Sowohl Jacques Derrida als auch Jacques Lacan haben den Begriff von Freud übernommen (Derrida zum Beispiel in ‚Freud und der Schauplatz der Schrift’ und Lacan in ‚Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse’). Die meisten neueren Theorien gehen davon aus, dass der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung langfristiger und indirekter Natur ist.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994, S. 217]

„Das psychoanalytische Konzept der „Nachträglichkeit“ (auch „Zweizeitigkeit“) ist das Schlüsselkonzept für die psychoanalytische Gedächtnistheorie. Es steht in engem Zusammenhang mit dem Konzept des Traumas, das wir im letzten Semester behandelt haben: „Nicht das Erlebte allgemein wird nachträglich umgearbeitet, sondern selektiv das, was in dem Augenblick, in dem es erlebt worden ist, nicht vollständig in einen Bedeutungszusammenhang integriert werden konnte. Das Vorbild für ein solches Erleben ist das traumatische Ereignis.“ (Laplanche/Pontalis Das Vokabular der Psychoanalyse) Individuelle wie kollektive Traumen sind einem andauernden, gleichwohl diskontinuierlichen Prozess der nachträglichen Umschrift ausgesetzt.  Das macht die Bedeutung des Konzepts für eine politische Psychologie ebenso wie für eine psychoanalytische Literaturtheorie aus.“

[Reinhold Görling: http://www.fbls.uni-hannover.de/sdls/vvz/seminar/alt/litss99.htm]

Ereignis und Repräsentation: die Zeit des Schocks

Der Schock ist ein zeitliches Grenzphänomen: Als augenblickliches Ereignis scheint er außerhalb von Zeit stattzufinden, jedoch als Erinnerungsmoment höchster Signifikanz verbindet er Vergangenheit und Zukunft. Diese kaum einholbare Nachträglichkeit stellt die Grundlage aller psychologischen Traumatheorien seit Charcot (1825 - 1893) dar. Zwischen Ereignis und seiner körperlichen Repräsentation im Sinne des hysterischen Ausagierens der Krankheit können oft Jahre liegen. Dann aber bringt das Trauma die Zeit des Patienten zum Stillstand: Immer und immer wieder ist dieser gezwungen, das Erlebte erneut in jenen Zuckungen zu wiederholen, die das Theater der leçons du mardi in der Salpêtrière zum großen gesellschaftlichen Ereignis des bürgerlichen Paris machten.

Während Charcot den Wahnsinn in der Salpêtrière kartographierte, versuchte Sigmund Freud die Zeitschleife aufzuschnüren durch die psychoanalytische Trias von Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Eine talking cure genannte Arbeit von Patient und Arzt am Symptom gräbt sich durch die psychischen Schutzwälle hindurch, die das Ich vor dem Zugang dessen bewahrt, was zu wissen für es zu schrecklich ist. Dadurch wird das Ereignis in die Gegenwart geholt, wo es noch einmal durchlebt wird. Der Schock erscheint, mit einem Wort, als Darstellung eines Nicht-Darstellbaren.

Verschränken sich in der Darstellung des Un-darstellbaren qua krankhafter Symptomatik die Zeitebenen, ist die Undarstellbarkeit selbst wiederum eine Folge auch der Zeitstruktur des Schockhaften es erscheint nicht dort, wo es stattfindet, bzw. dort wo es ist, kann es nicht zum Ausdruck kommen.  In dem Seminar versuchen wir uns der Frage von Ereignis und Repräsentation in der Figur der Zeitlichkeit des Schocks zu nähern.  Grundlegend wird dabei die Analyse von Filmen bzw. Filmausschnitten sein, die versuchen, den Schock ins Bild zu holen.

Als Medium, das in seinem Funktionieren sehr stark an eine zeitliche Sukzession gebunden ist, andererseits aber das Sistieren von Zeit in ihrer Zerstückelung in diskrete Bilderfolgen zur materialen Voraussetzung hat, unterhält der Film ein geradezu intimes Verhältnis zum Schock. Wo deshalb im Film Schockerlebnisse repräsentiert und reflektiert werden, sind aussageträchtige Spannungen, Widersprüche und Kulminationspunkte zu erwarten. Anhand von Filmen wie A. Hitchcocks Vertigo, T. Gilliams Twelve Monkeys (und seinem Vorläufer La Jété von C. Marker), C.  Kieslowskis Trois couleurs: bleu und K. Branaghs Dead Again sowie theoretischen Texten aus ästhetischen und medizinischen Diskursen sollen im Seminar Darstellbarkeit und Reflexion des zeitlichen Grenzphä-nomens Schock diskutiert und analysiert werden.“

[Kassung, Ch. / Kümmel, A.: http://www.evstudienwerk.de/index.html?http://www.evstudienwerk.de/veranstaltungen/souni00/p00d1.html]

Nachträglichkeit

Mit der Theorie der «Nachträglichkeit» bei Freud gibt es so etwas wie eine Verbindung der beiden Verwurzelungen der Phantasien im Biologischen und im Realen. «Nachträglichkeit» (zum Beispiel beim Wolfsmann (1928h)) heißt: Eine Urszene wurde real erlebt, bleibt jedoch vorläufig wirkungslos, bis sie später, beim Erreichen einer anderen Entwicklungsstufe, reaktiviert wird und ihre traumatisierende Wirkung entfalten kann. Am Anfang steht zwar ein realer Eindruck; dieser wird aber zu einem nur unvollständig integrierten Fremdkörper im psychischen Geschehen; solcherart der Verarbeitung entzogen, kommt er schließlich mit zeitlicher Verschiebung zur seiner Wirkung «von innen». Genau in diesem Zusammenhang taucht der Begriff der Urphantasien auf: Aus der Prähistorie in die Gegenwart reichende Szenen, phylogenetisch vererbt, oder, moderner gesagt: Präsubjektive Struktur, jenseits des Erlebnisses, jenseits der Phantasien. Diese «vorgängige Realität», Spielregel für die Phantasie, strukturierendes Gesetz, könnte man mit der «symbolischen Ordnung» von Lévi-Strauss und dem «Symbolischen» von Lacan in Verbindung bringen, die eine vielleicht ähnlich ordnende Aktivität in ihren Forschungsbereichen entdeckten.

Die in die Prähistorie des Menschen verlegten Szenen, deren Verlauf Totem und Tabu nachzuzeichnen beansprucht, und die dem Urmenschen und dem Urvater zugeordnet werden, hat Freud wohl weniger deshalb herangezogen, um eine Realität aufzufinden, die sich ihm auf der Ebene der Individualgeschichte entzieht, als vielmehr deshalb, um ein Imaginäres zu begrenzen, das sein eigenes Organisationsprinzip nicht in sich selber enthalten und somit auch nicht den «Kern des Unbewussten» bilden kann. Hinter der pseudowissenschaftlichen Maske der Phylogenese, im Verweis auf die hereditären Erinnerungsspuren, müsste man folglich die Notwendigkeit erkennen können, die Freud dazu zwingt, die Vorgängigkeit einer bezeichnungsgebenden Organisation («organisation signifiante») im Hinblick auf die Wirksamkeit des Ereignisses und der Gesamtheit des Bezeichneten («signifié») zu postulieren. In dieser mythischen Prähistorie der Gattung kommt der Anspruch auf eine dem Subjekt unzugängliche Prä-Struktur zum Ausdruck ... (Laplanche, Jean / Pontalis, J.-B.: Urphantasie. Phantasien über den Ursprung, Ursprünge der Phantasie. Frankfurt a. M.: Fischer, 1992, S. 38)

Jedoch: «Die Urphantasie – die jenseits der Geschichte des Subjekts liegt, jedoch innerhalb der Geschichte; die Diskurs und symbolische Kette ist, jedoch geprägt vom Imaginären; Struktur zwar, aber aufgebaut aus zufälligen Elementen – ist zunächst einmal Phantasie und als solche durch bestimmte Züge gekennzeichnet, die sie nur schwer einem reinen transzendentalen Schema angleichen lassen, obschon sie der Erfahrung deren Bedingungen der Möglichkeit liefert» (ebenda: 39).

Ebenso könnte man den Begriff der Nachträglichkeit mit dem Lacanschen Begriff der Verwerfung zusammenbringen: Das, was nicht im Symbolischen Eingang fand, tritt (als Halluzination) im Realen auf. Für Lacan ist das ein psychotischer Mechanismus (nur in diesem Sinne hat bei ihm «das Reale» überhaupt seinen Ort); aber vielleicht könnte man verallgemeinern: Beim ersten Mal wird im Individuum ein Eindruck, da noch nicht zu verarbeiten, als Fremdkörper isoliert und aufbewahrt; beim zweiten Mal wird er nachträglich wiederholt und, so weit als möglich, symbolisiert, das heißt in Beziehung zu andern psychischen Inhalten gesetzt, integriert (ebenda: 33f.).

[Signer, David: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht. Wien: Passagen Verlag, 1994, S. 24-26]

„Laplanche/Pontalis machen eine interessante Bemerkung, die die Möglichkeit offeriert, den Begriff der «Wiederkehr im Realen» vom Psychosen-Kontext zu lösen und zu verallgemeinern. Der Unterschied zwischen dem neurotischen und dem psychotischen Vorgang bestünde demnach darin, dass es bei der Neurose um eine «phantastische» und bei der Psychose um eine grob «reale» Urszene geht.

Es besteht eine offensichtliche Ähnlichkeit zwischen dem Freudschen Schema des Nachträglichen (Nachträglichkeit, après-coup) und dem von Lacan beschriebenen psychotischen Mechanismus der Verwerfung (forclusion): das, was im Symbolischen niemals Eingang gefunden hat (was «verworfen» wurde), tritt (in Form von Halluzination) im Realen wieder auf. Dieses Nicht-Symbolisieren (Nicht-symbolisiert-werden) ist nun genau das von Freud beschriebene erste Mal. Da Lacan und Freud ihre Theorie am Fall des Wolfmannes illustrieren, könnte man sich fragen, ob Lacan nicht genau das für spezifisch psychotisch angesehen hat, was in Wirklichkeit ein ganz allgemeiner Vorgang ist, oder ob Freud nicht gerade die Ausnahme für eine Regel hielt, indem er seinen Beweis auf einen beglaubigten Fall von Psychose stützte.

In der Tat wird Freuds Beweis dadurch erleichtert, dass in diesem Fall die Urszene mit hoher Wahrscheinlichkeit real gewesen ist. Man kann sich jedoch auch vorstellen, dass das Fehlen der für das erste Mal typisch subjektiven Weiterentwicklung oder Symbolisierung nicht zu einer real erlebten Szene gehört. Der «Fremdkörper», der im Inneren ausgeschlossen wird, wird dem Individuum meistens nicht durch die Wahrnehmung einer Szene eingebracht, sondern durch den elterlichen Wunsch und die ihn stützende Phantasie. Eben dies wäre dann der typisch neurotische Fall: in einer «ersten Zeit» ... wird im Individuum etwas «präsymbolisch Symbolisches» (um Freud zu paraphrasieren) abgegrenzt oder isoliert; in einer «zweiten Zeit» wird sie/es nachträglich wiederholt und dadurch «symbolisiert». Bei der Psychose dagegen soll es beim ersten Mal etwas grob Reales gewesen sein, das sich durchsetzt – offensichtlich ohne vom Individuum symbolisiert zu werden – und das allerdings so beschaffen ist, dass es für jeden späteren Symbolisierungsversuch einen irreduziblen Kern anbietet (1992: 33f.).

Es bleibt allerdings hinzuzugüfen, dass diese Unterscheidung nur schematischen Wert haben kann, da im konkreten Einzelfall eben gerade nicht klar zu unterscheiden ist, ob es sich in der «ersten Zeit» bloß um elterliche Wünsche oder Aktionen gehandelt hat. Daraus folgt, dass auch die Unterscheidung von Neurose und Psychose nicht so eindeutig sein kann, denn es bleibt immer «Unsymbolisiertes», «Unintegriertes», das wiederkommt, und zwar auch von außen, im Realen, in körperlichen Symptomen, in eigenem und induziertem Agieren.

«Ganz allgemein sucht das Verdrängte in Form von Träumen, Symptomen, Agieren in der Gegenwart ‘wiederzukommen’: ‘aber was so unverständlich geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie ein unerlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist’» (Laplanche/Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973, S. 628). Womit wir wieder beim Unheimlichen und Magischen wären.

Tatsächlich gehe ich davon aus, dass diese Wiederkehr des Verdrängten im Realen, dieses unheimliche Grenzüberschreitende, Geist, der sich selbständig macht, dass das nicht Sonderfälle des Psychotikers oder des Primitiven sind, sondern dass es sich dabei um ein Konstituens von Kultur überhaupt handelt. Denn Kultur ist gerade der Ort, wo kollektiv Übereinkünfte und Konventionen getroffen werden über Bedeutungen (verdrängte, anerkannte, kodifizierte, fixierte, verbotene, wiederkehrende), wenn auch der Kontrolle und dem Bewusstsein des Einzelnen weitgehend entzogen (und damit umso wirksamer). Wie Lévy-Strauss sagt, ist die symbolische Funktion das Entscheidende der Kultur; allerdings würde ich einem weniger starren, statistischen Begriff des Symbolischen als Lévi-Strauss (und Lacan) den Vorzug geben – eher Symbolisierung (permanente Desymbolisierung und Resymbolisierung) als das Symbolische, eher Prozess als Struktur. Als zweite Relativierung würde ich jeden repräsentationalen Gebrauch des Symbolbegriffs in diesem Zusammenhang vermeiden. Das «Symbolische» repräsentiert oder bezeichnet nicht Praktiken oder Phänomene, sondern es ist die notwendige Möglichkeitsbedingung, das Strukturierende von jeglichen kulturellen Praktiken oder Phänomenen. In diesem Sinne ist es auch jeder Unterscheidung von Kraft und Bedeutung vorgängig. Dieses Symbolisch-Unbewusste ist Produktion, nicht Repräsentation, Unterbau, nicht Überbau, strukturierend, nicht fantasierend (imaginär). Deleuze/Guatari kritisieren diesen entschärfenden, verharmlosenden Gebrauch der Psychoanalyse:

Die gesamte Wunschproduktion wird niedergewalzt, den Erfordernissen der Repräsentation, dem stumpfsinnigen Spiel des Repräsentanten und des Repräsentierten innerhalb der Repräsentation unterworfen. Und genau da liegt das wesentliche: die Reproduktion des Wunsches macht, im Prozess der Behandlung wie in der Theorie, einer einfachen Repräsentation Platz. Das produktive Unbewusste räumt das Feld zugunsten eines Unbewussten, das sich nur mehr ausdrücken kann – im Mythos, in der Tragödie, im Traum ... Die Produktion ist nunmehr Phantasieproduktion, Ausdrucksproduktion. Das Unbewusste hört auf zu sein, was es ist: Fabrik, Werkstatt und wird an deren Stelle Theater, Bild, Inszenierung (Deleuze, Gilles / Guatari, Félix: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 68f.).

... das einzige Mittel, das den sterilen Parallelismus, der uns zwischen Marx und Freud debattieren lässt, zu überwinden gestattet: indem wir aufdecken, in welcher Weise die gesellschaftliche Produktion und die Produktionsverhältnisse eine Institution des Wunsches bilden, und in welcher Weise die Affekte oder Triebe zu Infrastruktur selbst gehören. Denn sie gehören ihr an, sind darin in jedem Fall präsent, indem sie in den ökonomischen Formen ihre eigene Repression ebenso erzeugen wie die Mittel, diese Repression zu brechen (ebenda: 81).

Allein ein solcher Begriff des Unbewussten ermöglicht es der Ethnopsychoanalyse, innerhalb der Ethnologie einigermaßen relevante Interventionen zu unternehmen. In habe gesagt, die Kultur und das Unbewusste (die unbewusste Kultur, das kulturelle Unbewusste) seien der Umschlagplatz der Bedeutungen, der verdrängten Bedeutungen und damit auch der Wiederkehr von Bedeutungen. Kulturen sind durch Tradition, Kontinuität, Wiederholung gekennzeichnet, also auch durch Wiederholungszwang, Wiederkehr derselben Phantome, desselben vertraut-verdrängten Unheimlichen, des beunruhigenden Fremden inmitten des Eigenen.”

[Signer, David: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht. Wien: Passagen Verlag, 1994, S. 116-118]

“Es gibt keinen präsenten Text im allgemeinen und selbst keinen gegenwärtigen-vergangenen Text; ein vergangenener Text, der gegenwärtig gewesen wäre ...

Dass die Präsenz im allgemeinen nicht ursprünglich, sondern rekonstituiert ist, dass sie nicht die absolute, vollauf lebendige und konstituierende Form der Erfahrung ist, und dass es keine Reinheit der lebendigen Präsenz gibt, das ist das für die Geschichte der Metaphysik ungeheure Thema, das Freud uns durch eine dem Gegenstand selbst unangemessene Begrifflichkeit zu denken auffordert. ... Die Metapher des gebahnten Weges, die in den Beschreibungen Freuds häufig vorkommt, steht stets mit dem Thema der “nachträglichen (bzw. –tragenden) Verspätung” und mit der, auf die Vorwärtsbewegung eines Maulwurfs, auf das unterirdische Werk eines Eindrucks folgenden Rekonstitution des Sinns im Nachherein in Verbindung. Sie hinterlässt eine wirkende Spur, die nie in ihrer Gegenwartsbedeutung, das heißt bewusst, wahrgenommen und erlebt wurde. Das Post-scriptum, das die vergangene Präsenz als solche konstituiert, begnügt sich nicht dabei, wie Platon, Hegel und Proust vielleicht gedacht haben, sie in ihrer Wahrheit zu erwecken. Es erzeugt sie ... Nur mit Verspätung wird die Wahrnehmung der Urszene – Wirklichkeit oder Phantasma, darauf kommt es nicht an – in ihrer Bedeutung erlebt ...» (Derrida, J.: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1989, S. 321-327)

«Der Anbruch der Bezeichnungsbewegung macht zugleich deren Unterbrechung unmöglich. Das Ding selbst ist ein Zeichen» (Derrida, J.: Grammatologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1990, S. 85f.).”

[Zit. nach Signer, David: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht. Wien: Passagen Verlag, 1994, S. 93]

„Zentral ist dabei der Begriff der Nachträglichkeit. Gehen wir zu diesem Zweck zurück zum Anfang. Wir haben uns, mit Freud und in kritischer Absicht gegenüber der (zumindest schweizerischen) Ethnopsychoanalyse die Frage gestellt nach dem Determinierenden in der Sozialisation – der Sozialisation des Unbewussten oder dem Unbewussten der Sozialisation wohlgemerkt, denn die Erhellung dieses Bereiches (und nicht der Bereich des Ich) ist es, was die Ethnopsychoanalyse für sich in Anspruch nimmt. Bekanntlich schwankte Freud, was die Bedeutung der realen Kindheitserlebnisse angeht: Wird ein Träume durch reale äußere Schockeinflüsse oder durch letztlich unerklärlich-spontane Phantasien (durch halluzinierte Erlebnisse) ausgelöst? Seine Theorie der Nachträglichkeit bildet eine Antwort auf diese Frage, die zugleich das Entweder/Oder transzendiert: Die Entstehung eines Traumas erfolgt in zwei Schritte; zuerst wird etwas real erlebt, wobei diese Reale durchaus in der unbewussten Wahrnehmung etwas Unbewussten der Beziehungspersonen bestehen kann. In einem zweiten Schritt, nachträglich, wird dieser Eindruck, der vorerst unintegriert, isoliert war, interpretiert, das heißt, er bekommt eine Bedeutung, und wird damit zu einem aktiven Teil des psychischen Apparates. Erst hier entfaltet das Trauma seine neurotisierende Wirkung.

Es war nun das Verdienst Derridas, diese These der Nachträglichkeit gewissermaßen verallgemeinert zu haben, indem er feststellte, dass unser Verhältnis zur Realität ganz generell von dieser Verspätung gekennzeichnet ist; Wahrnehmung und psychische Integration passieren nicht zugleich, sie sind durch einen Abstand voneinander getrennt; deshalb ist uns die Welt auch nicht in der Form der Präsenz zugänglich, sie ist uns nicht «gegenwärtig». Immer schiebt sich eine «Différance» dazwischen, im doppelten Sinne von Unterschied und Aufschub: Die Realität ist aufgeschoben, sie ist nicht, sondern sie wird gewesen sein, und infolge dieser Auf- und Verschiebung ist sie nicht selbstidentisch, sondern differiert von sich selber, ist – immer schon – gewesen und immer schon verdoppelt. Es ist jedoch klar, dass die Verwendung des Begriffs «Realität» selbst Schriftcharakter hat, Spur ist, die auf etwas Früheres verweist (das als solches jedoch nie gegenwärtig war). Der psychische Apparat kann also nie Repräsentationscharakter haben, wenn unter Repräsentation die symbolische Vergegenwärtigung einer nichtsymbolischen, nicht interpretierten, objektiv-unveränderlichen und «objektkonstanten» Realität verstanden wird. Wie auch der Verweis auf aktuelle Entwicklungen der Neurobiologie gezeigt hat («Radikaler Konstruktivismus»), wird die Welt nicht wahrgenommen, sondern gemacht, konstruiert. Die Welt selbst besteht aus Informationen und existiert als solche nicht außerhalb des Gehirns; sie ist lesbar immer nur insofern, als sie schon Text ist. Das gilt auch und insbesondere von der Kultur, die deshalb eben auch nie als selbstidentische, gegenwärtige, faktische Entität (die «für sich sprechen» würde, ohne ein lesendes und schreibendes Unbewusstes) einem zu «sozialisierenden» Individuum gegenübergestellt werden kann:

«Es ist einer Kultur eigen, dass sie nicht mit sich selber identisch ist. Nicht, dass sie keine Identität haben kann, sondern dass sie sich nur insoweit identifizieren, “ich”, “wir” oder “uns” sagen und die Gestalt des Subjekts annehmen kann, als sie mit sich selber nicht identisch ist, als sie, wenn Sie so vollen, mit sich differiert (différence avec soi) ... Man kann dies umgekehrt (oder entsprechend) von jeder Identität, von jeder Identifikation behaupten: Es gibt keinen Selbstbezug, keine Identifikation mit sich selber ohne Kultur – ohne eine Kultur des Selbst als Kultur des anderen ...» (Derrida, Jacques: Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1992, S. 12f.).

Man könnte sich überlegen, was das für eine philosophische Fundierung der Ethnologie im allgemeinen bedeuten könnte, ich möchte mich jetzt jedoch auf einige Schlussfolgerungen in Bezug auf die Magie beschränken. Die Welt ist also nicht als «Daseiende», Gegenwärtige, «als solche» zugänglich, sondern in Form der Sprache, der Interpretation interveniert das Unbewusste, beziehungsweise es interveniert eben gerade nicht, in dem Sinne, dass es schon immer interveniert hat, die Trennung von Interpretiertem und Interpretation gerade nicht möglich ist, weil die Interpretation immer schon dagewesen ist, es keinen Anfang, kein erstes Signifikat, kein «I» gab. Ursprüngliche Verdoppelung und Verspätung, ursprüngliches Supplement, ursprünglicher Fetischismus und Nicht-Ursprung.”

[Zit. Signer, David: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht. Wien: Passagen Verlag, 1994, S. 175-177]

Freud describe el mecanismo humano de la «Nachträglichkeit» como "una reorganización, una reinscripción" de lo que la psiquis almacenó en el pasado, "en función de nuevas condiciones". El efecto de esta operación es que el ayer se reconstruye y "su sentido se modifica constantemente en función de proyecto" de la conciencia. Sólo habría que cambiar en esta referencia psicoanalítica la idea de conciencia por la de teleología.

Dado que la naturaleza de la realidad psíquica es necesariamente incompleta e indeterminada, existen limitaciones y riesgos en cualquier intento psicoanalítico por descubrir la verdad histórica y experiencial. La interpretación del modelo freudiano de la Nachträglichkeit (“acción diferida”) como “retranscripción”, expresa la ambigüedad de la realidad psíquica en el análisis, como algo que no es ni fijo ni fundamental, sino parte de un diálogo interno y externo evolucionando en relación con nuevas experiencias. Mientras que Freud aceptó esta ambigüedad, Ferenczi intentó superarla a través de modificaciones en la técnica psicoanalítica.