MYTHOS und IDEOLOGIE

Mito e ideología

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Mythos / Ideologie / Fiktion / Mythos in der psychoanalytischen Theorie / Phantasma / Wissenschaftstheorie und Linguistik

 

„Eine weitere Möglichkeit, diese Logik des »Setzens der Voraussetzungen« zu exemplifizieren, bildet die spontane ideologische Narrativierung unserer Erfahrung und unseres Handelns: Was wir auch tun, wir situieren es immer in einem größeren symbolischen Kontext, dem die Aufgabe zukommt, unserem Handeln Bedeutung zu verleihen. Ein im heutigen Ex-Jugoslawien gegen muslimische Albaner und Bosnier kämpfender Serbe begreift seinen Kampf als die letzte Tat in einem Jahrhunderte währenden Verteidigungskrieg des christlichen Europas gegen die türkische Invasion; die Bolschewiken begriffen die Oktoberrevolution als Fortsetzung und erfolgreiche Vollendung aller vorangegangenen radikalen Volkserhebungen, von Spartacus im antiken Rom bis zu den Jakobinern in der Französischen Revolution (diese Narrativierung wird selbst von einigen Kritikern der Bolschewisten stillschweigend übernommen, die z. B. vom »stalinistischen Thermidor« sprechen); die Roten Khmer in Kambodscha oder der Leuchtende Pfad in Peru begreifen ihre Bewegung als eine Rückkehr zu alten Herrlichkeit eines vergangenen Reiches (dem Reich der Inka in Peru, dem alten Khmer-Königreich in Kambodscha) usw.; aus Hegelscher Perspektive werden solche Geschichten immer zu retrospektiven Rekonstruktionen, für die wir in gewisser Weise verantwortlich sind; sie sind niemals einfach gegebene Fakten: Wir können uns niemals auf sie als vorgefundene Bedingung, Kontext oder Voraussetzung unseres Handelns beziehen – gerade als Voraussetzungen sind diese Geschichten immer-schon durch uns »gesetzt«. Tradition ist nur insofern Tradition als wir sie als solche konstituieren.“

[Zizek, Slavoj: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II. Wien: Turia & Kant, 1994, S. 105]

Das unvergängliche Wesen des Mythos

Die ideologischen Kräfte, die bei entscheidenden Revolutionen die Mythenbildung nähren, versiegen nicht einfach, wenn ihre Aufgabe erfüllt ist; vielmehr bleiben sie auch weiterhin in der Struktur des Mythos wirksam, den sie hervorgebracht haben. Wenn die Revolution zum Dogma wird, übernimmt der Mythos in wachsenden Maße die Rolle ihres konservativen Hüters, um auch weiterhin zwischen Stabilität und Wandel zu vermitteln, auch dann noch, wenn die revolutionäre Phase bereits lange vorbei ist. «Diese Qualität», hat John Marcus von solchen mythenschwangeren Ideologien bemerkt, «ist bei den Mythologien der Revolution vollends offenbar geworden, die mit besonderer Heftigkeit heterodoxe Interpretationen ihres mythischen Ideals ablehnen. Während also die Mythologie, wie jedes andere Element in der Geschichte auch, immer einen Wandel unterliegt, tut sie das doch nur widerstrebend und häufig unter Zuckungen» (“The World Impact of the West: The Mystique and the Sense of Participation in History”. In: Murray, Henry A. (Hg.): Myth and Mythmaking. Boston: Beacon Press, 1968, S. 221-39).

Wir sind an solche Mythen, Mythologien und Fälle von Personenkult in größeren gesellschaftlichen und politischen Bewegungen gewöhnt; ihr Auftreten in der objektiven Welt der Wissenschaft ist jedoch um so überraschender. Weil die Mythenbildung in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung besonders ausgeprägt gewesen ist, darf man sich durchaus die Frage stellen, ob die Psychoanalyse vielleicht deshalb unter allen Wissenschaften so einzigartig dasteht, weil sie ihre Ursprünge so angestrengt im Mythos zu verhüllen versucht hat.

Auf den ersten Blick hat die Psychoanalyse tatsächlich den Schein des Außergewöhnlichen, und zwar deshalb, weil sie die erste wissenschaftliche Theorie ist, die in sich selbst eine unumgängliche historische Vision der Art und Weise birgt, wie sie entstanden ist. Fraglos hat die immer gegenwärtige Versuchung, die Geschichte mit der psychoanalytischen Theorie in Einklang zu bringen, viel zur von Freud und seinen Anhängern geschaffenen Mythologie beigetragen. Die mythischen Züge, die Freuds Selbstanalyse lange umgaben, sind wahrscheinlich der hervorstechendste Fall einer solchen im Namen der psychoanalytischen Theorie begangenen Entstellung.

Zwar mag die Psychoanalyse in dieser Hinsicht außergewöhnliche Merkmale haben; sie ist jedoch, was die allgemeine Tendenz ihrer Mythen angeht, im Rahmen der Wissenschaft schwerlich eine Ausnahme. Wie die Psychoanalytiker vertreten alle Wissenschaftler, wenn auch unausgesprochen und als stillschweigende Voraussetzung eine Theorie über den angemessenen Weg zu einer wissenschaftlichen Entdeckung; und diese Theorie mythologisiert die Überlieferung jeder großen wissenschtlichen Leistung. In ihrer allgemeinsten Form versuchen die großen Mythen wissenschaftlicher Entdeckungen den betreffenden Forscher als «reinen Empiriker» darzustellen, der, häufig auf zufällige Art und Weise, der Wahrheit mit einigem Glück und durch hartnäckige Aufmerksamkeit auf «die Frakten» auf die Spur kommt. Die Wissenschaftsmythologie geht im großen Umfang darauf aus, sowohl den theoriegeprägten Charakter ihrer Errungenschaften als auch die Rolle zu kaschieren, die dabei so häufig die kreative Inspiration spielt. Vor allem sind solche Mythen (darunter Galileis berühmte Experimente am Schiefen Turm von Pisa, Newton und sein sagenhafter Apfel, Darwins schicksalhafter Besuch der Galapagos-Inseln und Einsteins Inspiration im Zusammenhang mit dem Experiment von Michelson-Morley) Geschichten, die sich in ihrer Rolle als Muster orthodoxer wissenschaftlicher Methodologie, der historischen Wahrheit seit langem als überlegen erwiesen haben. Es wäre zweifellos sehr ergiebig, diesen berühmten Mythen mit größerer Ausführlichkeit nachzugehen, bei jedem besonderen Fall von «Entdeckung» die historischen Ursprünge und politischen Funktionen zu untersuchen und den bestimmenden Zugriff zu demonstrieren, mit dem sie sich historische Glaubwürdigkeit verschafft haben. Das muss künftiger Forschung überlassen bleiben. Für den Augenblick muss ich mich mit dem Hinweis begnügen, wie genau die Geschichte der Psychoanalyse disen mythenbildenden Prozess illustriert, indem sie uns, als eine Art Mikrokosmos, ein erhellendes Spiegelbild der Politik der Erkenntnisverbreitung bietet, wie sie in der Wissenschaft herrscht.

Aus dieser umfassenden Perspektive scheinen die neueren Disparitäten zwischen traditionellen und revisionistischen Geschichtsbildern der Psychoanalyse Teil einer wissenschaftlichen Phase der Freud-Forschung zu sein. Dennoch bleibt der Vorteil noch immer auf Seiten der Freudianer und ihres traditionellen historischen Szenariums, und in vieler Hinsicht wird er auch weiterhin und immer bei ihnen bleiben. Gute historische Mythen sind im allgemeinen aufregender, leichter durch Lehre zu verbreiten und haften besser im Gedächtnis als der wirkliche Vorgang. Indem die Geschichte auf heroische und entscheidende Augenblicke verkürzen, die unvermeidlich auf die Gegenwart verweisen, übertreffen die Mythen in ihrem Reiz für die condition humaine beinahe alles außer der außergewönlichsten historischen Wahrheit. Es ist diese inhärente Glaubwürdigkeit des Mythos, die es seinen historischen Hervorbringungen ermöglicht, die Angriffe der Spezialisten unerschüttert zu überstehen. Große «Ursprungs»-Mythen sind zu sehr kulturelle Kunstformen, zu geeignet zur Vermittlung der «Lehren der Geschichte», als daß sie einfach deshalb aussterben und erlöschen sollten, weil sie nicht wahr sind. So hatte Ernst Kris wahrscheinlich recht mit seiner Behauptung: «Die Geschichte von Freuds Selbstanalyse wird, wie ich glaube, Teil jenes großen Fundus von Berichten werden, für den die Geschichte der Wissenschaft eine besonders inspirierende Rolle spielt – Berichte darüber, wie, in Selbstaufopferung und Einsamkeit, der große Wissenschaftler arbeitet» (1956:633). Auf mehr Arten, als wir wissen, hält der Mythos die Geschichte in seinem eisernen Griff, diktiert er die Aufrechterhaltung mythischer Realität und die Zerstörung des Gegenmythos, bevor der Historiker auch nur damit beginnen kann, diesen unerbittlichen Prozess umzukehren. Die Menschheit, so will es scheinen, wird den kritischen Angriff auf ihre Helden ebenso wenig dulden wie die wohlwollende Neubewertung ihrer Schurken, wie eine mythenloses Geschichte sie erfordert.

In vieler Hinsicht wird Freud also immer der Krypto-Biologe bleiben, wird seine Selbstanalyse immer als heroisch und beispiellos gelten, werden seine Entdeckerjahre immer etwas von «splendid isolation» und von der Unergründlichkeit des Genies an sich haben. Letzten Endes war Freud ja auch wirklich ein Held. Die Mythen sind lediglich sein historischer Lohn, und sie werden weiterleben und sein glanzvolles Vermächtnis an die Menschheit schützen, so lange dieses Vermächtnis ein einflussreicher Bestandteil des menschlichen Bewusstseins bleibt.”

[Sulloway, Frank J.: Freud. Biologe der Seele. Jenseits der psychoanalytischen Legende. Köln-Lövenich: Hohenheim Verlag, 1982, S. 680-683]