MYTHOS in der psychoanalytischen Theorie

Mito en la teoría psicoanalítica

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Mythos / Fiktion / Symbol / Psychoanalyse und Sprache / Literatur / Repräsentation / Vorstellung / Mythos und Ideologie in der Wissenschaft

 

„Es gibt bei Freud – ähnlich wie bezüglich der Symbolik – keine stringent ausgearbeitete Theorie des Mythus. Um sich ein Bild von seinem Verständnis zur Herkunft des Mythus und seiner Deutungstechnik der Mythen zu machen, muss sich der Leser im Gesamtwerk Freuds diejenigen Schriften und Textstellen zusammensuchen, in denen sich Freud mit dem Thema Mythus befasst.

Freud verweist im Zusammenhang mit dem Phänomen ‘Mythus’ immer wieder auf Schriften einiger seiner Schüler, die das Mythenthema z.T. ausführlicher behandeln als er selbst. Hierzu gehört in erster Linie Otto Rank, der mit seinen Schriften «Der Mythus von der Geburt des Helden» (1909) und «Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung» (1917) einen umfangreichen und von Freud sehr hoch geschätzten Beitrag zum Mythenthema liefert. Weiterhin tragen Karl Abraham mit seinem Werk «Traum und Mythus» (1969) sowie Rank/Sachs in «Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften» (1913) und auch C. G. Jung (1912) wichtige Baussteine zur psychoanalytischen Mythentheorie bei.

Obwohl in den genannten Schriften eine Theorie des Mythus klarer und z.T. abgegrenzter ausgearbeitet ist als bei Freud, ist dennoch ein deutlicher qualitativer Unterschied zwischen den Ausführungen Freuds und denen seiner Schüler feststellbar. Bei Freud gewinnt der Leser wie auch bei seiner Abhandlung des Symbolthematik den Eindruck von Vorsicht und Zurückhaltung angesichts der immensen Weitläufigkeit des Themas Mythus; so betont Freud immer wieder, dass er nicht Fachmann genug sei, um eine Mythentheorie auszuarbeiten, dies könne nur in Zusammenarbeit mit kompetenten Fachleuten geleistet werden. [...]

Dagegen muten die meisten Schriften der Schüler Freuds unbescheidener an. Das Thema Mythus ist in der Schülergeneration sehr viel enger gefasst und die Mythentheorien sind hauptsächlich auf den Vergleich von dem Phänomen Mythus mit dem des Traumes aufgebaut.

Freud stellt dagegen den Mythus mit insgesamt (mindestens) sieben verschiedenen anderen Phänomene aus dem Bereich des menschlichen Seelenlebens in Zusammenhang und geht damit großflächig und weitläufig an das Mythenthema heran.”

[Kaminski-Knorr, Katharina: Zur Problematik der psychoanalytischen Symbol- und Mythentheorie. Eine Auseinandersetzung mit dem Narziss-Mythus. Berlin: Verlag für Tiefenpsychologie, 1990, S. 80-81]

„Der zweite Ansatzpunkt ist, dass Freud sich innerhalb seiner Theorie schon sehr früh mit dem Thema Mythus zu befassen beginnt. So schreibt er in einem Brief an Fließ vom 12.12.1897:

«Kannst du dir denken, was ‘endopsychische Mythen’ sind? Die neueste Ausgeburt meiner Denkarbeit. Die unklare innere Wahrnehmung des eigenen psychischen Apparats regt zu Denkillusionen an, die natürlich nach außen projiziert werden und charakteristischerweise in die Zukunft und in ein Jenseits. Die Unsterblichkeit, Vergeltung, das ganze Jenseits sind solche Darstellungen unseres psychischen Inneren (...), Psychomythologie.» (Aus den Anfängen der Psychoanalyse, 1950, S. 252).

Es wird bereits in dieser Äußerung Freuds deutlich, was das Wesen seiner späteren Auffassung vom Mythus ausmacht. Freud sieht den Mythus als eine Projektion des Menschen, durch die innerseelische, tabuisierte Wunschregungen veräußerlicht, d.h. als Phantasiegebilde auf die äußere Realität projiziert werden. So schreibt Freud in «Zur Psychopathologie des Alltagslebens»:

«Ich glaube in der Tat, dass ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernste Religionen hinein reicht nichts anderes ist als in die Außenwelt projizierte Psychologie» (S. Freud, 1904, GW Bd. IV., S. 287/288)

Damit kann Freuds Auffassung des Mythus nach Rolf Vogt (“Theorien über den Mythos”, in: Psyche 9, 1985), der zwei Verstehensrichtungen des Mythus unterscheidet, der aufklärerischen Richtung zugeordnet werden. Die aufklärerische Auffassung des Mythus, etwa auch vertreten durch Nietzsche, Horkheimer, Adorno, Kolakowski und Blumenberg, versteht den Mythus stets als Bild des Menschen selbst, das auf den Horizont seines Erlebens projiziert wird und nicht etwa, wie die zweite der angenommenen Verstehensrichtungen (Eliade, Otto, C. G. Jung), die den Mythus als Ausdruck transzendenter Mächte annehmen, welche sich dem Menschen durch den Mythus offenbaren.”

[Kaminski-Knorr, Katharina: Zur Problematik der psychoanalytischen Symbol- und Mythentheorie. Eine Auseinandersetzung mit dem Narziss-Mythus. Berlin: Verlag für Tiefenpsychologie, 1990, S. 82-83]

„Die Kräfte, die wir hinter den Bedürfnisspannungen des Es annehmen, heißen wir Triebe.“

[Freud, Sigmund: Abriss der Psychoanalyse, 1938. G. W., XVII, 70; S. E., XXIII, 148]

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„Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiss froh, dass Sie nichts mehr über die Angst anzuhören brauchen. Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts Besseres nach. Ich habe den Vorsatz, Sie noch heute auf das Gebiet der Libidotheorie oder Trieblehre zu führen, wo sich gleichfalls manches neu gestaltet hat. Ich will nicht sagen, dass wir hierin große Fortschritte gemacht haben, so dass es Ihnen jede Mühe lohnen würde, davon Kenntnis zu nehmen. Nein, es ist ein Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und Einsichten ringen; Sie sollen nur Zeugen unserer Bemühung werden. Auch hier muss ich auf manches zurückgreifen, was ich Ihnen früher vorgetragen habe.

Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher, sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das populäre Denken mit den Trieben auseinandersetzt. Man nimmt so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man eben braucht, einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-, Geselligkeitstrieb und viele dergleichen mehr. Man nimmt sie gleichsam auf, lässt jeden seine besondere Arbeit tun und entlässt sie dann wieder. Uns hat immer die Ahnung gerührt, dass hinter diesen vielen kleinen ausgeliehenen Trieben sich etwas Ernsthaftes und Gewaltiges verbirgt, dem wir uns vorsichtig annähern möchten. Unser erster Schritt war bescheiden genug. Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht irre, wenn man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarten oder Triebgruppen unterscheidet, nach den zwei großen Bedürfnissen: Hunger und Liebe.”

[Freud, Sigmund: “Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933 [1932])”. In: Studienausgabe, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, Bd. I, S. 529]

„Zwar gehören zur historischen Entstehung der Psychoanalyse, wie Freud auch immer notiert hat, zeitgeschichtliche Einflüsse: Neurosenforschung, Hypnose-Experiment, Assoziationspsychologie und Lebensphilosophie (Selbstdarstellung, GW XIV, S. 31-96); aber die eigentliche Vorgeschichte der Psychoanalyse reicht weiter zurück. Die Anregungen durch Kunst und Literatur, vor allem der Erfahrungsschatz der Antike gaben Freud den stärksten Rückhalt bei der Ausarbeitung seiner aus der psychoanalytischen Praxis gewonnenen Erkenntnisse. Was er im Verweis auf den «Ödipus» von Anfang an aussprach, verdichtete er im Alter immer mehr, und als er ein Vierteljahrhundert nach der «Traumdeutung» in der ihm später eigenen Systematik einer Reihe größerer Aufsätze noch einmal seine Theorien formuliert, wird der Dualismus von Lust- und Realitätsprinzip in das mythische Gespann von Eros und Todestrieb (Thanatos) verwandelt, das soll heißen: einzig der Eros – zitiert nach dem in Platons «Symposion» zitierten Mythos des Aristophanes, also Verweis im Verweis, ein archaisches Idol des unzerstörbaren Triebs, kann, so wie er im Seelenleben gegen Aggression auftritt, die Zivilisation vor Vernichtung bewahren.”.

[Beiderwieden, Jens: „Verweis und Verdichtung – das Unbewusste, die Überlieferung und die Bedeutung in der Psychoanalyse Sigmund Freuds“. In: Kurnitzky (Hrsg.): Notizbuch. Psychoanalyse und Theorie der Gesellschaft. Berlin: Medusa Verlag, 1979, S. 119]

“Wenn ich irgendeinen der Traumberichte (Niederschriften seiner eigenen Träume) bei Freud nehme, kann ich durch den Gebrauch freier Assoziation zu denselben Resultaten kommen, die er in seiner Analyse findet – und dabei was das ja gar nicht mein Traum. Die Assoziation findet ihren Weg auch durch meine Erlebnisse, und so fort.

Es ist einfach so: immer, wenn man mit etwas beschäftigt ist, einer Schwierigkeit oder einen Problem, das im eigenen Leben eine große Rolle spiel – etwa mit der Sexualität –, dann kann man anfangen, wo man will, die Assoziation wird einen schließlich und unvermeidlich auf dasselbe Thema zurückführen. Freund bemerkt, wie doch – nach der Analyse – ein Traum oft sehr logisch erscheint. Natürlich erscheint er so.

Man könnte mit einem beliebigen Gegenstand auf diesem Tisch anfangen – der sicherlich nicht durch irgendwelche Traumhandlungen dorthin gekommen ist – und dann herausfinden, dass alle Gegenstände auf dem Tisch zu einem Muster dieser Art verknüpft werden können, und dieses Muster würde auf die gleiche Art logisch sein.

Man kann durch diese Art von freier Assoziation vielleicht gewisse Dinge über sich selber entdecken, aber das erklärt nicht, wie es zu dem Traum gekommen ist.

Freud geht in diesem Zusammenhang auf verschiedene alte Mythen ein und behauptet, dass seine Untersuchungen jetzt erklärt hätten, wie es dazu kam, dass man sich solche Mythen ausdachte und verbreitete.

In Wirklichkeit hat Freud aber etwas anderes getan. Er hat nicht eine wissenschaftliche Erklärung des alten Mythos gegeben. Er hat in Wirklichkeit einen neuen Mythos geschaffen. Die Anziehungskraft des Gedankens, z.B. dass alle Angst eine Wiederholung der Angst des Geburtstraumas ist, ist nichts anderes als die Anziehungskraft einer Mythologie. «Alles ist aus etwas entstanden, was vor langer Zeit geschehen ist». Fast als ob man sich auf ein Totem beruft.

Ungefähr das gleiche könnte man über die Vorstellung einer «Urszene» sagen. Deren Reiz besteht oft darin, dass sie dem eigenen Leben eine Art von tragischen Muster gibt. Alles ist eine Wiederholung des gleichen Musters, das vor langer Zeit festgelegt worden ist. Wie eine Tragödienfigur, die die Bestimmung erfüllt, die die Parzen ihr bei der Geburt gegeben haben. Viele Menschen haben irgendwann einmal ernste Schwierigkeiten in ihrem Leben – so ernste, dass sie an Selbstmord denken. Das kann einem leicht abstoßend vorkommen, als eine Situation, die zu unschön ist um Gegenstand einer Tragödie zu sein. Und dann ist es vielleicht eine ungeheuere Erleichterung, wenn einem gezeigt werden kann, dass sich im eigenen Leben so etwas wie die Form einer Tragödie findet – die tragische Ausführung und Wiederholung eines Musters, das durch die Urszene festgelegt worden ist.

Nun gibt es da natürlich die Schwierigkeit, festzustellen, welche Szene die Urszene ist – ob es die Szene ist, die der Patient als solche erkennt, oder ob es eine ist, deren Erinnerung die Heilung bewirkt. In der Praxis werden diese Kriterien miteinander vermischt.

Die Analyse richtet leicht Schaden an. Denn obgleich man in ihrem Verlauf vielleicht verschiedene Dinge über sich selbst entdeckt, muss man einen sehr starken, geschärften und hartnäckigen kritischen Sinn haben, um die Mythologie, die einem angeboten oder aufgeschwätzt wird, zu erkennen und zu durchschauen. Man ist leicht verleitet zu sagen «Ja natürlich, so muss es sein». Eine wirkungskräftige Mythologie.”

[Wittgenstein, Ludwig: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1968, S. 85-86]

„Freud ist einer der großen Mythologen, einer der großen Autoren und Imaginateure brückenschlagender Metaphorik, die Mythos und Ritual in feste Ordnung bring (die analytische Séance) ... Wie der Marxismus bleibt die Freudsche Psychoanalyse eine der großen Leistungen der messianischen judaischen Vision, die nach der Emanzipation von der Religiosität für das menschliche Individuum geschaffen wurden. Der Mythos sei es in Gestalt des Ödipuskomplexes, sei es in Form eines Arkadiens menschlichen «Erwachsenseins», er gehört unverzichtbar zum Kern der Vision.”

[Steiner, G.: “Review of J. Masson’s Freud: The Assault on Truth.” The Sunday Times, 27 May. Zitiert: Shepherd, M.: Sherlock Holmes und der Fall Freud. Rheda-Wiedenbrück: Daedalus Verlag Joachim Herbt, 1986, S. 65]