KONVERSATIONSANALYSE

Análisis conversacional

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Diskursanalyse / Implikatur/ Implikation / Präsupposition / Konversationsmaxime / Konversationspostulate / Textlinguistik Sprechakttheorie / Inferenz / Relevanz

 

Konversationsanalyse [Auch: Ethnomethodologische Konversationsanalyse, engl. conversational analysis]

Aus der Ethnomethodologie entwickelte empirische Forschungsrichtung (H. Sacks, E. Schegloff, G. Jefferson) zur Analyse von Gesprächen (engl. conversations). In den frühen Studien von Sacks werden Eigenschaften des praktischen Schließens besonders betont, d.h. Techniken, die die Beteiligten zur internen Strukturierung sozialer Ereignisse verwenden, um »Ordnung herstellen« (etwa beim Erzählen von Geschichten oder Witzen); so zeigen sich die Beteiligten z.B. durch Formulierungen wechselseitig auf, was sie gerade miteinander tun (z.B. jetzt muss ich aber noch mal fragen ...).

Die Diskursanalyse stärker beeinflusst haben spätere Arbeiten zur Geordnetheit sozialer Ereignisse, die sich mit wiederkehrenden Mustern und ihren strukturellen Eigenschaften in der Organisation von Gesprächen beschäftigen: dabei gilt als dominantes und effektivstes Mittel die Organisation von Turn zu Turn (Sprecherwechsel), an der alle Parteien beteiligt sind. In der Weise, wie die Beteiligten die Turns handhaben, zeigen sie einander auf, wie sie die sich entwickelnden Aktivitäten verstehen: wie sie den vorangegangenen Turn und die entsprechenden Erwartungen der Partner interpretieren und welche Erwartungen sie selbst in Bezug auf den nächsten Turn haben (Paarsequenz, Präferenz, Rezipientenspezifischer Zuschnitt, Sequentielle Organisation).

Die Annahme, dass Gespräche Produkte der je aktuellen Aktivitäten der Beteiligten sind, unterscheidet die Konversationsanalyse grundsätzlich von Verfahren der Textlinguistik oder der Sprechakttheorie.“ [Bußmann, H., S. 421-422]

Bedingte Relevanz [engl. conditional relevance]

„Von E. Schegloff geprägter Begriff der Konversationsanalyse zur Charakterisierung der Abfolge bestimmter Äußerungstypen (Sequenzielle Organisation): Die Produktion eines Vorkommnisses von Typ A läßt im folgenden Turn ein bestimmtes Vorkommnis von Typ B erwarten. Das Ausbleiben von B wird von den Gesprächsteilnehmern als abweichendes bzw. interpretationsbedürftiges Verhalten empfunden; zumeist wird die Realisierung von B daraufhin erneut eingefordert, z.B. durch die Wiederholung von A. A und B können eine Paarsequenz bilden, etwa Frage - Antwort: oder sie können Sequenzen sein, z.B. wechselseitige Begrüßung (A) und erstes Gesprächsthema (B).“ [Bußmann, H., S. 127]

Paarsequenz (engl. adjacency pair. Auch: Nachbarschaftspaar]

„In der Konversationsanalyse zwei Äußerungstypen in unmittelbar benachbarten Turns verschiedener Sprecher (Sequenzielle Organisation): die Produktion eines Vorkommnisses vom Typ A im ersten Turn (etwa eines Grußes) lässt im folgenden Turn ein Vorkommnis von Typ B (den Gegengruß) erwarten. Der erste Teil einer solchen P. wird anhand konventioneller Eigenschaften oder seiner Position identifiziert, der zweite anhand seiner Position, da er durch den ersten sequentiell impliziert ist (Bedingte Relevanz). Abweichende Fälle bieten Evidenz für diese »normative Anforderung« der unmittelbaren Abfolge: Abweichungen werden von den Beteiligten bemerkt und angezeigt, z.B. durch die Wiederholung des ersten Teils oder durch eine Begründung für das Ausbleiben des zweiten Teils (etwa durch eingebettete Frage-Antwort-Sequenzen); oder sein Ausbleiben wird interpretiert (z.B. steht beim fehlenden Gegengruß der Partner für die Interaktion nicht zur Verfügung). Zusätzliche Evidenz liefern Paarsequenzen mit Optionen (Präferenz).“ [Bußmann, H., S. 552-553]

Präferenz

„In der Konversationsanalyse Bezeichnung der strukturellen Markiertheit von bestimmten Optionen, z.B. bei Paarsequenzen (wie Einladung - Zusage / Absage): Die unmarkierte präferierte Option (Zusage) hat eine weniger komplexe Struktur als die markierte (Absage); vgl. A: Komm doch heute zum Essen. B: Gerne. Wann soll ich denn kommen? vs. C: Du (Pause) Das tät ich gerne. Aber es geht leider nicht. Ich bin schon verabredet.

Der Turn von C ist strukturell komplexer, z.B. durch die Verzögerung zu Beginn (Unterbrechung) und durch die Begründung. Darüber hinaus unterscheiden sich präferierte und nicht-präferierte Optionen in der Position innerhalb des Turns; die präferierte Option wird im Unterschied zur nicht-präferierten Option eher zu Beginn realisiert. Zu einem anderen Standpunkt vgl. Goffmans korrektiven Austausch.“ [Bußmann, H., S. 598]

Rezipientenspezifischer Zuschnitt [engl. recipient design]

„In der Konversationsanalyse Bezeichnung für die interaktive Konstruktion eines Turns: Sprecher orientieren sich in der Wahl sprachlicher und nicht-sprachlicher Mittel (z.B. Blickkontakt) an dem Vorwissen und den Erwartungen des jeweiligen Rezipienten. Zu Beispielen vgl. Goodwin [1979, 1981].“ [Bußmann, H., S. 647]

Sequentielle Organisation [engl. sequential organization]

„In der Konversationsanalyse Strukturierung von Gesprächen durch Typen von Handlungsfolgen, die von verschiedenen Sprechern produziert werden. Es wird davon ausgegangen, dass sich das, was mit einer Äußerung getan wird, aus ihrer Plazierung in einer Sequenz ergibt; d.h. innerhalb einer Sequenz realisiert eine Äußerung eine der möglichen Folgehandlungen, die in einem vorangegangenen Turn aufgerufen wurden, und läßt selbst wiederum im nächsten Turn eine Handlung aus einer eingegrenzten Menge von möglichen Folgehandlungen erwarten. Auf diese Weise zeigen die Gesprächsteilnehmer sich wechselseitig auf, wie sie den jeweils vorangegangenen Turn verstanden haben. Zu solchen Sequenztypen zählen Paarsequenzen, in denen die Wahl einer ersten Handlung eines bestimmte zweite im folgenden Turn implizier (z.B. wird auf eine Frage eine Antwort erwartet, vgl. Bedingte Relevanz), oder Sequenzen mit präferierten Optionen (etwa Einladungs-Zusage statt Absage, vgl. Präferenz).

Weitere Evidenz für die S. O. bieten Ausdrücke, die Abweichungen von erwartbaren Folgehandlungen in einer Sequenz markieren (z.B. die Verwendung von Ausdrücken wie übrigens, die dem Hörer eine vom gegenwärtigen Gesprächsthema abweichendes Thema anzeigen, vgl. Diskursmarker).

Gestützt wird die S. O. durch die »lokale« Handhabung des Sprecherwechsels. Analysiert werden daher nicht isolierte Äußerungen in Sequenzen. Dieses Vorgehen unterscheidet den Ansatz der Konversationsanalyse von anderen diskursanalytischen Ansätzen, etwa solchen aus der Textlinguistik oder der Sprechakttheorie.“ [Bußmann, H., S. 682]

Sprecherwechsel [engl. turn-taking]

„In der Konversationsanalyse: S. als ein interaktives System, das einen »lückenlosen« Gesprächsablauf (Unterbrechung) gewährleistet, da es von den Beteiligten »lokal« gehandhabt wird; d.h., wer über was wie lange zu wem spricht, wird sowohl vom Sprecher als auch von den Zuhörern jeweils an den Stellen (engl. transition relevance place) entschieden, an denen die Übergabe des Rederechts möglich ist (potentiell nach jedem Syntagma). An einer solchen Stelle erhält entweder der vom Vorredner designierte nächste Sprecher das Rederecht (gewählt durch bestimmte nicht-sprachliche oder sprachliche Mittel, z.B. eine Aufforderung) oder derjenige Sprecher, der »zuerst beginnt« oder aber der aktuelle Sprecher spricht weiter. Auf diese Weise ergibt sich für die Beteiligten eine intrinsische Motivation zum Zuhören (Sequentielle Organisation, Turn).“ [Bußmann, H., S. 729]

Suggerierte Schlussfolgerung [engl. invited inference]

„Von M. Geis und A. M. Zwicky beschriebener Untertyp der Konversationellen Implikatur. Das Versprechen Wenn du meinen Rasen mähst, bekommst du DM 5 »suggeriert« gemeinhin die (unausgesprochene) Schlussfolgerung Wenn du meinen Rasen nicht mähst, bekommst du keine DM 5. Diese auf pragmatischen Aspekten beruhenden S. S. sind zu unterscheiden von logischen Folgebeziehungen, wie Implikation und Präsupposition.“ [Bußmann, H., S. 755-756]

Turn  [engl. ‘Turnus’, ‘Reihe(nfolge)’; to take turns ‘sich abwechseln’]

„Aus dem Engl. übernommener Terminus der Diskursanalyse zur Bezeichnung eines einzelnen Sprecherbeitrags. Bestimmt werden T.

(a)  anhand formaler Kriterien: T. eingegrenzt durch Pausen oder als syntaktische Einheit, nach der ein Sprecherwechsel möglich ist;

(b)  anhand funktionaler Kriterien: T. als mindestens ein »Zug« (vgl. Austausch);

(c)  in der Konversatinsanalyse: T. als Produkt eines Prozesses, dessen Länge und Struktur interaktiv bestimmt ist (Rezipientenspezifischer Zuschnitt, Sequentielle Organisation, Sprecherwechsel); im Idealfall hat ein solcher T. eine ausgebildete triadische Struktur: mit dem ersten Teil wird eine Beziehung zum vorangegangenen T. hergestellt, mit dem dritten eine Beziehung zum nachfolgenden T. (vgl. ja und die Frageintonation im T. von B: Ja is’ das nicht zu teuer? als Erwiderung auf A: Nimm doch’n Taxi.“ [Bußmann, H., S. 811]