KOLLUSION  

Colusión

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kommunikation / Kommunikationsmodelle / Double-Bind / Argumentationstheorie / Rhetorik

 

„Wir brauchen uns nur eine Zweierbeziehung vorzustellen, die sich hauptsächlich auf der Hilfe des einen für den anderen Partner aufbaut. Es liegt in der Natur einer solchen Beziehung, dass sie nur zu einem von zwei möglichen Resultaten führen kann, und beide sind fatal: Entweder bleibt die Hilfe erfolglos oder sie ist erfolgreich (eine dritte Möglichkeit gibt es wieder einmal nicht). Im ersteren Falle wird auch der eingefleischteste Helfer endlich genug haben und sich tief enttäuscht und verbittert aus der Beziehung zurückziehen. Ist der Helfer aber erfolgreich, und bedarf der Geholfene daher der Hilfe nicht mehr, dann bricht die Beziehung gerade deswegen auseinander. Ihr Sinn und Zweck hat sich damit ja erschöpft.

Als literarisches Beispiel fallen einem dazu die vielen Romane und Libretti besonders des 19. Jahrhunderts vom jungen Edelmann ein, der sich die Rettung und Seelenwäsche der dämonischen (in Wahrheit aber unschuldigen und liebenswerten) Prostituierten zum Lebensziel gemacht hat. Praktische Beispiele liefern uns die fast immer intelligenten, verantwortungsvollen, aufopfernden Frauen, mit ihrer fatalen Neigung, Trinker, Spieler oder Kriminelle durch die Macht ihrer Liebe in Tugendbolde zu verwandeln, und dies bis zum bitteren Ende auf mehr desselben Verhaltens des Mannes mit mehr derselben Liebe und Hilfsbereitschaft reagieren. In Bezug auf ihr Unglücklichkeitspotential sind diese Beziehungen fast perfekt, da die Partner in einer Weise zueinander passen und sich aufeinander einstellen, wie es in positiveren Beziehungen kaum möglich zu sein scheint. (Hierin irrte Rabbi Jochanan, als er sagte: »Ein passendes Ehepaar unter Menschen zusammenzubringen ist schwerer als das Wunder Mosi im Roten Meer.«) Um sich aufopfern zu können, braucht eine solche Frau einen problematischen und hinfälligen Menschen; im Leben eines einigermaßen selbständig funktionierenden Mannes sieht sie für ihre Hilfe – und daher für sich selbst – weder genügend Raum noch Notwendigkeit. Er andererseits braucht einen unverzagten Helfer, um weiterhin Schiffbruch erleiden zu können. Eine Partnerin, die dem Grundsatz huldigt, dass eine Hand die andere wäscht, dürfte aus dieser Beziehung sehr bald aussteigen. Das Rezept also: Man suche sich den Partner, der durch sein So-Sein das eigene So-Sein-Wollen ermöglicht und ratifiziert, doch hüte man sich auch hier vor dem Ankommen am Ziel.

In der Kommunikationstheorie heißt dieses Beziehungsmuster Kollusion. Gemeint ist damit ein subtiles Arrangement, ein Quid pro quo, eine Vereinbarung auf der Beziehungsebene (unter Umständen ganz unbewusst), wodurch man sich vom anderen als die Person bestätigen und ratifizieren lässt, als die man sich selbst sieht. Der Uneingeweihte könnte sich hier mit Recht fragen, weshalb man dazu eines Partner bedarf. Die Antwort ist einfach: Stellen Sie sich eine Mutter ohne Kind, einen Arzt ohne Kranken, einen Staatschef ohne Staat vor. Das wären nur Schemen, provisorische Menschen sozusagen. Erst durch den Partner, werden wir »wirklich«; ohne ihn sind wir auf unsere Träume angewiesen, und die sind bekanntlich Schäume. Warum aber soll irgend jemand bereit sein, diese bestimmte Rolle für uns zu spielen? Dafür gibt es zwei Beweggründe:

1.                  Die Rolle, die er spielen muss, um mich »wirklich« zu machen, ist die Rolle, die er selbst spielen will, um seine eigene »Wirklichkeit« herzustellen. Der erste Eindruck ist der eines perfekten Arrangement, nicht wahr? Bemerken Sie bitte aber, dass es, um weiterhin perfekt zu sein, sich absolut nicht ändern darf. Doch schon Ovid schrieb in seinen Metamorphosen: Nichts in der Welt hat Bestand und immer folgt Ebbe den Fluten. Auf die Kollusion angewendet heißt das, dass die Kinder die fatale Neigung haben, aufzuwachsen; Patienten zu gesunden; und dass damit auf das Hochgefühl des »Stimmens« der Beziehung bald die Ebbe der Ernüchterung folgt, und mit ihr der verzweifelte Versuch, dem anderen das Ausbrechen unmöglich zu machen. [...] Da jede Kollusion notwendigerweise voraussetzt, dass der andere von sich aus genauso sein muss, wie ich ihn will, mündet sie unweigerlich in eine »Sei spontan!«-Paradoxie.

2.                  Diese Fatalität wird noch offensichtlicher, wenn wir uns den anderen Grund besehen, der einen Partner zum Spielen der für unser Gefühl der »Wirklichkeit« notwendigen Rolle veranlassen kann, nämlich eine der Mühe dieser Akrobatik angemessene Entschädigung. Als Beispiel dafür kommt einem sofort die Prostitution in den Sinn. Der Kunde wünscht sich natürlich, dass die Frau sich ihm nicht nur der Bezahlung wegen hingebe, sondern auch, weil sie es »wirklich« will. (Sie sehen, wie dieser wunderbare Begriff »wirklich« immer wieder hereinspielt.) Es hat den Anschein, dass die begabte Courtisane es recht gut fertig bringt, diese Illusion zu erwecken und zu erhalten. Bei den weniger talentierten Praktikantinnen kommt es genau an diesem Punkte zur Ernüchterung des Klienten. Dieser Katzenjammer ist jedoch keineswegs auf die Prostitution im engeren Sinne beschränkt; er hat die fatale Neigung, überall dort aufzutreten, wo kollusive Elemente in eine Beziehung hereinspielen. Ein Sadist – so lautet das bekannte Bonmot – ist jemand, der lieb zu einem Masochisten ist. Das Problem vieler homosexueller Beziehungen besteht darin, dass die Betreffenden sich nach einer Beziehung mit einem »wirklichen« Mann sehnen, leider aber feststellen müssen, dass der andere selbst »nur« ein Homosexueller ist.

In seinem Bühnenstück Der Balkon zeichnet Jean Genet ein meisterhaftes Bild dieser kollusiven Welt.“

[Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. München/Zürich: R. Piper Verlag, 1983, S. 107-112]

„Wir haben es nicht gerne, wenn uns jemand an die Verlogenheit unserer eigenen Welt erinnert. Unsere Welt ist die wahre Welt; verrückt, verlogen, illusorisch, verschroben sind die Welten der anderen.“

[Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. München/Zürich: R. Piper Verlag, 1983, S. 115]

„Das Paar trägt seine Konflikte meist in der unablässigen Variation eines immer gleich bleibenden Themas vor. Die alltäglichen Begebenheiten, die zum Streit führen, drehen sich fortwährend um ähnliche «Grundmelodien». Wenn wir von den akzidentiellen Umständen abstrahieren, so ergibt sich für den Ehekonflikt eine meist eng umschriebene Grundthematik, die das betreffende Paar beunruhigt. Diese den Partner gemeinsame Grundthematik bildet ein gemeinsames Unbewusstes. Die Vereinfachung unserer Arbeit in der Ehetherapie liegt darin, dass wir uns für die Ehetherapie auf diesen gemeinsamen Nenner beschränken und viele Bereiche des Unbewussten, die nicht in den Ehekonflikt verwoben sind, außer Betracht lassen können. Das Zusammenspiel der Partner auf Grund dieses gemeinsamen Unbewussten bezeichne ich – in Anlehnung an H. Dicks [Marital tensions. Clinical studies towards a psychological theory of interaction. N. York: Basic Books, 1967, S. 76] – als Kollusion. [...]

Den Psychoanalytiker beschäftigte wenig, wie dieser Partner wirklich sei. Die realen Beziehungen mit der Umgebung wurden nicht als das Determinierende gesehen. Die Objektbeziehungen sollten vielmehr hauptsächlich auf der Ebene der Phantasien untersucht werden, da man davon ausging, dass die Phantasien das Erfassen des Realen und die Handlungen, die daran knüpfen, bestimmen.

Die psychologische Einbahnstraße des Subjektes in Beziehung zum Objekt wurden dann von der »Family Therapy« in Frage gestellt. Es zeigte sich, dass sich manche individuelle Störungen gar nicht behandeln ließen, wenn nicht das pathogene Milieu mitbehandelt wurde.

Manche Therapien scheiterten, weil der Patient dem pathologischen Einfluss seine Angehörigen nicht entzogen werden konnte, weil die Angehörigen die Therapie sabotierten und verunmöglichten. [...] Die Konzepte der Familientherapie wurden zunächst aus Untersuchungen von Familien Schizophrener gewonnen. Es kam zu Äußerungen, die Schizophrenie des Kindes sei die einzig mögliche Reaktion im unhaltbaren zwischenmenschlichen Kontext, den ihm seine Eltern anbieten (Bateson, Jackson, Haley und Weakland). Das Kind wird deshalb schizophren, weil es einem langwierigen Bestreben der Eltern ausgesetzt ist, es verrückt zu machen (Searles). Die Eltern schaffen Situationen, die bei ihren Kindern Psychosen verursachen, während sie sich selbst damit vor offenen Symptomen verschonen. Es handelt sich dabei um externalisierte oder agierte Psychosen der Eltern. Um sich selbst vor dem Ausbruch einer Psychose zu bewahren, erzeugen die Eltern die Psychose im Kind. [...] Das Kind wird zum Erfüller von gewissen, ihm von den Eltern zugeschobenen Rollen, es wird zum Substitut oder Delegierten für eigene nicht ausreichend entfaltete oder abgelehnte Aspekte des Selbst.

Gewisse Darstellungen vermitteln den Eindruck, dass das Kind als unbeschriebenes Blatt gesehen wird, als eine formbare Masse, die widerstandslos durch Elterneinflüsse geprägt wird: das Kind – ein den Eltern ausgeliefertes Opfer. [...] Also nicht mehr so sehr der Patient ist der Kranke, sondern die klinisch gesunden Angehörigen sind die eigentlichen Kranken, die es aber verstehen, ihre Krankheit im Patienten auszutragen. Der dominante Ehepartner erzeuge die  Krankheit des Patienten und trage seine neurotischen Störungen in ihm aus. [...]

In diesen Publikationen entsteht der Eindruck, die psychologische Einbahnstraße werde nun in umgekehrter Richtung gesehen, nämlich in der Einwirkung des Objektes auf das Subjekt. Es wird untersucht, was die Angehörigen mit dem Patienten machen, aber man fragt nicht oder zu wenig, was die Patienten mit den Angehörigen machen. Jeder Kinderpsychiater kann bestätigen, dass nicht nur die Eltern das Kind prägen, sondern dass das Kind von Geburt an einen außerordentlich prägenden Einfluss auf das Verhalten der Eltern hat. Das trifft noch viel deutlicher auf die Ehe zu, wo man darüber hinaus fragen muss: Weshalb hat sich denn der Patient einen Partner gewählt, der auf ihn einen derart pathogenen Einfluss ausüben kann? Es wäre also zu untersuchen, inwiefern der Patient das pathogene Verhalten der Angehörigen selbst provoziert und verstärkt und ihnen diese pathogene Rolle zuschiebt.

Häufig fühlen sich die Eltern von der Erziehung ihrer Kinder überfordert und wären bereit, aus der Erkrankung des Kindes etwas zu lernen. [...] Gerade bei Adoleszenten konnte ich häufig beobachten, dass nicht nur die Eltern das Kind als narzisstisches Substitut missbrauchen, sondern dass das Kind ein eigenes Interesse hat, den Eltern als Substitut zu dienen.”

[Willi, Jürgen: Die Zweierbeziehung. Spannungsursachen / Störungsmuster / Klärungsprozesse / Lösungsmodelle. Analyse des unbewußten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt: Das Kollusions-Konzept. Reinbek: Rowohlt, 1975, S. 47-50]

„Nach dem Konzept der Kollusionstherapie ist eheliches Verhalten eines Individuums zwar wesentlich von seiner persönlichen Vorgeschichte determiniert (genetischer Aspekt der Psychoanalyse); in seinem Manifestwerden ist eheliches Verhalten aber auch wesentlich vom verstärkenden oder dämpfenden Verhalten des Partners bestimmt (Kommunikationstheorie), wobei das verstärkende oder dämpfende Verhalten des Partners seinerseits wieder durch dessen persönlichen Hintergrund motiviert ist (Aspekt der frühen Familientherapie). Besonders verhängnisvoll muss sich auswirken, wenn eine ungünstige persönliche Entwicklungsbereitschaft durch eine gleichlaufende Tendenz von Seiten des Partners aufgeschaukelt wird. Nun lässt sich am vorliegenden Beispiel beobachten, dass sich im unlösbaren Paarkonflikt eine derartige Entsprechung neurotischer Strukturen findet, dass heißt, dass sich bei beiden Partnern eine gleichartige Grundstörung bezüglich des Ehekonfliktes nachweisen lässt, die sie aber in verschiedenen Rollen austragen. Der gleichartig gestörten Partner fördern sich gegenseitig in ihrem pathologischen Verhalten und spielen sich auf ein unbewusstes Arrangement, auf eine Kollusion ein. Sie tun dies, obgleich sie bewusst mit der Partnerwahl das Gegenteil intendierten, nämlich ihre schon vorher bestehende Störung miteinander zu bewältigen. Um den aktuellen Ehekonflikt zu verstehen, scheint mir wichtig, auf die Partnerwahl zurückzugehen, denn die Verbitterung im jetzigen Streit hat ihre eigentliche Wurzel in der Enttäuschung bezüglich der Vorstellungen und Ideale, die beide Partner bei der Eheschließung miteinander teilten.“

[Willi, Jürgen: Die Zweierbeziehung. Spannungsursachen / Störungsmuster / Klärungsprozesse / Lösungsmodelle. Analyse des unbewussten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt: Das Kollusions-Konzept. Reinbek: Rowohlt, 1975, S. 55-56]

„Die wichtigsten Gesichtspunkte der bisherigen Darstellung:

1.                  Kollusion meint ein uneingestandenes, voreinander verheimlichtes Zusammenspiel zweier oder mehrerer Partner auf Grund eines gleichartigen, unbewältigten Grundkonfliktes.

2.                  Der gemeinsame unbewältigte Grundkonflikt wird in verschiedenen Rollen ausgetragen, was den Eindruck entstehen lässt, der eine Partner sei geradezu das Gegenteil des anderen. Es handelt sich dabei aber lediglich um polarisierte Varianten des gleichen.

3.                  Die Verbindung im gleichartigen Grundkonflikt begünstigt in Paarbeziehungen beim einen Partner progressive (überkompensierende), beim anderen Partner regressive Selbstheilungsversuche.

4.                  Dieses progressive und regressive Abwehrverhalten bewirkt zu einem wesentlichen Teil die Anziehung und dyadische Verklammerung der Partner. Jeder hofft, von seinem Grundkonflikt durch den Partner erlöst zu werden. Beide glauben, in der Abwehr ihrer tiefen Ängste durch den Partner so weit gesichert zu sein, dass eine Bedürfnisbefriedigung in bisher nicht erreichtem Maße zulässig und möglich wäre.

5.                  Im längeren Zusammenleben scheitert dieser kollusive Selbstheilungsversuch wegen der Wiederkehr des Verdrängten bei beiden Partnern. Die auf den Partner verlegten (delegierten oder externalisierten) Anteile kommen im eigenen Selbst wieder hoch.

Diese sehr gedrängten Definitionen sind jetzt noch etwas schwer verstehbar. Sie sollen in den folgenden Kapiteln dem Leser klarer und vertrauter werden.“

[Willi, Jürgen: Die Zweierbeziehung. Spannungsursachen / Störungsmuster / Klärungsprozesse / Lösungsmodelle. Analyse des unbewussten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt: Das Kollusions-Konzept. Reinbek: Rowohlt, 1975, S. 59-60]

Colusión

Acción y efecto de coludir, pactar en daño de tercero”. [DRAE, 1992]

Coludir

Pactar algo dos personas en perjuicio de una tercera.

Colusión: Pacto contra tercero”. [Moliner, María: DUE, Madrid: Gredos, 1997]

“Entre el inductor y el inducido puede existir una coparticipación o concurrencia de voluntades o concierto. Por eso nosotros sostenemos que existió una asociación ilícita entre el general Pinochet y el general Arellano y su comitiva para cometer crímenes de exterminio a opositores políticos que eran destacados dirigentes regionales o destacados dirigentes sindicales”. (profesor Etcheberry)

[http://www.tercera.cl/casos/pinochet/documentos/desafuero2/alegatos23.html]