JAKOBSON Roman

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Strukturalismus / Prager Schule / Opposition / Funktionen der Sprache

 

Jakobson Roman

(1896-1982)

„Roman Jakobson gilt in erster Linie als Linguist, der den Strukturalismus der Prager Schule in Europa und den Vereinigten Staaten repräsentiert, doch auch die Philosophie und Literaturwissenschaft, Teilgebiete der Psychologie, Medizin oder Mathematik und Physik könnten mit einigem Recht Ansprüche auf ihn erheben. Ausgehend von einer als autonome Wissenschaft konzipierten Linguistik strebte er bewusst in seinem theoretischen Programm wie ein seiner praktischen Tätigkeit zeit seines langen Lebens eine interdisziplinäre Zusammenarbeit an, die in zahlreichen Publikationen, die er u. a. auch mit Vertretern anderer Wissenschaften verfasst hat, eindrücklich dokumentiert wird. Hinsichtlich der Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen Leistungen zieht Elmar Hollenstein den historischen Vergleich zu Leibniz:

Das Werk ist gekennzeichnet durch eine breit gefächerte Forschungstätigkeit, die ans Unglaubliche grenzt. Bei Jakobson reich sie von folkloristischen Feldforschungen in der Umgebung Moskaus bis zu den mit den letzten technischen Finessen vorgenommenen Lautanalysen in den Labors des Massachusetts Institute of Technology. Für beide ist charakteristisch, dass ein großes, systematisches Werk fehlt. Was vorliegt, sind umfangmäßig eher kleinere Schriften, die entweder neue Perspektiven skizzieren oder diese in eingeschränkten Sachgebieten exemplarisch bis ins Detail ausarbeiten. (Holenstein, Elmar: Roman Jakobson phänomenologischer Strukturalismus. Franfurt: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 116, S. 17-18)

Aus der Retrospektive von mehr als 50 Jahren beschreibt Paul Ghils Jakobsons sprachwissenschaftliche und sprachphilosophische Grundbegriffe, seine Methoden und Ergebnisse, um sodann ihre Rezeption, Weiterentwicklung und teilweise Modifikation in anderen wissenschaftlichen Disziplinen zu verfolgen, wobei er besonders auf die strukturalistischen Implikationen im Bereich der Medizin, Psychologie bzw. der Neuro-, und Psycholinguistik, der Literatur und der Informationstheorie eingeht.

Die Ambiguität und Widersprüchlichkeit des Phänomens der Sprache stehen seit Saussure Beschreibungsmodelle der Sprachwissenschaft gegenüber, die für sich den Idealfall der Widerspruchsfreiheit, der Homogenität und der Lückenlosigkeit anstreben entsprechend den für die Logik geltenden Regeln. In diesem Zusammenhang kommt dem Begriff der Opposition eine grundlegende Rolle zu, und die davon ausgehenden Antinomien stehen im Zentrum von Ghils Überlegungen.

Kapitel I: Sources linguistiques et philosophiques resümiert die Ergebnisse einiger jüngerer Untersuchungen zum wissenschaftstheoretischen Hintergrund von Jakobsons linguistischen Positionen. Neben einer knappen Bestandaufnahme der Gemeinsamkeiten zwischen Saussure und Jakobson werden insbesondere ihre Unterschiede im Hinblick auf die Konzeption von der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens und dem Axiom von der Linearität des Ausdrucks und einer starren Konfrontation von Synchronie und Diachronie herausgearbeitet. Besonders in den Ausführungen über die Bedeutung der Gestalttheorie für Jakobsons Denken ...[...]

Kapitel II: La notion d’opposition und Kapitel III: De la binarité à la contradiction beschreiben die unterschiedlichen Ausprägungen des Oppositionsbegriffs bei Jakobson, der zunächst in der Phonologie, später auch in der Morphologie und Semantik –hier mit unterschiedlichem Erfolg– als binäres Segmentierungsverfahren Anwendung fand. Die Typologie dieser Opposition wird in Beziehung gebracht mit den Aspekten einer mehrwertigen Logik, nach der das Axiom des tertium non datur zugunsten eines tiers-inclu aufgehoben wird. Verf. zeigt auf, wie die geradezu klassische Vorstellung von einem widerspruchsfreien Beschreibungsmodell der Sprache ins Wanken geraten ist. Insbesonders der Wortschatz „loin d’être un système homogène réductible aux sèmes nucléaires de la sémantique componentielle, comprend en son cœur des unités contradictoires relevant de la disjonction exlusive (ambiguïté résolue par le contexte), absolue ou relative, inscrite dans la langue, ou de la conjonction (double sens, jeu de mots, ambivalence), qui implique la dimension du sujet parlant et du sujet interprétant“ (S. 50). Die Gegebenheit der sprachlichen Ambiguität muss somit als konstantes Merkmal in die sprachwissenschaftliche Beschreibung eingehen.

Kapitel IV: La théorie des deux axes geht ein auf einen von Saussure entwickelten und von Jakobson aufgegriffenen Grundgedanken innerhalb der Konzeption von der Struktur der Sprache: die syntagmatischen Beziehungen auf der linear ausgelegten chaîne parlée verstanden als Beziehungen in praesentia gegenüber den assoziativen Einheiten in absentia auf der paradigmatischen Ebene. Dabei richtet Verf. sein Augenmerk insbesonders auf die paradigmatischen Gruppierungen und den sich dabei abzeichnenden réseaux sémantiques, die je nach Forschungsinteresse unterschiedlich gelagert sein können, so etwa mit didaktischer oder lexikographischer Orientierung.

Kap.V: Acquisition et perte du langage beschäftigt sich mit Jakobsons Bemühungen „d’appliquer la théorie linguistique à l’étude des faits pathologiques du langage, en même temps qu’elle permet, en se fondant sur la théorie de la bipolarité, de classer les différents syndromes en catégories centrées sur des types polaires“. Ausgehend vom Binarismus der phonologischen Oppositionen und der Vorstellung von den beiden Achsen der sprachlichen Äußerung diskutiert Verf. die Ergebnisse neuerer Untersuchungen vor allem auf dem Gebiet des kindlichen Spracherwerbs, die den Ansatz von Jakobson in wesentlichen Punkten bestätigen. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Feststellung, dass, entgegen der Annahme Jakobsons, die ersten kindlichen Äußerungen keinesfalls als „exercices articulatoires sans rapport avec la structure phologique des langues“ aufzufassen sind, sonder vielmehr ein „développement graduel des capacités phonétiques et intonatives à partir du rèpertoire des sons du babillage“ auzeigen, eine Entwicklung, die in unterschiedlicher Weise durch außersprachlicher Weise durch außersprachliche Faktoren beeinflusst wird.

Kapitel VI: Pathologie du langage et bipolarité beobachtet die These von Jakobson, dass die vielfältigen aphasischen Symptome sich weitgehend mit solchen Kategorien erfassen lassen, die seiner Vorstellung von der Hierarchie der sprachlichen Ebenen und der Dichotomie von Syntagmatik und Paradigmatik zugeordnet werden können. Verf. verfolgt diese Idee von Symmetrie im Zusammenhang mit ihrer Bedeutung für die jeweils dominierende Funktion einer der beiden menschlichen Hirnhälften und im Hinblick auf die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen sprachwissenschaftlicher Typologie von Sprachstörungen und neurologischer Topographie von Erkrankungen des Gehirns und dadurch bedingten Sprachverlust.

Kapitel VII: Operátions linguistiques et mécanismes cérébraux befasst sich weiterhin mit der Bedeutung linguistischer Modelle für die Beschreibung aphasischer Syndrome, deren Rolle für den Einsatz therapeutischer Maßnahmen und der Beziehung zwischen linguistischen und psychopathologischen Verfahrensweisen, bzw. der Erstellung einer möglichen aphasiologischen und psychopathologischen Typologie. Verf. skizziert hier anhand der Ergebnisse zahlreicher Analysen die von Jakobson initiierte Hypothese von isomorphen und homogenen Relationen zwischen sprachlichen und neuropsychischen Systemen.

Kapitel VIII: Poétique umreißt ein Arbeitsgebiet, für das Jakobson eine ganz besondere Vorliebe hatte: wie er selbst bemerkte, „il a hétité dans sa jeunesse entre la poésie et la linguistique, en prétendant que c’est la poésie que l’a fait phonologue“. Schon in den ersten Arbeiten während seiner Zeit in Moskau und St. Petersburg (bis 1920) beschäftigt Jakobson sich mit Fragen der Literaturgeschichte, der Literaturwissenschaft und Literaturtheorie unter dem Einfluss des russischen Formalismus. Im weiteren Verlauf seiner Tätigkeit auf diesem Gebiet gibt er allmählich die Position des Formalisten auf und wandelt sich zum Strukturalisten, der im „Rahmen des Prager Strukturalismus Linguistik und Literaturwissenschaft gemeinsam in einer Zeichentheorie (Semiotik) fundiert“ (W. Raible). In seinen weiteren poetologischen Untersuchungen kristallisieren sich unter Anwendung eines zeichentheoretischen Ansatzes die folgenden zentralen Problemstellungen heraus:

  die poetische Funktion von Sprache und ihre Verhältnis zu anderen Funktionen der Sprache

  die Organisation des poetischen Diskurses auf der paradigmatischen und syntagmatischen Achse

  Wechselbeziehungen zwischen den phonologisch-syntaktischen Elementen und der Gesamtheit des poetischen Textes

  poetische Invarianten, die die besondere Funktion von Sprache bestimmen.

Seine für die etablierte Literaturwissenschaft z.T. provozierenden Thesen und das Procedere seiner eigenen Interpretationen vor allem zu Baudelaires Les Chats oder dem letzten Spleen-Gedicht zeichnet Verf. hier unter Einbeziehung von zustimmenden bis ablehnenden Stellungnahmen nach.

Kapitel IX: La communication en perspective schließlich befasst sich mit der Bestätigung der fundamentalen Rolle der Opposition in der Linguistik durch die Informationstheorie. Dabei zeigt Verf. auf, dass in den wechselseitigen Beziehungen und Beeinflussungen zwischen einer mathematisch orientierten Informationstheorie und der Linguistik das Modell eines statisch-uniformen sprachlichen Codes entstand, der der Realität der Sprache unangemessen ist. Im Rückgriff auf Jakobsons Vorgaben und ihre Neuinterpretation gilt es, den Gedanken der Dynamik zu aktualisieren.“

[Barbara von Gemmingen Besprechung von Paul Ghils: Les tensions du langage. La linguistique de Jakobson entre le binarisme et la contradiction. European University Studies. Bern u. a.: Peter Lang, 1994. In: Romanistisches Jahrbuch. Bd. 48/1997, Berlin u.a., 1998, S.183-186]