INTERTEXTUALITÄT  

Intertextualidad

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kontext(ualität) / Text / Textlinguistik / Literatur / Narrativität / Übercodierung

 

No se puede escribir desde la nada.

La literatura es una tradición, y escribimos porque otros han escrito antes,

y para que otros escriban después. (Almudena Grandes)

«Ein Text ist nicht eine Linie aus Worten, die eine einzige, theologische Bedeutung entfaltet ... Ein Text ist vielmehr ein mehrdimensionaler Raum, in dem eine Vielzahl von Geschriebenem, nichts davon original, zusammenfällt und sich vermischt. Ein Text ist ein Gewebe aus Zitaten, welche aus den zahllosen Zentren der Kultur gezogen werden.» (Roland Barthes)

Intertextualität

„Als Intertextualität bezeichnet Kristeva den Umstand, dass ein sprachliches Zeichen sich niemals auf einen Sinn festlegen lässt, sondern immer zwischen verschiedenen Bezugssystemen und dadurch mehrdeutig wird. Ein sprachliches Zeichen ist also gleichsam ein Kreuzungspunkt mehrerer Sinnebenen. Die jeweiligen Bezugssysteme werden auf diese Weise als begrenzte relativier. Jedes geschlossene symbolische System muss etwas ausgrenzen, um sich als homogenes zu konstituieren. Sie entwickelt den Begriff Intertextualität, um die Entstehung des Romans zu beschreiben.

»Der Roman erbt vom mittelalterlichen Buch die Form, die Präsentation und die ambivalente Sakralisierung der Schrift. Er verbindet andererseits den Stil des gelehrten, intellektuellen Buchs [...] mit der Struktur des profanen Buchs und/oder des mündlichen Erzählens. Zum dritten entlehnt er die Struktur des Bilderbuchs, das, obgleich es der Linearität des ‚Wörterbuchs’ folgt, Brüche in dieses einführt.« (Trd., 145) Der Roman synthetisiert also mehrere strukturell verschiedene Zeichensysteme. Dabei transformiert er die übernommenen disparaten Elemente, indem er sie zu einer neuen Einheit zusammenfügt.

Auf den ersten Blick scheint der Begriff Intertextualität sich ganz auf dem Feld der Literaturwissenschaft als akademischer Einzeldisziplin zu bewegen. Bei näherem Hinsehen erweist sich allerdings, dass er gerade daraufhin angelegt ist, traditionelle literaturwissenschaftliche Konzeptionen zu sprengen. Nehmen wir z.B. die Vorstellung, einem Text wohne ein Sinn inne, den es freizulegen oder zu rekonstruieren gelte, ein Sinn, der zwar möglicherweise niemals wirklich exakt beschrieben werden, aber doch zumindest annähernd eingegrenzt werden könnte. Für Kristeva ist Sinn nichts bereits Gegebenes, nichts, was schon feststünde, sondern etwas Flüchtiges, das sich immer erst herstellt – als Effekt einer Beziehung zwischen Text und Leser. Deshalb muss notwendigerweise nicht nur die spezifische Beschaffenheit des Textes, sondern auch die des lesenden Subjekts untersucht werden. Bei der Untersuchung von Texten stellt sich also letztendlich die Frage, was denn Lesen überhaupt sie. Nimmt man an diesem Punkt überdies die der Psychoanalyse zu verdankende Einsicht in die äußerst prekäre Natur des Subjekts hinzu, so wird deutlich, dass herkömmliche literaturwissenschaftliche Auffassungen von Sinn und Interpretation auf Treibsand gründen.

Lacan hat zeigen können, dass dieses prekäre Subjekt sich als Effekt einer sprachlichen Struktur konstituiert. Das lesende Subjekt wäre so gesehen selbst ein Text, der sich zu einem anderen Text in Beziehung setzt. Diesem Modell zufolge reflektiert in einer solchen Beziehung im Prinzip ein und dieselbe Struktur, die des Unbewussten, welche die der Sprache ist, auf sich selbst, tritt also nicht einem wesentlich anderen, sondern nur sich selbst gegenüber, denn in ihrer fundamentalen Struktur gleichen sich alle Texte. Anders verhält es sich, wenn wir das Modell Kristevas zugrunde legen. Denn dieses verabschiedet sich nun obendrein von der Vorstellung, das Unbewusste sein eine geschlossene homogene Struktur. Das Unbewusste erweist sich vielmehr als heterogen, als ein unablässiger Prozess des Umformens, der Strukturen hervorbringt und wieder auflöst. Diese Vorgänge werden vermittels symbolischer Formen wahrnehmbar und schlagen sich beispielsweise als literarische Texte nieder. Ein solcher Text, überhaupt jede symbolische Formation, trägt noch die Spuren des Prozesses, der sie bzw. ihn hervorgetrieben hat, auch wenn noch so sehr versucht wird, diesen zu verleugnen oder vergessen zu machen. Spuren eines Prozesses, also auch der Energien, die die symbolischen Formen immer wieder umschmelzen oder zertrümmern, der Energien, die strukturierenden, sinnbildenden Tendenzen zuwiderlaufen und diese sabotieren. Lektüre bestünde nun darin, dass das lesende Subjekt sich zu solchen Sedimenten eines Sinnbildungsprozesses in eine Beziehung setzt. Ausgehend von seiner spezifischen Subjektstruktur verwandelt es sich diese an, muss sie also bearbeiten und wird durch die Integration dieses Materials selbst transformiert. Die Transformation des Ausgangsmaterials könnte sich dann als ein neues Text, als eine neue Art des Symbolisierens niederschlagen. Solch komplexe Zusammenhänge kondensiert Julia Kristeva lakonisch: »An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität

In der literaturwissenschaftlichen Rezeption des Begriffs Intertextualität werden die theoretischen Zusammenhänge, die dieser Begriff verbindet – zeichentheoretisch fundierte Psychoanalyse und materialistische Dialektik – gewöhnlich unterschlagen, der Begriff ausgedünnt zu einer neuen Bezeichnung für Althergebrachtes, nämlich für das Bemühen, Einflussbeziehungen zwischen Texten nachzuweisen. Weil der Begriff so »häufig in dem banalen Sinne von ‚Quellenkritik’ verstanden wird«, ersetzt Julia Kristeva ihn durch Transposition. Dieser Begriff wird unmissverständlich in einem psychoanalytischen Zusammenhang verankert – schon Lacan bezeichnet damit die Entstellungsarbeit des Traums. Von solchen Verbindungen will die Literaturwissenschaft offenbar nichts wissen und stutzt daher einen Begriff – einen Knotenpunkt von Argumentationslinien in einem theoretischen Zusammenhang – auf ein bloßes, aber immerhin modern klingendes Wort zurecht. [...]

Im übrigen steht der Begriff Intertextualität auch in Beziehung zu ihrer Theorie der Metapher und zur Übertragungsbeziehung in der Psychoanalyse, die sie in ihren Geschichten von der Liebe entfaltet.“

[Pagel, Gerda: Lacan zur Einführung. Hamburg: Ed. SOAK im Junius Verl., 1989, S. 79-84]

„Verón (1973a) erinnert an das bereits von Kristeva (1969) und Metz (1968a) verfochtene Prinzip der »Inter‑Textualität«, das sich mit dem der Übercodierung verbindet, denn nur durch Übercodierung ist es möglich, einen zu interpretierenden Text auf frühere Texte zu beziehen, in denen Ähnliches »geschah«: »Un autre exemple: une bonne partie des propriétés du discours des hebdomadaires d'information restent incomprehensibles si l'on ne tient pas compte de leurs rapports systématiques avec le discours des quotidiens; de ce point de vue, les hebdomadaires constituent un véritable »meta‑langage« dont les présupposés ne peuvent être décrits que comme des opérations intertextuelles. Troisièmement, il y a un rapport intertextuel auquel on na pas prêté autant d’attention qu’au deux précédents. Il s’agit du rôle, dans le processus de production d'un certain discours, d’autres discours relativement autonomes, qui, tout en fonctionnant comme des moments ou étapes de la production, n’apparaissent pas à la surface du discours >produit< ou >terminé< [ ... ]. L’analyse de ces textes et de ces codes qui n’apparaissent pas à la surface d’un discours donné mais qui cependant ont fait partie du processus de production de ce dernier, me semble essentielle: leur étude peut nous offrir des éclaircissements fondamentaux sur leprocessus de production lui‑même et aussi sur la lecture du discours au niveau de la reception [ ... ]. Ces discours >cachés< (l’on peut songer aussi, par exemple, aux croquis et dessins des projets d’architecture) jouent un rôle instrumental dans la production d’un certain objet discursif et par là même constituent un lieu privilégié où transparaissent certains des mécanismes idéologiques à l’œvre dans la production. Ils relèvent, si l’on peut dire, d’une intertextualité >en profondeur<, puisque ce sont des textes qui, faisant partie du processus de production d’autres textes, n’arrivent jamais eux‑mêmes (ou très rarement, ou par des canaux très restreints) à la consommation sociale des discours.«

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 191, Anm. 25]

"Intertextualität, Bezug von Texten auf andere Texte. Von J. Kristeva eingeführter Begriff, mit dem M. Bachtins an der 'Ästhetik des Worts' entwickeltes Dialogizitäts-Theorem zu erweitern versucht wird. Der Begriff Intertextualität subsumiert eine Reihe von Textrelationen (Verfahren der Bezugsnahme) eines Textes auf andere Texte (z.B. Einlagerung, Kreuzung, Verschaltung, Wieder-, Gegenschrift fremder Texte), deren Formensprache aus der traditionellen Rhetorik, Poetik und Philologie bekannt ist (z.B. Zitat, Motto, Anspielung, Fußnote, Anmerkung, Kommentar, Textkritik, Ironie, Paradie, Kontrafaktur, Plagiat). Zu beachten ist allerdings der neuere literatur- und texttheoret. Kontext des Begriffs, um den sich in der Diskussion der letzten Jahre ein oszillierender Verbund von Unterbegriffen (Subtext, Hypotext, Hypertext, Anatext, Paratext, Intertext, Transtext, Genotext, Phänotext, implizierter Text, Text im Text usw.) angesammelt hat: Es handelt sich um den Kernbereich der poststrukturalen Poetik, deren Angriff auf die Grundlagen des traditionellen Literatur-Konzepts (Einheit, Einzigartigkeit, strukturelle Totalität, Systemhaftigkeit des Kunstwerks) mit dem Begriff der Intertextualität umrissen wird.

Neben Palimpsest, Anagramm, Paragramm, Paratext, auf die sich die neuere Diskussion konzentriert hat, thematisiert die Diskursforschung einen weiteren Bereich von Phänomenen der Intertextualität: Bezüge zwischen Texten, die sich durch Gebrauch oder Erwähnung von Diskursen oder interdiskursiv vorhandenen Kollektiv-Symbolen ergeben."

[Metzler-Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen, hrsg. von Günther und Irmgard Schweikle. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, ²1990, S. 223]

„Das Auto hat der Begleiter des Hochgeborene Herrn angemietet. Ich sage „Herr Esterház“ zu meinem Fahrer, was anderes würde der auch gar nicht zulassen, es sei denn „Péter“ vielleicht, irgendwann, aber wir sind uns grade erst begegnet, und ich bin voller Ehrfurcht, denn er ist der Mann, der die europäische Literatur vom ungarischen Rand her fortzuschreiben versucht, der Arno Schmidt des Ostens, der Umberto Eco Ungarns, ein Osterhase der Intertextualität, wie die Literaten das Verstecken fremder Texte in eigenen nennen.“ [Ulrich Stock in: (c) DIE ZEIT   48/2001]

"Intertextualität (nach Julia Kristeva )

Seit den siebziger Jahren ist der Begriff der 'Intertextualität' zu einem zentralen Konzept der Literaturwissenschaft und vor allem der Erzählforschung (Narratologie) geworden. Grundsätzlich kann man zwei unterschiedliche Ansätze unterscheiden. Im ersten - eher theoretisch orientierten - wird 'Intertextualität' sehr weit gefasst. Hier steht die Offenheit und der prozessuale Charakter der Literatur im allgemeinen im Mittelpunkt. Im zweiten Ansatz geht es eher darum, die Beziehungen zwischen konkreten Texten zu klären und zu systematisieren. Er ist besonders für Aspekte der praktischen Analysearbeit fruchtbar (vgl. Intertextualität - engere Begriffsfassung - nach Gérard Genette).

Der erste, weit gefasste Intertextualitätsbegriff geht auf die Theorie der Dialogizität von Michail Bachtin zurück. Bis in die sechziger Jahre hinein wurde der Literaturwissenschaftler und Philosoph in der Sowjetunion ausgegrenzt und verfolgt.  Seiner Auffassung nach sind die Wörter, die wir benutzen, immer schon von den Spuren geprägt, die andere Sprecher mit ihren jeweiligen Absichten in ihnen hinterlassen haben. Im Roman sieht Bachtin demzufolge nicht mehr eine monolithische Einheit, sondern eine "künstlerisch organisierte Redevielfalt, zuweilen Sprachvielfalt und individuelle Stimmenvielfalt". (Bachtin, S. 157) Die bulgarische Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva, die 1965 nach Paris emigrierte, hat Bachtin im Westen bekannt gemacht. Gemeinsam mit anderen Forschern entwickelte sie Bachtins Ideen weiter und prägte den Begriff der 'Intertextualität' als Zentralkategorie einer umfassenden Textwissenschaft. Ihr zufolge ist jeder Text ein „Mosaik von Zitaten". Im „Raum eines Textes überlagern sich mehrere Aussagen, die aus anderen Texten stammen und interferieren." (Kristeva, S.245).

Diese Theorie der 'Intertextualität' beschreibt also generelle Eigenschaften aller Texte und nicht nur die vom Autor beabsichtigten Beziehungen und Anspielungen auf andere Texte.

Michail Bachtin: Die Ästhetik des Wortes, Frankfurt am Main 1979.

Julia Kristeva: Probleme der Textstrukturation, Köln 1972.“

© SR http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/intertext.htm

"El discurso mismo lejos de ser una unidad cerrada, siquiera sea sobre su propio trabajo, es trabajado por otros textos – "todo texto es absorción y transformación de una multiplicidad de otros textos" –, atravesado por el suplemento sin reserva y la oposición superada de la intertextualidad. Em todos estos niveles, lo que se encuentra (y lo que hace posible la lectura) es la »expansión en el texto de una función que lo organiza«, de allí la generalización propuesta del modelo del anagrama saussuriano como paragrama. »Llamamos red paragramática el modelo tabular (no lineal) de la elaboración« del lenguaje textual. »El término red reemplaza la univocidad (la linearidad) englobándola y sugiere que cada conjunto (secuencia) es finalización y principio de una relación plurivalente.« El término paragrama indica que cada elemento funciona »como marca dinámica, como ‚grama’ móvil que, más que expresar un sentido, lo hace«."

[Ducrot, Oswald / Todorov, Tzvetan: Diccionario enciclopédico de las ciencias del lenguaje. Buenos Aires: Siglo XXI, 1974, p. 400]

«Intertextualidad

Es una de las propiedades esenciales de los textos que viene dada por las características procedentes de otros textos del mismo género. En cada modelo de texto del mismo género afloran aspectos de otros géneros textuales, puesto que los textos son creaciones dinámicas.»

[Sánchez Lobato, Jesús: Saber escribir. Madrid: Santillana, 2006, p. 508]