INHALTSFORM vs. INHALTSSUBSTANZ

Forma de sustantia vs. Forma de contenido

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Zeichen / Ausdrucksform vs. Ausdruckssubstanz / Ausdrucksseite vs. Inhaltsseite / Form / Inhalt

 

Die Inhaltsform ist für L. Hjelmslev der ungeformte Sinn, die amorphe Gedankenmasse, der Gedanke als Substanz für eine Form der keine mögliche Existenz hat „außer durch sein Substanzsein für eine oder andere Form“ (Prolegomena, S. 32). Derselbe Gedanke wird in verschiedenen Sprachen verschieden geformt und verschieden strukturiert.

Als Inhaltssubstanz lässt sich also alles betrachten, was Gegenstand eines Gedankens sein kann, die psychischen Objekte, Vorstellungen, Begriffe; bei G. Helbig (1971, S. 61) ist sie die „Widerspiegelung der Sachverhalte der Außenwelt, die für alle Sprachen gleich ist und deshalb auch bei Übersetzungen gleich bleibt“.

Als Inhalstform dagegen ist das für jede Sprache charakteristische und einmalige Ordnungs- und Kombinationsprinzip. das die Inhaltssubstanz strukturiert und formal invariant festlegt: „Jede Sprache zieht in der amorphen Gedankenmasse ihre eigenen Abgrenzungen und hebt verschiedene Faktoren in ihr in verschiedenen Anordnungen hervor ..., wie eine Handvoll Sand, die in ganz verschiedene Muster geformt wird“ (Prol, S. 32). Die Form wird auf den Gedanken projiziert „wie ein offenes Netz seinen Schatten wirft auf eine ungeteilte Oberfläche“ (S. 36).

Die Inhaltssubstanz tritt nur durch die Inhaltsform in Erscheinung.“

[Lewandowski, Th.: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg, 1973; Bd. 1, S. 283]

“Es fragt sich, ob es Mnemotechniken gibt, die nicht nur semiotische Kunstgriffe sind, sondern Semiotiken, also Systeme, die über eine Ausdrucksebene, Form und Substanz, korreliert mit einer Inhaltsebene, Form und Substanz verfügen.

In einer Sprache gibt es auf der Ausdrucksebene eine syntaktische Form, die es erlaubt, Sätze zu generieren, und eine phonologische Form, die es erlaubt, Morpheme und Lexeme zu erzeugen. Doch muss es, und darin besteht die Neuheit des Hjelmslevschen Ansatzes, eine Form auch auf der Inhaltsebene geben. Nicht nur ist im lexikalischen System der semantisch etwa vom Wort Stute belegte Raum in Opposition zu dem vom Wort Hengst besetzten Raum definiert und der von beiden besetzte Raum in Opposition zu dem Raum, den das Wort Zebra besetzt: diese Oppositionen werden ermöglicht durch das Faktum, dass der Inhalt der drei Wörter durch die Kombination kleinerer semantischer Einheiten (Stute = weibliches Pferd vs. Hengst = männliches Pferd) bestimmt wird. In diesem Sinn von Inhaltsform reden heißt von einer systematischen Organisierung der Welt reden.

Für Hjelmslev sind die beiden Ebenen einer Verbalsprache nicht konform, das heißt die Beziehung zwischen ihnen ist nicht isomorph: was anders ausgedrückt besagt, dass die Korrelation zwischen Ausdruckseinheiten und Inhaltseinheiten, die die Zeichen‑Funktion instauriert, keine Entsprechung von Element zu Element vorsieht und in jedem Fall arbiträr ist. Hjelmslev möchte Systeme mit nur einer Ebene nicht der Semiotik zurechnen. Ich habe anderswo (vgl. Eco 1975: 2.9.2) gesagt, dass das, was ein semiotisches System ausmacht, nicht der Besitz zweier Ebenen, sondern vielmehr die Interpretierbarkeit ist. Auch bei Systemen, die weitgehend mit zwei Ebenen arbeiten, wie etwa eine Verbalsprache, ist die Beziehung zwischen den syntaktischen Strukturen und der Form der Propositionen bzw. der signifizierten logisch‑faktischen Sequenzen großenteils motiviert, zeigt also Merkmale eines Systems mit nur einer Ebene. In den beiden Sätzen: Der Vater von Peter liebt Paul und Petri pater Paulum amat spiegelt die syntaktische Form Beziehungen des Inhalts (bzw. wird von ihnen bestimmt), im Deutschen aufgrund der linearen Aufeinanderfolge der Wörter, im Lateinischen aufgrund der Flexionsendungen. Mit diesen Problemen wird man, wie wir sehen werden, konfrontiert, wenn man die Mnemotechnik als semiotisches System untersucht.

Ein letzter interessanter Aspekt des Hjelmslevschen Konzepts besteht darin, dass bei der Zeichen‑Funktion die Rollen vom System festgelegt werden: Es kann, anders ausgedrückt, eine Semiotik geben, bei der eine Aufeinanderfolge von Buchstaben als Ausdrucksebene für eine Aufeinanderfolge von Gegenständen fungiert; doch verbietet nichts, dass eine Aufeinanderfolge von Gegenständen als Ausdrucksebene für eine Aufeinanderfolge von Buchstaben verwendet wird.”

[Eco, Umberto: Die Grenzen der Interpretation. München / Wien: Carl Hanser, 1992, S. 82-83]