INHALTSBEZOGENE GRAMMATIK

Lingüística neorromántica

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Energeia / Ergon / Form vs. Substanz / Humboldt, Wilhelm von / Innere Sprachform / Sapir-Whorf-Hypothese 

 

= Teoría del campo lingüístico y léxico / Lingüística neorromántica

Inhaltsbezogene Sprachwissenschaft   ¹[ Strukturalistische Sprachwissenschaft]

Inhaltsbezogene Grammatik ist das Stichwort für eine namentlich in Deutschland unter Führung von L. Weisgerber seit 1930 wirkende Schule. Dieser beruft sich auf  W. v. Humboldts „Weltansicht der Sprache“ und die innere Sprachform. Weisgerber verbindet dessen dynamischen Begriff der Sprache als Energeia mit dem statischen Begriff Saussures von der Sprache als System (Langue). Die Sprache ist für Weisgerber nicht nur ein Werkzeug, sondern eine wirkende Kraft, die das Denken des Menschen prägt (Linguist. Determinismus). Der zentrale Gedanke seiner Theorie ist die ‘sprachliche Zwischenwelt’, die die Inhalte umfasst, die über den Lauten und Formen steht, wobei Lautzeichen und Sprachinhalte nicht parallel aufeinander bezogen sind (Homonyme). Die Wirklichkeit wird durch die sprachliche Zugriffe des Menschen gegliedert. Fundamentale Kritik an dieser idealistischen Sprachtheorie hat G. Helbig geübt. Nach ihm steht Weisgerbers Theorie zwischen einem phänomenologischen Ausgangspunkt und einem geistesgeschichtlichen Ausbau. Die Sprache wird überbewertet, indem er über Humboldt noch hinausgeht und sie als ‘Zwischenwelt’ verselbständigt. Zu den Hauptvertretern dieser Richtung gehören in Deutschland W. Porzig, H. Brinkmann und H. Gipper. Im Ausland hat, unabhängig von der deutschen Richtung, B. L. Whorf eine kulturanthropologische Metalinguistik entwickelt, nach der der Mensch die Wirklichkeit durch seine Muttersprache sieht. Diese Einsichten teilt er mit E. Sapir, deshalb man auch von einer Whorf-Sapir-Hypothese oder sprachlichen Relativitätstheorie in den USA spricht. Erkenntnistheoretisch werden in dieser Metalinguistik die Einsichten in die Welt auf Einsichten in die Sprache reduziert, entsprechend der These L. Wittgensteins, alle Philosophie sei Sprachkritik.“ [Heupel, C., S. 101-102]

Inhaltsbezogene Grammatik [Auch: Sprachinhaltsforschung].

Durch L. Weisgerber in den 50er Jahren in Deutschland auf Basis von W. v. Humboldts Sprachphilosophie entwickelte sprachwiss. Richtung, die auch als „Neuromantik“ in der Sprachwissenschaft, bzw. als „energetische Sprachauffassung“ bezeichnet wird. Ausgebend von Humboldts Betrachtung von Sprache als einer „wirkenden Kraft“ (= Energeia), deren „Innere (Sprach)form“ eine spezifische „Weltansicht“ repräsentiert, entwirft L. Weisgerber sein von starkem pädagogischen Engagement getragenes , ganzheitliches Grammatikkonzept. Zentrum der I. G. ist die Erforschung der „sprachlichen Zwischenwelt“, die das muttersprachliche „Weltbild“ repräsentiert. Diese sprachliche Zwischenwelt - gewissermaßen eine geistige, strukturverleihende Vermittlungsinstanz zwischen der ungeordneten Realität der Dinge und der jeweiligen Sprachgemeinschaft - entspricht Humboldts „innerer“ Form, durch sie vollzieht sich der dynamische Prozess der Anverwandlung der Welt durch die Muttersprache.

Die I. G. postuliert eine eigenständige Welt der Sprachinhalte, die von Sprache zu Sprache verschieden ist. Der Aufbau der I. G. vollzieht sich in vier Stufen: die erste Stufe - die „laut-“ oder „gestaltbezogene Grammatik“ - besteht in einer (statischen) Bestandaufnahme der laut- und formbezogenen Aspekte von Sprache, während die zweite Stufe - die „inhaltsbezogene Grammatik“ - den inhaltlichen Aufbau des Wortschatzes in Wortfeldern beschreibt.

Die dritte, „leistungsbezogene“ Stufe nimmt eine zentrale Funktion ein, da hier die Einsicht in den Prozess der geistigen Anverwandlung der Welt durch die Sprache als deren (und nicht etwa des Sprechers!) Leistung bewusst gemacht wird. Auf der letzten, vierten Stufe werden die Wirkungen solchen sprachlichen Zugriffs in der Lebenspraxis der Sprachgemeinschaft durchleuchtet.

Während die beiden ersten Stufen nur Durchgangscharakter haben, indem sie sich auf den statischen Aspekt von Sprache beziehen, entsprechen die beiden letzten Stufen dem dynamischen (= energetischen) Prinzip der Sprachbetrachtung.

Weisgerbers Konzept der I. G. ist von ihm selbst sowie von Kollegen und Schülern (W. Porzig, J. Trier, G. Ipsen, H. Gipper) vielfach modifiziert und gegen starke Kritik verteidigt worden. Solche Kritik bezog sich vor allem auf die Überbewertung der Sprache auf Grund ihrer strukturbildenden Kraft, d. h. darauf, dass Weisgerber völlig absieht vom instrumentalen Charakter von Sprache und Kommunikationsmittel, vor allem aber von allen sprecherbezogenen Aspekten. Die Überbetonung der aktiven Kraft der Sprache schreibt der Sprache Leistungen zu, die eigentlich im Denk- und Bewusstseinsprozess des sprechenden Individuums angesiedelt sind, wofür Weisgerber selbst mit seiner metaphorischen Begrifflichkeit (vgl. „Geist“, „Kraft“, „Leistung“, „volkhaft“, „Zwischenwelt“, „Worten der Welt“) ein anschauliches Beispiel bietet.

Trotz ähnlicher, erkenntnistheoretisch ausgerichteter Ansätze z. B. in der Allgemeinen Semantik und in der Sapir-Whorf-Hypothese blieb die Wirkung der I. G. auf Deutschland beschränkt. Dort gewann sie besonders im Bereich der Schul- und Volksgrammatik in den 50er und 60er Jahren großen Einfluss, der nicht zuletzt der inhaltbezogenen Grundkonzeption der DUDEN-Grammtik zuzuschreiben ist.“ [Bußmann, H., S. 339-340]

Die Inhaltsbezogene Grammatik (auch als „Sprachinhaltsforschung“, „sprachwissenschaftliche Neoromantik“ oder „energetische Sprachauffassung“ bezeichnet) beruft sich in ihren Ansätzen auf die Sprachauffassung Wilhelm von Humboldts. Im Vordergrund steht dabei der Gedanke, dass die Sprache eine gestaltende Tätigkeit des menschlichen Geistes (energeia) darstellt, einer wirkende Kraft, der eine bestimmte Weltansicht zugrunde liegt und nicht ein fertiges, abgeschlossenes Werk (ergon).

Wie auch im Strukturalismus wird die Sprache nicht als Abbild oder reines Benennen einer vorgegliederten Wirklichkeit aufgefasst; die Lautform eines sprachlichen Zeichens kann nicht direkt auf ein Objekt der Außenwelt bezogen werden, sondern über einen Zwischenschritt abstrakter Kategorien (im Strukturalismus das Signifikat). Für die inhaltsbezogene Grammatik stellt die Sprache ein Ordnen und Gestalten der Wirklichkeit, eine „Ansicht“ derselben dar. Als Beispiel für dieses Gestalten der außersprachlichen Wirklichkeit wird von Weisgerber die Benennung des Sternenhimmels angeführt; Sternenbilder wir beispielsweise „Orion“ existieren nicht als reale Sternformationen, sondern erst im Ergebnis einer Deutung und Zuordnung, die auch völlig anders erfolgen könnte. Das Sternbild des Orion stellt ein Objekt der sprachlichen Zwischenwelt, nicht der realen Außenwelt dar. Als Beispiel dafür, wie verschiedene Sprachen ein und dieselbe außersprachliche Wirklichkeit unterschiedlich erfassen, wird etwa französisch herbes angeführt, das die deutschen Begriffe Kräuter und Gräser in sich vereint, oder auch fleur, dem im Deutschen eine Unterscheidung zwischen Blume und Blüte gegenübersteht.

Was Weisgerber vom Strukturalismus besonders unterscheidet, ist der zentrale Gedanke der „Sprachgemeinschaft“ als Schöpferin der sprachlichen Zwischenwelt; die Sprache (im Sinne von langue oder, in Weisgerbers Terminologie, „Muttersprache“) wird - in deutlicher Anlehnung an Humboldt und die Tradition des sog. „sprachlichen Idealismus“ (Vossler 1904) - als Ausdruck der Denk- und Anschauungsweise eines Volkes angesehen. Im Zentrum des Interesses steht die „innere Sprachform“, ein ebenfalls Humboldt zugeschriebener Begriff   - als eben die „inhaltliche“ Gliederung, die geistige „Zwischenwelt“, die zwischen dem Menschen und der Wirklichkeit vermittelt, die durch die Sprache erfasst und gegliedert werden muss. Aus diesem Ansatz erklärt sich auch das Interesse an Wortfeldern; hier wird die Art, wie eine Sprache die Wirklichkeit ordnet und gliedert, am stärksten deutlich.“   

[Hentschel, E. / Weydt, H.: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin, 1994, S. 398-400]