IDEOLOGIE  

Ideología

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Mythos und Ideologie / Mentalität / Analogie / Ideen / Begriff / Sprache und Realität

 

¡Ideologías! ¡Qué gran invento para no pensar!

[Viñeta de El Roto, en El País, 14.11.2009]

«Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für einen Mensch ist.»

[Johann Gottlieb Fichte. Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, 1797]

Los conceptos se parecen a las personas: cada cual envejece a su manera y son víctimas

a menudo del carácter arbitrario de la memoria. [Juan Francisco Fuentes]

No podemos controlar lo que hacen las personas con el lenguaje. Se ha intentado más de una vez

limpiar la lengua y crear conceptos unívocos, pero siempre se ha fracasado. [Melvin Richter]

«Nichts ähnelt dem mythischen Denken mehr als die politische Ideologie»

[Lévi-Strauss, Cl.: Strukturale Anthropologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1967, S, 23]

Ideologie (Neubildung, griech., Ideenlehre)

1.      von Destutt de Tracy geprägt für die Condillac begründete sensualistische Philosophie in Frankreich, die um 1890 politischen Einfluss erlangte;

2.      «eine institutionell verfasste, gruppenbezogene Wahrheitsüberzeugung, die ihre Kraft nicht Wahrheitsgründen verdankt, sondern praktischen Interessen» (Lübbe), «eine scheinwissenschftliche Interpretation der Wirklichkeit, im Dienste einer praktisch-gesellschaftlichen Zielsetzung, die sie rückläufig legitimieren soll» (Lauth);

3.      von Marx und vom Marxismus als terminus technicus eingeführt für jede Art von Weltanschauung, also für das Gesamt von Religion, Philosophie, Recht, Kunst, z.T. auch Wissenschaft einer bestimmten Epoche und Gesellschaft, die als Phänomene ohne substantiellen Wahrheitsgehalt nur Epiphänomen der jeweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse und der Interessen der herrschenden Klasse sind. Ideologie im engeren Sinn sind dabei nicht einmal diese Phänomene selbst, sondern die Behauptung, dass nicht die Produktionsverhältnisse, sondern sie (der «Überbau») das Treibende und Eigentliche der Geschichte seien.

Die Behauptung oder der Nachweis, dass eine Anschauung Ideologie ist, hat kritische Funktion, die Ideologie-Behauptung ist zugleich Ideologi-Kritik. Insofern jede große Philosophie kritisch ist gegenüber ungerechtfertigten Ansprüchen und Behauptungen, ist sie zumindest implizit ideologikritisch. Ausdrücklich wird sie es in der Neuzeit erstmals mit Bacons Idola-Lehre.“

[Müller, Max / Halder, Alois: Kleines Philosophisches Wörterbuch. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1988, S. 143]

“Die größtenteils verborgene Wertstruktur, die unseren Tatsachenaussagen zugrunde liegt und sie bestimmt, ist Teil der Ideologie. Mit ‘Ideologie’ meine ich grobgesagt, die Art und Weise, wie das, was wir sagen und glauben, mit der Machtstruktur und den Machtbeziehungen der Gesellschaft, in der wir leben, zusammenhängt. Aus einer so weiten Definition von Ideologie folgt, dass nicht alle unserer grundlegenden Urteile und Kategorien praktischerweise als ideologisch bezeichnet werden können. Es ist tief in uns verwurzelt, uns selbst in einer Bewegung vorwärts in Richtung auf die Zukunft zu sehen; aber obwohl diese Sichtweise vielleicht in einer signifikanten Beziehung zu der Machstruktur unserer Gesellschaft steht, braucht das nicht immer und überall so zu sein. Ich meine vielmehr jene Art zu fühlen, zu bewerten, wahrzunehmen und zu glauben, die zur Sicherung und Erhaltung der sozialen Macht in irgendeiner Beziehung steht. Dass solche Überzeugungen auf keinen Fall bloße private Eigenarten sind, soll durch ein Beispiel aus dem Bereich der Literatur illustriert werden.

In seiner berühmten Studie Practical Criticism (1929) versuchte der Literaturkritiker I. A. Richards aus Cambridge zu demonstrieren, wie launisch und subjektiv literarische Werturteile sein können, indem er den jüngeren Semestern eine Reihe von Gedichten gab, ihnen allerdings Titel und Verfasser vorenthielt, und sie bat, diese zu beurteilen. Die daraus resultierenden Bewertungen waren, wie allseits bekannt, höchst unterschiedlich: traditionell hochgeehrte Dichter bekamen schlechte Noten, unbekannte Autoren wurden gefeiert. Der m. R. bei weitem interessanteste Aspekt dieses Projekts, der offensichtlich für Richards selbst nicht erkennbar war, ist jedoch gerade, was für ein enger Konsens von unbewussten Wertsetzungen diesen speziellen Meinungsunterschieden zugrunde liegt. Wenn man die Darstellungen der literarischen Werke von Richards’ jüngeren Semester liest, ist man von den Wahrnehmungs- und Interpretationsgewohnheiten beeindruckt, die sie alle spontan teilen – was sie für Literatur halten, welche Erwartungen sie an ein Gedicht herantragen und welche Befriedigung sie aus der Beschäftigung damit zu gewinnen hoffen. Nichts davon ist wirklich überraschend: denn alle Teilnehmer an diesem Experiment waren wahrscheinlich junge Engländer der 20er Jahre, Weiße, Angehörige der Ober- oder oberen Mittelschicht, Absolventen von Privatschulen, und wie auf ein Gedicht reagierten, hing von einer Menge mehr Faktoren als nur den rein ‘literarischen’ ab. Ihre kritischen Reaktionen waren tief in ihren allgemeinen Vorurteilen und Überzeugungen verwurzelt. Das ist kein Vorwurf: es gibt keine kritische Reaktion, die nicht derartig verwurzelt ist, und daher gibt es auch so etwas wie eine ‘rein’ literarisch kritische Bewertung oder Interpretation nicht.”

[Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. Stuttgart / Weimar: Metzler, 31994, S. 16-17]

Ideologiekritik (Manipulation, Reflexion über Sprache)

Mit der Forderung H. Ides nach der Erziehung zum «Kritischen Lesen» tritt die Ideologiekritik in den Vordergrund der Textinterpretation. Sie hat die Aufgabe, den anthropologischen, kulturellen, wissenschaftstheoretischen und gesellschaftlichen Hintergrund von repräsentativen Textexemplaren aufzuschließen. Gemäß einer wertneutralen, erkenntnistheoretischen Definition ist Ideologie ein geschlossenes Gedankensystem. Karl Mannheim und Max Weber haben eine positivistisch-wertfreie ideologiekritische Theorie entwickelt. Ideologiekritik versteht sich heute als Kritik der gesellschaftlichen Prämissen. Nach R. Ulshöfer will sie den Empfänger von Texten (jeder Art) gegenüber allen Denksystemen kritisch machen.” [Heupel, Carl, S. 95]

Ideologie (Gegensatz: Ethologie)

Ideologie im allgemeinen Sinn: ist nicht Wissenschaft, die einen persönlichen Wahrheitssinn voraussetzt, sondern gehört zum unpersönlichen Denken. Im hocheuropäischen Denkdialektik ist daher für sie kein Platz. Sie ist eine späte Erscheinung. Märchen, Mythos, Wissenschaft, Ideologie ist die Reihenfolge. Die Ideologie ist daher keine ideelle Fortsetzung der Wissenschaft, setzt aber die Existenz der realen Wissenschaft voraus; insofern ist sie deren (entartete) Krüppelform. Anders als frühere Menschen muss der heutige für seine politische Ordnung Rechenschaft ablegen, tut dies aber recht unvollkommen, eben als Ideologie.“

[Feldkeller, Paul: Wörterbuch der Psychopolitik. Bern / München: Francke Verlag, 1967, S. 55]

Ideologie als semiotische Kategorie

In 2.14.1. sagte ich im Zusammenhang mit der Interpretation des Ausdrucks /er folgt Marx/, er involviere eine Ebene >ideologischer< Konnotation (ist es gut oder schlecht, Marx zu folgen), der die Interpretation determinieren könne, aber nicht von einer vorherigen Codierung abhänge. In diesem Sinne wurde der ideologische Hinter­grund, von dem der Interpret bei der Disambiguierung des Satzes ausging, durch einen komplexen Schlussvorgang erreicht, zu dem eine Reihe von Voraussetzungen über Sender und Gegenstand dieses Satzes gehörte. Das Weltbild des Sprechers lässt sich nicht aufgrund vorhandener Codes, sondern nur durch einen Interpretationsvorgang erschlie­ßen. Ideologie wäre demgemäß ein außersemiotischer Rückstand, der zwar fähig ist, semiotische Ereignisse zu determinieren, indem er bei vielen Abduktionsprozessen als Katalysator wirkt, aber kultureller Codierung unzugänglich bleibt.

Was aber vorausgesetzt werden muss (da es von keinem bereits etablierten Code festgelegt wird), ist nur, dass der Sender einer bestimmten Ideologie anhängt, während die Ideologie selbst, der Gegenstand der Voraussetzung, ein organisiertes Weltbild ist, das einer semiotischen Analyse bedarf. Ein semantisches System oder Subsystem ist ein möglicher Weg, der Welt Form zu geben. Als solches bildet es eine Teilinterpretation der Welt und kann theoretisch jederzeit revidiert werden, wenn neue Botschaften, die den Code semantisch restrukturieren, neue positionale Werte einführen. Eine Botschaft, die feststellt /Marsianer essen Babies/, befrachtet nicht nur das Semem <Marsianer> mit einer Konnotation <Kannibalismus>, sondern zieht eine ganze Kette weiterer Konnotationen nach sich, die sich aus der globalen axiologischen Zuschreibung von «Negativität» ergeben.

Eine Reihe von Botschaften, die erklären, dass Marsianer zwar tatsächlich Babies essen, aber Babies von einer anderen Spezies, gerade so wie auch wir Tier‑>Babies< essen, könnte diese globale axiologische Konnotation ändern. Doch impliziert eine derartige Revision des Codes eine Reihe metasemiotischer Aussagen, die die konnotativen Subcodes in Frage stellen ‑ und das ist die kritische Funktion der Wissenschaft.

Im allgemeinen aber wird jeder Empfänger bei der Auswahl der Subcodes, die er auf die Botschaft anwendet, auf sein eigenes kulturelles Erbe, sein eigenes partielles Weltbild zurückgreifen. Man kann, um dieses partielle Weltbild zu definieren, mit dem marxschen Begriff von Ideologie als einem >falschen Bewusstsein< arbeiten. Natürlich entsteht für den Marxisten dieses falsche Bewusstsein als theoretische Maskierung konkreter sozialer Beziehungen und bestimmter materieller Lebensbedingungen (mit dem Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität).

Ideologie ist deshalb eine Botschaft, die mit einer Faktenbeschreibung beginnt und dann versucht, sie theoretisch zu rechtfertigen; sie wird von der Gesellschaft durch einen Übercodierungsprozess allmählich akzeptiert. Eine Semiotik der Codes braucht nicht festzustellen, wie und aus welchen politischen und wirtschaftlichen Ursachen die Botschaft entstanden ist; sie interessiert sich dafür, in welchem Sinne man diese neue Codierung als >ideologisch< bezeichnen kann.”

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 385-386]

Ideologie

Der Begriff lässt sich nicht knapp und eindeutig definieren; er subsumiert eine Reihe verwandter, aber nicht immer miteinander zu vereinbarender Bedeutungen. Grundsätzlich, darüber ist man sich weitestgehend einig, bezieht sich der Begriff, wie er heute verwendet wird, auf ein System von Ideen: Einigen Definitionen zufolge kann eine Ideologie auch einander widersprechende Elemente vereinen, wenn dies so geschieht, dass den Menschen, die die Ideologie leben, diese Widersprüche verborgen bleiben. Eine Ideologie ist demnach eine Art und Weise, die Welt zu betrachten und zu interpretieren – sie zu 'leben'. Einig ist man sich auch, dass Ideologien kollektiv vertreten werden; ein ganz persönliches Wertsystem wird man in der Regel nicht als Ideologie bezeichnen.

Der Begriff impliziert aber eine ganze Reihe von Fragen, die, je nach Sprachgebrauch, unterschiedlich beantwortet werden: etwa ob eine Ideologie immer eine Form von falschem Bewusstsein bedingt oder eine wahre und objektive Einsicht in die Wirklichkeit vermitteln kann (wohl eine der umstrittensten Fragen); oder ob eine Ideologie die Interessen einer bestimmten sozialen KLASSE vertritt – und, wenn dem so ist, wie dies geschieht. In seinem 1991 erschienenen Buch Ideology: An Introduction schlägt Terry Eagleton sechs grundsätzliche Definitionen des Begriffs vor:

(i)    'der allgemeine materielle Prozess, durch den Ideen, Überzeugungen und Wertvorstellungen im sozialen Leben hervorgebracht werden';

(ii)   'Ideen und Überzeugungen (ob wahr oder falsch), die die Lebensbedingungen und ‑erfahrungen einer bestimmten, sozial bedeutenden Gruppe oder Klasse symbolisieren';

(iii) 'die Förderung und Legitimierung der Interessen solcher sozialer Gruppen gegenüber entgegen gesetzten Interessen';

(iv) eine solche Förderung und Legitimierung, wenn diese von einer 'dominierenden sozialen Macht' vollzogen wird;

(v)   'Ideen und Überzeugungen, die durch Verzerrung und Heuchelei zur Legitimierung der Interessen einer herrschenden Gruppe oder Klasse beitragen';

(vi) ähnliche falsche oder irrige Überzeugungen, die nicht 'durch die Interessen einer herrschenden Klasse bedingt sind, sondern durch die Struktur der Gesellschaft als Ganzes' (1991, 28‑30).

Das Ideologiekonzept spielt vor allem im MARXISMUS eine große Rolle, doch wird der Begriff selbst von Marxisten nicht einheitlich verwendet. Zu der Zeit, als Marx und Engels ihre Schrift Die deutsche Ideologie verfassten, stand der (in einer Reihe sprachlicher Varianten gebrauchte) Begriff Ideologie, wie Raymond Williams betont, für 'abstrakte, praxisferne oder fanatische Theorie' (1976, 126). Die deutsche Ideologie entstand 1845‑1846.

Die deutsche Ideologie zielt zweifellos darauf ab, Ideologie als eine Form falschen Bewusstseins darzustellen. Der Grundtenor des Werkes ist bereits aus folgender Passage aus dem Vorwort herauszuhören:

Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe, die sich für Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu enttarnen, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bürger nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände widerspiegeln. (1969, 13)

Hier sind einige Punkte angesprochen, die in der marxistischen Ideologieauffassung eine wesentliche Rolle spielen:

(i)        eine Ideologie spiegelt die Ideen, Lebensbedingungen oder Interessen einer bestimmten sozialen Klasse wider;

(ii)  die, die einer Ideologie anhängen, sind sich dessen nicht bewusst, sondern sind davon überzeugt, dass ihre Ideen richtig sind, weil sie scheinbar mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und übersehen, dass diese Wirklichkeit eine besondere und keine allgemeine ist und dass die scheinbar wahren Ideen von dieser Wirklichkeit geschaffen wurden;

(iii)      eine Ideologie kann auch von jenen Menschen gelebt werden bzw. Macht über jene Menschen ausüben, deren Interessen sie nicht widerspiegelt oder ausdrückt. [...]

An diesem Punkt drängt sich wohl die Frage auf, was dies alles mit Literatur zu tun hat. Die von Althusser genannten Ideologischen Staatsapparate erinnern in vielem an den marxistischen ÜBERBAU, und viele Marxisten ordnen die Literatur dem Überbau zu. Wenn man nun in diesem Sinne behauptet, Marx habe literarische Werke als Teil 'eines größeren ideologischen Überbaus' betrachtet (Forgacs 1986, 170), unterstellt man Marx damit die Auffassung, die Literatur sei in ihrer Funktion, das Gedankengut der jeweils herrschenden Klasse zu verbreiten, gefangen – eine REDUKTIONISTISCHE Auffassung, die ihre Anhänger gefunden hat (allerdings, das soll hier betont werden, nicht David Forgacs selbst).

Eine optimistischere Anwendung dieser Ideen auf die Literatur wird von Marx und Engels in Die deutsche Ideologie angedeutet. Anstatt ein literarisches Werk isoliert zu bewerten sollte man es im Lichte der 'Widersprüche des materiellen Lebens', wie es vom Autor und seinen Zeitgenossen gelebt wurde, lesen. Dieser Grundgedanke findet sich in praktisch allen Formen marxistischer Literaturbetrachtung, die sich in unserem Jahrhundert entwickelt haben, und kann als die marxistische Version einer genetischen Literaturkritik betrachtet werden.

Für einige Marxisten liegt die Bedeutung der Literatur wiederum vor allem darin, dass sie dem Leser einen ganz besonderen Zugang zu einer Ideologie oder zu Ideologien gewährt. Terry Eagleton schreibt dazu:

Die marxistische Literaturkritik ist Teil einer umfassenderen theoretischen Analyse, die zum Ziel hat, Ideologien zu verstehen – die Ideen, Werte und Gefühle, durch die die Menschen ihre jeweilige Gesellschaft zu verschiedenen Zeiten erfahren. Und viele dieser Ideen, Werte und Gefühle finden wir nur in der Literatur. (1976, 8; in seinem späteren Buch Ideology: Eine Einführung [1993] befasst sich Eagleton eingehender und differenzierter mit dem Verhältnis von Literatur und Ideologie.)

Hier ist anzumerken, dass Eagleton Literatur nicht ausdrücklich und ausschließlich in den ideologischen Bereich relegiert, wie man, nachdem er die marxistische Literaturkritik scheinbar nur auf das Verstehen von Ideologien beschränkt, vermuten könnte. Eagleton stellt in diesem Zusammenhang zwar nicht fest, dass Ideologien notwendigerweise falsch sind, sagt aber, dass die Bedeutung von Literatur darin liege, dass sie uns die Ideen, Werte und Gefühle offenbart, die Autoren in Bezug auf ihre jeweilige Gesellschaft hatten, und nicht, dass Literatur deshalb wichtig sei, weil sie uns Wahrheiten offenbart – oder offenbaren kann.

Der Terminus Ideologie wird in jüngerer Zeit in viel allgemeinerer Bedeutung verwendet und keineswegs nur von Marxisten oder im Zusammenhang mit dem Marxismus. Unter Ideologie versteht man in diesem allgemeineren Sinne nur ein System von Ideen, das richtig oder falsch sein kann. Gunther Kress und Robert Hodge definieren Ideologie zum Beispiel als ein von einer bestimmten Perspektive aus organisiertes System von Ideen. Ideologie ist daher ein Überbegriff, der die verschiedensten politischen Ideologien ebenso subsumiert wie die Wissenschaft und die Metaphysik und nichts über deren jeweiligen Status und deren Zuverlässigkeit als Anhaltspunkte für die Realität aussagt. (1979, 6)

Zumeist ist der Ausdruck Ideologie jedoch nicht neutral, sondern pejorativ konnotiert und impliziert eine Parteinahme für bestimmte, nicht uneigennützig vertretene Überzeugungen.

Durch die verstärkte Auseinandersetzung mit dem Ideologiebegriff in der Literaturwissenschaft wurde deutlich, dass Literaturtheoretiker und ‑kritiker unter Umständen – unter dem Druck von, unpolemisch gesagt, vorherrschenden Einstellungen – bestimmte Fragen gar nicht erst stellen. So berichtet Cynthia Ozick von einem Brief Lionel Trillings an sie, in dem Trilling feststellte, dass er erst viele Jahre, nachdem sein Buch über E.M. Forster erschienen war, dessen Homosexualität erkannt hatte. 'Als er das Buch schrieb, wurde in der Gesellschaft, in der er lebte, nicht darüber gesprochen' (Plimpton 1989, 295). Heute scheint es fast unmöglich, über Forster zu schreiben und die Möglichkeit seiner Homosexualität nicht in Betracht zu ziehen, doch hat die dominante Ideologie (bzw. haben die dominanten Ideologien) der Gesellschaft, in der Kritiker und Autor leben, unbedingt auch eine AGENDA SETTING‑Funktion, und was nicht auf der Tagesordnung steht, fällt möglicherweise unter den Tisch.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]

Ideologie und Sprache

So wie aufgrund einer «archaischen Identifizierungslogik» bestimmte Außermerkmale oder Sekundärtugenden für den Ideologen von besonderer Wichtigkeit sind, so hat auch die Sprache für ihn eine spezifische, eigenartig verschrobene Bedeutung. Dabei sind die Wörter wegen des typischen pathologischen Verdinglichungsprozesses, in dem sich die Verstiegenheit und der Verlust an Unmittelbarkeit beim Ideologen ausdrückt, mehr als bloße Objekt-Repräsentanzen. Für Außenstehende haben sie oftmals den Charakter von Leerformeln, für den Ideologen selber hingegen werden sie zu Objekten der Wirklichkeit selber (Wortfetischismus). [...] Anders formuliert: der Ideologe geht mit der Sprache um, als würde sie nicht auf die Wirklichkeit hinweisen, sondern als wäre sie die Wirklichkeit selber (Begriffsessentialismus, Begriffsfetischismus).

Durch diese scheinbare statuarische Gewichtigkeit, die so die Sprache erhält, wird unbewusst davon abgelenkt, dass sie die falschen Argumente liefern muss, häufig auf dem Weg eines «jumping für arguments», eines rabulistischen Herbeizerrens von verdeckenden Sachverhalten.

In der Sekundärtugenden, in den Außenmerkmalen und in der Sprache drückt sich für den Ideologen das wirkliche Credo eines Menschen aus. An ihnen erkennt er seinen eigentlichen Stallgeruch oder auch sein Hexenzeichen. Die Echtheit dieser Merkmale muss dabei dauernd überwacht werden. Da ihm aber nicht nur der Weg zum Inneren der anderen, sondern auch zum eigenen Inneren verschlossen bleibt, neigt er ständig zur Darbietung seines eigenen Credos, was seinem Benehmen häufig etwas Floskel- beziehungsweise Hülsenhaftes gibt.

Wir zeigten bereits, dass auch für den Narzissten Außenmerkmale von größter Bedeutung sind, sei es bei sich oder bei den anderen. Sie dienen allerdings nicht so sehr der Orientierung als der Bekundung von Macht. Und wie der Ideologe steht auch der Narzisst sich selber und seiner Mitwelt in einer angespannt überprüfenden Haltung gegenüber. Überprüft wird hier allerdings nicht die Echtheit, sondern die Tragfähigkeit der Wirklichkeit für den eigenen Bedarf.”

[Huth, Werner: Glaube, Ideologie und Wahn. Das Ich zwischen Realität und Illusion. München: Nympenburger V., 1984, S. 260]

„Eine andere Bezeichnung für den Kurzschluss zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, durch den ein partikularer Inhalt die Oberhand über das Allgemeine gewinnt, ist natürlich die Vernähung [la suture]: Das Verfahren der Hegemonie »vernäht« das leere Allgemeine mit einem partikularen Inhalt. Aus diesem Grund muss F. W. J. Schelling als der Urheber des modernen Begriffs der Ideologiekritik betrachtet werden: Er war der Erste, der den Begriff der »falschen« Einheit und/oder Allgemeinheit ausarbeitete. Für ihn liegt das »Böse« nicht in der Spaltung (zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen), sondern vielmehr in deren »falscher«/verdrehter Einheit, das heißt in einer Allgemeinheit, die in Wirklichkeit aber einen beschränkten, einzelnen Inhalt privilegiert und in diesem selbst unablöslich »verankert« ist. Schelling hat folglich als Erster den grundlegenden Prozess der Ideologiekritik ausgearbeitet: Die Geste, noch unterhalb des Erscheinens neutraler Allgemeinheit (etwa »der Menschenrechte«) den privilegierten Inhalt (etwa »weiße Männe der gehobenen Mittelklasse«) zu erkennen, der sich dieser Allgemeinheit »bemächtigt«. Vgl. dazu das erste Kapitel in Slavoj Zizek, Der nie aufgehende Rest, Wien 1996.“

[Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001, S. 238 Anm. 6]

„Eine weitere Möglichkeit, diese Logik des »Setzens der Voraussetzungen« zu exemplifizieren, bildet die spontane ideologische Narrativierung unserer Erfahrung und unseres Handelns: Was wir auch tun, wir situieren es immer in einem größeren symbolischen Kontext, dem die Aufgabe zukommt, unserem Handeln Bedeutung zu verleihen. Ein im heutigen Ex-Jugoslawien gegen muslimische Albaner und Bosnier kämpfender Serbe begreift seinen Kampf als die letzte Tat in einem Jahrhunderte währenden Verteidigungskrieg des christlichen Europas gegen die türkische Invasion; die Bolschewiken begriffen die Oktoberrevolution als Fortsetzung und erfolgreiche Vollendung aller vorangegangenen radikalen Volkserhebungen, von Spartacus im antiken Rom bis zu den Jakobinern in der Französischen Revolution (diese Narrativierung wird selbst von einigen Kritikern der Bolschewisten stillschweigend übernommen, die z. B. vom »stalinistischen Thermidor« sprechen); die Roten Khmer in Kambodscha oder der Leuchtende Pfad in Peru begreifen ihre Bewegung als eine Rückkehr zu alten Herrlichkeit eines vergangenen Reiches (dem Reich der Inka in Peru, dem alten Khmer-Königreich in Kambodscha) usw.; aus Hegelscher Perspektive werden solche Geschichten immer zu retrospektiven Rekonstruktionen, für die wir in gewisser Weise verantwortlich sind; sie sind niemals einfach gegebene Fakten: Wir können uns niemals auf sie als vorgefundene Bedingung, Kontext oder Voraussetzung unseres Handelns beziehen – gerade als Voraussetzungen sind diese Geschichten immer-schon durch uns »gesetzt«. Tradition ist nur insofern Tradition als wir sie als solche konstituieren.“

[Zizek, Slavoj: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II. Wien: Turia & Kant, 1994, S. 105]

„Die wahre politisch-ideologische Katastrophe des 11. September ist eigentlich die Europas. Denn die Folge des 11. September ist eine noch nie dagewesene Stärkung der amerikanischen Hegemonie in jeder Hinsicht. Europa beugte sich einer Art ideologisch-politischer Erpressung der USA: "Es geht jetzt nicht mehr um unterschiedliche wirtschaftliche oder politische Entscheidungen, sondern um unser nacktes Überleben - im Krieg gegen den Terror seid ihr mit uns oder gegen uns ..." Und hier, wo der Verweis auf das schiere Überleben als letzte Legitimierung aufs Tapet kommt, haben wir es mit politischer Ideologie in Reinform zu tun. In einem alten DDR-Witz wird einem Mann Arbeit in Sibirien zugewiesen. Da er weiß, dass alle Post zensiert werden wird, sagt er seinen Freunden: "Lasst uns einen Code verabreden: Wenn ich euch einen Brief mit gewöhnlicher blauer Tinte schreibe, ist sein Inhalt wahr. Ist er mit roter Tinte geschrieben, ist er falsch." Nach einem Monat erhalten seine Freunde den ersten mit blauer Tinte geschriebenen Brief: "Hier ist alles ganz wunderbar. Die Geschäfte sind voller Waren, Lebensmittel gibt es reichlich, die Wohnungen sind groß und ordentlich geheizt, die Kinos zeigen Filme aus dem Westen, und es gibt viele hübsche Mädchen, die auf eine Affäre aus sind - das Einzige, was man nicht bekommen kann, ist rote Tinte ..."

Ist das nicht genau das Grundmuster, nach dem Ideologie funktioniert? Nicht nur unter "totalitärer" Zensur, sondern vielleicht auch unter den verfeinerten Verhältnissen liberaler Zensur? Wir "fühlen uns frei", weil uns die Sprache fehlt, unsere Unfreiheit auszudrücken. Die fehlende rote Tinte bedeutet heute, dass alle wesentlichen Begriffe, die wir gebrauchen, um den gegenwärtigen Konflikt zu charakterisieren - "Krieg gegen den Terror", "Menschenrechte" und so weiter -, falsche Begriffe sind, die unsere Wahrnehmung der Situation mystifizieren, anstatt den Gedanken zuzulassen: Unsere "Freiheiten" selbst verdecken unsere tiefere Unfreiheit und erhalten sie.

Das Gleiche gilt für die uns angetragene Wahl zwischen "Demokratie oder Fundamentalismus". Ist es bei dieser Vorgabe nicht schlicht unmöglich, "Fundamentalismus" zu wählen? Problematisch daran, wie uns die herrschende Ideologie diese Wahl aufzwingt, ist allerdings nicht der Begriff des "Fundamentalismus", sondern vielmehr die spezielle Bedeutung, die dem Begriff "Demokratie" gegeben wird: Die herrschende Ideologie tut so, als ob die einzige Alternative zum "Fundamentalismus" das System der parlamentarischen liberalen Demokratie in Verbindung mit dem globalen Kapitalismus sei. Die grundlegende Botschaft der Massenmedien lautet: Die harmlosen Zeiten sind vorbei, man muss Partei ergreifen - seid ihr nun dagegen oder dafür (nämlich den Terrorismus)? Da natürlich niemand offen dafür ist, wird selbst der Zweifel oder auch nur eine fragende Haltung als verdeckte Unterstützung des Terrorismus gebrandmarkt. Gerade das aber ist die Versuchung, der widerstanden werden muss: in solchen Momenten der augenscheinlichen Klarheit der Wahl ist die Mystifikation vollkommen. Die uns vorgelegte Wahl ist nicht die wahre Wahl. Darum sollte man heute mehr denn je mit aller Kraft versuchen, Abstand zu gewinnen und den Hintergrund der Situation zu bedenken.

[Slavoj Zizek: „Nur das vereinigte Europa kann gegen die Weltmächte USA und China bestehen“. In: Die Zeit, 21/2002]

“Cada uno de nosotros está sometido a una cierta condición económica y a una cierta condición filosófica – las ideas de su tiempo y sociedad. El error marxista es suponer que ésta puede deducirse de aquélla, es decir, que las ideas no son un poder autónomo en nuestra vida, sino meras proyecciones fantasmogóricas de nuestra condición económica. Dime lo que comes y te diré qué piensas. Esas ideas, que son meras sombras chinescas arrojadas por nuestra despensa, son «ideologías». (Uno de los grandes síntomas de la estupidez invasora que ha inundado nuestra época ha sido oír estos últimos años a los políticos ingleses conservadores emplear en serio la palabra «ideología»). La verdad es que ni las ideas se dejan reducir a la situación económica, ni ésta a aquéllas. Ambas son dos condiciones de nuestra vida que se influyen recíprocamente. A estas condiciones hay que añadir otras, y ese enérgico reciprocarse da por resultado nuestra vida con su singular perfil.

Pero aquí es donde entro yo. En mi librete Ideas y creencias, hago observar que al preguntarse el historiador por las ideas de un hombre o una época hace una pregunta equívoca. Bajo el título general «ideas» se esconden dos cosas muy distintas. Hay las ideas que el hombre tiene, que piensa, que inventa, que se le ocurren: las ideas-ocurrencias. Y hay otras ideas que, lejos de ocurrírsele a este hombre, a esta época, se las encuentra ahí; por tanto, fuera mejor decir que se encuentra en ellas, que no las ve como ideas suyas, sino al contrario, como siendo la realidad misma. Son ideas que no se le ocurren a uno, sino, al revés, ideas en que se cree: las ideas-creencias. Se refieren a los órdenes más diferentes del Universo – no se entienda por creencias sólo las religiosas. Lo esencial en ellas es que tienen para nosotros el carácter de realidades y no de meros pensamientos nuestros, por «científicos» que éstos sean. Tanto es así, que muchas de nuestras creencias actúan eficazmente en nuestra vida sin que nos apercibamos de ellas – tan fundamentales, tan elementales son para nosotros. Se vive siempre desde ciertas creencias, y por lo mismo no las vemos, como no vemos el espacio de tierra sobre que tenemos puestos los pies y que nos sostiene.

Es evidente que estas dos clases de ideas – las ocurrencias y las creencias – representan dos estratos de muy distinto rango en la arquitectura de nuestra vida. Las creencias son los cimientos que portan y sustentan todo lo demás. Cuanto hacemos y pensamos se mueve ya en el horizonte delimitado por el sistema de las creencias. Y el historiador lo primero que necesita averiguar, de un hombre o de una época, es este sistema de creencias. La historia se convierte así en conocimiento de profundidades. Porque las creencias, al no ser simplemente las ideas «que tenemos» – es decir, que enunciamos, parlamos, escribimos – no están, sin más en la superficie visible y audible de una época, de una vida. Para descubrirlas hay que descender sobre el haz del paisaje histórico, dejando atrás todas las psicologías y caracteriologías y morfologías hasta ahora usadas, cuya utilidad no es desdeñable, ni mucho menos, pero que en comparación con el afloramiento de las creencias latentes son de orden subalterno.

Esta concepción obliga a crear nuevos métodos y nueva técnica en historia. Hay que convertirse en minero de humanidades. Este estudio de las creencias como tales nos revela los diversos estados por que pasan. Un mismo contenido de fe puede actuar en épocas sucesivas de modos diferentes. Sin meternos en finuras, topamos, desde luego, con estos tres estados de una misma creencia: cuando es fe viva, cuando es fe inerte o «muerta» y cuando es duda. Porque el estado de duda pertenece al mismo estrato de las creencias, es un modo deficiente de creer. Dudar no es simplemente creer que no frente a creer que sí, ni tampoco vacío de creencia. Por el contrario, es un creer doble. Estamos en la duda porque dos creencias incompatibles batallan dentro de nosotros, y entre ambas oscilamos, fluctuamos. Por eso dije hace poco en la Facultad de Filosofía que la duda es la hermana bizca que tiene la ciencia.

Otra de las cosas que la teoría de las creencias nos enseña es que no puede darse una creencia, en la plenitud del término, si no es colectiva. Como individuo, puedo llegar a estar plenamente convencido, esto es, persuadido de algo, y esa convicción ser tan vigorosa y compacta que se aproxime mucho a la índole de las creencias. Pero siempre habrá entre aquélla y éstas diferencia y distancia. Los nombres mismos las declaran. Convicción, persuasión, dan a entender que son estados a los cuales hemos llegado por nuestra cuenta en virtud de razones y, cuando no, de motivos. Pero una creencia auténtica, en la cual de verdad estamos, no se funda en razones ni en motivos. En el momento en que esto aconteciese, no sería pura creencia. Tenían razón los teólogos cuando hablaban de que la fe es ciega. Sólo que ellos tenían de la fe una idea menos franca y resuelta que yo. [...]

Cuando creemos de verdad en algo, no se nos ocurre buscar razones para esa fe. Ello significaría hacérnoslo cuestión, y la creencia es incuestionable. Mas parece sumamente difícil que nos sea incuestionable lo que en nuestro derredor vemos cuestionado. En esto me fundo para pensar que una creencia plenaria sólo es posible cuando nuestro contorno social participa de ella y tiene en su ámbito plena vigencia. Al comenzar a vivir nos es inyectada por la sociedad a que pertenecemos, y cuando empezamos a ser personas la tenemos ya dentro; en rigor, la somos. Esto explica que no necesite razones y que no sepamos por qué vías mentales – pruebas, motivaciones, experiencias – hemos llegado a ella. En una creencia no se entra, sino que mágicamente se encuentra uno en ella desde siempre. La fe, al menos el prototipo de una fe, es siempre «la fe de nuestros padres», es decir, algo que estaba ya ahí antes de que nosotros llegásemos. De las meras ideas se entra y se sale, tienen puertas y ventanas. Pero la creencia es algo, en efecto, mágico: se está en ella, y entonces es para nosotros la realidad misma. Un buen día nos despertamos, y no menos mágicamente se ha volatilizado, sin dejar rastro. Una idea superada, en cambio, deja indeleble huella en la nueva idea con que la sustituimos.

Pues bien: en los tiempos de Vives – el Renacimiento – el sistema de creencias medievales ha entrado en un proceso que llevará a su volatilización como tal fe plenaria y colectiva. Ha sido uno de los sistemas de creencias más firmes que haya habido nunca en lo visible del pasado, sólo comparable en su firmeza con los de los pueblos primitivos, que, por otra parte, son incomparablemente más simples.

Cuando se ha aprendido a ver lo que para la vida humana representa una fe sólida y a la vez rica de contenido, no hay hecho que supere en dramatismo a su volatilización.”

[Ortega y Gasset, José: “Artículos 1940-1941”. En: Obras completas, t. V, p. 499-502]

El ideólogo, se dice, no es bueno para la lucha política. Es cierto. ¿Cómo va a luchar con otros el que vive en lucha consigo mismo? Los hombres que pelean con los demás son los fanáticos, es decir, lo que están en paz consigo mismos. ¿Cómo va a tener humor de disputar con los demás el que a toda hora lo hace consigo? Quien sabe que la íntima disputa es el ser auténtico del hombre no puede sentir un gran empeño en convencer a nadie de nada. Solo el fanático, el que no es para sí hombre, el petrefacto humano, es persuasivo, luchador, proselita. Es decir, los que no han pensado nada por sí son los que se afanan en convencer a los demás de muchas cosas.”

[Ortega y Gasset, José: “Revés de almanaque”. En: Obras completas, t. II, p. 737]

ver también:

§         Ortega y Gasset, J.: „Ideas y creencias“ (1940). En: Obras completas, t. V, p. 379-411.

§         Wittgenstein, Ludwig: „Über Gewissheit“. In: ders. Werkausgabe, Bd. 8. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 113-257.