HUMBOLDT, Wilhelm von

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Energeia / Ergon / Inhaltsbezogene Grammatik / Innere Sprachform / Sapir-Whorf-Hypothese / Sprache und Denken / Sprache und Realität / Kognitive Linguistik / Eingeborene Ideen / Mentalismus / Nativismus

 

Humboldt, Wilhelm von (1767-1835)

Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, Wilhelm v. Humboldt;  (EA Berlin 1936). - Sprache wird von Humboldt als „äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker“ verstanden. Beide, Sprache und Geist, kann man „nie identisch genug denken“. Die Sprache selbst ist kein „Werk“ („Ergon“), sondern eine „Thätigkeit“ („Energeia“). Sie ist die „Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen“. Demzufolge ist Sprache kein bloßes Kleid bzw. keine Verkleidung des Gedankens (Berkeley), vielmehr ist sie das „bildende Organ des Gedanken“. „Sie ist nicht ein bloßes Mittel, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken“, wie Humboldt bereits in seiner Schrift Ueber das vergleichende Sprachstudium (1820) ausführt. Im Gespräch schließlich „schlagen“ die Menschen „diese Taste ihres geistigen Instruments“ an, worauf in jedem entsprechende, nicht aber dieselben Begriffe entspringen. Wie Sprache und Denken bzw. Bewusstsein, so gehören Sprache und Welt innerlich zusammen. In jeder Sprache liegt eine „eigentümliche Weltansicht“. Der Mensch lebt mit den Dingen so, wie das Netz der Sprache sie ihm zuführt. Doch durch denselben Akt, durch den er die Sprache gleichsam aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, so dass jede Sprache demjenigen, der sie spricht, auch gewisse Grenzen setzt.

Humboldts Sprachphilosophie baut auf seiner Kunstphilosophie auf, die in seiner Theorie der Geschlechtlichkeit fundiert ist. Die Bestimmungen, die er - insbesondere angeregt durch Kants Kritik der Urteilskraft - in seiner Schrift Über Göthes Hermann und Dorothea (1799) zunächst als Bestimmungen der Kunst ansieht, überträgt er später auf die Sprache. Diese selbst ist im Sinne Schellings ein „natürliches Kunstwerk“. Die künstlerische Schönheit der Sprache wird deshalb nicht als zufälliger Schmuck verstanden, vielmehr erreicht die innere Arbeit des Geistes in ihr erst ihre „kühnste Höhe“.

Die Diskussion über  die sprachwissenschaftliche Relevanz von Humboldts Sprachphilosophie insbesondere aber über deren sprachphilosophische Bedeutung, die in der Philosophie in Wirklichkeit erst nach dem so genannten „linguistic turn“, vor allem im Anschluss an die „ordinary language philosophy“ begann, ist noch nicht abgeschlossen. Beeinflusst hat sie u. a. Karl Vossler, L. Weisgerber und N. Chomsky.“  

[Renner, R. G. / Habekost, E.: Lexikon literaturwissenschaftlicher Werke. Stuttgart: Kröner, 1995, S. 416-417]

„Eine These vom Anteil der Sprache an der Erfahrung hat mit sprachwissenschaftlich fundierten Argumenten zuerst Wilhelm von Humboldt vertreten, dessen Gedanken, insbesondere in der deutschen Sprachwissenschaft, bis heute fortwirken.

Für Humboldt ist die Sprache nicht nur ein Mittel zum Ausdruck oder zur Mitteilung von Denkinhalten, sondern Denken und Sprechen bilden eine untrennbare Einheit: «Die zunächst liegende, aber beschränkteste Ansicht der Sprache ist die, sie als ein bloßes Verständigungsmittel zu betrachten ... Die Sprache ist aber durchaus kein bloßes Verständigungsmittel, sondern der Abdruck des Geistes und der Weltansicht des Redenden, aber bei weitem nicht der einzige Zweck, auf den sie hinarbeitet ...» (Humboldt, W.v.: Gesammelte Schriften. Berlin, 1903, Bd. VI, S. 22). Er spricht von der «Untrennbarkeit der menschlichen Bewusstsein und der menschlichen Sprache» und sagt: «Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken. Die intellectuelle Thätigkeit, durchaus geistig, durchaus innerlich und gewissermassen spurlos vorübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlich und wahrnehmbar für die Sinne. Sie und die Sprache sind daher Eins und unzertrennlich von einander. Sie ist aber auch in sich an die Nothwendigkeit geknüpft, eine Verbindung mit dem Sprachlaute einzugehen: das Denken kann sonst nicht zur Deutlichkeit gelangen, die Vorstellung nicht zum Begriff werden» (a.a.O., S. 16). «Der Begriff vermag sich ... ebenso wenig von dem Worte abzulösen, als der Mensch seine Gesichtszüge ablegen kann. Das Wort ist seine individuelle Gestaltung und er kann, wenn er diese verlassen will, sich selbst nur in andren Worten wieder finden» (a.a.O., Bd. VII, S. 53).

Der Begriff wird erst mit dem Wort gebildet, Begriff und Lautgestalt werden im Wort nicht zusammengesetzt: «Von dem ersten Elemente an ist die Erzeugung der Sprache ein synthetisches Verfahren des Worts, wo die Synthesis etwas schafft, das in keinem der verbundenen Theile für sich liegt» (a.a.O., S. 100).

Daher erfassen wir erst mithilfe der Sprache die Welt, ihre Gegenstände, Unterschiede, Eigenschaften und Beziehungen, und wir erfassen sie mit einer bestimmten Sprache in einer bestimmten Weise: Jede Sprache enthält eine Weltansicht, eine eigentümliche Ontologie.”

[Kutschera, F. v.: Sprachphilosophie. München: Wilhelm Fink, ²1975, S. 289-290]

„Für Humboldt gilt so, dass die Sprachen: «... jede mit der ihr einwohnenden Kraft, das allen gemeinschaftlich vorliegende Gebiet in das Eigentum des Geistes umschaffen». Diese Weltansicht einer Sprache wird geprägt von dem Lebenswillen, oder, wie man auch sagt, dem Kulturwollen der Nation, die diese Sprache spricht; umgekehrt entfaltet sich aber auch in der Sprachkraft die Eigenart und der Charakter einer Kultur, denn Sprache und Kultur, Sprache und Leben sind aufs engste verbunden. [...] «Aus jeder Sprache lässt sich daher auf den Nationalcharakter zurückschließen». Für Humboldt ist eine Sprache so eine «geistige Individualität» und diese Individualität ist die der Nation: «Im Grunde ist die Sprache ... die Nation selbst, und recht eigentlich die Nation». [...] Ist die Kultur Schöpfer der Sprache, so ist diese dem Einzelnen gegenüber eine Macht, die sein Denken und seine Erfahrung in der Form ihrer Weltansicht bestimmt und so Anteil an der Formung seiner Erfahrung hat.”

[Kutschera, F. v.: Sprachphilosophie. München: Wilhelm Fink, ²1975, S. 292-293]

„Für Humboldt ist die Sprache ferner ein Organismus, d.h. eine Struktur, deren einzelne Teile immer in ihrer Funktion im Ganzen gesehen werden müssen, und sie hat eine innere Dynamik, die sich durch Beschreibungen momentaner Sprachzustände nicht adäquat fassen lässt. Darin liegt eine zusätzliche Schwierigkeit für die Erfassung der Eigenart der Sprachen und für ihren Vergleich.“

[Kutschera, F. v.: Sprachphilosophie. München: Wilhelm Fink, ²1975, S. 297]

„Ebenso wenig wir Humboldt sind Sapir und Whorf der Ansicht, dass das Weltbild einer Kultur allein durch ihre Sprache bestimmt wird. Sie betonen vielmehr, dass zwar der Einzelne durch die Sprache, die er lernt und annimmt, in seinem Denken und in seinem Weltbild geprägt wird – obwohl auch er einen gewissen Anteil an der Gestaltung der Sprache hat – dass aber die vielen Einzelnen als Kulturgemeinschaft durch die jeweils eigene Weise ihrer Auseinandersetzung mit der Welt, in der sie leben, die Sprache schaffen. [...] Whorf sieht die Beziehung zwischen Sprache und Kultur und Sprache und Weltbild nicht als so eng an wie Humboldt. Insbesondere glaubt er nicht, dass man aus der Sprache eine vollständige Auskunft über eine Kultur und deren Weltbild erhalten würde, oder dass sich umgekehrt aus dem Weltbild die Grundstrukturen der Sprache bereits ergeben würden.“

[Kutschera, F. v.: Sprachphilosophie. München: Wilhelm Fink, ²1975, S. 302]

Chomsky señala que una comprensión adecuada de cómo funciona el lenguaje puede obtenerse sólo ateniéndose a la idea humboldtiana de «hacer uso infinito de medios finitos» (Aspects, pág. 8). Notemos que Ortega y Gasset describió a Wilhelm von Humboldt como «el hombre que acaso ha tenido mayor sensibilidad para la realidad ‘lenguaje’» («Comentario al ‘Banquete’ de Platón», Obras Completas, IX, 756).