HERMENEUTISCHER ZIRKEL

Círculo hermenéutico

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Hermeneutik

 

„Der "hermeneutischer Zirkel" kennzeichnet ein zentrales Problem der geisteswissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorien (Hermeneutik). Martin Heidegger hat in "Sein und Zeit" die fundamentale Zirkelstruktur des Verstehens aufgezeigt. Die Prägung, des Begriffs ist dagegen so alt wie die Reflexion über den Verstehensprozess überhaupt. Schon Schleiermacher spricht ausdrücklich von einem Kreis oder einem Zirkel des Verstehens. Mit Zirkel bezeichnet er die Form von hin und her verlaufenden Kreisbewegungen des Verstehens zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, die sich ständig erweitern und das Allgemeine und die Teile in immer neuen Zusammenhängen erscheinen lassen. Er ordnet den beiden Polen des Vollzugs ein divinatorisches und ein komparatives Verstehen zu. Der divinatorische Akt leistet ein mehr intuitives Verständnis, das sich einfühlend in den zu Verstehenden zu versetzen und sich mit ihm gleichzeitig zu machen sucht; der komparative Akt leistet die eigentliche Ausarbeitung des Verstehens, indem er die Einzelerkenntnisse der Erratung durch Vergleichung zu einer Gesamtauslegung zusammenfügt. Insofern beide Verstehensakte sich wechselseitig bedingende Phasenmomente ein und desselben Verstehensprozesses sind, spricht Schleiermacher von der Zirkelstruktur des Verstehens. Die Divination und die Komparation vollziehen sich gemäß der Methode des hermeneutischen Zirkels.

Auch nach Dilthey vollzieht sich Verstehen als nacherlebendes Einfühlen in die Äußerungen des produktiven Lebens als deren Objektivationen auf dem Wege des hermeneutischen Zirkels. Das zu verstehende einzelne Lebensmoment hat nur Bedeutung durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen der Lebenseinheit, wie diese nur aus seinen einzelnen Äußerungen verständlich wird. Wurde seit Schleiermacher die Zirkelstruktur zwischen dem Einzelnen und Ganzen lediglich "als Verhältnis zwischen dem ‚objektiven’ Sinngehalt und seinen Sinnbezügen in einem ebenso ,objektiven’ Zusammenhang beachtet" (1, 95), so radikalisiert sich die Problematik durch Heidegger, der den Verstehenden selbst in den Zirkel einbezieht.

Nach Heidegger gehört Verstehen zur existentialen Verfassung des menschlichen Daseins, das immer ein verstehendes In‑der‑Welt‑Sein ist. "Das Dasein entwirft als Verstehen sein Sein auf Möglichkeiten" (4, 148). Entwerfend bildet sich Verstehen aus. Die Ausbildung des Verstehens nennt Heidegger Auslegung. Auslegung setzt somit ein ursprüngliches Verstehen voraus. "In ihr eignet sich das Verstehen sein Verständnis verstehend zu." Auslegung bringt nicht etwas zum Verstehen, sondern bedeutet Ausarbeitung des im Verstehen immer schon Verstandenen; "die schon verstandene Welt wird ausgelegt". Aus dem Ganzen der Verständniswelt als "Bewandtnisganzheit" resultieren "Vorhabe", "Vorsicht" und "Vorgriff­" (4, 150). In ihnen ist die bestimmte Art und Weise des "Hinblicks" fundiert, innerhalb dessen sich etwas als etwas erschließt. Der Zirkel des Verstehens besteht darin, dass "alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll, schon das Auszulegende verstanden haben [muss]" (4, 152). Heidegger weist darauf hin, dass dieser Zirkel kein den elementarsten Regeln der Logik entsprechender Circulus vitiosus sei. "Dieser Zirkel des Verstehens ist nicht ein Kreis, in dem sich eine beliebige Erkenntnisart bewegt, sondern es ist der Ausdruck der existentialen Vor‑Struktur des Daseins selbst. Der Zirkel darf nicht zu einem vitiosum und sei es auch zu einem geduldeten herabgezogen werden. In ihm verbirgt sich eine positive Möglichkeit ursprünglichsten Erkennens, die freilich in echter Weise nur dann ergriffen ist, wenn die Auslegung verstanden hat, dass ihre erste, ständige und letzte Aufgabe bleibt, sich jeweils Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff nicht durch Einfälle und Volksbegriffe vorgeben zu lassen, sondern in deren Ausarbeitung aus den Sachen selbst her das wissenschaftliche Thema zu sichern" (4, 153).

Heideggers Aufdeckung der Vorstruktur des Verstehens hat Gadamer für das historische und geisteswissenschaftliche Verstehen fruchtbar gemacht und im einzelnen näher ausgearbeitet. Gemäß seinem wirkungsgeschichtlichen Hermeneutikkonzept bindet Gadamer den hermeneutischen Zirkel an das positive und produktive Vorurteil. Die Sinnverständigung (Sinn) mit den Lebenden und das Sinnverstehen der Vergangenheit sind in eine Wirkungsgeschichte integriert, die sowohl den Lebens‑ und Erkenntnishorizont des Verstehenden als auch den Objekt‑Horizont umgreift. Sie haben daher im wirkungsgeschichtlich geprägten Urteilen und Meinen ihren Ausgangspunkt und implizieren immer schon Vorurteile und Vormeinungen. Daher setzt jede Auslegung "weder sachliche ,Neutralität' noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein" (3, 253). Verstehende Auslegung vollzieht sich nur durch sachliche Überprüfung der Vorurteile als Vorentwürfe und deren Modifikation, Vertiefung und Revision. Damit gewinnt der Mensch nur im Lichte eines Vorverständnisses (Vormeinungen und Vorurteile) neue Erfahrungen und Einsichten, die einen Wandel des individuellen Horizontes bewirken. Der hermeneutische Zirkel leistet die Vermittlung der Spannung zwischen dem Verstehenden und der zu verstehenden Sache.

Im Gegensatz zu Schleiermacher und Dilthey betont Gadamer, dass der Zirkel des Verstehens kein "methodischer Zirkel" ist, sondern ein "ontologisches Strukturmoment des Verstehens" beschreibt. "Der Zirkel ist also nicht formaler Natur, er ist weder subjektiv noch objektiv, sondern beschreibt das Verstehen als das Ineinanderspiel der Bewegung der Überlieferung und der Bewegung des Interpreten. Die Antizipation von Sinn, die unser Verständnis eines Textes leitet, ist nicht eine Handlung der Subjektivität, sondern bestimmt sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Überlieferung verbindet. Diese Gemeinsamkeit aber ist in unserem Verhältnis zur Überlieferung in beständiger Bildung begriffen. Sie ist nicht einfach eine Voraussetzung, unter der mir schon immer stehen, sondern wir erstellen sie selbst, sofern wir verstehen, am Überlieferungsgeschehen teilhaben und es dadurch selber weiterbestimmen" (3, 277).

Was die Struktur des hermeneutischen Zirkels betrifft, so handelt es sich gemäß dem Selbstverständnis der Hermeneutik nicht um einen Circulus vitiosus, weil das Verstehen sich logisch nicht vom Vorverständnis herleitet; denn entgegen dem Beweisverfahren, bei dem die Prämissen, aus denen sich die Folgerung herleitet, unverändert vorausgesetzt bleiben, wird im hermeneutischen Zirkel das Vorverständnis stets durch neue Ein­sichten vertieft, modifiziert und revidiert.

Wolfgang Steigmüller bezeichnet die Theorie des hermeneutischen Zirkels als eine Mythologie. Die Bezeichnung „der Zirkel des Verstehens“ hält er in dreifacher Hinsicht für falsch; erstens sei der bestimmte Artikel unangebracht, weil es sich „nicht um ein bestimmtes, scharf umrissenes Phänomen“ handele, zweitens sei der Ausdruck "Verstehen" fehl am Platz, "weil der Zirkel des nichts für irgendeine Form des Verstehens Spe­zifisches" sei, drittens sei die Verwendung des Wortes "Zirkel" falsch, "weil der ‚Zirkel des Verstehens’ nichts mit einem Zirkel zu schaf­fen  habe (7, 2:2). An sechs verschiedenen Bedeutungen der Wendung "hermeneutischer Zirkel" weist er nach, dass es sich in jeder dieser Bedeutungen um eine bestimmte Form eines Dilemmas handelt, von der die Naturwissenschaften ebenso wie die historischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen betroffen sind. Es handelt sich sich dabei um „das eigensprachliche Interpretationsdilemma“, „das Problem des theoretischen Zirkels“, „das Dilemma der Standortgebundenheit des Betrachters“, das Bestätigungsdilemma“, „das Dilemma in der Unterscheidung von Hintergrundwissen und Fakten“ (W. Stegmüller: „Der so genannte Zirkel des Verstehens“, in: K. Hübner/A. Menne (Hg.): Natur und Geschichte, Hamburg, 1973, S. 26).“

[Braun, E.: „Hermeneutischer Zirkel“. In: Braun, E. / Radermacher, H.: Wissenschaftstheoretisches Lexikon. Graz / Wien / Köln: Styria, 1978, S. 236-239]