GERUNDIV oder GERUNDIVUM

Gerundivo en alemán

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Gerundium - Gerundio

 

“Eine dem Partizip I ähnliche Form ist das Gerundivum, das immer mit (vorangestelltem) zu verbunden auftritt und häufig mit einer weiteren Bestimmung verbunden ist:

dieses zu lösende Problem

ein schwer zu lösendes Problem

ein kaum zu lösendes Problem

Das Gerundivum kommt nur als vorangestelltes Attribut des Nomens vor und wird dann immer wie ein Adjektiv flektiert. Es ist häufig in der geschriebenen Standardsprache, alltagssprachlich jedoch nicht üblich.

Das Gerundivum kann zweierlei Bedeutung haben, die es deutlich vom Partizip I abheben:

Das Gerundivum charakterisiert eine Größe durch Wiedergabe eines Sachverhalts, der entweder

§    in der Zukunft

§    verwirklicht werden soll/muss, und der

§    vom Betroffenen aus gesehen ist,

oder

§    zu beliebiger Zeit

§    verwirklicht werden kann und ebenfalls

§    vom Betroffenen aus gesehen ist.

Man kann die Bedeutung des Gerundivums auch knapper und anders gegliedert mit den folgenden Merkmalen umreißen:

§    zukünftig,

§    zu realisieren und

§    „passivisch“.

Welche der beiden Bedeutungen vorliegt, bleibt häufig offen:

eine von Passanten zu testende Biersorte

kann beides sein:

eine Biersorte, die von Passanten getestet werden soll

eine Biersorte, die von Passanten getestet werden kann

Meist schafft freilich in solchen Fällen der Kontext, vielfach auch das Allgemeinwissen ausreichende Klarheit. So ist

ein heute kaum mehr zu lösendes Problem

wohl immer

ein Problem, das heute kaum mehr gelöst werden kann

Dagegen dürfte

ein von Ihnen umgehend zu lösendes Problem

ebenso unfehlbar

ein Problem, das Sie umgehend lösen müssen

sein.“

[Engel, Ulrich: Deutsche Grammatik. Heidelberg: Groos, 1988, S. 431-432]

Die attributiven Partizipien I sind syntaktisch abzuleiten

  1. aus dem Präsens Aktiv transitiver und intransitiver Verben:
    das lesende Mädchen >
    das Mädchen liest
  2. aus dem Präsens Aktiv reflexiver Konstruktionen und reflexiver Verben im engeren Sinne:
    das sich waschende Kind > das Kind wäscht sich (reflexive Konstruktion)
    das sich schämende Kind > das Kind schämt sich (reflexives Verb im engeren Sinne)
  3. aus der Verbindung Modalverb + Infinitiv Passiv über die Verbindung sein + zu + Infinitiv bei transitiven Verben (im Präsens):
    die anzuerkennende Leistung
    > die Leistung ist anzuerkennen
    > die Leistung kann (muss) anerkannt werden

 

Diese als Gerundiv bezeichnete Sonderform des attributiven Partizips I kann nur von passivfähigen transitiven Verben gebildet werden. Sie ist nur attributiv möglich, prädikativ erscheint statt des Partizips I der Infinitiv. Bedeutungsmäßig sind die Partizip I- und die Infinitiv-Konstruktion identisch, und zwar stellen sie Passiv-Paraphrasen mit der modalen Nebendeutung der Möglichkeit oder Notwendigkeit dar.“

[Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim: Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.: Langenscheidt Verlag Enzyklopädie, 141991, S. 588-589]

Das als Attribut verwendete Gerundivum:

Wenn das Gerundiv als Attribut verwendet wird, wirkt die wörtliche Übersetzung holprig!

Zum Beispiel: amor veritatis cognoscendae: Die Liebe zur Wahrheit, die erkannt werden soll. oder auch: die Liebe zur zu erkennenden Wahrheit.

Daher übersetzt man das attributive Gerundiv

entweder:

mit einem aus der Gerundivform abgeleiteten Substantiv:
die Liebe zur Erkenntnis der Wahrheit.

oder:

mit einem aus der Gerundivform abgeleiteten Infinitiv:
die Liebe, die Wahrheit zu erkennen.

Die ursprüngliche Bedeutung des Gerundivs als passive Notwendigkeit geht dabei mehr oder weniger verloren!

Attributive Gerundia gibt es in allen Fällen (außer Nominativ). Zum Beispiel:

Gen: gaudium libri legendi; otium librorum legendorum: Die Freude der Lektüre eines Buches / die Freude, ein Buch zu lesen. - Die Muße zur Lektüre von Büchern / die Muße, Bücher zu lesen.

Dat.: magistratus legibus servandis: Beamte zur Beachtung der Gesetze / Beamte, um die Gesetze zu beachten.

Akk.: auxilium ad grammaticam intelligendam: Hilfe zum Verständnis der Grammatik / Hilfe, die Grammatik zu verstehen

Abl.: Audivimus de libris scribendis: Wir hörten über das Schreiben von Büchern / darüber, Bücher zu schreiben.

Grundsätzlich kann in allen diesen Fällen statt des attributiven Gerundivums auch ein Gerundium mit einem Akkusativ stehen:

z.B.: ad virtutem augendam (zur Vermehrung der Tapferkeit) = ad virtutem augendum: wörtlich zum die Tapferkeit Vermehren.

Das Prädikativ verwendete Gerundivum:

Bei den Verben „curare" (veranlassen, lassen), „tradere" (übergeben), „dare" (geben) u.ä. steht das Gerundivum als Prädikativum. Es wird mit Infinitiv oder Nomen übersetzt.

 

z.B. Augustus multa templa reficienda curavit.

Wörtlich: Augustus besorgte viele Tempel als Wiederherzustellende.

Das heißt: Er ließ viele Tempel wiederherstellen.

Mater mihi panem edendum dedit.

Die Mutter gab mir Brot als zu essendes

Die Mutter gab mir Brot als zu essendes.“

= Die Mutter gab mir Brot zum Essen.

[LG 1 4 7. In: http://linux1.dreihacken.asn-graz.ac.at/lategrammel/LG147.htm]