GEBRAUCH und ERWÄHNUNG  

Uso y mención

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Gebrauchstheorie der Bedeutung / Metasprache / Dekonstruktion / Sprechakttheorie / Zeichen / Symbol

 

Gebrauch (engl. use) und Erwähnung bzw. Anführung (engl. mention)  · Uso y mención

Gebrauch (use) und Anführung (mention)

In natürlichen Sprachen kann über dies und jenes, aber auch über dieses Sprechen selbst gesprochen werden. Im Falle von Verständigungsproblemen sind die Gesprächsteilnehmer oft gezwungen, ihr Verständnis von Ausdrücken zu klären. In einem solchen Fall werden sprachliche Ausdrücke verwendet, um wieder über sprachliche Ausdrücke zu sprechen. Sprachteilnehmer können aber auch die Funktion von Sprechakte klären. Wenn ich z.B. feststellen muss, dass ein Hörer wegen eines von mir als Scherz intendierten Sprechaktes beleidigt ist, füge ich klärend hinzu: «Das war doch nur ein Scherz, ich wollte dich nicht kränken». Da die Sprechaktfunktionen unklar sein können und es im kommunikativen Geschehen immer wieder zu Missverständnissen kommt, spricht man häufig auch über die Sprechakte, ihre Funktionen und die sprachlichen Mittel selbst, die man dafür einsetzt.

Die natürlichen Sprachen besitzen die Eigenschaft der Reflexivität. Wenn nun mit sprachlichen Ausdrücken über sprachlichen Ausdrücken gesprochen wird, so ist eine Unterscheidung erforderlich, auf die vor allem Frege immer wieder aufmerksam gemacht hat: Die Unterscheidung zwischen einem Zeichen und dem, was dieses Zeichen bezeichnet, oder zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Mit «Sokrates hat acht Buchstaben» wird etwas vom sprachlichen Zeichen und nicht vom Bezeichneten, nämlich vom historischen Philosophen Sokrates, ausgesagt: Mit «Sokrates war Philosoph» wird im Unterschied dazu sehr wohl etwas vom Menschen Sokrates ausgesagt. Im einen Fall gebrauchen (use) die Sprachteilnehmer den Ausdruck «Sokrates», um über den konkreten Menschen Sokrates zu sprechen, im anderen Fall hingegen erwähnen (mention) sie ihn nur, um über ihn, über den Ausdruck «Sokrates», zu sprechen. So selbstverständlich und einfach wie in diesem Fall ist die Unterscheidung zwischen Zeichen und Bezeichnetem allerdings nicht immer. Um zwischen der selbstbezüglichen und den direkten Sprechweise zu unterscheiden, empfiehlt es sich daher, die Anführungszeichen als technisches Mittel zur Kennzeichnung dieser Unterscheidung einzusetzen. Im Mittelalter und auch noch in der Moderne wurde dieses Mittel nicht verwendet, so dass es häufig zu unnötigen Schwierigkeiten und Missverständnissen kam. Der Ausdruck ohne Anführungszeichen steht aufgrund dieser Konvention nie für sich selbst, sondern immer für etwas anderes; der zwischen Anführungszeichen gesetzte Ausdruck hingegen für sich selbst. In der Tradition der formalen Semantik wird der Ausdruck in Anführungszeichen so gedeutet, als bilde er einen neuen Ausdruck, der gebraucht wird, um über den ursprünglichen Ausdruck zu sprechen. Die grundlegenden Konventionen in dieser Tradition verlangen für den Gebrauch von Sprache, dass in einer Äußerung, die wir über einen Gegenstand machen, das Zeichen des Gegenstandes verwendet wird und nicht der Gegenstand selbst. Searle hingegen bemängelt die Redeweise von einem neuen Ausdruck, der für den ursprünglichen Ausdruck stehe: Für ihn haben die Anführungszeichen nicht die Funktion, einen neuen Ausdruck zu bilden, sondern sind ein Hinweis, dass der betreffende Ausdruck lediglich erwähnt wird. Die Anführungszeichen haben nur die Funktion anzugeben, dass ein Ausdruck nicht in seinem normalen Sinn verwendet wird, sondern selbst auch als Gegenstand der Diskussion anzusehen ist.

Durch die erwähnten Überlegungen wird jedenfalls klar, wie grundlegend der Unterschied zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist und dass sprachliche Ausdrücke normalerweise verwendet werden, um auf von ihnen verschiedene Gegenstände und Gegebenheiten Bezug zu nehmen. Es soll nun ausführlich auf diese Tätigkeit des Bezugnehmens auf Nichtsprachliches durch den Gebrauch sprachlicher Mittel eingegangen werden, eine Tätigkeit, die Grundvoraussetzung ist für die Übermittlung von Tatsacheninformation.”

[Runggaldier, Edmund: Analytische Sprachphilosophie. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer, 1990, S. 63-64]

„Eng verwandt mit der Subjekt-Objekt-Dichotomie ist die Symbol-Objekt-Dichotomie, die Ludwig Wittgenstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründlich erforschte. Später wurden die «Gebrauch» und «Erwähnung» zur Bezeichnung des gleichen Unterschieds verwendet. Quine und andere haben eingehend über die Verbindung zwischen Zeichen und dem, wofür sie stehen, geschrieben. Aber nicht nur Philosophen haben über dieses tiefe und abstrakte Problem nachgedacht. In unserem Jahrhundert haben sowohl die Musik als auch die bildende Kunst Krisen durchgemacht, die ein sehr intensives Interesse für dieses Problem erkennen lassen. Während Musik und Malerei zum Beispiel seit jeher Gedanken oder Gefühle durch ein Vokabular von «Systemen» ausgedrückt haben (d.h. die bildlichen Darstellungen, Akkorde, Rhythmen usw.), besteht jetzt eine Tendenz, die Möglichkeiten der Musik und der bildenden Kunst zu erforschen, nicht etwas auszudrücken, sondern einfach zu sein. Das heißt als reiner Farbflecks oder als reiner Klang zu existieren, aber in jedem Fall jeglicher symbolischer Werte entleert.

In der Musik war besonders John Cage sehr einflussreich, der einen Zen-artigen Zugang zum Klang fand. Viele seiner Stücke zeigen, dass er den «Gebrauch» von Tönen verachtet – das heißt Töne zur Vermittlung von Gefühlszuständen zu gebrauchen – und Freude an der «Erwähnung» von Klängen hat – d.h. beliebige Zusammenstellungen zu brauen, ohne Rücksicht auf einen im voraus formulierten Code, vermöge dessen ein Zuhörer sie als Botschaft entziffern könnte. Ein typisches Beispiel ist «Imaginäre Landschaft Nr. 4», das in Kapitel VI beschriebene Stück für viele Radios. Ich werde Cage vielleicht nicht gerecht, aber mir will scheinen, dass ein großer Teil seiner Arbeit darauf zielt, Sinnlosigkeit in die Musik zu bringen und in einem gewissen Sinn zu bewirken, dass die Sinnlosigkeit Sinn hat. Aleatorische Musik ist ein typischer Vorstoß in diese Richtung. (Übrigens ist Zufallsmusik eine enge Verwandte noch späterer Begriffe wie «Happenings» oder «Beins»). Viele zeitgenössische Komponisten folgen Cage, aber nur wenige mit soviel Originalität. Ein Stückt von Anna Lockwood mit dem Titel «Klavierverbrennung» besteht aus eben dieser, wobei die Saiten so stark wie möglich angezogen sind, damit sie so laut wie möglich zerspringen; in einem Stück von LaMonte Young wurden die Geräusche dadurch erzeugt, dass man das Klavier auf der ganzen Bühne und durch Hindernisse wie einen Rammbock hindurch herumschob.

Die Kunst ist in diesem Jahrhundert durch viele Konvulsionen dieser Art hindurchgegangen. Zuerst kam der Verzicht auf die Repräsentierung von Gegenständlichem, und der war wahrhaft revolutionär: der Beginn der abstrakten Kunst. Eine allmähliche Entwicklung von der reinen Gegenständlichkeit bis zum hochabstrakten Muster zeigt Piet Mondrians Werk. Nachdem man sich an nichtgegenständliche Kunst gewöhnt hatte, kam der Surrealismus. Das war eine bizarre Kehrtwendung, ähnlich dem Neoklassizismus in der Musik. Extrem gegenständliche Kunst wurde «unterwandert» und zu ganz neuen Zwecken verwendet: Sie sollte schockieren, verwirren und verblüffen. Diese Schule gründete André Breton, und sie florierte vor allem in Frankreich.”

[Hofstadter, Douglas R.: Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band. Stuttgart: Klett-Cotta, 1986,  S. 745‑746]

„Einerseits stellt diese Form der Dekonstruktion sich so dar, dass es nicht länger möglich ist, die Worte der Tradition ernsthaft zu gebrauchen. Man braucht sie nicht mehr, man erwähnt sie nur noch. Und selbst diese Unterscheidung aus der Sprechakt-Theorie zwischen Gebrauch (use) und Erwähnung (mention) (...), obwohl sie interessant und notwendig ist -, selbst diese Unterscheidung kann ich hier nur erwähnen und nicht einfach gebrauchen. Alles geschieht so, als wenn die Effekte eines dekonstruktiven Prozesses (den ich hier erneut von so genannten dekonstruktivistischen Diskursen oder Theoremen unterscheiden will) uns dazu zwängen, jedem Wort mehr oder weniger Leserlich die Erwähnung >Erwähnung< hinzuzufügen. Und je ernster und gewichtiger die Worte sind, desto notwendiger wird die Erwähnung >Erwähnung< und nicht >Gebrauch<.

Jeder Begriff, jedes Wort ist von jetzt an mit der Aufschrift >Nicht zum Gebrauch geeignet!< versehen. >Don´t use that concept, only mention it!< So, wie über einem Wasserhahn ein Schild mit der Aufschrift >Don´t drink that water – kein Trinkwasser!< angebracht ist. Du kannst allen möglichen Gebrauch davon machen, aber nimm es nicht zu dir, nimm ihn (den Begriff) nicht auf dich, konsumiere sie nicht!“ (Jacques Derrida).“

[„Limbularien“, in: http://userpage.fu-berlin.de/~miles/limb/l87.html]

„Während meine Mutter mit mir schwanger ging, dozierte Jacques Lacan in einer Vorlesung, «dass das Realitätsprinzip tatsächlich als etwas funktioniert, was das Subjekt von der Realität abzieht.».“

[„Limbularien“, in: http://userpage.fu-berlin.de/~miles/limb/l85.html]

Derrida und der wiederholte Gebrauch eines Typs

„Wenn Derrida die Sicherheit des Code-Modells bestreitet, so tut er das auf dem Boden jenes minimalen Konsensus mit Searle, der darin besteht, keine Zuflucht zum Begriff einer (transzendentalen) Individualität zu nehmen. Der Regularitätsfetischismus, dem die szientistischen Sprachphilosophen huldigen, man drollige Züge annehmen – Derrida denkt dennoch nicht daran, die gemeinsame epistemologische Prämisse, dass Kodifikation und Iterabilität Namen eines Begriffs sind, anzufechten. Jeder erneute Gebrauch eines Zeichens, so ist seine Ansicht, modifiziert dessen Bedeutung und ficht die Vorstellung an, dass der Code mit der Sicherheit einer Maschine über seine Anwendung gebietet. Was nicht angefochten wird, ist indes der Begriff des Code selbst und die Vorstellung, dass sich der Sinn immer nur auf dem Umweg über seine Konvention zugänglich ist.

An dieser Argumentation fällt zweierlei auf. Derrida hält die Kodifikation der Zeichen – in kantischer Tradition – für eine blo0 hypothetische Maßgabe. Und er begründet das damit, dass die Verwendung (oder die Lektüre) eins Zeichens dieses Zeichen verändere («l’itération ... travaille, altère toujours ce qu’elle paraît reproduire. (...) L’itération altère, quelque chose de nouveau a lieu» [Ll i]). Er identifiziert also den Abstand zwischen je zwei Verwendungen einer «marque». Hier scheint mir in der Tat ein category mistake vorzuliegen. (Searle bezeichnet ihn in seiner Reply als Verwechslung von «type» und «token». Das scheint mir zu kurz gegriffen, denn eine mögliche Pointe von Derridas Argument ist ja die, dass wiederholter Gebrauch eines Typs diesen nicht unverändert lasse – also von der token-Ebene her anfechte.)

Denn der Begriff der Kompetenz oder des Code (oder auch der Iterabilität) bezeichnet ja, wie gesagt, ein System reiner Virtualitäten; und aktuelle Bedeutsamkeit erwerben die Elemente der langue ja erst durch ihre Anwendung-in-Situation. Zwischen der Potenz des allgemeinen Schematismus und der konkreten Schemaverwendung besteht zwar allerdings eine Kluft; aber es ist nicht die Kluft zwischen zwei realen Bedeutungen, sondern zwischen einer Sinn-Möglichkeit und ihrer schöpferischen Verwirklichung. Es gibt keine Regel, die ihre eigene Anwendung wie eine notwendige Folge aus ihren Prämissen determinierte.”

[Frank, Manfred: „Die Entropie der Sprache. Überlegungen zur Debatte Searle-Derrida.” In: ders.: Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französischen Hermeneutik und Texttheorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1980, S. 169-170]