FUNKTIONALISMUS

Funcionalismo

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Funktionalistische Sprachwissenschaft / Behaviorismus / Gehirn und Sprache / Gehirn und Computer / Repräsentation / Kognitive Linguistik

 

Funktionalismus

Der Funktionalismus kann als Versuch gesehen werden, die brauchbaren Ideen beider Positionen – Identitätstheorie [sie: Gehirn und Sprache] und Behaviorismus – zu vereinen. Einerseits sollen mentale Zustände in das beobachtbare Verhalten eingebunden sein, andererseits sollen sie mit physikalischen Zuständen identisch sein. Der Funktionalismus identifiziert mentale Zustände nicht direkt mit physikalischen Zuständen, sondern postuliert – sozusagen als Zwischenglied – ihre Identität mit funktionalen Zuständen. Funktionale Zustände sind durch ihre kausale Rolle definiert, in der sie zu anderen funktionalen Zuständen, zu Sinneseindrücken und schließlich zu Handlungen stehen. Der Funktionalismus ist die These, «dass das Wesen unserer psychologischen Zustände auf den abstrakten kausalen Rollen beruht, die diese in einem komplexen System von inneren Zuständen spielen, die zwischen Umwelt-Imputs und den Verhaltens-Outputs vermitteln» (Churchland & Churchland 1981; 121).

Da die abstrakten funktionalen Zustände, mit denen die geistigen Zustände identifiziert werden (u.a.) durch die kausalen Beziehungen definiert sind, die sie zu Sinneseindrücken des Organismus und dessen Verhalten haben, wird der Intuition des Behaviorismus Rechnung getragen, dass dem Verhalten des Organismus in seiner Umgebung eine determinierende Rolle bei der Individuierung geistiger Zustände zukommt. Anders als der Behaviorismus geht der Funktionalismus aber davon aus, dass auch die kausale Verknüpfung der inneren Zustände untereinander berücksichtigt werden muss. Im Gegensatz zur Identitätstheorie nimmt der Funktionalismus aber nicht auf die physikalischen Eigenschaften dieser inneren Zustände Bezug, sondern auf deren abstrakte funktionale Rolle im Gesamtsystem. Dadurch befreit er sich von dem Problem der Identitätstheorie, mentale Zustandstypen mit einem bestimmten neurophysiologischen Zustand identifizieren zu müssen. [...]

Eine funktionale Analyse zur Erklärung eines komplexen Systems ist in vielen Bereichen üblich. Möchte man beispielsweise erklären, wie ein Automotor funktioniert, spricht man über das Zusammenwirken von Kolben, Zylinder, Kurbelwelle, Vergaser, Zündung, Batterie und was es da sonst noch alles gibt. All das sind zwar physikalisch beschreibare Dinge, sie haben eine bestimmte Ausdehnung, eine Masse, bestehen aus einem bestimmten Material und sind oft aus anderen Teilen aufgebaut; bei der Erklärung der Funktionsweise eines Automotors interessieren diese physikalischen Charakterisierungen nicht. Was zählt, ist nur ihre funktionale Rolle im Gesamtsystem, d.h. welche Leistungen sie erbringen und wie sie mit anderen Teilen des Systems interagieren, um das zu erklärende Verhalten hervorzubringen.

Allerdings genügt es noch nicht zu sagen, dass mentale Zustände eine funktionale Rolle haben, die von physikalischen Zuständen erfüllt wird. Denn damit wird nur behauptet, dass für jeden mentalen Zustand einen physikalischen Zustand gibt, mit dem er identisch ist (Token-Token-Identität), und dass die mentalen Zustände in irgendwelchen kausalen Beziehung miteinander stehen. Dies mag genügen, wenn es darum geht, allgemein zu sagen, was mentale Zustände sind. Will man aber eine Aussage darüber treffen, wie sich die kausalen Rollen der einzelnen Zustände unterscheiden, bzw. welche Rolle ein bestimmter Zustand im Gesamtsystem einnimmt, muss man etwas über den (funktionalen) Aufbau des Systems aussagen.

Natürlich können nicht die Details der Verknüpfung einzelner mentaler Zustände angegeben werden. Es sollte aber versucht werden, wenigsten die allgemeine Struktur des funktionalen Aufbaus anzugeben. Dazu bedient man sich der Analogie zu Computern: Es wird angenommen, dass der funktionale Aufbau des Geistes in etwas dem funktionalen Aufbau von Computern (als abstrakten Maschinen) entspricht. Das hat wohl vor allem drei Gründe:

Erstens werden sowohl geistige Zustände als auch innere Zustände eines Computers inhaltlich charakterisiert; die Zustände beider Systeme beziehen sich auf Dinge in der Welt. Insofern kann sowohl der menschliche Gehirn als auch der Computer als informationsverarbeitendes System verstanden werden. Zweitens sind Computer nicht einfach nur sehr komplexe Maschinen, sondern sie sind universelle Maschinen. Universelle Maschinen können prinzipiell alle berechenbaren Funktionen auf mechanischen Weg berechnen und sind daher (prinzipiell) in der Lage, alle mechanischen Prozesse zu simulieren. Wenn unser Geist tatsächlich auf der funktionalen Organisation der Gehirnzustände beruht, müsste er mittels eines Computer zumindest simuliert werden können. Drittens zeigen bereits heutige Computer Leistungen, die früher dem menschlichen Geist vorbehalten waren und für die eine gewisse Intelligenz als Voraussetzung erachtet wurde. Viele halten aus diesem Grund die Hypothese für plausibel, dass sich Computer bauen lassen, die zumindest genauso intelligent sind wie Menschen. Aber auch wenn der menschliche Geist nicht dem funktionalen Aufbau eines Computers entspricht, kann ein Vergleich dennoch aufschlussreich für das Verständnis des menschlichen Geistes sein.

Der Vergleich von Computern mit dem menschlichen Geist ruft bei manchen eine reflexartige Ablehnung hervor. Den Menschen, Krone der Schöpfung, auf eine Maschine zu reduzieren, grenz für sie an Blasphemie. Diese Reaktion beruht auf einer Reihe zum Teil grober Missverständnisse. Erstens ist ein Vergleich keine Identifikation. Bei einem Vergleich werden zwei oder mehrere Dinge hinsichtlich einer bestimmten Eigenschaft verglichen. [...] Wittgenstein und Hitler haben eine ganze Reihe von Dingen gemeinsam: beide gehörten zur Familie der Säugetiere, waren männlichen Geschlechts, wurden im April 1889 in Österreich geboren, gingen in dieselbe Schule usw. Damit wird nichts über sonstige Gemeinsamkeiten ausgesagt. Keiner dieser Vergleiche identifiziert Wittgenstein in irgendeiner Weise mit Hitler. [...]

Was Computer besonders auszeichnet, und was sie nach einer weitgeteilten Auffassung mit dem menschlichen Gehirn gemeinsam haben, ist, dass beide Information verarbeiten. Computer und Gehirn werden also hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Informationsverarbeitung verglichen. Die Grundannahme der Kognitionswissenschaft ist es, dass sowohl das menschliche Gehirn als auch Computer zur Klasse der Informationsverarbeitenden Systeme gehören. [...]

Dieses Paradigma vom menschlichen Gehirn als informationsverarbeitenden System liegt der gesamten Kognitionswissenschaft zugrunde:

§      Computer und Gehirn sind komplexe informationsverarbeitende Systeme. Von beiden wird Information aufgenommen (Input), gespeichert, manipuliert, wieder abgerufen und schließlich in beobachtbares Verhalten (Output) umgesetzt.

§      Kognitive Prozesse setzen das Vorhandensein eines informationsverarbeitenden System voraus.

Damit ist natürlich noch nicht viel gewonnen. Es stellt sich z. B. die Frage, worin «Informationsverarbeitung» genau besteht, oder wie die Informationsverarbeitung des Gehirns funktioniert (also die Frage nach den hinreichenden Bedingungen für Kognition). Eine offene Frage ist auch, welche Rolle unsere alltagspsychologischen Begriffe in einer Informationsverarbeitungs-Theorie des Geistes spielen, bzw. ob sie nicht ganz zu eliminieren sind usw. Die Computer-Metapher gibt daher noch keine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist, sondern umreißt eine mögliche Forschungsstrategie.”

[Helm, Gerhard: Symbolische und konnektionistische Modelle der menschlichen Informationsverarbeitung. Eine kritische Gegenüberstellung. Berlin u. a.: Springer-Verlag, 1991, S. 10-14]