FANTASMA

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl. / ver: Phantasie in der Psychoanalyse

«Freud gebraucht immer das Wort «Phantasie» bzw. seltener «das Phantasieren», dagegen nie das Wort Einbildungskraft. In der französischen Psychoanalyse hat sich das Wort «fantasme» eingebürgert und teilweise als Fantasma seinen Weg ins Deutsche gefunden. [...] In der Folge werden wir meistens von Fantasma sprechen; dagegen von Phantasien nur in Freud-Zitaten. Beides wird aber synonym gebraucht. [...]

Die Tatsache, dass die Fantasmen nicht nur Material zum Analysieren sind, sondern ebenso sehr ein Ergebnis der Analyse darstellen, nämlich den latenten Inhalt des Traums oder des Symptoms, führte dazu, in gewissen Fantasmen eine Konsistenz festzustellen, die aus ihnen die spezifisch psychische Realität bildete, die weder auf individuellen Erlebnissen noch auf individuellen Einbildungen basiert. Zu dieser Erkenntnis kann Freud in der Zeit, da er die symbolische Strukturierung des Unbewussten in der Traumdeutung, im Witz, usw. entdeckte, wobei das Fantasma selbst jenen symbolischen Operationen das Gewicht der psychischen Realität verlieh. In dem Sinne unterscheidet er zwischen drei Arten von Realität: die äußere (materielle bzw. faktische) und zwei «innere»; die eine von diesen ist als imaginäre, rationalisierende zu begreifen («Zwischengedanken»), während die eigentlich psychische, unbewusste Realität, die der Fantasmen ist. Er schreibt dazu: «Ob den unbewussten Wünschen Realität zuzuerkennen ist, kann ich nicht sagen. Allen Übergangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat man die unbewussten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Ausdruck gebracht, vor sich, so muss man wohl sagen, dass die psychische Realität eine besondere Existenzform ist, welche mit der materiellen Realität nicht verwechselt werden soll» (S. Freud: Traumdeutung, SA II, S. 587).

Hatte Freud in den Fantasmen die psychische Realität erkannt, so hörte er nicht auf, nach dem Ursprung dieser immer-schon-da-gewesenen Realität zu fragen. In den Urszenen nahm er wieder, in transformierter Form, das Motiv des Ereignisses auf und damit ebenfalls die zwei Zeiten des Traumas. Nur dass jetzt das Ereignis nicht mehr eine Handlung, die das Subjekt ausführt oder erleidet, bedeutet, sondern nur eine Beobachtung von bestimmten Situationen. Aber diesen Urszenen, und das ist entscheidend, kommen die Urphantasien entgegen, jene stehen also nicht allein da. So schreibt Freud: «Die Beobachtung des Liebesverkehres der Eltern ist ein selten vermisstes Stück aus dem Schatze unbewusster Phantasien, die man bei allen Neurotikern, wahrscheinlich bei allen Menschenkindern, durch die Analyse auffinden kann. Ich heiße diese Phantasiebildungen, die der Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, die der Verführung, der Kastration und andere Urphantasien» (S. Freud: “Mitteilungen eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia”, in: SA, VII, S. 213). [...]

Die Verallgemeinerbarkeit und die Typisierung der Urfantasmen deuten auf die Wirkung der Struktur in der psychischen Realität, etwas, das durch die symbolischen Operationen des Unbewussten klar wurde. Was Freud hier anspricht, ist die Feststellung, dass das individuelle Imaginäre nicht den Kern des Unbewussten ausmacht, aber ebenso wenig irgendein partikulares, kollektives, «völkisches» Imaginäre, sondern nur das Universelle. (Das formuliert Lacan mit dem Primat der signifikanten Operationen gegenüber dem Ereignis bzw. dem Signifikat).

Auch wenn Freud sich konsequent gegen biologische und szientistische Lösungen wandte, heißt das nicht, dass er biologische Tatsachen negierte. Was er ablehnte, war eine Art evolutionistische Kontinuität und Parallelität zwischen dem Körperlichen und dem Psychischen. Er war gegen eine Überwucherung von Fantasmen, d.h. es gibt nicht hinter jeder geistigen Operation ein Fantasma und hinter jedem Fantasma einen besonderen Trieb, so wie es viele Schüler von Melanie Klein annehmen. Anders ausgedrückt: es gibt eine mehrdeutige, elliptische, nichtlineare Zuordnung zwischen Trieben, Fantasmen und bewusstem Denken und Handeln, jedes Moment ist durch die anderen vermittelt. Er erwähnt in zwei Passagen alle wichtigen Elemente, welche die Dynamik und die Komplexität eines Fantasmas ausmachen:

«Die Phantasien stammen aus nachträglich verstandenem Gehörten, sind natürlich in alle ihrem Material echt. Sie sind Schutzbauten, Sublimierungen der Fakten, Verschönerungen derselben, dienen gleichzeitig der Selbstentlastung. Ihre akzidentelle Herkunft vielleicht von den Onaniephantasien. Eine zweite wichtige Erkenntnis sagt mir, dass das psychische Gebilde, welches die Hysterie von der Verdrängung betroffen wird, nicht eigentlich die Erinnerungen sind, denn kein Mensch ergibt sich ohne Grund einer Erinnerungstätigkeit, sondern Impulse, die sich von den Urszenen ableiten.» Und weiter:

«Die Phantasien entstehen durch unbewusste Zusammenfügungen von Erlebnissen und Gehörten nach gewissen Tendenzen. Diese Tendenzen sind, die Erinnerung unzugänglich zu machen, aus der Symptome entstanden sind oder entstehen können. Die Phantasiebildung geschieht durch Verschmelzung und Entstellung analog der Zersetzung eines chemischen Körpers mit einem anderen zusammengesetzten. Diese erste Art der Entstellung ist die Erinnerungsfälschung durch Zerteilung, wobei gerade die zeitlichen Verhältnisse vernachlässigt werden (...) Das eine Teilstück der gesehenen Szene wird dann mit einem Teilstück der gehörten zur Phantasie vereinigt, während das frei gewordene Teilstück eine Verbindung eingeht. Damit ist ein ursprünglicher Zusammenhang unauffindbar gemacht. Durch die Bildung solcher Phantasien (in Erregungszeiten) hören die Erinnerungssymptome auf. Dafür sind unbewusste Dichtungen vorhanden, die der Abwehr nicht unterlegen sind.»

Freud fügt an anderer Stelle hinzu, dass Fantasmen «Vorbauten» sind, die eine Schutzfunktion für das Subjekt erfüllen, indem sie eine zeitlich auseinander liegende Reihe von nachträglich traumatisch wirkenden Ereigniselementen oder Ereignissen, wie die Beobachtung des elterlichen Koitus – die Urszene – durch bestimmte Operationen symbolisch entstellen und entschärfen. Die besonderen Fantasmen, die zu Symptomen oder zu Kreativität oder zu beidem führen und allgemein jedem Subjekt die Marke seiner Einmaligkeit einprägen, zeugen vom passiv erlittenen Einbruch irgendwelcher Ereignisse, die in der frühen Kindheit unverstanden und damit gewaltsam blieben. [...] Freud betont immer wieder, dass es zwar irgendwelche Ereignisse sein müssen, aber dass sie unauffindbar sind; er ist überzeugt von ihrer Existenz durch ihre nachträgliche Wirkung, aber es ist unmöglich an sie, sowohl reell als auch ideell heranzukommen. Dies hat weitreichende Konsequenzen; es bedeutet dass jede Suche nach der Eigentlichkeit, dem «wahren Sein», dem Ur-sprung, sinnlos ist, denn hinter einem Fantasma steckt ein anderes, es sei denn, man gibt die Suche nach der ersten Ursache auf und dekonstruiert die Fantasmen. Jede Rede vom «wirklichen» oder «natürlichen» Menschen, jede Unmittelbarkeit ist ein Mythos. Das Fantasma ist ein Vorbau vor dem Abgrund des Unbekannten, der zwar verschiebbar ist, aber es entsteht dann ein neues Fantasma des unverstandenen Restes.

Dies weist auf zweierlei hin: auf die notwendige, gegebenenfalls fantasmatische Vermitteltheit jeder Realität für die Menschen und auf die partielle, fragmentierte, aber wirkliche Veränderlichkeit der Realität. Die Unmöglichkeit, die Ursprünge zu erreichen, bedeutet keinesfalls, dass das Reale nicht exisitiert, das wie auch immer vermittelt (und sei es als Medienspektakel), sich in seiner Fragmentierung und Veränderlichkeit bemerkbar macht.

Die Fragmentierung des Realen verweist auf die Mehrdimensionalität der Zeit und der Schauplätze. Wenn das Unbewusste keine eindimensionale, irreversible Zeit kennt, so heißt das nicht, dass es keine Geschichte kennt, im Gegenteil. Die Elemente des Fantasmas werden aus mehreren Zeitmomenten herausgeholt und zu einem neuen Gebilde kombiniert. Aber der entscheidende Zeitaspekt liegt in der Nachträglichkeit und der partiellen Wiederholung des fantasmatisch konstruierten Ereignisses. Die Nachträglichkeit ist nur durch die Funktion des Symbolischen denkbar; was in der gängigen Literatur als «Symbol» bezeichnet wird, ist eigentlich ein Fantasma, und es darf nicht mit dem Symbolischen verwechselt werden.

Die Hauptschwierigkeit in der Analyse eines Fantasmas besteht in seiner scheinbaren Einheit; es täuscht einen stabilen Ursprung, ein einheitliches reelles Ereignis vor. In Wirklichkeit lässt es sich als eine relativ einfache Kombination von Elementen zerlegen, die aus einer stabilen Formel mit auswechselbaren Teilen besteht. Dieses Verfahren kann aber nicht das einzige Mittel einer Analyse von komplexen Kulturprodukten sein; umgekehrt kann es als ein Mittel dazu beitragen, ideologische Produkte und Herrschaftsverhältnisse in ihrer Armseligkeit und fantasmatischen Struktur zu durchschauen und sie damit von symbolischen Beziehungen und geistigen Produkten zu unterscheiden. Freilich ist es meistens so, dass ideologische Produktionen Teile von geistigen Werken sind und diese verdanken oft jenen ihre Existenz, ohne jedoch darin aufzugehen. Wenn eine Tätigkeit und ein Produkt eine Wunscherfüllung darstellen und von einem Fantasma geleitet werden, so können sie es doch transzendieren in dem Maße, in dem sie es dekonstruieren, auch wenn dies nur partiell möglich ist.»

[Lipowatz, Thanos: Die Verleugnung des Politischen. Die Ethik des Symbolischen bei Jacques Lacan. Weinheim und Berlin: Quadriga Verlag, 1986, S. 52 und 81, Anm. 2; 54-57]