EXTRA CODIERUNG

Extracodificación

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kode / Kodierung / Überkodierung / Unterkodierung

 

Diskursive Kompetenz

Auch bei der idiosynkratischen persönlichen Aktivität des Memorierens früherer semiotischer Erfahrungen findet ständig Extra‑Codierung statt. Viele Sätze und ganze Diskurse braucht man gar nicht mehr zu interpretieren oder zu decodieren, weil man sie bereits in ähnlichen Situationen oder Kontexten kennen gelernt hat. Es gibt eine Vielzahl von Situationen, in denen der Hörer schon im voraus weiß, was der Sprecher sagen wird. Interaktionales Verhalten beruht auf Redundanzregeln dieses Typs, und wenn die Menschen jeden Ausdruck, den sie empfangen, genau hören (oder lesen oder sehen) und Element für Element analysieren müssten, so würde die Kommunikation ein recht mühsames Geschäft. In Wirklichkeit aber antizipiert man ständig Ausdrücke, füllt die Leerräume in einem Text mit den fehlenden Einheiten auf und sieht viele Wörter voraus, die der Gesprächspartner gesagt haben mag, gesagt haben könnte, bestimmt sagen wird oder niemals gesagt hat.

Ein Großteil der Logik der Voraussetzungen beruht auf der Extra-Codierung, ebenso viele der Gesprächsregeln und Interpretationsprozeduren, die einen korrekten Informationsaustausch zwischen Kommunizierenden sichern (Austin, 1962; Searle, 1969; Ducrot, 1972; Goffman, 1971; Verón, 1973; Cicourel, 1966; Hymes, 1971).

Die ganze Psychologie und Soziologie von Erwartungssystemen lässt sich in Extracodierungsvorgänge übersetzen. Alle in der Alltagssprache verwendeten Ellipsen ebenso wie die Verwendung anaphorischer Hilfsmittel (/gib es mir/, /denk daran: morgen!/, /er ist einer von ihnen ... / usw.) beruhen zwar immer auch auf >frischen< Abduktionen, werden aber häufig leichter verständlich durch vorhergehende Extra‑Codierungen. Und dies gilt nicht nur für die verbale Interaktion, sondern auch für viele andere semiotische Medien; zahlreiche stilistische Prozeduren in der Malerei, bei denen wenige Pinselstriche eine Form suggerieren, beruhen auf diesem Mechanismus.

Natürlich besteht ein Unterschied zwischen einer starken Extra-Codierung, durch die eine soziale Gruppe explizit und öffentlich festsetzt, dass eine präformierte Botschaft, eine Situation oder ein Kontext definitiv codiert werden müssen, und einer schwachen Extra-Codierung, die vom individuellen Gedächtnis abhängt, von einer unpräzisen und nicht‑expliziten Regel, von einer schwachen Konvention, von einer stillschweigenden Übereinkunft oder von der intuitiven Annahme einer solchen stillschweigenden und unbewussten Übereinkunft. Es besteht eine Skala von Extra‑Codierungen, die von sozial definierten Prozeduren (wie dem obligatorischen Tod des Helden in einer klassischen Tragödie) bis zu einer Art diskursiver Kompetenz reicht, aufgrund deren jeder erraten kann, daß ein im Kontext eines Gesprächs gesprochener Satz eine bestimmte Voraussetzung impli­ziert. Anders ausgedrückt, es besteht ein Unterschied zwischen dem, was konventionell, und dem, was konversationell impliziert wird (Katz, 1972; Grice, 1968).

Aus diesen Gründen bleiben Über‑ und Untercodierung auf halbem Wege zwischen einer Theorie der Codes und einer Theorie der Zeichenerzeugung und ‑interpretation stehen; sie führen zu (I) metasemiotischen Aussagen (wodurch sie neue makroskopische Zeichen-Funktionen in die Codes einführen), (II) einfachen konversationellen ad hoc‑Abduktionen (die zwar sozial verbreitet, aber nicht fest akzeptiert und registriert sind), (III) persönlichen Reservoirs versuchsweiser Voraussetzungen (wodurch sich idiolektische Konkretionen bilden, aus denen sich sehr oft Missverständnisse ergeben).

Der Begriff der Extra‑Codierung erlaubt uns auch viele der Bedeutungen von /Voraussetzung/ zu klären. Es scheint, dass pragmatische Voraussetzungen (gleichgültig ob kontextuell oder situationell) zwar gewöhnlich Stoff für freie Schlussfolgerungsarbeit sind, aber zuweilen auch übercodiert werden. Wenn Ethnomethodologen >Interpretationsprozeduren< postulieren, so denken sie vermutlich an extra‑codierte Regeln. Siehe zum Beispiel bei Cicoufel (1974: 52) die als >Reziprozität der Perspektiven<, >Und‑so‑weiter‑Annahmen< usw. aufgelisteten Prozeduren. Alles, was wir bei der kommunikativen Interaktion als selbstverständ­lich annehmen, geht zurück auf institutionalisiertes Wissen. Nach Fillmore (1971a), Garner (1971), Ducrot (1972) und anderen setzt ein Ausdruck wie /mach bitte die Türe auf/ voraus, dass: (I) eine besondere Beziehung zwischen Sender und Empfänger besteht; (II) der Empfänger fähig ist, der Aufforderung Folge zu leisten; (III) der Empfänger präzise Vorstellungen über Existenz und Beschaffenheit der Türe hat; (IV) die Türe geschlossen sind, wenn der Satz ausgesprochen wird; (V) der Sender möchte, dass die Türe auf sein soll; usw. Die Erfordernisse (I), (II) und (V) sind Sache der Übercodierung: sie sind diskursive Regeln, die die Umstände, unter denen man auffordern kann, festlegen und die Bedingung der Verlässlichkeit von Feststellungen, Forderungen usw. (>guter Glaube< bei der Kommunikation) aufstellen. Die Erfordernisse (III) und (IV) sind typisch semantische Voraussetzungen (oder Bedeutungserfordernisse, oder semiotische Implikationen), »denn die Voraussetzung in Bezug auf den geschlossenen Zustand der Türe ist eine Eigenschaft des Verbs »öffnen« und »die Voraussetzung in Bezug auf die Existenz der Türe bezieht sich auf die Verwendung des bestimmten Artikels«. Man könnte sogar Erfordernis (v) diesem Typ zurechnen, da durch /bitte/ der Wille des Senders ausgedrückt wird. Natürlich wird Erfordernis (III) ursprünglich durch eine semantische Voraussetzung erfüllt; da aber der bestimmte Artikel ein Zeiger ist (siehe 2.11.5.), verlangt er nach einer referentiellen Voraussetzung und letztlich einem Hinweisakt (siehe 3.3.).“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf eines Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 189-195]

Grammatiken und Texte

Der Begriff der Extra‑Codierung und der Unterschied zwischen Codieren und Übercodieren auf der einen und Untercodieren auf der anderen Seite gestatten es, den Unterschied zwischen grammatikorientierten und textorientierten Kulturen, auf den Lotman aufmerksam gemacht hat, im Rahmen einer Theorie der Codes korrekt zu definieren. Diese Unterscheidung meint zwar zwei verschiedene Arten, wie Kulturen ihre Codes strukturieren, doch können die gleichen Kategorien uns auch helfen, im nächsten Kapitel unterschiedliche Typen der Zeichenerzeugung zu unterscheiden (siehe 3.6.).

Der Unterschied zwischen einer grammatikorientierten und einer textorientierten Kultur wurde von Lotman (1969, 1971) beschrieben und ist für unsere gegenwärtigen Überlegungen von größter Bedeutung. Es gibt Kulturen, die von einem System von Regeln, und solche, die von einem Repertoire von Texten (die Verhaltensmodelle aufstellen) beherrscht werden. Im ersten Fall werden Texte durch die Kombination diskreter Einheiten generiert, und sie werden als korrekt oder nicht korrekt beurteilt nach ihrer Übereinstimmung mit den Kombinationsregeln; im zweiten generiert die Gesellschaft unmittelbar Texte, die Makro‑Einheiten bilden, aus denen man im Bedarfsfall zwar Regeln ableiten könnte, aber die zuerst und vor allem nachzuahmende Vorbilder darstellen.“

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf eines Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 195]