ENZYKLOPÄDIE

Enciclopedia

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Wörterbuch / Semiose

 

Enzyklopädie und Wörterbuch

Der Baum der Gattungen und Arten, der Baum der Substanzen löst sich in einen Staubregen von Differentiae, in einen Tumult von unendlichen Akzidentien, in ein nicht-hierarchisches Netzwerk von qualia auf. Das Wörterbuch wird in eine potentiell ungeordnete und begrenzt Galaxis von Stücken von Weltwissen aufgelöst. Das Wörterbuch wird so zu einer Enzyklopädie, weil es ohnehin eine verkleidete Enzyklopädie war.

Wenn ein Wörterbuch eine verkleidete Enzyklopädie ist, dann gibt es nur eine einzige mögliche Darstellung des Inhalts einer gegebenen lexikalischen Einheit, nämlich die enzyklopädische. Wenn die so genannten Universalia oder metatheoretischen Konstrukte, die als semantische Merkmale innerhalb einer wörterbuchartigen Darstellung fungieren, bloße sprachliche Etiketten sind, die synthetischere Eigenschaften abdecken, setzt eine enzyklopädieartige Darstellung voraus, dass die Repräsentation des Inhalts nur mit Hilfe von Interpretanten stattfindet, in einem Prozess der unbegrenzten Semiose. Da diese Interpretanten nun ihrerseits interpretierbar sind, gibt es keinen zweidimensionalen Baum, der die globale semantische Kompetenz einer gegebenen Kultur darstellen kann. Eine solche globale Repräsentation ist nur ein semiotisches Postulat, eine regulative Idee, und nimmt das Format eines vieldimensionalen Netzes an, das als Modell Q beschrieben wurde (Eco, 1976: 2,12).“

[Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Wilhelm Fink Verlag, 1985, S. 107-108]

Die Enzyklopädie als Labyrinth

Das Projekt einer enzyklopädischen Kompetenz wird von einer zugrunde liegenden Metaphysik oder einer Metapher (oder einer Allegorie) regiert: der Idee des Labyrinth. Die Utopie eines Porphyrischen Baumes war der einflussreichste Versuch, das Labyrinth auf einen zweidimensionalen Baum zu reduzieren. Aber der Baum erzeugte wiederum das Labyrinth.“

[Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Wilhelm Fink Verlag, 1985, S. 125]

„D’Alembert sagt mit großer Klarheit, dass es kein Zentrum dessen gibt, was eine Enzyklopädie darstellt. Die Enzyklopädie ist ein Pseudobaum, der das Aussehen einer Ortskarte annimmt, um vorübergehend und lokal darzustellen, was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität.

Das Universum der Semiose, d. h. das Universum menschlicher Kultur, muss man sich wie ein Labyrinth der dritten Art strukturiert vorstellen:

(a)   es ist gemäß einem Netz von Interpretanten strukturiert.

(b)   Es ist virtuell unendlich, weil es multiple Interpretationen berücksichtigt, die von verschiedenen Kulturen realisiert werden: ein gegebener Ausdruck kann so viele Male interpretiert werden und auf so viele Arten, wie er tatsächlich in einem gegebenen kulturellen Rahmen interpretiert worden ist; es ist unendlich, weil jeder Diskus über die Enzyklopädie die vorherige Struktur der Enzyklopädie selbst in Zweifel zieht.

(c)    Es registriert nicht nur »Wahrheiten«, sondern vielmehr das, was über die Wahrheit gesagt wurde oder was für wahr gehalten wurde, genauso gut wie das, was für falsch oder imaginär oder legendär gehalten wurde, vorausgesetzt, dass eine gegebene Kultur überhaupt einen Diskurs über irgendein Thema ausgearbeitet hat; die Enzyklopädie registriert nicht nur die »historische« Wahrheit, dass Napoleon auf St. Helena starb, sondern auch die »literarische« Wahrheit, dass Julia in Verona starb.

(d)   Eine solche semantische Enzyklopädie wird nie vollendet und existiert nur als regulative Idee; nur auf der Grundlage einer solchen regulativen Idee kann man einen gegebenen Teil der gesellschaftlichen Enzyklopädie auch wirklich isolieren, so weit es sinnvoll erscheint, um bestimmte Teile tatsächlicher Diskurse (und Texte) zu interpretieren.

(e)   Ein solcher Begriff von Enzyklopädie leugnet nicht die Existenz strukturierten Wissens, er legt nur nahe, dass ein solches Wissen nicht als globale System erkannt und organisiert werden kann; er liefert nur »lokale« und vorübergehende Systeme des Wissens, denen von alternativen und gleichermaßen »lokalen« kulturellen Organisationen widersprochen werden kann; jeder Versuch, diese lokalen Organisationen als einzigartig und »global« zu erkennen – indem ihre Parteilichkeit ignoriert wird –, bringt ideologische Voreingenommenheit hervor.

Der Porphyrische Baum versuchte, das Labyrinth zu zähmen. Er schaffte es nicht, weil es nicht konnte, aber viele zeitgenössische Sprachtheorien versuchen immer noch, diesen unmöglichen Traum wiederzubeleben.

Nachdem wir demonstriert haben, dass die theoretische Idee einer semantischen Darstellung im Format eines Wörterbuchs unhaltbar ist, sollten wir jedoch daran erinnern, dass wörterbuchartige Darstellungen angemessene Werkzeuge sein können.

Das System von Hyperonymen, das ein Wörterbuch zur Verfügung stellt, ist eine Möglichkeit, »Definitionsenergien« zu sparen.[...]

Wenn also Enzyklopädien eine ungeordnete Menge von Merkmalen (und von Rahmen, Skripten, textorientierten Instruktionen) ist, sind die wörterbuchartigen Arrangements, die wir ständig aufstellen, ihre vorübergehende und pragmatisch nützliche hierarchische Neueinschätzung. In diesem Sinne sollte man eine gängige Unterscheidung zwischen Wörterbuch (streng »semantisch«) und Enzyklopädie (verunreinigt von »pragmatischen« Elementen) auf den Kopf stellen: die Enzyklopädie ist ein semantisches Konzept, und das Wörterbuch ist ein pragmatisches Mittel.“

[Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Wilhelm Fink Verlag, 1985, S. 129-131]

„Viele Eigenschaften, die an den höheren Knoten so vieler wörterbuchartiger Bäume angesiedelt sind (wie »Lebewesen« oder »Körper« oder »körperlich«), sind in der Weltsicht unserer Kultur seit Jahrtausenden fest verwurzelt. Es ist jedoch nicht unmöglich, an einen neuen Diskurs zu denken, in dem diese Konzepte zum Ziel eines kritischen Abbaus unseren kulturellen Paradigmas werden. Kapitel 3 über die Metapher wird zeigen, dass ein poetischer Text manchmal darauf abzielt, gerade unsere am wenigsten in Frage gestellten Voraussetzungen zu zerstören; in diesen Fällen kann es passieren, dass farblose grüne Ideen wütend schlagen können (und vielleicht müssen), und wir uns nicht des Verdachts erwehren können, dass Ideen vielleicht körperlicher sind, als wir normalerweise glauben. Die Interpretation eines metaphorischen Textes erfordert seitens des Interpreten größte Flexibilität beim Re-Arrangieren der ehrwürdigsten höheren Knoten gängiger Wörterbücher. Wenn man einmal erkannt hat, dass das Wörterbuch kein festes und eindeutiges Bild des semantischen Universums ist, besitzt man die Freiheit, es zu benutzen, wann immer man es benötigt.“

[Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Wilhelm Fink Verlag, 1985, S. 132]

Der Begriff der Enzyklopädie wurde vorgeschlagen, um zu erklären, wie Zeichen nach einem Inferenzmodell arbeiten und auf welche Weise ihre Bedeutung als Menge ko-textuell orientierter Instruktionen interpretiert werden kann. Wenn man einen so flexiblen Begriff mit dem Begriff des Codes vergleicht, so wie er in den ersten linguistischen, semiotischen und anthropologischen Schriften der fünfziger und sechziger Jahre ausgearbeitet wurde, fragt man sich, ob diese beiden Begriffe überhaupt etwas miteinander zu tun haben.

Die Idee der Enzyklopädie versucht, einen Interpretationsprozess zu erklären, der die Form eines Schlusses annimmt, wohingegen Codes allgemein als Mengen von Punkt-zu-Punkt-Äquivalenzen angesehen werden. [...]

Wie können mit Leichtigkeit von der Annahme ausgehen, dass der Ausdruck Code, so wie er auftauchte und gierig angewandt wurde, eine bloße Metapher ist. Aber Metaphern enthüllen die zugrunde liegende Struktur einer Enzyklopädie, d. h. sie zeigen (wenn sie interpretiert werden) die »Familienähnlichkeiten« verschiedener Konzepte. Sie sollten also nie als bloße »poetische« Mittel abgetan werden. Wenn wir verstehen, warum sie geprägt wurden, wissen wir, was sie vorschlagen wollten. Und was vorgeschlagen wird, ist niemals bloß eine idiosynkratische Verbindung, es hat mit den semantischen Verbindungen etwas zu tun, die von einer gegebenen historischen Enzyklopädie zur Verfügung gestellt werden.

Bis zur zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde Code benutzt, wie es die Wörterbücher vorschlagen, d. h. in drei Bedeutungen: paläographisch, institutionell und korrelational.

Die paläographische Bedeutung liefert einen Hinweis zum Verständnis der beiden anderen: codex war auf lateinisch der Strunk oder Stamm eines Baumes, aus dem hölzerne Schreibtäfelchen gemacht wurden, die mit Wachs bestrichen wurden; auf diese Weise kam der Ausdruck dazu, Pergament oder Papierbücher zu bezeichnen. Ein Code ist also etwas, das etwas anderes sagt; es hat seit seinen fernsten Ursprüngen mit Kommunikation oder Signifikation zu tun.

Bei korrelationalen Codes gibt es auch ein Buch und eine Kommunikationsabsicht: der Morsecode ist ein Codebuch oder ein Wörterbuch, das eine Menge von Korrelationen zwischen einer Serie oder einem System elektrischer Signale (die als Punkte und Striche aufgeschrieben werden) und einer Reihe von Buchstaben des Alphabets zur Verfügung stellt. Es gibt Codes, die Ausdrücke mit Ausdrücken, und Codes, die Ausdrücke mit Inhalten korrelieren.

Auch institutionelle Codes sind Bücher, weil sie nämlich eine »systematische Sammlung von Statuten« sind, »ein Gesetzeskörper, der so arrangiert ist, dass Inkonsistenz und Überschneidung vermieden werden ... ein Satz von Regeln für jegliches Thema«, und in diesem Sinne auch »die vorherrschende Moral einer Gesellschaft oder Klasse« (Oxford English Dictionary). Gesetzescodes, Benimmcodes, Ritter-Codices usw. sind Instruktionssysteme. [...]

Wir fragen uns jedoch folgendes: Hatte die Vorstellung von Code, wie sie in der Jahrhundertmitte im strukturalistischen Milieu auftauchte, etwas mit einer oder mehreren dieser Vorstellungen zu tun? Und warum?

Saussure spricht (im Cours de linguistiche générale) vage von le code de la langue. Der Ausdruck verrät Verlegenheit: Saussure sagt nicht, dass eine Sprache ein Code ist, sondern dass es den Code einer Sprache gibt.“

[Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Wilhelm Fink Verlag, 1985, S. 242-244]