DISKURSIVE vs. PRÄSENTATIVE SYMBOLIK  

Simbología discursiva vs. Simbología presentativa

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Symbol / Diskurs / Diskursiv / Symbol in der psychoanalytischen Theorie / Repräsentation

 

Symbolbegriff bei Ernst Cassirer

„In seinem Werk Philosophie der symbolischen Formen hat Cassirer dem Symbolbegriff eine neue, umfassende Bedeutung gegeben, indem er den Graben zwischen dem symbolisch-bildhaften und dem begrifflichen Denken, der noch Freuds Symboldeutung kennzeichnet, einebnete. Cassirer überwand damit zugleich die diskriminierende Barriere zwischen dem Mythos und der wissenschaftlichen Erkenntnis, ohne die Grenze zu verwischen. Sein Symbolbegriff bezieht sämtliche Formen menschlichen Erkennens ein. Er spricht vom Menschen nicht als dem «homo sapiens», sondern als einem «animal symbolicum», einem symbolbildenden Wesen. Neukantianer, der er war, setzte Cassirer beim wissenschaftlichen Erkennen an, von dem er sagt:

»Die Grundbegriffe jeder Wissenschaft, die Mittel, mit denen sie ihre Fragen stellt und ihre Lösungen formuliert, erscheinen nicht mehr als passive Abbilder eines gegebenen Seins, sondern als selbstgeschaffene intellektuelle Symbole.« (11)

Dabei verknüpft er die Begriffe im Kopf des Denkenden mit der Bildung der Symbole «draußen»:

»Unter einer ‘symbolischen Form’ soll jede Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird. In diesem Sinne tritt uns die Sprache, tritt uns die mythisch-religiöse Welt und die Kunst als je eine besondere symbolische Form entgegen. Denn in ihnen allen prägt sich das Grundphänomen aus, dass unser Bewusstsein sich nicht damit begnügt, den Eindruck des Äußeren zu empfangen, sondern dass es jeden Eindruck mit einer freien Tätigkeit des Ausdrucks verknüpft und durchdringt. Eine Welt selbstgeschaffener Zeichen und Bilder tritt dem, was wir die objektive Wirklichkeit der Dinge nennen, gegenüber und behauptet sich gegen sie in selbständiger Fülle und ursprünglicher Kraft.« (12)

Cassirer betont die Eigenständigkeit der Bedeutungsträger »in selbständiger Fülle und Kraft«. Diese Bedeutungsträger  bilden eine Institution »zwischen« Individuum und Gesellschaft, auf beide bezogen, jedoch eigenständig. [...]

»De Begriff ’Vernunft’ ist viel zu eng, um die Formen des menschlichen Kulturlebens in all ihrem Reichtum und ihrem Gehalt zu umgreifen. [...] Alle diese Formen sind symbolische Formen.« (Cassirer, E.: Was ist der Mensch, Stuttgart 1960, S. 40)

Den Gegensatz zum Verhalten der tierischen Lebewesen kennzeichnet er folgendermaßen:

»Alle Phänomene, die gewöhnlich als bedingte Reflexe beschrieben werden, unterscheiden sich nicht nur weitgehend vom menschlichen symbolischen Denken, sondern sie stehen zu ihm im Gegensatz. Symbole – im eigentlichen Sinne des Wortes – können nämlich nicht auf bloße Signale zurückgeführt werden. Signale und Symbole gehören zwei verschiedenen Bezugsbereichen an: ein Signal ist ein Ereignis, es gehört zum Sein, während ein Symbol Bedeutung hat und immer nur auf den menschlichen Geist Bezug hat.« (S. 47)

Susanne K. Langer, eine Schülerin Cassirers, verdeutlicht die Selbständigkeit der Bedeutungsträger – deren Gesamtheit wir Kultur nennen – und die Funktion dieser Bedeutungsträger für die menschliche Verständigung wie folgt:

»Ein Terminus, der als Symbol und nicht als Anzeichen verwendet wird, ruft kein der Anwesenheit seines Gegenstandes angemessenes Verhalten hervor. Wenn ich sage: ’Napoleon’, so wird sich niemand vor dem Eroberer Europas verneigen, als hätte ich ihn vorgestellt, man wird bloß an ihn denken. [...] Symbole sind nicht Stellvertretung ihrer Gegenstände, sondern Vehikel für die Vorstellung von Gegenständen. Ein Ding oder eine Situation sich vorstellen ist nicht das gleiche wie sichtbar ’darauf reagieren’ oder ihrer Gegenwart gewahr sein. Wenn wir über die Dinge sprechen, so besitzen wir Vorstellungen von ihnen, nicht aber die Dinge selber, und die Vorstellungen, nicht die Dinge, sind das, was Symbole direkt ’meinen’. Was Worte normalerweise hervorrufen, ist ein Verhalten gegenüber Vorstellungen; dies ist der typische Denkprozess.« (Langer, Susanne K.: Philosophie auf neuem Wege. Frankfurt 1965, S. 68f.)

[...] Susanne K. Langer hat ebendiese »weite der Symbolgebilde« näher bestimmt in einer Aufgliederung. Auch für Langer gilt: »Symbolisierung ist die wesentliche Tätigkeit des Geistes.« Sie unterscheidet dabei zwischen »diskursiver Symbolik« und »präsentativer Symbolik« und geht aus vom sprachlich diskursiven Umgang mit der Wirklichkeit. Dazu eine Erläuterung:

»Nur ist aber die Form aller Sprachen so, daß wir unsere Ideen nacheinander aufreihen müssen, obgleich Gegenstände ineinanderliegen; so wie Kleidungsstücke, die übereinander getragen werden, auf der Wäscheleine nebeneinander hängen. Diese Eigenschaft des verbalen Symbolismus heißt Diskursivität; ihretwegen können überhaupt nur solche Gedanken zur Sprache gebracht werden, die sich dieser besonderer Ordnung fügen; jede Idee, die sich zu dieser ’Projektion’ nicht eignet, ist unausprechbar, mit Hilfe von Worten nicht mitteilbar. Dies ist der Grund, warum die Gesetze des logischen Folgerns, unser klarste Formulierung exakten Ausdrucks, auch als ’Gesetze des diskursiven Denkens’ bekannt sind.« (Langer, S., a.a.O, S. 88)

Von dieser diskursiven Symbolik, die über ein besonderes Vokabular und eine spezifische Syntax verfügt, grenzt Langer die präsentative Symbolik ab:

»Betrachten wir nun die uns vertrauteste Art eines nicht diskursiven Symbols, ein Bild. Es setzt sich zwar wie die Sprache aus Elementen zusammen, die jeweils verschiedene Bestandteile des Gegenstandes darstellen; aber diese Elemente sind nicht Einheiten mit unabhängigen Bedeutungen. Die Licht- und Schattenflächen, aus denen ein Porträt, z.B. eine Fotographie, besteht, haben an sich keine Bedeutsamkeit. Einer isolierenden Betrachtung würden sie lediglich als Kleckse erscheinen. Und doch sind sie getreue Darstellungen visueller Elemente, die den visuellen Gegenstand bilden. Sie stellen aber nicht Stück für Stück die Elemente dar, die einen Namen haben; es gibt nicht einen Klecks für die Nase, einen für den Mund usw.; ihre Formen vermitteln in gar nicht zu beschreibenden Kombinationen ein totales Bild, in dem sich benennbare Züge aufweisen lassen. Die Abstufung von Licht und Schatten lassen sich nicht aufzählen. Sie lassen sich nicht, jede für sich, in Beziehung setzen zu einzelnen Teilen oder charakteristischen Zügen, mittels deren es möglich wäre, die porträtierte Person zu beschreiben. Die ’Elemente’, die die Kamera darstellt, sind nicht die ’Elemente’, die die Sprache darstellt. Sie sind tausendmal zahlreicher. Aus diesem Grunde kann die Übereinstimmung niemals so eng sein wie die zwischen einem Gegenstand und seiner Fotografie. Auf einmal und als Ganzes vor das intelligente Auge gebracht, vermittelt das Porträt einen unglaublichen Reichtum an detaillierter Information, wobei wir uns nicht mit der Auslegung verbaler Bedeutungen aufzuhalten brauchen. Deshalb ist die Fotografie für den Pass oder die Verbrechergalerie so viel geeigneter als die Beschreibung.« (a.a.O., S. 100f.)

Dass ein Symbolismus mit so vielen Elementen, solch tausendfachen Zusammenhängen sich nicht in Grundeinheiten aufspalten lässt, versteht sich von selbst. Es ist unmöglich, das kleinste unabhängige Symbol zu identifizieren, wenn dieselbe Einheit in anderen Zusammenhängen erscheint. Die Fotografie hat kein Vokabular. Dasselbe gilt für Malerei, Grafik usw. Natürlich gibt es eine Technik des Abbildens von Gegenständen, doch das diese Technik beherrschende Gesetz kann nicht als «Syntax» bezeichnet werden, weil es das, was man in metaphorischer Rede als die «Wörter» der Porträtkunst bezeichnen könnte, nicht gibt.

»Da es keine Wörter haben, kann es auch kein Wörterbuch der Bedeutung von Linien, Schatten oder anderen Elementen bildnerischer Technik geben. Wir können zwar irgendeine Linie herausgreifen, eine bestimmte Kurve etwa in einem Bilde, die dazu dient, eine benennbare Einzelheit darzustellen; an anderer Stelle würde die gleiche Kurve jedoch eine ganz andere Bedeutung haben. Sie besitzt keine festgelegte Bedeutung außerhalb ihres Kontextes.« (a.a.O., S. 101f.)

Langer fasst zusammen:

»Sprache im strengen Sinne ist ihrem Wesen nach diskursiv; sie besitzt permanente Bedeutungseinheiten, die zu größeren Einheiten verbunden werden können; sie hat festgelegte Äquivalenzen, die Definition und Übersetzung möglich machen; ihre Konnotationen sind allgemein, so dass nichtverbale Akte; wie Zeigen, Blicken oder betontes Verändern der Stimme nötig sind, um ihren Ausdrücken spezifische Denotationen zuzuweisen. Alle diese hervorstechenden Züge unterscheiden sich vom «wortlosen» Symbolismus, der nichtdiskursiv und unübersetzbar ist, keine Definitionen innerhalb seines eigenen Systems zulässt und das Allgemeine direkt nicht vermitteln kann. Die durch die Sprache übertragenen Bedeutungen werden nacheinander verstanden und dann durch den als Diskurs bezeichneten Vorgang zu einem Ganzen zusammengefasst; die Bedeutungen aller anderen symbolischen Elemente, die zusammen ein größeres, artikuliertes Symbol bilden, werden nur durch die Bedeutung des Ganzen verstanden, durch ihre Beziehungen innerhalb der ganzheitlichen Struktur. Dass sie überhaupt als Symbole fungieren, liegt daran, dass sie alle zu einer simultanen, integralen Präsentation gehören. Wir wollen diese Art von Semantik  präsentativen Symbolismus› nennen, um seine Wesensverschiedenheit vom diskursiven Symbolismus, d.h. von der eigentlichen ‹Sprache› zu charakterisieren.

Die Anerkennung des präsentativen Symbolismus als eines normalen Bedeutungsvehikels von allgemeiner Gültigkeit erweitert unsere Vorstellung von Rationalität weit über die traditionellen Grenzen hinaus und wird doch der Logik im strengsten Sinne niemals untreu. Wo immer ein Symbol wirkt, gibt es Bedeutung; andererseits entsprechen verschiedene Erfahrungstypen, wie Erfahrung durch Verstand, Intuition, Wertschätzung – verschiedenen Typen symbolischer Vermittlung. Jedem Symbol obliegt die logische Formulierung oder Konzeptualisierung dessen, was es vermittelt.« (Langer, S., a.a.O., S. 229)

Symbole sind also nicht nur die diskursiv geordneten Zeichen der Sprache und die präsentativen Symbole der Kunst, sondern alle Produkte menschlicher Praxis, insoweit sie »Bedeutungen« vermitteln. [...] Für alle präsentativen Symbole gilt: Sie »wirken« als Ganzheiten, weil sie aus ganzen Situationen, aus Szenen hervorgehen und Entwürfe für szenisch entfaltete Lebenspraxis sind. [...] Die Welt der Gegenstände als gegenständliche Bedeutungsträger zeichnet weiterhin aus: Präsentative Symbole entstammen einer Symbolbildung, die lebenspraktische Entwürfe unter und neben dem verbalen Begreifen in sinnlich greifbaren Gestalten artikuliert. [...] Artikulation der Ganzheit in ihrer sinnlichen Fülle – das ist der Vorteil der präsentativen Symbole, erkauft mit dem Nachteil, das Erfahrene nicht »auf der Wäscheleine sprachlicher Diskursivität aufhängen« zu können, eingeordnet in das »Regal« der Kategorien der Sprache, der sprachlich gegliederten Bewusstseinsakte. [...]

Die »Artverschiedenheit« der präsentativen von den diskursiven Symbolen verweist auf den Unterschied der Aufgaben beider Symbolsysteme. Die präsentativen Symbole bringen anderes »auf den Begriff« als die diskursiven. Sie artikulieren menschliche Erlebnisse, die der diskursiven »Sprache« unzulänglich sind. So sagt Langer, »dass die Musik Formen artikuliert, die sich durch die Sprache nicht kundtun lassen«. Dies gilt für alle präsentativen Symbolbereiche. Was man verbal begreifen kann, muss man nicht in Bildern oder Tongebilden oder Räumen »sagen«. Die Funktion von Kunst als Ausdruck der Affekte, ihre Wirkung auf Affekte sind alte Themen der Deutung des »Wesens« der Kunst. Hier nun berührt der Langersche Symbolbegriff in der Tat den psychoanalytischen: das Traumsymbol ist Ausdruck des sprachlich nicht zugänglichen Unbewussten, das Traumbild ist die »via regia zum Unbewußten«, zum Verdrängten, d.h. nicht mehr oder noch nicht Sagbaren. [...] Die Weite der bildhaft-präsentativen Abbildungen menschlicher Entwürfe »sinnlicher Lebenssituationen« überschreitet die Reichweite verbalen Begreifens.”

[Lorenzer, Alfred: Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag, 1984, S. 23-32]

Symbolbegriff von Susanne K. Langer zu Alfred Lorenzer:

„S. Langer hat gezeigt, dass es neben der »diskursiven« sprachlichen eine »präsentative« Symbolik gibt, die eine eigene symbolische Ordnung darstellt und sich der diskursiven Ordnung sprachlicher Symbolik entzieht. Ihr gehören vor allem die bildnerischen Darstellung und die Musik, aber auch das Ritual und die symbolischen Ausdrucksformen des Mythos an. Die »präsentative Symbolik« ist eine eigene Art von Semantik und von der sprachlichen wesensverschieden. »Der wortlose Symbolismus ist nicht-diskursiv und unübersetzbar ... und kann das Allgemeine direkt nicht vermitteln« (Langer, 1979, S. 103). Langer verlegt die Gestaltwahrnehmung bereits in die Sinnesorgane. Es gibt nach ihr einen »unbewussten ‘Sinn für Formen’, der die primitive Wurzel für alle Abstraktionen ist ... ‘Sehen’ ist selber schon ein Formulierungsprozess - unser Verständnis der sichtbaren Welt beginnt im Auge« (1979, S. 96 f.). Auf dem Hintergrund der Langerscher Philosophie erscheinen diese Ausführungen jedoch eher bildlich als eigentlich physiologisch gemeint. Der Akzent liegt immer auf der Bildung einer gestalthaften Vorstellung, und diese vollzieht sich sicherlich zentral und nicht in den peripheren Sinnesorganen.     

Lorenzer, der die Freudsche Auffassung der Sonderung von Wort- und Sachvorstellung bei der Verdrängung in subtiler Weise interpretiert, stützt sich auf Langers Ausführungen (1983, S. 108). Wortvorstellungen und Erinnerungsspuren bilden bei ihm zusammen erst eine symbolische Einheit, die »’symbolische Interaktionsform’ ... die Bildung von Bedeutungsträgern, d. h. die Symbolisierung, beginnt nämlich schon vorsprachlich und unabhängig von der Einführung der Sprache« (ebd., S. 105 und 106), und zwar in der Niederschrift »sensomotischer Erinnerungsspuren«.

Wenn ich Lorenzer richtig verstehe, dann liegt bei ihm - im Unterschied zu Langer, die immer Vorstellungsstrukturen vor Augen hat - der Akzent auf einem physiologisch begründeten, einsomatisierten, reflexhaften Interaktionsmuster. Der Vorstellungsgehalt tritt in den Hintergrund (obgleich auch bei Lorenzer das einsomatisierte Interaktionsmuster Bedeutungsträger ist). Darauf verweist auch sein »Klischee«-Begriff. Die Verdrängung beruht nach Lorenzer in der Desymbolisierung des Sprachsymbols, durch welches dieses »aus der Sprache exkommuniziert« und zum »Klischee« wird. Das bedeutet die Aktzentverschiebung von einer vorstellungsmäßigen auf eine instinktuelle Ebene: »Das bisher symbolvermittelte Verhalten gewinnt nun die Züge eines klischeebestimmten Verhaltens, das sich ... mit der Starrheit, Zwangsläufigkeit ... einer Trieb-Dressurverschränkung durchsetzt« (1970, S. 104).

Das Klischee repräsentiert einen szenisch-situativen Aspekt, der »umweltgebunden, d. h. nur durch einen [äußeren] Stimulus provozierbar, dann aber zwangsläufig [ist]« und »eines scenischen Arrangements zur Auslösung bedarf« (ebd., S. 120 bzw. S. 97). Die Tendenz des Verdrängten, von »innen« her wieder ins Bewusstsein vorzustoßen, zur Wiederkehr, wird von Lorenzer vernachlässigt (vgl. Moersch, 1976, S. 530).

Für uns wesentlich ist der dem Klischee zugeschriebene starre, instinktähnliche Charakter, der sich nicht mehr im Rahmen des Symbolbegriffs unterbringen lässt.“

[Fetscher, Rolf: „Das Selbst, das Es und das Unbewusste“. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 39. Jahrgang, März 1985, S. 262-264]

“Die Unterscheidung von S. Langer in eine »diskursive« und eine »präsentative Symbolik« eignet sich nicht, um die von uns gemeinten verschiedenen Ebenen der Symbolbildung zu unterscheiden. Die »präsentative Symbolik« ist eine Ordnung »neben« und nicht »unter« der sprachlich-diskursiven. Sie reicht weit über den Bereich der »prälogisch-mythischen« Symbolik hinaus und umfasst in ihren künstlerischen Bildungen hoch entwickelte und hochintellektualisierte symbolische Ausdrucksformen. Allerdings reicht sie auch in tiefere, ursprünglichere Bildungsschichten hinab, ist stark mit emotionalen Momenten verknüpft und nimmt in ihren Vorstellungsformen in Mythos und Ritus eine »tiefere Rangstufe« ein (vgl. Langer, 1979, S. 115).”

[Fetscher, Rolf: „Das Selbst, das Es und das Unbewusste“. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 39. Jahrgang, März 1985, S. 267 Anm. 9]

Symbol

Die Verwendung des Terminus "Symbol" ist nicht allgemein verbindlich festgelegt; gleichwohl gelten Symbole in der Regel als Elemente sowohl verbaler als auch non‑verbaler Sprache(n). Symbole als Bedeutungs‑ und Informationsträger repräsentieren etwas von ihnen Unterscheidbares (Gegenstände, Tätigkeiten, Ereignisse, Begriffe u. a.). Die Beziehung der Symbole zu den repräsentierten Objekten ist entweder konventionell (z. B. Wortsymbole, Symbole der formalen Logik) oder bildhaft im Sinne einer Ähnlichkeitsrelation (icon).

Die situationsinvariante (instrumentelle) Verwendbarkeit der Symbole folgt aus der Trennung von Symbol und Objekt. Die auf dieser Distanzierung von unmittelbarer Praxis basierende Vorstellungsleistung der Symbole ist eine Bedingung für Denken. Solches symbolisiert nach innen verlegtes Erproben von Handlungsmöglichkeiten (z.B. Antizipation und Rekonstruktion), schafft seinerseits die Voraussetzung für zielorientiertes Handeln.

S. K. Langer unterscheidet wortlos‑präsentative von verbal‑diskursiven Symbolen. Präsentative Symbole meinen rein konnotative Kondensate vergangener Erfahrung, die keine Übersetzung im Sinne einer Definition innerhalb des eigenen Systems zulassen. Sie sind die elementare Darstellung emotionalen Materials, als solche zwar vorbegrifflich, nicht jedoch vorrational. Präsentative Symbole sind prinzipiell in diskursive Symbole transformierbar. Der diskursive Symbolismus der Sprache zeichnet sich u. a. aus durch Syntax, konventionalisierte Beziehungen von Symbolen und Objekten und Substitutionsmöglichkeiten. Er ermöglicht Generalisierung und Intersubjektivität, mit anderen Worten, diskursive Symbole vermitteln Begriffe.

Gemäß dem psychoanalytischen Ansatz A. Lorenzers ist die Symbolbildung bipolar angelegt: Das Ich als Organisator verarbeitet die vom Unbewussten freigegebenen Inhalte; damit gilt das Symbol als Produkt eines Erkenntnisprozesses. Dieser Vorgang verläuft auf zwei Ebenen: im Bereich der "Primärorganisation" als präsentativer, im Bereich der Sekundärprozesse als diskursiver Symbolismus. In diesem Sinne hat ein Symbol zwei Funktionsebenen: als bewusste besetzbare Repräsentanz eine triebökonomisch‑dynamische, als verbales Symbol eine kognitiv‑instrumentelle. Sprache ist demzufolge ein mehrschichtiges Symbolsystem mit präsentativ‑individuellen und diskursiv‑intersubjektiven Anteilen.

Literatur:

(1) E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, Bd. 1‑111, Darmstadt 1964;

(2) N. Goodman, Sprachen der Kunst, Ein Ansatz zu einer Symboltheorie, Frankfurt 1973;

(3) S. K. Langer, Philosophie auf neuem Wege, Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst, Berlin 1965;

(4) A. Lorenzer, Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, Frankfurt r970;

(5) G. H. Mead, Geist, Identität und Gesellschaft, Frankfurt 1973.

[Utzmann, U.: “Symbol”. In: Braun, Edmund / Radermacher, Hans: Wissenschaftstheoretisches Lexikon. Graz / Wien / Köln: Styria Verlag, 1978]

«Wir verfügen über zwei Symbolsysteme: das eine ist die Welt der präsentativen Symbole, die ganzheitlich-bildhaft und dramatisch organisiert ist, sie ist sinnlichkeits- und körpernah, und man kann gewissermaßen darin noch die präsentativen „Subkulturen“ der musikalischen pantomimischen, architektonischen metaphorisch-verbalen (dichterischen) und theatralischen Kommunikation unterscheiden. Individuen, aber auch Gruppen und Gesellschaften symbolisieren und verhandeln beständig ihre Lebensentwürfe, Wünsche und Ängste auf diesen präsentativen Ebenen, die bereits zueinander durchaus in Spannung stehen können.

Die zweite große Symbolwelt ist die der diskursiven Symbolik, die rational-verbal, mit hintereinandergereihten Elementen und Argumenten, eher additiv, zerlegbar (oder kürzbar) organisiert ist, so wie der vorliegende Text, etwa im Unterschied zu einem Liebesgedicht, einer Spielszene oder einem Lied. Eine verstehende Psychologie hat es mit dem einfühlsamen und nachzeichnenden In-Beziehung-Setzen der Lebensäußerungen von Menschen auf den verschiedenen genannten Ebenen zu tun.»

[Ottomeyer, Klaus: “New Age”, in: Psychologie heute, Januar 1991, 18. Jahrgang, Heft 1, S. 62-63]