DIFFERENZ

Diferencia

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Différance nach Derrida / Identität / Nation / Kultur / Arbor Porphirii

 

„Omnis determinatio est negatio“ (Spinoza) = alles lässt sich zweiteilen 

«Worin die Übereinstimmung besteht, darin liegt auch die Differenz.»

[Martin Heidegger: Schelling. Vom Wesen der menschlichen Freiheit. 1936, S. 223]

«Die Differenz ist nur dort möglich, wo zum voraus Einstimmigkeit im Wesentlich herrscht.»

[Martin Heidegger: Schelling. Vom Wesen der menschlichen Freiheit. 1936, S. 234]

„Bei Saussure ist die Dialektik von Differenzialität und Sinnschöpfung noch streng beachtet: da die unartikulierte Schallmasse an sich ebenso bedeutungslos ist wie der präsignifikante Sinn amorph, Bedeutung also erst im Schnittpunkt (Differential) beider – und als Ergebnis einer artikulatorischen Abgrenzung – sich einstellt, kann keines für den Grund des anderen – oder die Differentialität für den anonymen Grund beider – gelten: «C’est la différence que rend significatif et c’est la signification qui crée les différences aussi» (Cahiers F. de Saussure 15 [1967], 76).”

[Frank, Manfred: „Die Entropie der Sprache. Überlegungen zur Debatte Searle-Derrida.” In: ders.: Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französischen Hermeneutik und Texttheorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1980, S. 208 Anm. 52]

Differenz

In einem Aufsatz über die unterschiedlichen Bedeutungen, die dieser Terminus allein schon in der FEMINISTISCHEN Literaturtheorie hat, stellt Michèle Barrett überrascht fest, was alles 'in dieses aufnahmefähige Konzept hineingepackt werden kann', und weiter, dass auch keineswegs Klarheit darüber herrscht, was der Begriff je nach Kontext bedeutet (1989, 38). Vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten ist der Differenzbegriff sehr in den Vordergrund getreten.

Ein Schlüsselwerk in diesem Zusammenhang ist Ferdinand de Saussures Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Saussure geht davon aus, dass die Sprache wie ein System von Oppositionen oder Differenzen funktioniert – dass, wie er es formuliert, 'bei einem Sprachzustand alles auf Beziehungen' beruht (1967, 147). So meint er etwa, dass das französische Wort mouton und das englische Wort sheep dieselbe Bedeutung (signification) haben, nicht aber denselben Wert (valeur) besitzen, weil das eine französische Wort im wesentlichen zwei englischen Wörtern entspricht: sheep und mutton. Der Wert des Wortes sheep ist teilweise auch dadurch bestimmt, dass es nicht mutton ist – also von mutton differiert.

'Was von den Wörtern gesagt wurde', fügt Saussure hinzu, 'findet Anwendung auf jedes beliebige Glied der Sprache, z.B. auf die grammatikalischen Erscheinungen' (1967, 138). Zweifellos gilt das für das Lautsystem, insofern als es nicht notwendig ist, dass alle Sprecher einer Sprache genau gleich klingende Phoneme produzieren, sondern dass dieselben lautlich signifikanten Differenzen zwischen Lauten erkannt werden. Auf syntaktischer Ebene unterscheidet Saussure zwischen SYNTAGMATISCHEN und PARADIGMATISCHEN Entscheidungen und liefert damit zwei Hauptachsen bedeutungsgenerierender Differenz in der Syntax.

Saussures Arbeiten waren von größter Bedeutung für die Entwicklung einflussreicher theoretischer Bewegungen, wie etwa des STRUKTURALISMUS, und die Auffassung, dass Differenzen oder Verschiedenheiten wichtiger sind als Identität oder PRÄSENZ, ist inzwischen in einer Reihe theoretischer Richtungen fest verankert. Derridas Neuprägung DIFFÉRANCE ist eine Weiterentwicklung des Saussureschen Begriffs – wobei allerdings der Sprössling seinen Stammvater dekonstruiert hat. Die Auffassung, dass bei der Bedeutung (signification) das, was etwas ist, davon abhängt, was es nicht ist (Bedeutung also zumindest zu einem Teil dadurch hervorgebracht wird, dass sich etwas von dem unterscheidet, was nicht gemeint ist), weist klare Berührungspunkte mit Theorien auf, die sich mit der Rolle bestimmender ABSENZEN bei der INTERPRETATION komplexer TEXTE – einschließlich literarischer Texte – beschäftigen. BEDEUTUNG wird in literarischen und KULTURELLEN Texten zum Teil (oder in den Augen jener, für die Bedeutungssysteme geschlossen sind, vollkommen) durch paradigmatische Ausschließung generiert, durch die Differenz zum Nicht‑Gemeinten. Ein eleganter dreiteiliger Herrenanzug erhält zumindest zu einem Teil seine Bedeutung auch durch das, was er nicht ist, durch die Differenz, die ihn von anderen Kleidungsstücken unterscheidet.

Jonathan Culler will einige dieser Erkenntnisse auch auf die Literatur anwenden:

Wenn es in der Sprache nur Verschiedenheiten und keine positiven Einzelglieder gibt, so haben wir in der Literatur noch viel weniger Grund dazu, das Spiel der Differenzen zu hindern, indem wir eine bestimmte kommunikative Intention als Wahrheit oder als Ursprung des Zeichens anrufen. Stattdessen behaupten wir, dass ein Gedicht viele Dinge bedeuten kann. (1975, 133)

In ihrem eingangs erwähnten Aufsatz nennt Michèle Barrett einige repräsentative Beispiele dafür, wie der Differenzbegriff von der feministischen Literaturtheorie aufgegriffen und weiterentwickelt worden ist:

(i) Differenz wird als 'sexuelle Differenz' aufgefasst; man geht (zum Beispiel in der psychoanalytischen Diskussion) von einer ESSENTIALISTISCHEN Konzeption GESCHLECHTsbedingter Identität und Subjektivität aus und weist die Unterscheidung zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht ausdrücklich zurück;

(ii) man fasst – stärker an Saussure angelehnt – Bedeutung auf als positions‑ oder beziehungsbestimmt, wobei etwa in Form einer POSTSTRUKTURALISTISCHEN und anti‑MARXISTISCHEN Totalitätskritik Geschlecht, RASSE und KLASSE als ORTE der Differenz (und nicht, wie Barrett betont, Orte der Machtausübung) betrachtet werden, und DEKONSTRUIERT die Auffassung von geschlechtsbedingter Subjektivität;

(iii) der Begriff der Differenz wird in einem allgemeineren Sinn gebraucht, um Pluralität und Diversität, etwa innerhalb des Feminismus, zu betonen. Barrett ist der Ansicht, dass die Verwendung des Differenzbegriffs in diesen verschiedenen Kontexten nicht vereinbar ist, und schlägt daher vor, auf andere Termini auszuweichen.

 [Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]

Die symbolische Differenz gründet die sexuelle Differenz, nicht umgekehrt. Erst durch diese Verknüpfung wird die Psychoanalyse für eine politische Analyse relevant: keine Sexualität ohne Begehren, kein Begehren ohne Macht. Aber das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist primär kein Machtverhältnis: darin liegt der Irrtum mancher Emanzipationsbewegung, die nur Ideologien für Mittelstandsangehörige produziert.“

[Lipowatz, Athanasios: Die Verleugnung des Politischen. Die Ethik des Symbolischen bei Jacques Lacan. Weinheim und Berlin: Quadriga Verlag, 1986, S. 22 Anm. 27]

Die Differenz und die Differenzen:

„Nur durch die Anerkennung der Unvermeidlichkeit von Macht ist die notwendige Bedingung dafür gegeben, dass Macht, vermittels des symbolischen Mediums, real begrenzt werden kann. Verrücktspielen wie zwanghaftes Kritisieren sind zwei Varianten des Position, die dies leugnet, und den latenten Wunsch, selbst an der Macht beteiligt zu werden, verdrängt.

Dabei wird der Narzissmus, der durchaus eine Haltungsnotwendigkeit ist, zu einer Denknotwendigkeit erhoben, was er nicht ist. Wenn das Denken den Menschen überhaupt etwas bringen kann, dann indem es ihnen ermöglicht, Fantasmen der Macht in Frage zu stellen. Verwischt man also diese Differenz, gibt man freilich das Einzige preis, woran man sich halten kann. Für die mimetische Haltung hingegen gilt, dass, wenn die Differenz zwischen «richtig» und «falsch» sich an der Wahrheit misst, man sich auf die schlechten Verhältnisse einlässt und damit das «wahre Selbst» befleckt. Die Frage nach der Wahrheit ist also mit der nach der Differenz untrennbar verbunden.

Gleich zu Beginn stellt sich die Frage: welche Differenz? Es gilt, die Differenz von den Differenzen zu unterscheiden. Dass die Menschen unterschiedlich sind, führt nicht zu der Annahme dass jedem «das seine» gilt. Die nominalistische Auffassung setzt die Differenzen nur in Plural, als «konkret» und «empirisch», d.h. anwesend und sichtbar, nicht partiell, sondern absolut. Die Differenz wird gesprengt: das Reale wird dem Symbolischen unvermittelt gegenübergestellt. Es ist nicht möglich, auf diese Art die totale Vereinzelung, den Solipsismus, die Unmöglichkeit der Verständigung zu vermeiden. Eine romantische Ästhetik absorbiert hier (bestenfalls) alle Lebensäußerungen; eine Politik und eine Ethik sind nicht mehr möglich. Dabei kann jede vertretene Position in ihrer Beliebigkeit, Ambivalenz und Instabilität eine Legitimität, allein aufgrund ihres faktischen Vorhandenseins, beanspruchen. Diese Vorstellung von den Differenzen bleibt notwendigerweise offen für jede mögliche politische Position, von extrem rechts bis extrem links.

Die Differenz, auf die es uns hier ankommt, als symbolische, unsichtbare, abwesende, partielle Differenz, ist die minimale, notwendige Bedingung, um mit der Willkür fertig zu werden. Teilweise: weil, wenn man eine «fixe» und «ganze» Lösung zu erreichen versucht, die Differenz in eine Identität, Eigenschaft, Einheit umkippen und darin erstarren wird. Dieser Differenz kommt in der Psychoanalyse eine fundierende Funktion zu. Denn sie setzt die Nichtidentität des Realen mit dem Symbolischen und beide sind weder deckungsgleich, noch beziehungslos zueinander. Für das Subjekt bedeutet das die Disjunktion zwischen dem Aussagen und der Aussage, zwischen der Existenz und der Essenz d.h. seine Spaltung, aufgrund der es begehrend ist und Geschichte hat. (Die symbolische Differenz gründet die sexuelle Differenz, nicht umgekehrt. Erst durch die Verknüpfung wird die Psychoanalyse für eine politische Analyse relevant: keine Sexualität ohne Begehren, kein Begehren ohne Macht. Aber das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist primär kein Machtverhältnis: darin liegt der Irrtum mancher Emanzipationsbewegung, die nur Ideologien für Mittelstandsangehörige produziert).

Die Auflösung der Differenz in Differenzen ist sehr «in»: sie gibt die Illusion von Differenz in einer nivellierten Gesellschaft. Die Differenzen sind kein Hindernis für eine imaginäre Einheitsstiftung; im Gegenteil, das individuelle Leben kann leicht dadurch auf das kollektive projiziert werden und umgekehrt. Die vielen kleinen Differenzen werden massenweise erzeugt und anschließend zur Masse vereinheitlicht. Der «Narzissmus der kleinen Differenzen» konstituiert das Besondere in jeder sozialen Gruppierung, und nichts ist unerträglicher und anstrengender als das differenzierende und isolierende Denken und Handeln des Subjekts gegen den Strom des Konformismus.

Konformismus in allen seinen Formen, einschließlich des programmatischen Nonkonformismus, gibt es in allen Gesellschaften. Doch um ihm teilweise zu entrinnen, muss man bereit sein, notfalls allein zu bleiben, d.h. die Position des Ausgeschlossenen auf sich zu nehmen. Die Unfähigkeit, die Differenz von den Differenzen zu unterscheiden, liegt darin begründet, dass die erste den differentiellen Charakter des Symbolischen ausmacht, während letztere die imaginären Varianten in Norm, Interesse und Geschmack darstellen.

Die symbolische Differenz impliziert kein «alternatives Anderssein». Es ist nichts leichter als «anders» sein zu wollen. Es ist der ewig erneuerte Anspruch auf die passende Identität (wie nach dem passenden Kleid, der Maske): die einen suchen eine möglichts sozialkonforme Identität, die anderen eine möglichts nonkonforme (egal ob rechts oder links). Aber alle «Alternativen» befinden sich auf diese Weise in einem eindimensionalen Raum der Identität, des Anspruchs, der Rolle der Macht. Das ist die ontologische Ebene des Seins.

Demgegenüber impliziert die symbolische Differenz ein «Anders-als-sein», das Verlassen der Eindimensionalität des Anspruchs und der Suche nach Identität, die Akzeptierung des Begehrens und des Realen, der Unmöglichkeit des Mit-sich-selbst-identisch-sein. Das Anders-als-sein ist die Öffnung zum Anderen hin, das Überantwortetsein dem Anderen, die Möglichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden zu realisieren, ohne der humanistischen Ideologie zu verfallen.

Der Humanismus war immer durch die Schwäche gekennzeichnet, den Abstand zwischen den Worten und den Taten zu überbrücken. Die Sonntagspredigten über Gleichheit und Brüderlichkeit haben nicht die reale Ungleichheit und Entfremdung aus der Welt geschafft. Angesichts dieser Verblendung und Illusion des christlichen, atheistischen oder sozialistischen Humanismus bestand die Alternative darin, statt die Einheit, die Differenzen hervorzuheben.”

[Lipowatz, Thanos: Die Verleugnung des Politischen. Die Ethik des Symbolischen bei Jacques Lacan. Weinheim und Berlin: Quadriga Verlag, 1986, S. 16-18]

„Eine andere Bezeichnung für den Kurzschluss zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, durch den ein partikularer Inhalt die Oberhand über das Allgemeine gewinnt, ist natürlich die Vernähung [la suture]: Das Verfahren der Hegemonie »vernäht« das leere Allgemeine mit einem partikularen Inhalt. Aus diesem Grund muss F. W. J. Schelling als der Urheber des modernen Begriffs der Ideologiekritik betrachtet werden: Er war der Erste, der den Begriff der »falschen« Einheit und/oder Allgemeinheit ausarbeitete. Für ihn liegt das »Böse« nicht in der Spaltung (zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen), sondern vielmehr in deren »falscher«/verdrehter Einheit, das heißt in einer Allgemeinheit, die in Wirklichkeit aber einen beschränkten, einzelnen Inhalt privilegiert und in diesem selbst unablöslich »verankert« ist. Schelling hat folglich als Erster den grundlegenden Prozess der Ideologiekritik ausgearbeitet: Die Geste, noch unterhalb des Erscheinens neutraler Allgemeinheit (etwa »der Menschenrechte«) den privilegierten Inhalt (etwa »weiße Männe der gehobenen Mittelklasse«) zu erkennen, der sich dieser Allgemeinheit »bemächtigt«. Vgl. dazu das erste Kapitel in Slavoj Zizek, Der nie aufgehende Rest, Wien 1996.“

[Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001, S. 238 Anm. 6]

“Butler betont, dass die Differenz, die eine partikulare gesellschaftliche Bewegung charakterisiert, nicht die äußerliche Differenz zu anderen Bewegungen ist, sondern ihre innere Selbst-Differenz – und, Laclau folgend, bin ich dazu geneigt zu behaupten, dass diese Differenz das Feld für die Einschreibung des Allgemeinen ist –, dass die Allgemeinheit in ihrer tatsächlichen Existenz die gewaltsame, spaltende Selbst-Differenz ist, die ein partikulares Moment daran hindert, seine Selbst-Identität zu erlangen (also etwa die Selbst-Differenz der Queer-Bewegung zwischen ihren Einzelforderungen und ihrer allgemeinen antikapitalistischen Stoßrichtung). Butler sagt, dass die Allgemeinheit der Schauplatz gewaltsamer Auslöschung und Ausschließung ist, und zeigt wie man sich aus diesem Grund dagegenstellen sollte – im Unterschied zu ihr würde ich aus demselben Grund plädieren, es zu verteidigen.”

[Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001, S. 314 Anm. 62]