DATIV - DATIVOBJEKT

Dativo - Objeto indirecto

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Complemento indirecto / Angabe / Ergänzung /  Objekt / Komplement / Agens / Dativ / Akkusativ / Präpositionalobjekt / Prädikative Ergänzung / Umstandsbestimmung / Existimatorische Angaben / Transitivität vs. Intransitivität

 

«Dativ

3. Fall, Wem-Fall. Man kann den Dativ mit der Hilfsfrage Wem? ermitteln.

Der Trainer gab dem Mannschaftsführer einen guten Tipp.

Wem gab er einen guten Tipp? – dem Mannschaftsführer.

Der Dativ zeigt im Satz das Dativobjekt an und drückt dann aus, wem eine Handlung gilt.

Der Bauführer winkt dem Kranführer zu.

Außerdem kann er nach einer Reihe von Präpositionen (Verhältniswörtern) stehen.

Wir segeln bei schönem Wetter mit frischem Wind auf der Ostsee.

Dativobjekt

Ein Satzglied im Dativ (3. Fall), das vom Verb (Tätigkeitswort) verlangt wird.

Das Buch gehört meinem Freund.

Das Dativobjekt wird auch indirektes Objekt genannt; in dieser Bezeichnung kommt zum Ausdruck, dass die Handlung den im Dativ Genannten nicht direkt, sonder nur indirekt betrifft.

Der Hund gehorcht dem Herrchen.

Der Briefträger bringt dir einen Eilbrief.

Dass das Dativobjekt eher indirekt ist, wird auch dadurch deutlich, dass man es öfter weglassen oder auch durch ein präpositionales Objekt ersetzen kann. Für das Akkusativobjekt gilt das nicht.

Der Briefträger bringt einen Eilbrief.

Der Hund gehorcht.

Wem der Eilbrief gebracht wird, wem der Hund gehorcht, das kann man sich denken.»

[Bünting, K.-D. / Eichler, W.: Grammatik-Lexikon. Frankfurt a.M.: scriptor, 1989, S. 34-35]

«Drei Dativkonstrukte sollen von der Dativergänzung unterschieden werden, da sie eigentümliche morphosyntaktische Merkmale bzw. Abhängigkeitsverhältnisse aufweisen:

·      Der ‘dativus commodi’, wenn er durch eine mit für eingeleitete Präpositionalphrase ersetzt werden kann: Wir bauen unseren Kindern [für unsere Kinder] ein Gartenhaus.  

            Dagegen: Das gehört dir [*für dich].

·      Der ‘dativus ethicus’, weil er nur auf die 1. und 2. Person beschränkten Pronominalausdruck kennt, stets unbetont ist und nie an erster Stelle im Satz erscheint: Es ist mir eine verrückte Nacht. Er stellt eine Ergänzung, die allerdings im Unterschied zum ‘dativus commodi’ kompatibel mit einer anderen Dativergänzung ist: Gib mir ja der Erbtante die Hand.

·      Der ‘dativus possessivus’, welcher Lebewesen bezeichnet, denen Körperteile bzw. mit dem Körper in unmittelbarem Kontext stehende Gegenstände gehören, die im Nominalkern einer Akkusativ-, Situativ- bzw. Direktivergänzung ausgedrückt werden: Sie sitzt der Mutter auf dem Schoß.  Er sah ihr ins Gesicht. Es handelt sich hier um eine Ergänzung, nicht aber um ein Satzglied, da dieser Dativ nicht vom Verb, sondern con einem Nomen regiert wird.» [Cartagena/Gauger, Bd.1, S. 436]

Die Dativergänzung – Complemento indirecto

«Aus den lateinischen Grammatiken werden die Benennung Dativ und die formalen Eigenschaften für die Bestimmung der spanischen Dativergänzung übernommen.

Aus terminologischer Sicht plädieren Funktionalisten wie Gutiérrez (1977-78), Alarcos (1994) u.a. und Generativisten wie Hernanz/Brucart (1987) für die notwendige Unterscheidung complementos indirectos und dativos (superfluos). Die Benennung superfluos ist im Sinne fakultativ von Bello (1841) geprägt.

Dagegen gibt es auch Wissenschaftler, die eine einzige Benennung anwenden, entweder complemento indirecto (Alcina/Blecua, 1975; Cano Aguilar, 1981) oder dativos (Delbecque/Lamiroy, 1992).

Ich bevorzuge die Bennenungen complemento indirecto und dativo (superfluo), denn mit diesen Termini wird die Veranschaulichung von unterschiedlichen Arten von Dativen gewährleistet, deren Unterscheidung auf morphosyntaktische Eigenschaften gründet. Die Benennung Dativ wird in der Hispanistik von Cano Aguilar (1983:80) gerechtfertigt, womit ich übereinstimme.

Die Dativergänzung wird im Spanischen durch die Präposition a eingeleitet, was im Deutschen durch den Kasus wiedergegeben wird. Es wurde lange die Meinung vertreten, dass die Präposition para auch als formales Zeichen einer Dativergänzung gilt. Bello (1841), Alarcos (1980), Vázquez (1995), Campos (1999) und Gutiérrez (1999) schließen diese Möglichkeit anhand unterschiedlicher Verfahren aus, wie z.B. die Präposition para drückt Finalität aus und beide Präpositionen a und para können in einer gleichen Äußerung vorkommen und deshalb müssen zwei unterschiedliche Funktionen berücksichtigt werden:

Trajo a mi tío un regalo para los niños.

Er brachte meiner Tante ein Geschenk für die Kinder. [...]

Es gibt andere formale Dativeinheiten, die als Sondererscheinungen gekennzeichnet worden sind: Dativus sympathicus, Dativus incommodi, Dativis ethicus, Pertinenzdativ  oder Dativus possessivus.

Der Status dieser Einheiten als Angabe oder als Ergänzung ist heutzutage ein strittiges Thema und dementsprechend findet man gegensätzliche Ansätze.»

[Domínguez Vázquez, María José: Die Präpositivergänzung im Deutschen und im Spanischen. Zur Semantik der Präpositionen. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2005, § 3.4]

Dativ, der (lat. dare = geben) [auch: Wemfall]: Kasus des Objekts, auf das die Handlung des Subjekt bezogen ist: „interessierter“ Teilnehmen an der Handlung.

Freier Dativ: Strukturell für den Satz nicht notwendiges, freies Satzglied (im Unterschied zum notwendigen Dativ-Objekt.

a) Dativ des Interesses [dativo de interés] (es geschieht oder ist etwas um einer Person willen:

     dativische Angabe, die Anteilnahme des Sprechers ausdrückt).

     B:   | Die Mutter kocht dem Sohn das Essen.

b) Dativus ethicus [ dativo ético] (eine Person nimmt an Geschehen oder Sein innen Anteil).

     B:   | Das ist mir dafür gerade der Richtige.

In den lateinischen Grammatiken unterschied man dativus commodi / ethicus / finalis. Er ist - mit anderen Objekten verglichen - das einzige, das kein Adjunkt sein kann. Er ist der typische Fall des indirekten Objekts. Im Altgriechischen hat den Dativ auch lokativische und instrumentale Funktion.

«Dativ: Ursprünglich bezeichnete der Dativ eine an der Handlung beteiligte Person, die nicht das eigentliche Ziel  der Handlung darstellt, aber zu deren Nutzen, Schaden, Vorteil, Nachteil usw. die Handlung gereicht. Natürlich ist diese ursprüngliche Funktion des Dativs in den meisten Fällen nicht mehr wahrnehmbar; man kann sie aber beispielsweise bei den sog. Õ freien Dativ noch deutlich erkennen.

Der Dativ kann, wie im Beispielsatz Sie gab das Buch ihrer Kollegin, als Objekt beim Verb stehen; man spricht dann von einem indirekten Objekt. Tesnière nannte das Dativobjekt den „3. Aktanten“, Erben und Engel sprechen von „E3“ und Engel schließlich von „Edat“.

Als sog. „Objekt zweiten Grades“ steht der Dativ ferner nach Adjektiven wie z. B. ähnlich (Sie ist ihrer Schwester ähnlich). Engel nennt solche Dative AE3, Erben „e3“.

Nach einigen Präpositionen muss regelmäßig der Dativ gebraucht werden; er bildet mit ihnen zusammen entweder eine Õ Adverbialbestimmung oder ein Õ präpositionales Objekt. Bei lokalen Präpositionen ist der Gebrauch des Dativs davon abhängig, ob ein Objekt - erfragbar mit wo? - (und nicht eine Richtung, erfragbar mit wohin?) bezeichnet werden soll, vgl. in der Ecke (stehen), an der Wand (lehnen) (gegenüber in die Ecke (stellen), an die Wand (nageln)). (Dies gilt nur für Adverbialbestimmungen; wenn eine ursprünglich lokale Präposition zur Bildung eines Präpositionalobjektes verwendet wird, ist der Kasus festgelegt; z. B. auf jemanden warten.)

Ohne direkte Abhängigkeit von einem anderen Satzteil kann der Dativ als sog. freier Dativ, also als freier Zusatz im Satz stehen. Man kann drei (wenn man die beiden Untertypen commodi/incommodi einzeln zählt, auch vier) Typen freier Dative unterscheiden:

Dativus commodi / incommodi

Der Dativus commodi / incommodi (lat.: Dativ des Vorteils / des Nachteils) gibt unabhängig von der Rektion des Verbs die Person an, zu deren Nutzen oder Schaden sich die Handlung vollzieht. So regieren etwa die Verben kochen oder waschen keinen Dativ, sondern nur einen Akkusativ: Er hat Spaghetti gekocht / Sie hat das Auto gewaschen. Unabhängig von dieser Rektion des Verbs kann der Satz jedoch mit einem freien Dativ erweitert werden: Er hat ihr Spaghetti gekocht / Sie hat ihm das Auto gewaschen. Diese Dative geben eine Person an, zu deren Nutzen die Handlung geschieht. Ein Dativus incommodi liegt demgegenüber in den folgenden Beispielsätzen vor: Er hat ihr das Auto zu Schrott gefahren / Die Spaghetti sind ihm zu Mus verkocht. Hier gibt der Dativ die Person an, zu deren Nachteil etwas geschieht.

Eine Gleichbehandlung von Dativergänzungen (die von bestimmten Verben regiert sein müssen) und Dativus commodi/incommodi führt zu Schwierigkeiten.

Zur Unterscheidung von Dativobjekt und Dativus commodi schlagen Helbig/Buscha eine Ersetzungsprobe vor: immer dann, wenn sich der Dativ durch eine präpositionale Fügung mit für ersetzen lässt, liege kein Objekt, sondern ein commodi vor. Vgl. die Dativobjekte in: Sie schenkte ihm ihre Comics-Sammlung (*Sie schenkte für ihn ihre Comics-Sammlung); Sie schrieb ihm einen Brief (Sie schrieb für ihn einen Brief  ist zwar möglich, hat aber eine andere Bedeutung), usw. Hingegen läßt sich in den obigen Beispielen der commodi durch eine Wendung mit für ersetzen: Sie hat den Wagen für ihn in die Garage gefahren, Er hat für sie Spaghetti gekocht. Eisenberg argumentiert dagegen, dass im Satz Sie hat ihm einen Lolli gekauft ein „anerkanntes“ Dativobjekt vorliege, obgleich es sich durch für ihn ersetzen lasse.

Im Unterschied zum Dativus commodi kann der incommodi nicht durch eine Wendung mit für ersetzt werden; hier sind kompliziertere Paraphrasen wie zum Schaden/Nachteil von o. ä. nötig, z. B.: Er hat zu meinem Schaden drei Gläser kaputtgemacht. Dort, wo ein Objektsdativ einen Geschädigten ausweist (z. B.: Er hat mir sehr geschadet), ist eine solche Umschreibung wiederum nicht möglich (*Er hat zu meinem Nachteil geschadet).

Es gibt noch eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Dativobjekt und freiem Dativ, die in der Auseinandersetzung um die Frage, wie der jeweilige Dativ einzuordnen ist, bislang nicht berücksichtigt wird: Im Unterschied zu Dativobjekten müssen freie Dative stets vor anderen Objekten stehen. „Echte“ Dativobjekte können hingegen auch nachgestellt werden. Vgl.:

Sie hat das Manuskript dem Verlag vorgelegt.

Sie hat den Lolli ihrem Sohn geschenkt.

gegenüber

(?) Sie hat den Lolli ihrem Sohn gekauft.

*Er hat das Mittagessen seiner Freundin gekocht.

*Sie hat den Wagen ihrem Vater gewaschen.    usw.

Eine salomonische Lösung bestünde darin, Fälle, in denen der Dativ besonders häufig auftritt, als eine Übergangsphase zwischen Dativus commodi und Objektskasus anzusehen.

Dativus possessivus

Der Dativus possessivus (lat.: ‘besitzanzeigender Dativ’) oder Pertinensdativ (von lat. pertinere ‘sich erstrecken auf’, ‘angehen’) ersetzt das Possessivpronomen oder den Genitivus possessivus. Bei Körperteilen ist der possessive Dativ in bestimmten Konstruktionen im Deutschen (zumindest stilistisch) zwingend: Sie klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter (‘meine Schulter’), Sie mochte ihm nicht mehr in die Augen sehen (‘in seine Augen’), Alle schüttelten der Preisträgerin die Hand (‘die Hand der Preisträgerin’) usw. Bei Engel wird der possessive Dativ als „Nomenergänzung“ betrachtet und trägt die Bezeichnung Ep3; bei Engel (1988) wird er unter die Attribute eingeordnet. Demgegenüber bemerkt Erben (1980), dass die Unabhängigkeit des possessiven Dativs vom Verb keineswegs erwiesen sei, also auch eine Einordnung als Ergänzung in Frage käme. Tatsächlich sind solche Dative nicht weglassbar: *Sie mochte nicht in die Augen sehen. In einigen Dialekten hat sich der possessive Dativ soweit verselbständigt, dass er auch zusammen mit dem Possessivpronomen gebraucht werden kann: meinem Vater sein Haus.

Dativus ethicus

Der Dativus ethicus (lat./griech.: ‘ethischer Dativ’) ist der Dativ der urteilenden Person. Er ist relativ selten und kann nur durch ein Personalpronomen (meist der 1. Person) realisiert werden: Komm mir ja nicht zu spät! Du bist uns gerade der rechte! Durch den Dativus ethicus wird diejenige Person ausgedrückt, deren Urteil oder Einschätzung der Gesamtsachverhalt unterliegt: ‘Nach meinem Urteil / wenn es auf mich ankommt, darfst du auf keinen Fall zu spät kommen’. Bei Engel wird er als Ergänzung betrachtet und mit „Ee3“ notiert, bei Engel jedoch im Anschluss an die Abtönungspartikeln unter der Rubrik „existimatorische Angabe“ behandelt. 1 Das dort u. a. angeführte Beispiel Der wird dir noch die ganze Konzeption verwässern (bei dem es sich u. E. eindeutig nicht um einen Dativus ethicus, sondern um einen Dativus incommodi handelt) zeigt zugleich, dass auch die Abgrenzung des ethicus von den anderen freien Dativen (und damit aber zugleich die Entscheidung, ob es sich um „Ergänzungen“ oder „Angaben“ handelt) im Einzelfall offenbar problematisch sein kann.»

[Hentschel, E. und Weydt, H.: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin: W. de Gruyter, ²1994, S. 158-163]

_______________________

1       Diese Auffassung ist offenbar von Wegener (1985) beeinflusst, die den ethischen Dativ merkwürdigerweise als „Abtönungspartikel“ bezeichnet.

«Dativobjekte zweiten Grades

Unter den reinen Kasusobjekten zweiten Grades sind die Dativobjekte die häufigsten. Sie stehen nach einer Vielzahl von Adjektiven, wobei sie in einigen Fällen zugleich das logische Subjekt des Satzes bilden:

Arbeiten ist Donald zuwider.

Das ist mir egal.

Sei mir nicht böse.

Mir ist schwindelig / kalt / schlecht ...    usw.»

[Hentschel, E. und Weydt, H.: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin: W. de Gruyter, ²1994, S. 341]

«Der freie Dativ

Dativisch markierte Nicht-Objekte werden als freie Dative bezeichnet. Sie stellen eine eigene Klasse von Satzgliedern dar, für die es keine Funktionsbezeichnung gibt. Mit den genitiv- und akkusativmarkierten Adverbialen gemeinsam haben diese freien Dative, dass ihr Kasus nicht vom Verb zugewiesen wird. Dies zeigt der Beispielsatz Er arbeitet mir zu viel, in dem eine Dativ-NP auftritt, dieser Kasus aber nicht von intransitiven Verb arbeiten stammen kann. Zu den freien Dativen werden in der traditionellen Grammatik der Dativus Ethicus gezählt, der eine gefühlsmäßige Anteilname ausdrückt (Fall mir nicht), der Dativus Commodi bzw. Incommodi, der den Nutznießer oder den Geschädigten einer Handlung bezeichnet (Er hat mir das Auto gewaschen / Er hat mir alle Teller zerbrochen), der Pertinenzdativ, der ein Besitzverhältnis anzeigt (Ich wasche dem Kind die Haare) und der Dativus Iudicantis, der so genannte Standpunkt-Dativ (Die Zeit vergeht mir viel zu schnell). Dass es sich bei allen diesen Dativen tatsächlich um freie Dative und nicht vielmehr um Objekte handelt, wird in der neueren Literatur, insbesondere von Heide Wegener (1990, 1991), mit Recht bestritten. [...]

Der Dativus Commodi/Incommodi und der Pertinenzdativ gehören zu einer anderen Subklasse als der Dativus Ethicus und der Iudicantis. So ist es durchaus möglich, einen Pertinenzdativ und einen Commodi im bekommen-Passiv zum Subjekt zu machen

Er wäscht dem Kind die Haare.

Das Kind bekommt die Haare gewaschen.

Stiehlt der Frau den ganzen Schmuck.

Die Frau bekam den ganzen Schmuck gestohlen.

Außerdem ist die Kombination eines Commodis mit einem Dativobjekt ausgeschlossen

*Er gibt dem Roten KreuzDAT dem MannDAT fünf Mark.

Würde sich dabei um einen freien Dativ handeln, so müsste dies zulässig sein.»

[Dürscheid, Christa: Syntax. Grundlagen und Theorien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 32005, § 2.6]