CULTURAL AWARENESS

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Kontrastive Grammatik / Kultur

 

„Ein insignifikant scheinendes syntaktisches Detail kann negativ getönte Bewertungen auslösen, die sich in Verbindung mit weiteren Erfahrungen der Andersartigkeit zu kulturellen Vorurteilen entwickeln können. Gumperz hat äußerst interessante Untersuchungen zur interkulturellen Kommunikation durchgeführt und entdeckt, dass sogar so bedeutungslos scheinende Faktoren wie Intonation zur Entstehung von Ressentiments führen können. Auch für das Umfeld Schule ist interkulturelle Fehlkommunikation untersucht worden. Wenn man die Vielfalt der sprachlichen Ebenen betrachtet, die interkulturell differieren können, mag man eine Vorstellung davon bekommen, welche negativen Auswirkungen unbewusste ethnozentrische Urteile über kommunikative Fakten haben können:

     Angemessenheit des Sprechkontakts;

     Konversationsthemen;

     Redegeschwindigkeit und turn-Pausen;

     Hörersignale;

     Intonation;

     Formelhafte Wendungen;

     Grad der Indirektheit;

     Kohäsion und Kohärenz von Diskurs (Tannen, 1984, 189ff)

Thomas (1983: 100) stellt Faktoren für interkulturelle Fehlkommunikation in drei Bereichen zusammen:

·       Grammatik  – Grammatische Fehler: bewusster oder unbewusster grammatische Fehler, Versprecher;

·       Sprachgebrauch

     Pragmalinguistischer Fehler: falsche Annahmen über die pragmatische Bedeutung einer

     Äußerung;

     Soziopragmatischer Fehler: falsche Annahmen über Redekonventionen;

·       Weltwissen - Sozialer Fehler: falsche Annahmen über Sachverhalte der realen Welt.

Eine Definition von Cultural Awareness für eine bestimmte Kultur oder Subkultur lautet:

Cultural awareness can be thought of as attitudinally internalized insights about those common understandings held by groups that dictate the predominant values, attitudes, beliefs and outlooks of the individual. (Adler, 1986: 31)

Cultural Awareness als generelle Haltung wäre dann die einstellungsmäßig internalisierte Einsicht, dass eine ursprüngliche unreflektierte Akzeptanz im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur- und Sprachgemeinschaft keine Konfliktfreiheit garantiert, sondern über eine durch Differenzen und Konflikte provozierte Auseinandersetzung in eine reflektierte Akzeptanz umgewandelt werden muss. Umfassende Information über eine andere Kultur- und Sprachgemeinschaft wäre ein utopisches Ziel, Sensibilisierung ein erreichbares und dringend notwendiges. In erste Linie gilt dies für die Schulung von Überseepersonal, das eher mit kulturell homogenen Gruppen arbeitet. Aber auch für die Ausbildung für Lehrer im Inland, die es meist mit heterogenen Ausländergruppen zu tun haben, erscheint dies wertvoll.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 297-299]

Ein Beispiel für interkulturelle Fehlkommunikation im Bereich der Grammatik:

„Der Deutschlehrer lässt sich in einer I. Secundaria die Hefte mit den Hausaufgaben vorlegen. Nur etwa 70% der Schüler erledigen ihre Hausaufgaben regelmäßig, ein Verhalten, das der deutsche Lehrer auf sein gewohntes Maß von etwa 90% anheben will. Alejandro, der bisher in dieser Hinsicht unauffällig war, hat heute keine Hausaufgabe gemacht, ebenso wie weitere vier Schüler von 26, die stereotyp antworten: Se me olvidó. (Es hat sich mir vergessen). Er sagt: Se me perdió mi cuaderno (Mei Heft hat sich mir verloren), worauf der Lehrer ihn anfährt: Se me olvidó, se me perdió, ihr tut ja, als ob ihr gar nichts dafür könntet. Passt doch auf eure Sache auf!.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 300]

Ein Beispiel für einen pragmatischen Fehler:

„Im Schulhof ist ein Münztelefon installiert, das als einziges für private Schülergespräche zur Verfügung steht. Artemisa, ein gewissenhaftes, schüchternes Mädchen der 5. Primaria nähert sich aufgeregt der Deutschlehrering: Frau, présteme una moneda, por favor. Tengo que llamar a mi mamá. (Frau X, leihen Sie mir bitte eine Münze. Ich muss meine Mutter anrufen. Die Lehrerin entspricht der Bitte und nimmt sich vor, die erwartete Rückgabe großzügig abzulehnen. Doch die gewissenhafte Schülerin erwähnt die geliehene Münze nie mehr und äußert zudem in der Folgezeit wiederholt dieselbe Bitte, ohne eine Münzrückgabe vorzunehmen.

Auf die möglichen Interpretationen folgt die Erklärung der Interaktion durch die Ambivalenz des Verbs prestar im Sinne von schenken und leihen.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 301]

Ein Beispiel für einen soziopragmatischen Fehler:

„Ernesto stört mehrmals nachhaltig den Unterricht, worauf der Lehrer bemerkt: „Jetzt ist Eintrag ins Klassenbuch fällig,“ und den Eintrag auch vornimmt. Am Ende der Stunde nähert sich Ernesto spitzbübisch-schulbewusst und sagt in überredendem Tonfall: Perdóneme por favor (Verzeihen Sie mir bitte). Der Lehrer antwortet: Ist schon in Ordnung, und schließt seine Mappe ohne eine Änderung des Klassenbucheintrags vorzunehmen. Der Schüler wendet entsetzt ein: Aber Sie müssen mich streichen. Usted me perdonó (Sie haben mir ja verziehen!).

Das kommunikative Missverständnis beruht hier auf verschiedenen Implikationen des Verbs perdonar-verzeihen in L1 und L2. Eine Implikation dieses Verbs im lateinamerikanischen Kontext ist Straffreiheit.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 301]

Beispiel für den Bereich Weltwissen:

„Eine besorgte Schülermutter bittet um private Nachhilfe. Die deutsche Lehrerin verspricht, ihr in einer Woche Nachricht zu geben. Die Frau fragt wie verabredet nach, jedoch erlauben persönlichen Umstände der Lehrerin die Aufnahme des Nachhilfeunterricht erst nach den Ferien, die in zwei Wochen beginnen, also zu einem relativ weit entfernten Zeitpunkt. Zu ihrer Überraschung meldet sich die Frau, die den Fall als dringlich dargestellt hat, nie wieder.

Die Erklärung des Sachverhalts liegt in einem unterschiedlichen Grad von Direktheit in den beiden Sprachen. Ablehnungen werden von Lateinamerikanern bei Interaktionen von gleichrangigen Personen kaum direkt ausgesprochen. Eine Vertröstung auf einen späteren Zeitpunkt wird daher als Äquivalent einer Absage aufgefasst.

Ein weiteres Beispiel für den Bereich Weltwissen:

Deutsche Lehrer klagen stereotyp über die undisziplinierte Form der Teilnahme bei ihren lateinamerikanischen Schülern. Videoaufnahmen förderten zutage, dass nationale Lehrer bevorzugt einen referierenden Unterrichtsstil anwenden, der Schülerbeteiligung hauptsächlich in der Form verständnissichernder Nachfrage von Seiten der Schüler oder als nicht-individualisierte Mehrfachantwort bewirkt. Bitten um Redeerlaubnis für eine nicht vorhersagbare und daher Aufmerksamkeit erfordernde Schülerstellungnahme haben in diesem Kontext wenig Platz. Diese Praxis steht im Gegensatz zum Kontext des Deutschunterrichts, der von einem Turn-Taking-Apparat in der Form Frage/Impuls-individueller Beitrag gesteuert wird und, um akustisches Chaos zu vermeiden, auf Signale der Redeerteilung angewiesen ist, eine Differenz, die jedoch von den Schülern nicht wahrgenommen wird.

Cultural awareness rangiert m. E. gleichrangig, eher primär, vor den rein linguistischen Analysen, denn ohne eine positive Beziehung der Interaktionspartner ist kein erfolgreicher Unterricht möglich.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 301-302]

„Es sollte über die Präzisierung der Inhalte des Unterrichts hinaus gelingen, Lehrern die Augen zu öffnen für die enge Verknüpfung von sprachlichen und kulturellen Problemen. Linguistische Pragmatik ist nicht so weitab angesiedelt von der theoretischen Linguistik wie oft angenommen wird, und pragmalinguistisch bzw. soziopragmatisch bedingte interkulturelle Fehlkommunikation ist ein Sachverhalt, mit dem immer mehr Menschen sich konfrontiert sehen. Cultural Awareness ist ihrerseits mit einer weiteren Konsequenz untrennbar verbunden: Aus Cultural Awareness erwächst Self Awareness, Selbsterkenntnis.“

[Maier, Irmgard: Passivparadigma im Spanischen und im Deutschen. Frankfurt/M.: P. Lang, 1995, S. 305]