BINÄR  

Binarismo

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Zweifache Gliederung (Martinet) / Zeichen (Beitrag von Lamiquiz, Vidal) / Bit / Boolesche Algebra / Jakobson/  Merkmalhaftigkeit vs. Merkmallosigkeit

 

Binär / Binarismus  ·  Binarismo

„Der Begriff der binären Opposition wurde von R. Jakobson in die Phonologie eingeführt und von dort als ein Bauprinzip  auf  die gesamte Sprache übertragen.  Merkmalhaftigkeit / Merkmallosigkeit

sind Ausgangsprinzipien der Sprachanalyse. Binär ist die Eigenschaft eines System, das nur 2 Alternativen kennt. Solche Zustände können mit Hilfe eines binären Zahlensystems 0/1 interpretiert werden. Binär sind auch elektrotechnische Zustände: Schalter und Relais sind entweder im Zustand ‹ein› oder ‹aus›.“ [Heupel, C., S. 38]

Binär (lat. bini = je zwei)

Aus 2 Teilen/Komponenten bestehend; Gliederungsprinzip bei der Beschreibung des Sprachsystems als eines Systems von Oppositionen mit distinktiven Merkmalen, die bei einer Einheit vorhanden, bei der anderen nicht vorhanden sind (± M); Eigenschaft des Saussureschen Modells vom sprachlichen Zeichen (signifiant – signifié); in Generativer Grammatik Eigenschaft der graphischen Darstellung sprachlicher Bauformen mit Hilfe von Stammbaumskizzen (Stemma) gabelförmiger Verzweigungen (Äste) zur Veranschaulichung schrittweiser Segmentierung größerer Einheiten, z.B.: Hans pfeift.:

[Ulrich, Winfried: Linguistische Grundbegriffe, S. 21]

Binarismus [binarism (binarity, binary oppositions), binarisme (oppositions binaires)]

Auch Dichotomie: Zerschneidung in zwei Teile, Zweitteilung; eine Methode, nach der einem Begriff zwei andere untergeordnet werden und umgekehrt.

Unter B. versteht man die vor allem von R. Jakobson und seiner Schule vertretene Hypothese, dass Binarität der konstitutive Grundzug sprachlicher Einheiten und somit die adäquate methodologische Grundlage zu deren Untersuchung und Beschreibung ist. Es wird angenommen, dass nicht nur das phonologische, sondern auch das morphologische und syntaktische sowie das semantische System von Sprachen sich durch eine begrenzte Anzahl binärer (zweistelliger) Oppositionen vollständig und optimal beschreiben lässt.

R. Jakobson und M. Halle (1956) weisen darauf hin, dass Phonemanalyse und Informationstheorie in eigenständiger Entwicklung zu ähnlichen, sich gegenseitig ergänzenden Ergebnissen gelangt sind, die eine produktive Kooperation ermöglichen. Jedes Phonem ist aus mehreren distinktiven Merkmalen zusammengesetzt, und  »the totality of these features is the minimum number of binary selections neccesary for the specification of any given phoneme«.  In der Reduzierung der in einer Lautfolge enthaltenen phonematischen Information auf die kleinste Zahl von Alternativen sehen die Autoren »the most economical and, consequently, the optimal solution: the minimum number of the simplest operations would suffice to encode and decode the whole message« (²1971), S. 58). Die Anwendung der dichotomen Skala mache viele sprachliche Erscheinungen so transparent, dass »the inherence ot this scale in the linguistic system is quite manifest« (S. 16).

Die Verallgemeinerung der binarischen Hypothese unter Einbeziehung kontradiktorischer und konträrer Merkmale hat sich für die Entwicklung der Phonologie als außerordentlich förderlich erwiesen. Dabei erlangte die Aufspaltung einer komplexen Erscheinung in ihre inhärenten, als binär strukturiert und universal gültig angenommenen Merkmale entscheidende methodologische und theoretische Bedeutung, die Jakobson selbst bei der Erklärung von Aphasie und Spracherwerb aufweisen konnte (S. Kritik dazu bei A. Martinet). Ein Versuch, das Prinzip der Mekmalhaftigkeit und Merkmallosigkeit auf die Morphologie zu übertragen, liegt in Jakobsons Studie über die Kasus vor. Das Überschreiten der Phonologie im Sinne einer methodologischen Ausweitung war schon von Trubetzkoy beabsichtigt. Binaristisch sind die Konstituentenanalyse und z. T. die Komponentenanalyse aufgebaut. Brødal und Nida z. B. nehmen binäre Oppositionen von Semen an.

Am linguistischen B. ist immer wieder grundsätzlich Kritik geübt worden, die Vorwürfe, wie Manipulationen der Fakten, Vergewaltigung der sprachlichen Wirklichkeit, subjektive Willkür der Forschung, Systemdenken und Versuch, alle sprachlichen Erscheinungen in das Prokrustesbett binärer Oppositionen zu zwängen, für angemessen und nachweisbar hielt.

Bei aller berechtigten Kritik sollte auch der Nachweis der Informationstheorie beachtet werden, dass es grundsätzlich möglich ist, die unendlichen Fülle von Möglichkeiten durch Binärentscheidungen zu bewältigen. Beim Problem der Dichotomie handelt es sich um die klassische Theorie des ‘unendlichen Urteils’ und des ‘disjunktiven Urteils’: ‘S ist entweder P oder Q’. »Die Klasseneinteilung alles Gegebenen ist die Basis der für die Informationstheorie und Kybernetik so wichtigen Boolschen algebraischen Logik«.

Die Möglichkeit, Zeichen eines beliebigen Repertoires in Dualzahlen auszudrücken, hat F. Bacon (1605) im sog. ‘Baconschen Fundamentalsatz’ formuliert.“

[Lewandowski, Th.: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg,1973, Bd.1, S. 123-125]

Binär/Binarismus.

Binäre Oppositionen bilden die Grundlage DIGITALER Kommunikationssysteme, wobei kontinuierliche Variationen auf diskrete Entweder/Oder‑Unterscheidungen reduziert werden. Dieser Prozess ist für die menschliche Sprache fundamental: Ein klassisches Beispiel ist das Farbspektrum, das eigentlich kontinuierlich ist, aber vom Menschen in diskrete Segmente zerlegt wird, für die es in den verschiedenen Sprachen verschiedene Bezeichnungen gibt. Dabei digitalisieren nicht alle menschlichen Sprachen das Farbspektrum genau gleich bzw. vermittels derselben Reihe von DIFFERENZEN. Viele KULTURELLE Phänomene beruhen auf binären Oppositionen: Mit der Aussage 'Wer nicht für uns ist, ist gegen uns' wird zum Beispiel etwas, was oft eine Reihe ANALOGER Variationen wäre, kulturell bedingt in eine binäre Opposition gezwängt.

Binäre Oppositionen spielen auch in der modernen Sprachwissenschaft eine bedeutende Rolle. Jonathan Culler zitiert in diesem Zusammenhang den Linguisten Charles Hockett: 'Wenn wir im Umkreis von etwas, was wir als Sprache erkennen, auf kontinuierliche Kontraste stoßen, schließen wir diese aus der Sprache aus' (Culler 1975, 14).

Der STRUKTURALISMUS hat dieses Prinzip von der modernen Sprachwissenschaft übernommen und zu einem wichtigen – vielleicht sogar dem wichtigsten – Grundsatz der strukturalistischen Theorie erhoben. Bei der strukturalen ANALYSE wird typischerweise im zu untersuchenden Material oder TEXT nach hierarchischen Ketten binärer Oppositionen gesucht: Der Titel von Claude Lévi-Strauss’ Das Rohe und das Gekochte mag dafür als symptomatisch betrachtet werden. Auch Jacques Derridas Wortprägung DIFFÉRANCE leitet sich direkt von der strukturalistischen Betonung binärer Oppositionen ab.

Die Frage nach dem Status binärer Oppositionen ist noch umstritten: Sind sie ein brauchbares analytisches Werkzeug oder sind sie fundamentale sprachliche (oder andere) Einheiten?

Siehe dazu den ausführlicheren Eintrag DIGITALE UND ANALOGE KOMMUNIKATION.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]