BEDEUTUNG und SIGNIFIKANZ

in der Literaturtheorie

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Literatur / Text / Textlinguistik / Bedeutung / Sinn vs. Bedeutung / Denotation / Konnotation / Kategorematisch vs. Syntagmatisch / Wortsemantik / Gedanke / Begriff / Konnotation-Denotation / Semantik / Referent

 

Bedeutung und Signifikanz (Meaning und significance)

In der literaturkritischen Diskussion hat der Begriff Bedeutung immer eine zentrale Rolle gespielt, war aber nie so umstritten wie er es in jüngster Zeit ist (siehe weiter unten). Die Paarung der Begriffe Bedeutung und Signifikanz (meaning und significance) geht auf den amerikanischen Hermeneutiker E. D. Hirsch zurück. In seinem Buch Validity in Interpretation definiert er die beiden Begriffe wie folgt:

Bedeutung ist das, was von einem Text dargestellt wird; das, was der Autor durch eine bestimmte Zeichenfolge ausdrücken wollte; das, wofür die Zeichen stehen. Signifikanz bezeichnet andererseits die Beziehung zwischen dieser Bedeutung und einer Person, einer Konzeption, einer Situation oder irgend etwas Beliebigem. ( 1967, 8)

Diese Definition ist natürlich im Kontext einer immer heftiger geführten Debatte um Rolle und Autorität von AUTOR und LESER bei der INTERPRETATION literarischer WERKE zu sehen; sie verfügt eine klare Trennung der Gewalten: Der Autor ist für die Bedeutung verantwortlich, während die Signifikanz sich aus der Wechselwirkung zwischen dieser Bedeutung und dem, was außerhalb des Werkes liegt, ergibt. Wenn also Milton die Wahrheit sagte, als er behauptete, dass er durch die Verwendung der 'bestimmten Zeichenfolge', die 'Paradise Lost' ist, das Walten Gottes gegenüber den Menschen rechtfertigen wollte (dies mag hier als Kürzel für eine weit komplexere Intention stehen), dann ist genau das die Bedeutung von 'Paradise Lost'. Wenn nun aber ein bestimmter Leser bei der Lektüre des Gedichts an seinen eigenen Glaubenswechsel denkt, nachdem eine frühere Lektüre diesen wesentlich mitbedingt hat, dann besteht darin (zum Teil) die Signifikanz dieses Werkes für diesen Leser.

Für Hirsch muss Signifikanz nicht immer so persönlich und idiosynkratisch sein, und sie ist auch nicht ganz willkürlich: Wenn das Papier der ersten Ausgabe, in der jemand 'Paradise Lost' gelesen hat, gelb war, so dass er jedes Mal, wenn er das Gedicht liest, an Bananen denkt, dann handelt es sich dabei nach Hirschs Definition nicht um Signifikanz, weil hier keine Beziehung zwischen der auktorialen Bedeutung (wie er sie definiert) und etwas anderem besteht. Nach Hirsch gebietet der Autor also sowohl über die Bedeutung als auch über die Signifikanz, nur ist seine Macht über letztere in stärkerem Maße VERMITTELT und weniger absolut.

Diese Unterscheidung kommt jenen entgegen, die den Autor noch nicht ganz begraben wollen, aber zugleich doch der Ansicht sind, dass bei der Lektüre eines literarischen Werkes auch persönliche Elemente mitspielen und dass Leser – einzeln oder im Kollektiv – auch zu den künstlerischen und ÄSTHETISCHEN Erfahrungen, die ein Werk vermittelt, beitragen, dass diese nicht alle vom Autor im Werk angelegt werden wie etwa CODES vom Programmierer in einem Computerprogramm festgeschrieben werden.

Hirsch ist mit seiner Theorie aber auch auf Kritik gestoßen. Vor allem widersprachen ihm die Verfechter des 'intentionalen Trugschlusses', die davon ausgehen, dass ein literarisches Werk mit seinem Autor nichts mehr zu tun hat, sobald es geschaffen worden ist, und die seine Bedeutung fortan im Werk selbst sehen und nicht darin, was der Autor beabsichtigte. Auf Ablehnung stieß Hirsch aber auch im Lager derjenigen, die den Tod des Autors proklamieren und seine Position noch der METAPHYSIK DER PRÄSENZ verpflichtet sehen, die nach einem feststehenden ZENTRUM strebt, um das freie Spiel der SIGNIFIKANTEN im Werk zu hemmen.

Kritik ist auch noch von anderen Seiten gekommen. Trotz der späteren Modifikation seiner Position dahingehend, dass er auch die Implikationen berücksichtigte, die sich aus der Intention des Autors ergeben, aber dem Autor, als er das Werk verfasste, nicht klar waren oder klar sein konnten, hat Hirsch mit seinem Beharren auf der Autorintention bei vielen Unbehagen ausgelöst. So hält man etwa seine Überbetonung der Bedeutung an sich schon für verfehlt, nachdem ein literarisches Werk nicht wie eine ÄUßERUNG eine Bedeutung habe: es sei vielmehr Gegenstand der Interpretation oder der WÜRDIGUNG. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist die Frage, was ein literarisches Werk bedeutet, nicht viel sinnvoller als die Frage nach der Bedeutung einer griechischen Urne oder eines Tauchgangs im Meer: literarische Werke sind keine Äußerungen, sondern ÄSTHETISCHE Gegenstände. (Siehe dazu Stein Haugom Olsens Aufsatz 'The "Meaning" of a Literary Work' [1987, 53‑721.)

Diese Überlegungen spielen vor allem in Hinblick auf die Interpretation literarischer Werke eine wesentliche Rolle, denn vertritt man die Auffassung, dass 'die' Bedeutung eines literarischen Werkes davon abhängt, was der Autor meinte, indem er bestimmte ZEICHEN verwendete, dann versteht man unter Interpretation eben einfach nur den Versuch herauszufinden, was der Autor mit 'seiner Verwendung einer bestimmten Zeichenfolge' meinte. Von 'einfach' kann man hier natürlich nur auf theoretischer Ebene sprechen: in der Praxis wird es sicher nicht einfach und bisweilen sogar unmöglich sein, aber wenigstens wird der Interpret wissen, was er denn herauszufinden versucht. Wenn der Interpret nun aber davon überzeugt ist, dass der Autor entweder tot ist bzw. es nicht sehr gut um ihn bestellt ist, oder er, soweit es ums literarische Werk geht, ORT und nicht Ursprung ist, dann wird jede Interpretation theoretisch und praktisch zum Problem. Der nächste Schritt wäre dann unter Umständen die Schlussfolgerung, dass jede Interpretation an sich eine unsinnige Tätigkeit ist, denn wenn literarische Werke auch im Kontext ihrer ABSENZEN und Leerstellen gesehen werden müssen, oder im Licht der Tatsache, dass sie von Kräften, die nicht in ihnen selbst oder im Autor angelegt sind, in Bedeutungssysteme eingefügt werden, dann kann sich die Suche nach Bedeutung nicht vorrangig innerhalb des Werkes oder der Autorintention bewegen. Ist man nun dieser Ansicht, wird man im allgemeinen aber nicht sehr gerne akzeptieren, dass man sich dann mit der Signifikanz des Werkes – wie Hirsch sie definiert – auseinandersetzt, weil man damit implizit auch Hirschs Definition von Bedeutung akzeptieren würde.“

[Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: Francke, 1994]