BEDEUTUNG

Nachträglichkeit der Bedeutung nach Lacan

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Nachträglichkeit / Signifikant nach Lacan

 

Die Nachträglichkeit der Bedeutung

Es ist fast unnötig, auf die besonderen politischen Ausmaße des Moments, in dem sich a von I absondert, aufmerksam zu machen: Sie bestehen einfach ausgedrückt darin, dass man ein ideologisches Gebilde nicht allein aus dem Mechanismus der symbolischen Überdeterminierung erklären kann – die Ideologie stützt sich immer auf ein additives Element, das sich der Kategorie des Symbolischen entzieht. Lacan hat diese Dimension am deutlichsten in seinem »Graphen des Begehrens« entwickelt [Schriften II, S. 165ff.], dessen zwei Ebenen genau die symbolische Identifizierung und ihr Jenseits darstellen. Dieser Graph wurde in vier aufeinander folgenden Formen artikuliert; wollen wir ihn erklären, so sollten wir uns nicht auf die letzte, vollständigste Form beschränken, da die Folge der vier Formen nicht auf eine graduelle lineare Vervollkommnung reduziert werden kann – sie impliziert die retroaktive Veränderung der vorangegangenen Formen. So kann zum Beispiel die letzte, vollendete Form, welche die Artikulierung der oberen Hälfte des Graphen enthält, nur begriffen werden, wenn wir sie als eine Ausarbeitung der Frage »Che vuoi?« verstehen, welche uns die vorhergehende Form stellt, das heißt nur in ihrem Unterschiedensein von der vorangegangenen Form. Wenn wir vergessen, dass diese obere Hälfte nichts anderes ist als eine Artikulierung der inneren Struktur einer Frage, welche vom Ort des Anderen ausgeht, mit dem das Subjekt jenseits jeglicher symbolischer Identifizierung konfrontiert wird, so verfehlen wir notwendigerweise die Entwicklung des Problems. – Beginnen wir nun mit der ersten Form, mit der »Elementarzelle des Begehrens«:

 

Was wir hier vor uns haben, ist ganz einfach die graphische Darstellung der Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat. Bekanntlich stellte Saussure diese Beziehung bildlich als zwei parallele Wellenlinien oder zwei Oberflächen desselben Blattes dar: Das lineare Fortschreiten des Signifikats verläuft parallel zur linearen Artikulierung des Signifikanten. Lacan strukturiert diese doppelte Bewegung ganz anders: Eine mythische, präsymbolische Intention (mit Δ bezeichnet) »durchsteppt« die Signifikantenkette, jene Reihe von Signifikanten, die durch den Vektor S‑S' gekennzeichnet ist. Das Produkt dieses Steppens (das heißt »das, was auf der anderen Seite herauskommt«, nachdem die mythische ‑ reale ‑ Intention durch den Signifikanten hindurchgeht und aus ihm heraustritt) ist das durch das Mathem $ gekennzeichnete Subjekt (das geteilte, gespaltene Subjekt, und gleichzeitig der ausgelöschte Signifikant, der Mangel des Signifikanten, das Leere im Netz der Signifikanten). Schon diese minimale Artikulierung zeugt von der Tatsache, dass wir es mit einem Prozess der Ausrufung von Individuen als Subjekten zu tun haben (von Individuen, dieser präsymbolischen, mythischen Einheit; auch bei Althusser ist das »Individuum«, das als Subjekt angerufen wird, begrifflich nicht definiert, es ist einfach ein hypothetisches X, das vorausgesetzt werden muss). Der »Steppunkt« ist der Punkt, durch welchen das Subjekt an den Signifikanten »angeheftet« wird, und gleichzeitig der Punkt, der das Individuum als Subjekt anruft, indem er sich mit dem Ruf eines bestimmten Herrensignifikanten (»Kommunismus«, »Gott«, »Freiheit«, »Amerika«) an es wendet – mit einem Wort, er ist der Punkt der Subjektivierung der Signifikantenkette.

Ein auf dieser elementaren Stufe des Graphen entscheidendes Merkmal ist, dass der Vektor der subjektiven Intention den Vektor der Signifikantenkette retroaktiv, in rückwärtiger Richtung, durchsteppt: Er tritt an einem Punkt aus der Kette aus, der vor dem Punkt liegt, an dem er in sie eingedrungen ist. Lacan betont hier den retroaktiven Charakter des Bedeutungseffekts im Hinblick auf den Signifikanten, dieses Zurückbleiben des Signifikats hinter dem Fortschreiten der Signifikantenkette: Der Bedeutungseffekt, wird immer nachträglich erzeugt. Die frei flottierenden Signifikanten, deren Bedeutung noch nicht fixiert ist, folgen einander, bis zu dem Moment, zu dem ein Signifikant retroaktiv die Bedeutung der Kette an einem bestimmten Punkt – an genau jenem Punkt, an dem die Intention die Signifikantenkette kreuzt und durchquert – fixiert, die Bedeutung an den Signifikanten heftet, das Gleiten der Bedeutung stoppt. Um dies richtig zu verstehen, müssen wir nur an die Funktionsweise des ideologischen  »Steppens« denken. Im ideologischen Raum flottieren Signifikanten wie »Freiheit«, »Staat«, »Gerechtigkeit«, »Frieden« usw.,  deren Kette dann ein Herrensignifikant hinzugefügt wird (»Kommunismus« etwa), der retroaktiv ihre    (kommunistische) Bedeutung festlegt – »Freiheit« wird allein dadurch wirklich, dass sie die formale bürgerliche Freiheit überwindet, welche nur eine Form von Sklaverei ist; der »Staat« ist das Mittel, mit dessen Hilfe die herrschende Klasse die Bedingungen ihrer Herrschaft sichert; Marktwirtschaft kann niemals »gerecht« sein, weil gerade die Forrn des Tauschs von Arbeit und Kapital Ausbeutung impliziert; Krieg ist der Klassengesellschaft als solcher inhärent, nur die sozialistische Revolution kann dauerhaften »Frieden« bringen usw. (Ein demokratisches und liberales »Steppen« führt natürlich zu einem ganz anderen Artikulieren von Bedeutung, ein konservatives »Steppen« erzeugt eine Bedeutung, die im Gegensatz zu den beiden genannten Feldern steht.) Wie Jacques‑Alain Miller hervorgehoben hat, können wir bereits auf dieser elementaren Stufe die Logik der Übertragung feststellen, also jenen Grundmechanismus, der die den Ubertragungsphänomenen eigene Illusion erzeugt: Übertragung ist die Kehrseite des Zurückbleibens des Signifikats in Bezug auf den Strom der Signifikanten; sie besteht in der Illusion, dass die Bedeutung eines bestimmten Elements (das retroaktiv durch die Intervention des Herrensignifikanten fixiert wurde) von Anfang an als dessen immanentes Wesen gegenwärtig war. Wir sind »in der Übertragung«, wenn es uns vorkommt, als sei wirkliche Freiheit »ihrem Wesen nach« der bürgerlichen formalen Freiheit entgegensetzt, als sei der Staat »seinem Wesen nach« nur ein Werkzeug der Klassenherrschaft usw. Das Paradoxon liegt natürlich in der Tatsache, dass diese Übertragungsillusion notwendig ist; an ihr lässt sich sogar der Erfolg des »Steppvorgangs« ablesen: Das «Steppen« ist nur insofern erfolgreich, als es seine eigenen Spuren verwischt.

Dies ist demnach die fundamentale Lacansche These hinsichtlich der Beziehung von Signifikant und Signifikat: Anstelle des linearen, immanenten notwendigen Fortschreitens, das heißt der Entfaltung der Bedeutung, ausgehend von einem anfänglichen Keim, haben wir einen radikal zufälligen Prozess retroaktiver Bedeutungsproduktion. Auf diesem Weg gelangt man zur zweiten Form des Graphen des Begehrens, zu der Bestimmung der beiden Punkte also, an denen die Intention  Δ die Signifikantenkette kreuzt: A und s(A), der große Andere und das Signifikat als dessen Funktion:

[Zizek, S.: Der erhabenste aller Hysteriker. Lacan Rückkehr zu Hegel. Wien-Berlin: Turia & Kant, 1991, S. 177.180]

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„Eine andere Möglichkeit sehe ich darin, Lacans Begriff der Bedeutung einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Wenn wir von Bedeutung sprechen, so können wir verschiedene Facetten im Umfeld eines sprachlichen Ausdrucks hervorheben, was im folgenden grob skizziert werden soll. Wir können im Sinne der Bedeutung der Eigennamen bei Frege den sachlichen Referenten im Auge haben, den eine Wortvorstellung impliziert. Es würde der Annahme entsprechen, die Frau wäre jenseits und vor aller Beschreibung ein von ihrer Biologie her zu erfassendes Wesen. Dies sei als ontologische Interpretation der Bedeutung aufgefasst. Hier wäre französisch von "dénotation" zu sprechen. Lacans Bezugnahmen auf Frege sind allerdings im beobachteten Zeitraum nur sehr spärlich, und er spricht rund um das Seminar III, wenn er von Bedeutung spricht, nicht von "dénotation", sondern von "signification".

Bedeutung als "signification" kann zweifach verstanden werden. Wir können wie in überkommenen Theorien mentaler Repräsentation von der Vorstellung sprechen, die sich uns mit einem Wort verbindet. Die Angst vor der Frau erzeugt im einzelnen Menschen Verschlingungsphantasien. Bezeichnen wir ein solches, mit einem Vorstellungsinhalt gleichgesetztes Verständnis der Bedeutung als psychologische Interpretation der Bedeutung. Die andere Möglichkeit besteht mit Saussure davon auszugehen, dass für die Verbindung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem vor allem der sprachliche Kontext entscheidend ist, was im Gegensatz zu den ersten beiden Interpretationen einen Verzicht auf eine starre Relation zwischen einem Wort und seiner Bedeutung beinhaltet. Dies sei hier im Hinblick darauf, dass Festlegungen von Bedeutungen in diesem Fall nur in Übereinkunft zwischen den Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft getroffen werden können, konventionelle Auslegung der Bedeutung genannt.

Die ontologische Interpretation der Bedeutung im Sinne Freges spielt, wie gesagt, bei Lacan keine Rolle.1 Die beiden anderen Bedeutungskonzeptionen sind hingegen beide relevant für Lacan. Seine Behauptung, die Bedeutung sei zunächst imaginär, legt ein psychologisches Verständnis der Bedeutung nahe: Bedeutung wird als bildartiger Glaubensinhalt des einzelnen gefasst. Hier werden wir an Foucaults frühe Analyse des (Traum‑)Bildes bei Freud erinnert. Foucault kritisiert, dass Freud diese Bilder lediglich ihrem semantischen Wert nach, nicht jedoch in ihrem syntaktischen Funktionieren anerkennt. So verstandene Bilder implizieren ein Sprechen, das nicht formuliert (Foucault 1992, 17) – ein Sprechen, das alles in allem nicht als Sprechen aufzufassen ist. Bei Lacan, so konzediert Foucault, hat das Sprechen zwar größere Bedeutung als bei Freud. Aber auch Lacan gelingt es nicht, die Bilder zum Sprechen zu bringen. (Vgl. Kadi 1999, 110) Die Imago wird den Gesetzen des Wortes unterworfen und wird zum "Moment des Schweigens [...], in dem die Bedeutungsdialektik des Sprechens erstarrt und sich von ihrem Gesprächspartner faszinieren lässt". (Foucault 1992, 20) Lacans Bilderwelt verdankt ihren paranoischen Beigeschmack nicht zuletzt dieser verkürzten Perspektive auf das Bild. Seine psychologische Auffassung der Bedeutung umfasst jene Wahnmomente, die für ihn konstitutiv zur Erkenntnis dazugehören.

Das Aussprechen eines Wortes markiert einen qualitativen Sprung in der Genese der Bedeutung: "Der Signifikant liefert nicht nur die Hülle, den Behälter der Bedeutung, er polarisiert sie, er strukturiert sie, er führt sie in die Existenz ein." (Lacan 1997, 308) Im Symbolischen verliert die Bedeutung ihre solipsistische Konnotation, aber, was hier wichtiger ist, auch die Starrheit ihrer Relation zum Bedeutungsträger. Sie wird zur Momentaufnahme, denn das "Verhältnis des Signifikats und des Signifikanten erscheint immer flüssig, immer bereit sich aufzulösen." (Lacan 1997, 309) Dies entspricht dem oben beschriebenen konventionellen Bedeutungsverständnis, das auf strukturalistischen Prämissen aufruht. Denn Lacan besteht darauf, dass das Signifikat eine Bedeutung sei, die stets auf eine andere Bedeutung verweist. (Vgl. Lacan 1997, 42) Alles scheint zu gleiten. Die Festlegung einer Bedeutung erfordert aber eine Begrenzung der Beliebigkeit. Deshalb werden Bedeutungen von Lacan auch als Widerstände gegen das Gleiten zwischen den beiden Strömen aus Signifikanten und Signifikanten aufgefasst, ja sogar als Punkte, als Steppunkte, an denen Signifikant und Signifikat momentan verknüpft sind.2 Die gesteppte Verbindung braucht als konventionelle im Unterschied zur psychologischen Auffassung von Bedeutung einen Konsens in der Sprachgemeinschaft.

Lacan verwendet den Ausdruck "Bedeutung" auf zweifache Weise: Ein konventionelles Verständnis ist mit einem psychologischen eng durchflochten. Die Psychose bildet das Kriterium. Lacan setzt beide Interpretationen ein, um zu beschreiben, wie der so genannte Normale der Psychose entkommt. Psychotiker ist, wie oben gesagt, wer zur Beute der Bedeutungen der anderen wird. Wie schützt sich ein Mensch vor diesem Übergriff? Im Sinne einer psychologischen Bedeutungsinterpretation muß er eine gewisse Zahl an grundlegenden Bindungspunkten etablieren, Bedeutungen, die dem kontextuellen Wechselspiel der Signifikanten widerstehen. Demgegenüber sind die imaginären Bedeutungen im Sinne eines konventionellen Bedeutungsverständnisses dem Signifikanten zu unterstellen, denn ein Verharren im Imaginären gilt gemäß dem Spiegelstadium als paranoisch.

Für Lacans widersprüchliche Bemerkungen zur Bedeutung und zur Rolle der Frau lassen sich aus dem Gesagten folgende Schlüsse ziehen: Das psychologische Moment an seiner Bedeutungskonzeption erlaubt ihm, eigene Erinnerungen und Umschriften dieser Erinnerungen zum Bestandteil der Bedeutung zu erklären, die er der Frau zuschreibt. Schließlich braucht auch er eine unbestimmt große Zahl an grundlegenden Bindungspunkten, die ihn vom Psychotiker unterscheiden. Diese Zuschreibungen bieten wenig Zündstoff, können sie doch als Privatmeinung eines Psychiaters rasch entschärft werden. Dort, wo die Frau als Signifikant in eine Bewegung gerät, die ihre Bedeutung zwischen Naturobjekt und Gesetz schwanken lässt, ist ebenso wenig Aufregung angezeigt, denn die Beliebigkeit des Verhältnisses zwischen Signifikant und Signifikat erlaubt rasche Umschriften. So scheinen fast alle Widersprüche gelöst.

Der Eindruck einer gewissen Selbstunterbietung Lacans ist allerdings nicht leicht zu verwischen, wären doch strukturale Lesarten des Geschlechts denkbar, die spielerischer und weniger traditionell aufgebaut sind. Es bleiben entscheidende Fragen offen, für die stellvertretend die folgende genannt sei: Weshalb tritt der Mann bei Lacan unter Bedingungen der Signifikantenbewegung niemals als instinktgebundenes Naturobjekt auf? Wenn Bedeutung fest und verschiebbar in einem gedacht und die Frage nach einem sachlichen Referenten ausgespart werden kann, verliert doch auch eine solche Behauptung ihre Schrecken.

Zusammenfassung:

Die Bedeutung der Frau steht im Verlauf von Lacans theoretischer Entwicklung nicht fest. Aspekte seines Blicks auf Frauen zu untersuchen, führt zu seiner Theorie der Psychose. Dort spielt die Bedeutung als solche, die für ihn auch mehrere Aspekte hat, eine wichtige Rolle. Es scheint möglich, einige seiner misogynen Bemerkungen in ein breites Konzept von Bedeutung zu integrieren.“

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    Wie Gondek zurecht bemerkt, versteht Lacan Saussure teilweise falsch und verlagert dessen Postulat von der Beliebigkeit der Beziehung zwischen dem Signifikanten und dem Signifikat an vielen Stellen in die Beziehung zwischen dem Signifikanten und dem Referenten. (Vgl. Gondek 1990, 324)

2   Diese Konzeption erinnert an Freud, der das Symbol "als dünne Kontaktfläche [auffasst], die eine innere und eine äußere Welt trennt und zugleich verbindet." (Foucault 1992, 18).

[Kadi, Ulrike: „Von der Mutterbrustimago zum Gesetz der Mutter“. In:  texte,  4/1999, S. 19ff. Vgl. auch: Kadi, U.: Bilderwahn: Arbeit am Imaginären. Wien: Turia und Kant, 1999]