AUSDRUCKSSEITE vs. INHALTSSEITE

Plano de la expresión vs. Plano del contenido

(Recop.) Justo Fernández López

 

Vgl.:

Form vs. Substanz / Zeichen

 

L. Hjelmslev hält es für gegeben, „dass jede Sprache zwei Seiten hat und nur zwei Seiten: die Inhaltsseite und die Ausdrucksseite“. Jeden sprachlichen Text müsse man zuerst in diese zwei Seiten zerlegen, zwischen denen eine gegenseitige Voraussetzungsbedingung besteht, denn das sprachliche Zeichen wird durch den Inhalt und Ausdruck konstituiert: „Ein Ausdruck ist Ausdruck nur dadurch, dass er Ausdruck eines Inhalts ist, und ein Inhalt ist Inhalt nur dadurch, dass er Inhalt eines Ausdrucks ist“ (Prolegomena, S. 30). Zur vollständige Beschreibung einer Sprache ist jede der beiden Seiten weiter und weiter zu unterteilen, bis die kleinsten Elemente erreicht sind. Ein sprachliches Zeichen kann aus einem Ausdruckselement und einen Inhaltselement bestehen, die miteinander verknüpft sind; meist sind es jedoch Zusammenstellungen mehrerer Elemente je auf der Ausdrucksseite und er Inhaltsseite, zwischen denen keine 1:1 Entsprechung vorhanden ist. Innerhalb jeder der zwei Seiten lassen sich Grundelemente (z. B. Wortstämme) und charakterisierende Elemente (z. B. Flexionselemente) unterscheiden.

In der Glossematik wird im Sinne Saussures bei der Ausdrucksseite zwischen Ausdrucksform und Inhaltssubstanz unterschieden und nur die Form als zum System der Sprache gehörig betrachtet. Zwischen Ausdrucksform und Inhaltsform besteht die grundlegende sprachliche Relation, das Prinzip der Kommutation, das sich so als direkter Schlüssel zum linguistischen Verständnis der Sprache darstellt.“ 

[Lewandowski, Th.: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg,1973, Bd.1, S. 77]

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“Das Argument der Befürworter der Existenz eines Bedeutungskerns gegen ihre Kritiker, das isolierte Wort sei ja nicht ohne Bedeutung, löst die Streitfrage nicht, denn es ist keineswegs geklärt, was unter einem ‘isolierten Wort’ zu verstehen sei, noch, woher dieses ‘seine’ Bedeutung erhielte. Mit Wittgenstein wäre zu sagen, dass ein sprachlicher Ausdruck sich nicht völlig von jeglichem Kontext isolieren lasse. Ein Wort wird verstanden als Wort einer Sprache, als Ausdruck, der einen Platz in einer Grammatik derselben hat. (Vgl. dazu PhU, §§ 199, 432, 514, 525, 583-584, 663; Ph Gr, S. 130f.). Ein isoliert vorgestelltes Wort zu verstehen, heiße etwa, den von ihm ausgehenden Verweisungen auf Sprachspiele zu folgen, in denen es nach allgemeinem Gebrauch verwendet werden könne. «’Ein Wort verstehen’ kann heißen: Wissen, wie es gebraucht wird; es anwenden können.» (Ph Gr., S. 47; PhU, § 525). Das Paradigma des schlechthin isolierten Wortes ist für Wittgenstein der Ausdruck einer Privatsprache. In Bezug auf eine Privatsprache kann jedoch nicht ohne weiteres mehr von einer ‘Sprache’ gesprochen werden. Eine Privatsprache bestünde aus Zeichen, die keinerlei Gebrauch hätten, damit jedoch auch keinerlei Bedeutung.

Das Problems des Bedeutungskerns resultier aus einer bestimmten Sprachbetrachtung. Es wiederholt sich in verschiedenen Sprachtheorien in verschiedener Form, ist nun von einem «signifié» und einem «Designat» oder einem «Akttypus», etc. die Rede. Grundlegend für diese Betrachtungsweise ist die Unterscheidung grammatischer Formen und lexikalischer Inhalt. Ein Ausdruck habe Bedeutung, heißt für jede systematische Sprachbeschreibung, er weise wiederholt auf etwas Bestimmtes. Wittgenstein hingegen unterscheidet nicht systematisch zwischen einem verbalen (Ausdruck) und averbalen (Inhalt) Bereich. In Sprachspielen ist beides miteinander verwoben. Das Problem des Bedeutungskerns stellt sich für ihn nicht, weil er die Bedeutung von Wörtern nicht auf ihre Bedeutung als sprachliche Einheit reduziert. Wörter haben Bedeutung in den Lebenszusammenhängen, in denen sie von Bedeutung sind. Löst man sie, als sprachliche Einheiten, aus deisen Zusammenhängen, so kann streng genommen nicht mehr von Wörtern die Rede sein.

Der pragmatische Zug der Wittgensteinschen Reflexionen liegt somit nicht in der Einführung besonderer, pragmatischer Sprachregeln, die die Restriktionen der Semantik auf eine Kernbedeutung in kontrollierter Weise lockerten oder die den Gebrauch besonderer, pragmatischer Ausdrücke regelten. Die Philosophischen Untersuchungen stellen weder eine Ergänzung semantischer Theorien noch eine Alternative zu ihnen dar. Wittgensteins Kritik an der systematischen Analyse ist die Reflexion ihrer Begrenztheit. ‘Unter Umständen’, zu bestimmten Zwecken, mag es sinnvoll sein, vom tatsächlichen Gebrauch der Wörter abzusehen und mit einem Explikandum und dessen Explikation einen Gegenstandsbereich festzusetzen. Sprachwissenschaftliche Theorien erfinden, um eines überschaubaren Gegenstandes willen, Sprachen – die Sprache ‘L’, diejenige der Sprechakte, u.a. Wittgensteins Kritik an Sprachtheorien ist pragmatisch, insofern er ihren zweckgebundenen, pragmatischen, Charakter im Bewusstsein hält und auf die mit ihrer Funktion als Mittel verbundene Begrenztheit hinweist.”

[Nowak, Reinhard: Grenzen der Sprachanalyse. Tübingen: Gunter Narr, 1981, S. 226-227]

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“Ein Code etabliert also (a) die Korrelation einer Ausdrucksebene (in formalen und systematischen Aspekt) mit einer Inhaltsebene (ebenfalls rein formal und systematisch aufgefasst); (b) eine Zeichen-Funktion etabliert die Korrelation eines abstrakten Elements des Ausdruckssystems mit einem abstrakten Element des Inhaltssystems; (c) auf diese Weise stellt der Code Typen auf, d. h. er bringt die Regel, die die tokens oder konkreten Exemplare (der Typen) generiert, das heißt jene Entitäten, die bei den Kommunikationsprozessen realisiert werden und die man gewöhnlich Zeichen nennt; (d) beide Kontinua stellen Elemente dar, die der semiotischen Korrelation vorausgehen und mit denen die Semiotik sich nicht befasst (sie liegen jenseits der Ober‑ beziehungsweise Untergrenze des semiotischen Bereichs). Beim Staubecken‑Modell befasst die Semiotik sich weder mit Gesetzen der Elektrizitätslehre noch mit der elektronischen die es ermöglicht, elektrische Signale zu erzeugen; sie ist nur an die  Selektion jener Signale interessiert, denen dann ein bestimmter Inhalt zugeordnet wird. Ebenso hat die Semiotik nicht Interesse an der unterschiedlichen Pegelstände, sondern nur an der Tatsache, dass ein semantisches System bestimmte Informationen über Pegelstände in ein System gebracht hat. Was natürlich nichts daran ändert, dass eine Wissenschaft wie die Physik, die sich mit der Definition und Untersuchung von Wasser und seinen Zustandsformen der spezifisch semiotischen Behandlung ihres Gegenstandes bedarf: In diesem Sinne segmentiert die Physik, wenn sie Entitäten wie »Atome«, »Moleküle«, »H20« und so weiter definiert, ihr eigenes Kontinuum zu einem semantischen Feld, das von Vehikel‑Einheiten ausgedrückt wird, die das syntaktische Feld der Physik konstituieren. Das bedeutet,  wie Hjelmslev sagte, dass, wenn wir die Zeichen‑Funktion in folgender Weise betrachten:

 

 

 Inhalt

(Materie)

Substanz

Form

 

 Ausdruck

Form

Substanz

(Materie)

 

die >Materie< »stets Inhalt für eine neue Form bleibt«. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Physiker die Wellenlängen der Farbe der verschiedenen Glühbirnen im Staubecken‑Modell als substantielle Einheiten eines Wellenlängen‑Systems betrachtet, um das die Semiotik sich in Kapitel 1 nicht gekümmert hatte, weil sie sich nur mit den wahrnehmbaren Farbunterschieden oder der Jeweiligen Position der Birnen befasste.

Versteht man >Materie< im Sinn von >Kontinuum< oder >Stoff<, so kann man Hjelmslev zustimmen, wenn er sagt, dass »die Sinnbeschreibung, sowohl für den sprachlichen Ausdruck als auch für den sprachlichen Inhalt, in allem Wesentlichen als teilweise der Physik, teilweise der Psychologie zugehörig angenommen werden muss [...]; es bedürfte folglich hinsichtlich beider Ebenen einer physikalischen und einer phänomenologischen Beschreibung des Sinns« (1943 [1961: 77‑78]; dt. 1974: 77).”

[Eco, Umberto: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2., korrigierte Ausgabe 1991, S. 79-80]